Buchkritik in 4 situativen Akten

Spector Books feat. Sonic Resistance in Non-democratic Europe, Bunker Archéologie, Krieg & Wallenstein und Wolfgang Tillmans

Auf irgendeiner Seite von „Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie“ (im Original „Mille Plateaux“, erschienen 1980, und namensgebend für eines der bedeutendsten Labels für elektronische Musik), dem Standardwerk von Gilles Deleuze und Félix Guattari, das ich mir während des Politologie- und Soziologiestudiums angeschafft und mehrmals im Abstand von Jahren vergeblich komplett zu lesen versucht habe, auf irgendeiner Seite dieser Manifestation von Buch führen Deleuze und Guattari großzügig aus, dass man ein Buch nicht von der ersten bis zur letzten Seite lesen muss, um seine Essenz zu spüren und zu verarbeiten, im Gegenteil, man solle sich nicht davor scheuen, irgendwo ein- und wieder auszusteigen.

Ob das wirklich so dastand oder ob ich mir das im Nachhinein imaginiert habe – wiedergefunden habe ich es auf die Schnelle (wie auch bei mehr als 700 tight getakteten Seiten) nicht –, es spielt keine Rolle mehr, diese Taktikanweisung zum Lesen (und darüber hinaus zum philosophisch-praktischen Umgang mit Kapitalismuserfahrungen) habe ich gerne von den beiden Autoren aufgegriffen und in mein Repertoire integriert.

Mir zumindest hilft das sehr bei der Besprechung von Büchern. Denn anders als bei der Musikkritik, wo der Druck, alles zu erfassen, nicht so sehr auf mir lastet, schwingt beim Schreiben über Geschriebenes doch oft eine andere, höhere Selbsterwartung mit – wohl daher, dass man in derselben Disziplin agiert. Was natürlich Quatsch ist, allein schon, da nicht jedes Buch journalistisch geschrieben ist – und schon gar nicht im Fall der vier Titel aus dem Spector Books Verlag, die vergangene Woche in einem Paket in der Kaput-Redaktion angekommen sind; keineswegs zufällig, da von mir spezifisch so aus dem Programm selektiert (aber um ehrlich zu sein: ist eine Auswahl aus dem Spector Angebot immer sehr schwierig, denn ohne Übertreibung sind alle Titel die Auseinandersetzung wert). Insofern möchte ich die Gelegenheit auch explizit nutzen, Spector Books zum 25-jährigen Jubiläum zu gratulieren.
Im aktuellen Verlagskatalog blicken die drei Spector-Books-Verleger:innen Markus Dreßen, Jan Wenzel und Anne König passenderweise in sympathisch unglamouröser Form zurück auf ihr ganz persönliches Vierteljahrhundert Kulturarbeit und unglaubliche über 600 Publikationen.

I – „Unearthing the Music – Footnotes to Sonic Resistance in 
Non-democratic Europe (1950-2000)“

Man nähert sich Büchern ja gerne über den Klappentext auf der Rückseite. Ein Unterfangen, das bei „Unearthing the Music. Footnotes on Sonic Resistance in Non-democratic Europe 1950–2000“ zumindest bei mir zum Scheitern verurteilt ist. Schriftgröße und geometrisch verspielte Anordnung, zumal auf blauem Untergrund, verwehren mir den Zugang. Das ambitionierte Cover macht zwar neugierig, viel mehr weiß man danach aber auch nicht. Also dann doch klassisch Vorwort und Inhaltsverzeichnis zu Rate ziehen.

„Unearthing the Music“ basiert auf einem in Portugal initiierten Online-Archiv für experimentelle Underground- und Protestmusik. Dieses Archiv umfasst sowohl den „realen Sozialismus“ Osteuropas als auch die Regime Spaniens, Portugals und der griechischen Militärdiktatur.
Was bedeutet es für Künstler:innen, in totalitären, nicht-demokratischen Systemen zu agieren? Wie positionieren sie sich dagegen? Wie beeinflussen diese Bedingungen die eigenen Inhalte und Strukturen? Und da das Buch den Zeitraum von 1950 bis 2000 ansetzt, wird auch sehr ehrlich analysiert, was für kulturelle Veränderungen sich nach den Systemuntergängen / -wandlungen ergeben haben.

