Record of the week

Squarepusher “Be Up A Hello”

Squarepusher
“Be Up A Hello”
(Warp / Rough Trade)

Vor vielen Jahren, noch im letzten Jahrtausend, hat Diedrich Diederichsen in seiner Rezension einer Platten der Associates, einem schottischen Duo, das es längst nicht mehr gibt, weil der Sänger, Billy MacKenzie, es vorzog Selbstmord in einer Hundehütte zu begehen, deren Musik mit „Ameisen auf Tuffsandsteingebirgen“ verglichen, und traf metaphorisch ziemlich genau das, was man dort hörte, die gewaltige Kraft und Selbstlosigkeit zugunsten eines Kollektivs auf sehr jungem, porösem Gestein, das sogar schwimmen kann, weil es aus lauter Gaseinschlüssen besteht, Resonanzkörper, durch die man die unermüdlichen Schritte der Tiere hört, Antagonisten des Abwartens, beide werden am Ende siegen, der Stein wird härter, die Ameisen wütender, größer, mächtiger.

Ein paar Jahre nach den Associates gab es in Großbritannien eine kurzfristige, ungestüme Bewegung namens C 86, noch etwas ratlos, sägend, laut, arrogant, eklektizistisch, das meiste davon ist vergessen, zu schwächlich die Idee, eine Band nervte ganz besonders, sie nannte sich bIG fLAME, sie veröffentlichten auch nur eine EP, die sie Cubistic Pop Manifesto nannten, vertonter ADHS-Schrott, ein Lied darauf nannte sich „Man of Few Syllables“, und für diese paar Silben hatte der Mann aber einen ungeheuren Geltungsdrang, Musik, bei der der Zusammenbruch, das Ende, das Ablaufdatum bereits eingeschrieben ist. Du hörst es, und weißt, so kann es nicht enden, das Fiese macht es dir schwer, es mitzunehmen, es zu begreifen und domestizieren. Irgendwas fehlt, die Attitüde reicht nicht. Sie werden alle sterben, auch wenn nicht unbedingt in einer Hundehütte, sondern unter Umständen von den Mandibeln der Ameisen zermalmt.

Immer diese Momente, die man nicht zu fassen kriegt, entweder weil sie zu schwach sind, oder zu stark, zu lieblich oder zu störrisch. Aus Behauptung wird Wahrheit, die man gleich wieder dekonstruieren kann, um etwas Neues zu behaupten. Liebe misst man nicht in Litern und Leben nicht in Dezibel, auch wenn es sich auf diese Art messen ließe.

Einer schafft es bereits seit beachtlich langer Zeit, immer wieder eine Neudefinition dieser zwei Kräfte zusammenzuführen und einfach zu machen, auszuharren in stolzer Persistenz, uns zu testen und vermessen, zu nerven und zu salben.

Das ist Tom Jenkinson, besser bekannt als Squarepusher. Er setzt das erschöpfte Erbe seines Mentors Aphex Twin fort, der am Ende eine gigantische Masse an unbehauenen Ideen seufzend verschenkte, „nehmt es, nehmt auch mein nervöses Augenzucken, meine Psoriasis, ich hör auf, ich lass es, ich hab mich verheddert im Gestrüpp der Möglichkeiten, ich bin Duchamp und spiel jetzt nur noch Schach – mit meinem Panzer.“

