Rezession

Stefan Sommer „Party People“

Stefan Sommer (Photo: Jonas Höschl)

Zu der Pop-Literatur

Lohnt es sich überhaupt noch, sich für Pop-Literatur zu interessieren? Diese deutschen Romane von Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre oder aktueller, Leif Randt, zeichnen sich durch ihre zynischen, designierten Erzähler aus. Sie sind beeinflusst von amerikanischen Autoren wie Bret Easton Ellis, und erzählen von Oberflächlichkeit, auf der sich ein Drahtseil zwischen Leere und der unterschwelligen Gewalt aufspannt, die das jüngere Großbürgertum meint zu erfahren – oder eher, was von diesem ausgeht. Auf ihm balancieren die Erbenden, Weltreisenden, Eskapisten, Post-Eskapisten und Postmodernen, New-Age-Esoteriker, die Unternehmerkinder „Promis“, oder wie auch immer sie bezeichnet werden. Sie sind mit nicht mehr und nicht weniger in diese Welt hineingeboren worden als mit Geld, Autos, vielleicht Schönheit und dabei stets mit Designerklamotten ausgestattet und von allem um sie herum (sich selbst inklusive) chronisch angeödet.

Kann heute immer noch in diesem Modus über diese Themen geschrieben werden, ohne dabei einfach nur omnipräsente Influencer- und Plattformwelten zu doppeln? Schließlich wird und wurde exakt dasselbe Sprachfeld immer wieder bespielt und das häufig im sehr biederen Modus des “Mensch ärgere dich nicht“.

Wie ist eine Literatur möglich, die sich nicht so anfühlen muss, als würde man sich ein überlanges Meme durchlesen. Eines, das zwar unterhält, aber bei dem es letzten Endes nicht besonders gehaltvoll ist, länger als 15 Sekunden drüber nachzudenken. Schließlich kann man dieser Literatur zugutehalten, dass sie nicht so tut, als wäre die Kulturindustrie und das, was sie hervorbringt, nicht der größte Teil vom täglich konsumierten. Letztlich ist es aber die Haltung, die den Ton formt, und der macht die Musik. Dieses mutmaßliche Gegenwartsgefühl, das in diesen Büchern zum Ausdruck kommen sollte, verdrängt dann schließlich doch eine ganze Menge.

Stefan Sommers zweiter Roman Partypeople stimmt nun aber andere Töne an.

Alles beim Alten?

Zu Beginn dieses kurzen Buchs wirkt alles erstmal altvertraut. Erzählt wird aus der Perspektive eines erfolgreichen DJs, der sich zwischen Koks und Marseille, Bauchschmerzen und Paris, Fisch-Sperma-Gesichtscreme und California bewegt. Oder bewegt wird? Das ist womöglich eine der Kernfragen des Romans. Der Erzähler ist eine bei weitem tragischer gezeichnete Figur als viele andere Protagonisten der Pop-Literatur. Auch er blick gelangweilt auf das Leben, das ihm umgibt und auf das zu seiner Musik tanzende Publikum: „Ein Knistern in mir, als würde trockenes Holz lichterloh Feuer fangen. Früher hielt ich das für Transzendenz. Mittlerweile ermüdet mich ihre überschwengliche Reaktion darauf.“ (16) Dauerhaft befinden wir uns im Kopf dieser Figur, die rastlos (denn so ist dieser ganze, sehr schnell erzählte Roman) von Ort zu Ort hetzt, bis man sich am Ende eigentlich fast nur noch über den Wolken befindet. Typischerweise fehlt dabei im herkömmlichen Sinn eine Handlung. Das macht aber Sinn, da es nun einmal auch keinen Handlungsbedarf, vielleicht aber auch keine Handlungsmöglichkeiten gibt.

Am deutlichsten wird dies in einer Liebesgeschichte, die sich mit dem am Flughafen kennengelernten Christian anzubahnen scheint. Dieser verheiratete durchtrainierte Mann bleibt so undurchdringbar, dass diese Beziehung im gesamten Mittelteil des Buchs nur so vor sich herschwimmt. Im ungewissen Schwebezustand, bei dem sich der Erzähler noch Tage später fragen muss: „[…] ob ich mir diese Schritte auf der Treppe, die nachts vor meiner Tür stoppen und erst nach Sekunden zurück nach oben schleichen, doch nicht eingebildet habe.“ (71)

I can feel it

Das Ganze ist kein „Lebensgefühl“, das sind die Verhältnisse dieser geschilderten, überall beschilderten Welt. Das eigentliche Lebensgefühl klingt in den Zwischentönen an. Im immer wieder angedeuteten, aber nie richtig behandelten Tod der Mutter des Protagonisten. In den sich immer wieder in den Kopf drängenden körperlichen Schmerzen: dem „Tinnitus, hoffentlich nur ein Tinnitusverdacht, wie der Otorhinolaryngologe es nannte. Angst, und dann Angst vor der Angst, und Angst vor der Angst vor der Angst.“ (34)