Mit 626 Seiten ist „Unearthing the Music“ fast so dick wie „Mille Plateaux“, was eine komplette Wiedergabe natürlich unmöglich macht. Es ist beachtlich, was die drei Verleger:innen Lucia Udvardyova, Rui Pedro Dâmaso und Alexander Pehlemann hier in Zusammenarbeit mit Autor:innenwie Ivo Pospíšil, Chris Bohn, Hannelore Fobo, Alexander Pehlemann, Wolf Kampmann und Mara Traumane an mikroskopischen Einblicken in Sound-Verhältnisse in Polen, der DDR, Spanien, Jugoslawien, der Ukraine, Rumänien … versammeln.

Ich zitiere von Seite 537:
(…) By this time, however, Assorted Nuts, the first GDR cassette label, had been founded and run by ex-Rosa Extra members Ronald Lippok, at that point with Ornament & Verbrechen, and Bernd Jestram, then a member of Aufruhr zur Liebe:

Ronald Lippok: „At that time there was the possibility to record with Thorsten Phillip. He had an illegal studio out in Berlin-Mahlsdorf. It was called ‚7 meters under the capital‘ – a small bungalow with egg cartons on the walls. There was even a small control room with a glass window to the recording room. Happy Straps and later Klick & Aus also recorded there. We had decided to do the recordings together. So Omament & Verbrechen and Aufruhr zur Liebe went out there and played sessions (…] Out of those sessions came the idea: if we already have the recordings, let’s get them out to the people. We were very interested in concepts like Throbbing Gristle’s way of working. So it wasn’t due to any shortage on our end, but because we thought it was good that Throbbing Gristle themselves sent out their tapes. They wanted to get away from the aura of the record and the influence of the major record companies. We would have had to play in front of a state commission, in front of a record label. Their concept fit our situation wonderfully. So we were able to create a more direct way of distribution and communication. Thus, the first cassette of the newly founded label Assorted Nuts came out of these recordings.“ (…)

Ich zitiere von Seite 97:

Lucia Udvardyova: How did you experience the regime change and the end of communism, the dissolution of Czechoslovakia, the period between 1989-92 in music?

Ivo Pospíšil: It was a fundamental transition from an amateur sort of playing – where we played for free for many years – to working professionally for a fee. I learned it on the go and thanks to the fact that we were part of the change – Garáž, Pulnoc – these bands suddenly became the most important ones in the country. We played in Central Park in New York; we got the main prize at Midem. We traveled the world for two or three years and felt like it was for the rest of our lives. But, of course, it ended very quickly with another new situation, for example the war in Bosnia.

Lucia Udvardyova: Did political changes affect this?

Ivo Pospíšil: Exactly. Suddenly the media’s interest turned to something else. At that time, there were 30,000 young Americans with credit cards living in Prague, who, as if on command, pulled up roots and moved on.

II – Wolfgang Tillmans: Nothing Could Have Prepared Us – Everything Could Have Prepared Us

Der erste Impuls: noch ein Buch mit Fotos von Wolfgang Tillmans – wer braucht das wirklich, also wirklich wirklich? Doch „Nothing Could Have Prepared Us – Everything Could Have Prepared Us“ ist weit mehr als das: Es ist die Dokumentation einer ganz besonderen Ausstellung, die vom 13. Juni bis zum 22. September 2025 im Centre Pompidou in Paris stattgefunden hat.

Institutionen sprechen ja oft davon, dass sie Künstler:innen freie Hand bei der Umsetzung gelassen haben – und meinen damit den Spielraum, den sie ihnen bei angelegten Handschellen geben. Doch die experimentelle Installation, die Wolfgang Tillmans auf der gesamten zweiten Etage der Bibliothèque publique d’information (Bpi) umgesetzt hat, sprengt tatsächlich jegliche räumliche Limitierung und etabliert einen ungesehenen Dialog zwischen Architektur und Werk. Der Katalog gibt dies sehr schön ab, indem auf den Doppelseiten Abbildungen der Werke zusammen mit Installationsaufnahmen gezeigt werden, aber auch durch fotografische Einblicke (auf den ersten Katalogseiten) in den Arbeitsprozess des Studios von Tillmans, das die Räumlichkeiten des Centre Pompidou in Studioraumgröße maßstabsgetreu nachgebildet hat.