Das, was Squarepusher macht, kann man als retrofuturistisches Pinzettengefummle durchwinken, ok, macht er das eben, sitzt Moden aus, kümmert sich nicht, perfektioniert sein Bassspiel bis ihm der Daumen blutet, spielt Schlagzeug, er ist die analoge Reinkarnation von Drum’n’Bass, er nervt mit seiner protestantischen Strebsamkeit, lässt Roboter mit 8 Armen entwicken, um noch nervöser und effizienter zu sein, während Aphex Twin, der Katholik sich selbst geopfert hat, es interessiert ihn alles einfach nicht mehr, Squarepusher nervt, er ist die letzte Ameise in der Welt der elektronischen Musik, die emsig über Tuffsandsteinbrocken krabbelt, er schuftet, er beißt, er macht es sich extra schwer, das Einfache schwer aussehen zu lassen, und das Schwere leicht, sein Umweg ist das Ziel. Er bietet an, das Hungrige zu interpretieren, nicht mit Sättigung, auch nicht, was Appetit für eine Rolle spielen könnte in diesem Zusammenhang („Then I think I’ll name you after me / I think I’ll call you appetite“, Prefab Sprout), Skelettpop, für den Fall, dass man mal nicht satt werden kann, Stress als Übersprungshandlung, weil man mit anderem Stress nicht zurecht kommt, Bohren (Drill´n´Bass) zum Kern der Unschuld und des Trostes, Entbeinen von Gewalt mit der Laubsäge der Lieblichkeit. Stillstand und Nervosität. Aus Behauptung wird Wahrheit, die man gleich wieder dekonstruieren kann, um etwas Neues zu behaupten.

Squarepushers neues Album „Be Up a Hello“ ist jetzt schon, neben Bohren und der Club of Gores „Patchouli Blue“, wieder die zwei Antagonisten, die alles, was auseinanderfließt, zusammenhalten müssen, vermutlich, das Album das am Ende bestehen bleibt. Wenn wir überhaupt noch bestehen bleiben werden, kann man diese beiden ja noch mitnehmen, bevor uns die Viren auffressen. Bohren und Drängen, das gebremste Insistieren eines Blutegels, dem der Wirt egal ist, und also auch die Sperrstunde.

Squarepushers Musik, das ist immer wie in einer japanischen Pachinko-Halle, dicht an dicht sitzen die kataleptischen Spieler nebeneinander, Schulter an Schulter, alt, jung, Frau, Mann, Raucher, Infizierter, Einsamer, Böser, Guter, es gibt keine Hierachie, alle schaufeln händeweise Stahlkugeln in die Kästen vor ihnen, die die Stahlstifte runterrattern, in Schächte des Zufalls, das einzige Glück, der metaphysische Gewinn ist, Kontemplation und Katharsis inmitten dieses infernalischen Krachs. Sunn O))) macht das mit einer anderen Form von Gewalt, wache auf, Du Idiot, ich werde nie dein Freund sein, aber kapiere, dass Leben kein Traum ist, dein Leben lachhaft ist, und es darum geht, Krach zu erzeugen, um nicht unterzugehen, das nennt man Herzschlag und Atmen.

Die Katharsis bei Squarepusher ist die tröstliche Melodie, die unter den Schichten von Schutt gärt, die Zitate, dass das Leben mal schön war, und sein könnte, wenn es nicht eine Chimäre wäre, jaaaa, das wissen wir doch alle, wir sind keine Menschen, wir sind vegane Zombie-Maschinen, auf der ewigen Suche nach einer Steckdose, aus der wir Sinusschwingungen aus dem All zapfen können (Erklärungen) und in Liebe umwandeln können.

Squarepusher stillt diesen Appetit, er ist die Hoffnung, aber kein Versprechen, aber die nächste Nähe von einer Lösung, die man derzeit kriegen kann, uns nicht von den Viren auffressen zu lassen, und stattdessen mit den großen Völkern der Ameisen (immerhin 15 % der Biomasse des Planeten, etwa gleichviel wie die schwächliche Menschenrasse), Squarepusher ist der Impfstoff, Oberlove ist die Hymne, die Hoffnung, die Viren werden sterben und wir werden leben, und wir werden gelernt haben, und eine bessere Welt bauen, eine weniger traurigere, mit weniger Männern, wie die Ameisen, wo die Frauen die Kriege alleine führen, eine bessere Welt ist die, die Squarepusher entwickelt, irgendwo in so einem Schacht, der weniger ängstlich ist, die Viren haben HUNGER, Appetit, aber lasst uns nicht zu ihrem Appetit werden, aber auch nicht zu Sklaven unseren Appetits, „Be Up a Hello“ ist die Medizin, und wenn du dich dort wiederfindest, egal ob im Krach oder der Kindermeldodie, brauchst du auch nicht mehr einen Quatschtext wie diesen zu lesen, weil dann nämlich die Viren verloren haben.

Tex Rubinowitz

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