Mittwoch, 19.12.2018
Konzertkritik

Babysitter bekommen und jetzt alte Schlager bejubeln – Tocotronic live

Tocotronic live und überpünktlich im beschaulichen Aschaffenburg. Die (vermutlich) fränkische Popkultur-Eule HORST E MOTOR hat sie dort nicht nur gesehen. Er hat auch einiges dazu zu sagen… Foto Björn Szostak.

Foto: Björn Szostak

Eins vorweg: Ich liebe diese Band und werde sie immer lieben. Wen gibt es schon, der mit jedem Album nochmal besser wird und bei dem man sich dann wundert, wo die neuen Sachen jetzt wieder herkommen und warum es sie noch nicht schon immer gab?
Deswegen sollte mein 20. Tocotronic-Konzert auch etwas Besonderes werden, gespickt mit neuen Stücken des überaus gelungenen Albums “Die Unendlichkeit”, welches der erneuten Tour auch den Namen gab.

Es ist eher so semi-gelungen. Als wir um 20.10 Uhr am Veranstaltungsort ankamen (tolle Lage des Colos-Saal übrigens, mitten in der Aschaffenburger Fußgängerzone und fast unbemerkt darin ruhend, man würde fast dran vorbeischlendern), glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen oder einen famosen Scherz zu machen – ich vernahm deutlich die Stimme des Grafen von Lowtzow von drinnen. Welcher Quatschkopf legt denn die Band des Abends vor dem Konzert auf und sollte nicht gerade – wenn überhaupt schon – eine untalentierte Nerv-Supportband ihr “Bestes” geben? Laut Eintrittskarte war um 19 Uhr Einlass, um 20 Uhr Beginn, weswegen wir auch keine Eile hatten, wenn so etwas bei einer Anreise von 230 Kilometern überhaupt möglich sein sollte.

Lange Vorrede – kurzer Wahnsinn: Die Band hatte Punkt 20 Uhr ohne Vorband begonnen, weswegen gerade das Ende von “Die Revolte ist in mir” lief und danach “Electric Guitar” folgte, während unsere tollen Hardtickets gescannt wurden. Ich stand ca. 5 Songs lang versteinert im hinteren Bereich und Quasi-Eingang, wo sich pausenlos mittelalte hässliche Menschen und JU-Mitglieder, die ihren Stammtisch suchten, vorbeischoben und gefühlt ununterbrochen rein und raus liefen, als gäbe es hier oder da etwas umsonst. Zudem war die Musik so überschaubar mittellaut, dass ich mir eh so vorkam, als stünde ich beim Türsteher der Rosenau draußen, um nicht zu rauchen und von drinnen ganz leise noch “Pretty fly for a white guy” zu hören. Wie gesagt, ich war paralysiert und konnte das alles nicht fassen und glauben und sah mein Jubiläumskonzert in Flammen stehen.

Dann kam endlich wieder Bewegung in die Gehirnmechanik und ich schloss mich einer der Menschenkarawanen an, die sich seitlich durch die Massen schoben, in der Hoffnung irgendwie nach vorne zu gelangen, ohne plötzlich im Zentrum eines Circle-Pits zu stehen. Glück gehabt: Über den Getränkeausschank gelangte ich zu einer Cocktailbar (aus der es den ganzen Abend so nach Jacky-Cola stank, dass ich am Ende dachte, eben 50 Jahre Schwingen gefeiert zu haben und selbst ganz betüdelt zu sein). Aus dem Alkoven sah ich zunächst mal gar nix bzw. nur Rick McPhail, im Laufe der Zeit konnte ich mich aber so positionieren, dass auch von Lowtzow, Dorian Gray und der stoische Gesichtsausdruck von Arne Zank (im Lexikon nachzuschlagen unter “Oh mein Gott, wann ist das endlich vorbei und ich kann hier raus) zu erblicken waren.