Ich zitiere von Seite 162 (wiederum zitiert aus „Artist’s Statement: Fondation Beyeler, Basel; June 12, 2017, in Wolfgang Tillmans: A Reader, ed. Roxana Marcoci and Phil Taylor (The Museum of Modern Art, New York, 2021), 260.“):

I’m aware how my brain fails me.
I think I said something, but / hadn’t.
I thought / saw something, but / didn’t.
I believe you said this, but in fact you said that.
The eyes are optical „instruments“; by default they are impartial.
They project light that falls through their lenses onto the retina.
I need to know what the brain does to what my eyes see.
To observe: What do I want to see?
What do I really see?
What do / see, and what do I want to see?
What is in the picture?“

Lieblingsbilder beim Katalogschmökern:
„rat, disappearing, 1995“; Seite 28.
„Office Paper For Food Wrapping Recycling, Addis Ababa, 2019“; Seite 189
„Why we must provide HIV treatment information, HIV, i-base, London 2007“; Seite 230

III –  Der Krieg ernährt den Krieg. Wallenstein-Materialien

Warum paraphrasieren, wenn der Verlag es schon so schön trifft: „Schillers Wallenstein trifft auf die Gegenwart: ein Programmheft wie ein Schlachtfeld. Zwischen Collage und Recherche, zwischen Schillers Pathos und Stimmen aus der Ukraine entfaltet es ein vielstimmiges Echo von Krieg, Macht und Erinnerung.“

„Der Krieg ernährt den Krieg“ wirkt – trotz des markanten roten Looks und des speziellen Formats (ein schmal gehaltenes A4, besser weiß ich es nicht auszudrücken) – zunächst unscheinbar, in dem Sinne, dass man meint, „lediglich“ ein Programmheft zur Inszenierung „Wallenstein. Ein Festmahl in sieben Gängen“ von Jan-Christoph Gockel an den Kammerspielen München in der Hand zu halten. Doch es ist so viel mehr: ein nachdenklich stimmender Dialog aus Quellen, Zitaten und Krieg, ein aufwühlender Mix aus Alltag, dokumentarischer Abbildung und künstlerischer Verarbeitung.

Ich zitiere von Seite 33 aus dem Text von Armin Smailovic, entstanden am 17. April 2023 in der Ukraine (von Charkiw in Richtung Norden an die Grenze zu Russland): „Die Sonne hat uns begleitet. Die Farbe, die eigentlich das Getreide/das Land in der ukrainischen Fahne darstellt, schimmert durch die leichte Bewölkung wie ein Butterkeks. Der erste Ort ist Slatine mit einem kleinen Bahnhof der nicht mehr Bahnhof genannt werden kann. Die Graffitis an den Wänden schreien: „Willkommen in der Hölle!“ und „Willkommen in der Ukraine, Töle (Hündin)!“ Ein Zug fährt ein und Menschen purzeln heraus, als wäre es nie anders gewesen. Die Hunde freuen sich, dass etwas los ist und schauen, ob jemand einen Geruch aus der Stadt mitbringt, der ihnen Neuigkeiten verrät. Die sind ernüchternd: „Es ist immer noch Krieg!“

Ich zitiere von Seite 69 aus dem Gespräch zwischen der Politikwissenschaftlerin Cindy Wittke und Viola Hasselberg: „Frieden verhandeln im Krieg – Was macht ein gutes Abkommen aus?“

Viola Hasselberg: Im Herbst 2024 erschien Ihr Buch Frieden verhandeln im Krieg – Russlands Krieg, Chancen auf Frieden und die Kunst des Verhandelns. Warum haben Sie das Buch geschrieben?

Cindy Wittke: Das Buch basiert auf meiner langjährigen Forschung zu Friedensverhandlungen und ungelösten Territorialkonflikten im östlichen Europa. Friedensabkommen changieren häufig zwischen rechtlicher und politischer Verbindlichkeit oder lassen sogar besonders strittige Punkte offen. Die Frage ist also: Was macht ein gutes Abkommen aus? Welche Akteure können, auch von außen, eine Rolle spielen, hier entscheidende Impulse zu setzen, damit diese Abkommen verhandelt werden und die Akteure, die vorher miteinander Krieg geführt haben, diese Abkommen tatsächlich auch umsetzen? Und natürlich: Was macht ein schlechtes Abkommen aus und welche Lehren kann man aus Fehlschlägen ziehen?
Durch den Beginn des russischen Angriffskriegs 2022 wurde der westeuropäischen Gesellschaft erst wieder bewusst, dass Kriege nicht vom europäischen Kontinent verschwunden sind. Die Eskalation von bewaffneten Konflikten, besonders im östlichen Europa, kommt für viele häufig überraschend – dem ist jedoch nicht so.
Langfristige politische und strategische Interessen und Dynamiken führen dazu, dass inbesonderde sogenannte „eingefrorene“ Konflikte immer wieder eskalieren.“