So fühlt sich dieses Leben an, während sich die Frage, ob man das eigentlich will, weil man es nicht wirklich wollen kann, nie stellt, weil man das Ganze schließlich wollen muss. Der Roman nimmt dies sehr ernst. Auch, dass im Allgemeinen sich aus dem Zustand ergebende Fragen nicht mehr ernsthaft gestellt werden: „Wir hauchen uns einen Kuss auf die Wangen. Ich frage nach, wie seine Schicht läuft, weil ich ein Klassenbewusstsein zeigen möchte.“ (78) Sie werden nur noch gezeigt. Im aktuellen Diskurs würde man das wohl als performativ bezeichnen, wobei man damit vielleicht doch eher an eine schicke Performance-Art-Show denkt und weniger daran, was das eigentlich ist: ein einziges gewaltvolles Kasperletheater. Es ist eine Fremdbestimmtheit des Lebensgefühls, die ganz besonders in den Stellen deutlich wird, in denen sich der Erzähler unter dem Einfluss von Drogen befindet. Der ganze Stil passt sich der jeweiligen Substanz an.

Wenn das, was erzählt wird, keine Rolle mehr spielt, dann vielleicht noch das Wie – das war wohl auch für viele pop-literarische Ästhetiken ein wichtiger Aspekt. Aber auch das Wie scheint hier vollkommen von dem bestimmt zu werden, was über die typische Wirkung von Koks oder Ecstasy bekannt ist: „Ach, ein wunderschöner Mann. Sein wallendes Brusthaar. Wow, denke ich. Einfach, wow. Diese Wärme ist amazing, denke ich, und so was denke ich nie.“ (91f.)

Ganz am Anfang heißt es „Ich werde zu Content.“ (14) und das ist letztlich auch das Einzige, was dieser Erzählinstanz noch übrigbleibt. Haben wir bei der Pop-Literatur sowieso das Gefühl, dass es sich in der Haltung zur umgebenden Welt und der Sprache nur um Content handelt, dann wird das hier ab der ersten Zeile kenntlich gemacht. Auch explizit inhaltlich wird das deutlich: So scheinen bereits beim ersten Auftritt die gestellten Bilder für Social-Media das zu sein, was eigentlich angestrebt wird. Dies geht sogar so weit, dass extra ein Schauspieler bezahlt wird, der für einen wohlkalkulierten „Epic-Fail“ sorgt. Das verkauft sich schließlich besser.

Pop oder Blub

Pop – das will uns das Buch klarmachen, ist auch ein Wort für in relative kulturelle Freiheit gegossene Unfreiheit. Sie ist vollkommen leer. In Christian Krachts zweitem Roman 1979 ist es das chinesische Gulag, in das sich der Protagonist zum Ende mit einem Gefühl der Zufriedenheit und Erfüllung einfügt. Das ist nicht mehr und nicht weniger als ein zynischer Ausdruck der Kehrseite dieser Pop-Welt. Ritual, Macht, absolute Entfremdung. Party People will sich aber nicht mit einer schrillen Umarmung dessen zufriedengeben. „Thomas Mann habe gesagt, das Sanatorium, also das Zentrum seines Buchs, sei wie ein Aquarium für Menschen. Das hätte ihm zu denken gegeben, sagt Salvadore. Manchmal, wenn er hier sitze und die Fische hinter der Scheibe betrachte, frage er sich, ob die Tiere das nicht über ihn dachten, wenn sie zu ihm reinschauten?“ (129) Diese Welt des Pop als ein großes träges Aquarium. Der Blick des leeren zynischen Pop-Protagonisten dreht sich um. Vielleicht sollte es doch lieber Blub heißen – das ist wohl das stärkste Bild des Romans.

Bettina Wegner hat einmal einen passenden Text geschrieben mit dem Titel „Ich kann nicht mehr“, in dem es in der zweiten und dritten Strophe heißt:

Was solln wir noch, wir sind verloren
Was bleibt uns noch in diesem schwarzen Loch.
Wir wären besser ungeboren
und langsam sterben wir und leben doch.

Wir sind nur Puppen, die zu führen
es einer fremden Hand gelingt
und dennoch können wir es spüren
wie schrill und stöhnend unser Herz zerspringt.

„Ich weiß nicht, ob ich das so je wieder kann.“ Denkt der Protagonist. „Etwas. Das ich aber nicht zu lange denken darf, weil ich sonst in diesen Heulkrampf ausbrechen würde, den ich seit Jahren erwarte.“ (16) Er muss kommen, weil er im Gegensatz zu anderen Pop-Romanen Ausdruck davon ist, dass da vielleicht doch noch mehr sein könnte als in Pastell ertränkte Oberflächen.

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop | Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput Supporter
Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop dankt seinen Supporter_innen!