Um mich herum standen etliche Mitglieder von Badesalz und Menschen, die nach 20 Jahren endlich wieder einen Babysitter bekommen hatten und so die alten Schlager von damals bejubeln konnten, die ich nicht mehr hören wollte. Klar, Drüben auf dem Hügel fein und die Bestätigung, irgendwo zu lange mitgegangen zu sein, gab es ja auch heute hier und live. Aber mal im Ernst: Wie oft müssen wir noch This boy is Tocotronic, Hi Freaks oder Let there be Rock hören? Ja – der Junge mit der Strickjacke in der drittletzten Reihe? Ich wiederhole nochmal die Frage: “Was denn z.B. ein Depeche Mode-Konzert ohne Enjoy the silence und Just can’t get enough wäre?” und beantworte sie auch gleich: “Ein sehr, sehr gutes.”
Die Trainingsjackendichte ist hoch wie eh und je, allerdings wurden die ironischen Retro-Jacken der 90er inzwischen durch ballonseidene Babo-Wear ausgetauscht, da viele der anwesenden Ex-Jugendlichen offenbar direkt aus der Fußballerumkleide zum Konzert gekommen sind, um sich bei “Sag alles ab” gegenseitig die Fresse zu polieren und bei “Unwiederbringlich” lauthals Schnaps zu bestellen und unverschämt mit ihren Bros durch die Gegend zu quatschen, soll das Arschloch mit der Gitarre doch endlich wieder seine Kumpels holen und weiter rawken.

Ich bin ein wenig enttäuscht und achte auf Nebenkriegsschauplätze, wie den Gesang von Rick McPhail, der von Lowtzows “Lalalalalala” bei “Pure Vernunft” mit einem hier und da eingestreuten “Aaaaaaaaaaaaah” begleitet oder bei “This boy” immer wieder den kompletten Sisters-Chorus “Hey now, hey now now – Sing this corrosion to me” bringt, obwohl der zweite Teil doch gar nicht auf dem Album vorkommt, Magic. Da kann ich ja schon fast darüber hinwegsehen, dass er bei “Let there be rock” wieder die Europe-Keyboard-Lines singt und das nicht gut.

Klar, die Band kann nix für die Leute und sie kann nix für meine grenzenlosen Erwartungen oder meine Frechheit, zehn Minuten zu spät zu kommen. Vom neuen Album hörte ich so ein halbes Electric Guitar, Hey Du und eben Unwiederbringlich, eventuell gab es zum Auftakt noch “Die Unendlichkeit”, aber da war ich noch im Parkhaus. Als Ausgleich setzte es aber zum gefühlt fünfzehnten Mal den Domkossakenchor und die großen weißen Vögel, bevor wie bei jedem, JEDEM Konzert – oder wie Tammo Kaspar schreiben würde: Nur an ganz besonderen Abenden, wo alles gepasst hat – “Freiburg” folgte, nie war es unpassender als heute, bezogen auf die beschriebene Exklusivitätsbegründung. In case you didn’t know: Music is the healing force of the universe.

Das klingt jetzt alles schlimmer als gemeint und ich werde die Band auch ein einundzwanzigstes Mal ansehen. Ich hatte sogar schon gedacht, als Gegengift heute gleich nach Augsburg zu fahren, aber die unmenschlichen Anstrengungen der letzten Tage verursachen gerade bestialische Rückenschmerzen und Eva sagt, ich habe Mundgeruch.
Etwas versöhnlich stimmte mich der Rest des Abends, wo das Treffen mit Björnstar in einer Art Standup-Motorshow endete und ein Gag den anderen gab, ich gehe davon aus, dass uns alle anderen Anwesenden gehasst haben. Danach noch eine biovegane Currywurst mit Pommes, Röstzwiebel und Käse bei “Best Worscht in Town” – ein Gedicht. Als Schärfegrad wählte ich nur “A”, es ging weiter mit eine Milliarde Scoville (B), zweidutzendtrilliarden Scoville (C) bis hoch zu unendlichpluszwei und das Ganze, wo ich besitze (F+). Aber alles oberhalb von B ist vermutlich nur für RTLII auf der Karte.

Text: Horst E Motor

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