Ich zitiere vom Rückklappentext:
„Komm zu uns!
Wir sind die geilste fucking Truppe der Welt.
Wir bringen dir alles bei, was eigentlich verboten ist.
Propaganda der Wagner-Privatarmee“

IV – Paul Virilio: Bunker Archéologie

Der französische Philosoph, Urbanist und Kritiker der Mediengesellschaft Paul Virilio begann in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre die verlassene Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg entlang der französischen Atlantikküste zu fotografieren. Sein besonderes Interesse galt dabei zunächst der Architektur, die er als „Vorläufer einer neuen Architektur“ empfand, einer „kryptischen Architektur“. Die erste Ausstellung von Virilios „Bunker Archeology“ fand 1975 im Centre Pompidou statt, begleitet von der Erstauflage dieses Buchs, das nun anlässlich einer Ausstellung im Centre Pompidou in einer Neuauflage in französischer, englischer und deutscher Sprache wieder aufgelegt wurde.

Ich zitiere von Seite 37:
„ …Die Spionagespezialisten werden buchstäblich gedoubelt, einerseits durch die Vermehrung der Nachrichtensysteme und andererseits durch die beachtliche Entwicklung des Denunziantentums in der Bevölkerung, durch die Amateure. Die Spezialagenten besitzen nicht mehr das Privileg der Enthüllung, des Verrats; die Perfektionierung der technischen Wahrneh-mungs- und Ortungssysteme ersetzt sie bei zahlreichen Missionen nahezu überall. Auch der »psychologische« Krieg verwandelt, in Konkurrenz zum
»elektronischen« Krieg, Hunderttausende von Zivilisten in potentielle Denunzianten von Verdächtigen jeder Art: Fallschirmjäger, Juden, geflohene Gefangene … Information und soziale Kontrolle werden zum Prinzip des Verteidigungsgeistes: das Radio informiert sofort über alles; es schützt vor unangenehmen Überraschungen, aber dafür informiert man per Telefon die Obrigkeit über jede Abweichung, die sich in der unmittelbaren Nachbarschaft ereignet. Dies ist eine der Formen des zivilen Kampfes für den Bürger des totalitären Staates, für den Bewohner der Zitadelle Europa. …“

Ich zitiere von Seite 77:
6. Juni 1944: „Landung der Alliierten in der Normandie. Die Luftüberlegenheit der Alliierten unterbindet jede Bewegung der deutschen Streitkräfte in Richtung Front. Der Atlantikwall erweist sich an dieser Stelle der Küste als ein leicht zu überwindendes Hindernis, und die großen Schwierigkeiten, auf die die Amerikaner in Omaha Beach stoßen, ergeben sich aus der Topografie dieses Ortes, ebenso wie sich das Scheitern des Baus eines zweiten künstlichen Hafens aus den außerordentlich ungünstigen
Witterungsbedingungen erklärt.“

Lieblingsbilder:
„Ein durch die Wanderung der Dünen freigelegter Bunker“; Seite 174
„Architektonische Details einer Banquette / Einfacher Betonschützengraben, der dazu bestimmt ist, sechs bis acht Soldaten aufzunehmen“, Seite 166

V

Apropo Verlagsjubiläum und Rückblick auf das beachtliche Gesamtwerk von Spector Books, mein Lieblingsbuch ist ja noch immer „Das Jahr 1990 freilegen“ (Volte Expanded) von Jan Wenzel/Alexander Kluge, ein 592 Seiten umfassendes Zeitdokument von berührend-erhellender Qualität, erschienen im Dezember 2019, 30 Jahre nach dem sogenannten Mauerfall und der Wiedervereinigung.

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„Unearthing the Music Footnotes to Sonic Resistance in 
Non-democratic Europe (1950-2000)“
Alexander Pehlemann/Rui Pedro Dâmaso/Lucia Udvardyova

Wolfgang Tillmans: Nothing Could Have Prepared Us – Everything Could Have Prepared Us
“

Der Krieg ernährt den Krieg. Wallenstein-Materialien
Claus Philipp/Jan Wenzel

Paul Virilio: Bunker Archéologie

Florian Ebner/Sophie Virilio/Jan Wenzel

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