Still missing Francoise

Stereo Total’s Party Anticonformiste – 10 Songcomics out of this World

16. Mai 2022,

Stereo Totals Musik funktionierte im Grunde genommen ähnlich wie Comics: Sie war witzig, bunt, gebrochen, hilflos naiv, schrill, skizzenhaft und in ihrem geradezu exzessiv zur Schau gestellten Dilettantismus am Ende immer herzerwärmend und anrührend. Was läge da näher, als sich den Songs mit den Mitteln des Comics zu nähern? Eine Betrachtung des Bands „Stereo Total’s Party Anticonformiste – 10 Songcomics out of this World“ (Ventil Verlag) von Luca Glenzer.

Musik jenseits von Genrezuschreibungen

Wie würde man einem Newbie die Musik von Stereo Total beschreiben? Nun, zuallererst ist sie melodisch, fast schon chansonesk. Dann aber ist sie auch auch punkig und kaputt. Meistens irgendwie elektronisch, aber zugleich Gitarren-lastig. Heiter ist sie auf alle Fälle, dabei aber auch wehmütig, manchmal sogar traurig. Oftmals ist sie Französisch-, dann aber wieder Englisch- oder Deutsch-sprachig – die – nebenbei bemerkt – ob des französischen Dialekts von Sängerin Francoise Cactus wohl charmanteste Variation dieser eigentlich ganz und gar uncharmanten Sprache.
Im Grunde genommen ist die Genrebezeichnung, die Stereo Totals Musik aus 16 Alben in 24 Jahren wirklich adäquat fassen würde, nie erfunden worden. Vielleicht ist das aber auch besser so, denn Zuschreibungen sind schließlich immer auch ein Gefängnis – eines aber, über das Francoise wohl nur schrill und langanhaltend gelacht hätte.

Eine breite Palette an Ausdrucksformen

So unendlich weit, wie das stilistische Universum von Stereo Total war, sind auch die Ausdrucksformen der 10 im Band vertretenen Künstler:innen. Manche Songcomics sind in schrillen und exzentrischen Farben gehalten (so wie Ricalettos „Divines Handtasche“), andere dagegen ganz in schwarz-weiß (so wie der von Francoise selbst begonnene und von Anton Garber fortgeführte Comic zum Song „Comicstripeasegirl“). Manche Comics kommen mit einer bemerkenswerten Detailfülle daher (so wie das einführende „Dactylo Rock“ von „Milk+Wodka“), andere leben von ihrer Reduktion und einem liebenswürdigen Minimalismus (wie in Ulla Loges „Ich bin cool“).
Alle 10 Comics werden mit einigen einführenden Worten von Francoises Duo- und Liebespartner Brezel Göring sowie der:des jeweiligen Comic-Künstler:in eingeleitet. Brezel plaudert dabei meist ein wenig aus dem sogenannten Nähkästchen, erzählt Hintergründiges und Anekdotisches über die Songs, die oft beiläufig, manchmal fast schon zufällig entstanden. So wie etwa bei dem Song „Ich bin Nackt“ vom 2005er-Album „Do the Bambi“, als Brezel langanhaltend damit beschäftigt war, seinen Korg MS 10 Synthesizer – ein Instrument des prädigitalen Zeitalters – zu stimmen. Cactus, sichtlich gelangweilt, fing plötzlich an, zu den 2, 3 nervenaufreibenden Tönen, die Brezel immer und immer wieder spielte, die Zeile „Ich bin nackt mmh mmmmh“ zu singen. Et voila – ein neuer Song war geschrieben.

Francoise fehlt

So schön es ist, dass es dieses Buch nun gibt – der Anlass der Veröffentlichung war im Grunde genommen ein trauriger: Vor mittlerweile etwas mehr als einem Jahr hat Francoise Cactus den Kampf gegen den Krebs verloren, und wir damit eine der kreativsten, witzigsten und anarchistischsten Künstlerinnen unserer Zeit.
Natürlich ist es immer ein leichtes, Popsternchen und andere fragwürdige Celebrities, deren künstlerischen Output man zu Lebzeiten mit sträflichem Desinteresse begegnet ist, nach ihrem Ableben mit lobhudelnden und verlogenen Nachrufen zu überschütten. Bei Francoise war es irgendwie anders: Sie hat tatsächlich ein unfüllbares Vakuum in der von ihr so geliebten Berliner Kulturszene hinterlassen. Und es wird wohl noch ein wenig Zeit ins Land gehen müssen, bis das Ausmaß dieses Verlustes realisiert werden wird. So gibt es am Ende beim Durchblättern dieses Bandes ein großes, lachendes Auge: Denn das Buch amüsiert, es unterhält, und es führt einen wieder zurück an manche tollen Songs, die man über die Jahre aus den Augen verloren, oder möglicherweise zuvor gar noch nie gehört hat. Das andere Auge aber weint, trotz all der Freude. Denn es weiß: Francoise fehlt. Und das einzige, was darüber hinweghelfen kann, ist ihre Musik. Am Besten fortan in Kombination mit diesem Song-Comic.

Text: Luca Glenzer

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