Sonntag, 16.12.2018
Steigerung der Feinfühligkeitsskills in vier Quadraten

“Zuhause während der digitalen Revolution”

Wolfgang Büchs’ gesammelte Comicstrips „Zuhause während der digitalen Revolution“ sind nur scheinbar flach und bunt. Von Jasper Nicolaisen

Wer die Wochenzeitung „Jungle World“ liest, kennt die Strips von Wolfgang Büchs. In vier quadratischen Bildern stehen und sitzen Mischwesen aus Mensch und eher niederen Tieren herum: Molch, Igel oder Piepmatz, stets in flächigem Bunt und mit scheinbar wenig Tiefe. Über ihren Köpfen drängt sich Kleingeschriebenes in Typewritertypo. Lakonische, witzige, traurige Sätze übers Elternsein, Beziehungen, Arbeit und das Sichgedankenmachen.

Die Kollision mit den Anforderungen des Alltags im blöden Kapitalismus ist hier immer witzig, aber eben auch traurig eingefangen. Erst in der neuen Gesamtschau im jetzt erschienenen Sammelband des Ventil Verlags (Untertitel: “Handbuch zum richtigen Alltag im Falschen”) erschließt sich so richtig, dass die Strips zwar keine fortlaufende Handlung erzählen, aber doch alle im gleichen Universum angesiedelt sind, das mit jeder Minigeschichte weiter ausgestaltet wird. Die namenlosen Figuren, die von sich als „ich“ denken, haben augenscheinlich Familie, führen Beziehungen, die nicht immer gut laufen, sind als Väter – man hält sie irgendwie für Typen, noch bevor man sie unter dem Dusche mit Pimmelchen gesehen hat – erschrocken, wie erwachsen die Kinder schon sind und wie sehr sie selbst noch herumkindern.

Je länger man den Strips folgt, desto macht sich bei allem Witz die Krankheit bemerkbar, die Allergie, die Müdigkeit, die Depression. Auf dem Bürorechner muss plötzlich ein Programm installiert sein, das zu regelmäßigen Pausen ermahnt. Quälend lange Bilder verbringt das Wesen mit den Igelhaaren nur noch schwach umrandet im Bett und denkt an Kollegen, die bei ähnlichen Malaisen 15 Kilo abnahmen. Achtsamkeit wird ausprobiert, Bore-Out und Burn-Out wägen die Kapuzenpulliträger gegeneinander ab. Weihrauch-Zeder-Duft soll helfen. Und plötzlich ist von Trennung die Rede. Die Kinder sind ohne Erklärung weg. Ein Strip spielt im Keller, wo zwecks Aufbesserung des Gehalts Teilchen für eine ausländische Macht verlötet werden müssen. Den Abschluss des Bandes bilden stilistisch völlig anders gestaltete Seiten über „Trennungsvater und Sohn“.

Die persönliche Katastrophe kriecht in die bunten Vier-Kästchen-Streifen, wie es im echten Life wohl auch der Fall wäre. Das Format des Lebens bleibt, man kennt es, schmerzhaft gleich, egal, wie sehr die Gesamtscheiße in die Binsen geht. Alles rattert immer weiter, sogar den Humor behält man – und das ist gerade das, was so beschissen weh tut. Da kann die Familie hundert mal weg sein, im Kopf kreisen doch die Gedanken über die neue Fernsehserie und die Sprachmacken der dumm angezogenen Jugend, zu der man so richtig doch nicht mehr dazu gehört.

Todesschön ist eine längere Geschichte, die das übliche Stripformat unterbricht. Ganz beiläufig wird hier das Leben nach der Revolution ausgemalt. Niemand muss mehr arbeiten gehen. Was man zum Leben braucht, ist verfügbar. „Sich vorzustellen, wie die Welt konkret aussehen wird, wenn die Lebenskräfte mal befreit sein werden von diesem permanenten drückenden Existenzkampf, das ist ziemlich knifflig“, denkt das Igelköpflein. Es kommt dann aber doch auf T-Shirts, die einen trösten und Bücher, die einem beim Lesen zart einen runterholen. „Die Feinfühlligkeitsskills werden schwer steigen“, heißt es. Die Vernunft ist leiblich. Jeder Tag bringt Neues mit sich. Für 16 kurze Quadrate kann man es sich tatsächlich mit übervollem Herzen vorstellen.

Das schwarze Gegenbild sind abgrundtief dunkle Quadrate, von denen jedes einen neuen Anlauf darstellt, mit dem Grauen des Terroranschlags auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ klarzukommen. Es gelingt nicht und gelingt damit doch.

Büchs’ Strips sind niemals pathetisch, larmoyant oder besoffen von den schweren Themen, über die sich die Tierchenmenschen mit den Wurstgliedern den Kopf zerbrechen. Fast jeder Strip eignet sich auch zum Lachen auf dem Klo, weil man gerade beim Blättern und Kacken ein bisschen klüger geworden ist. Und dennoch und gerade deswegen wiegen diese nur scheinbar so verigelten und verfroschten Strips vierundzwanzig tiefsinnige „Graphic Novels“ über Goethe in fucking Palästina auf, wie sie zurzeit die Comicläden verstopfen.

Wie das Igelköpfchen sagen würde: “Staunma!”

(das sind allerdings so hasen)

 

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