Kolumne

Die Sache mit dem Gaby-Glockner-Autogramm

In meiner Laufbahn als Kulturjournalist habe ich sicher hunderte Interviews geführt, möglicherweise sogar noch mehr. Unterschriften von den Künstlern habe ich mir allerdings selten geben lassen, sowas schickt sich nicht für einen seriösen Autoren. Ich besitze also nur einige wenige Autogramme, dieses hier ist eines davon. Von LINUS VOLKMANN

Das Autogramm stammt von Veronika Neugebauer, man kennt sie vor allem daher, dass sie die Stimme von Gaby Glockner bei TKKG war.
Diesen Oktober jährt sich ihr Todestag bereits zum elften Mal. Sie starb im Oktober 2009 an Krebs.
Als ich ihr begegnete, es muss Mitte der Nullerjahre gewesen sein, war das noch überhaupt nicht zu ahnen. Ihr ging es gut, krass, wie schnell sich alles ändern kann.
Aber darüber schreibe ich nicht, sondern über die Story zu dieser Unterschrift.
Also ich war Redakteur beim Intro-Magazin und nutzte diese Position, um auch meine ganz persönlichen Stars zu treffen. Da ich mich aus irgendeinem nerdigen Spleen (bzw. psychologischem Defekt) völlig verstrickt sehe in das reaktionäre TKKG-Universum wollte ich unbedingt mal mit Gaby sprechen.
Den Redaktionskollegen verkaufte ich die Nummer unter Veronikas (eher marginalen) Synchronsprecherinnen-Fame.
Aber hey, immerhin hatte sie einige Male Wynona Ryder synchronisiert. Das reichte, die anderen stellten keine weitere Frage, außer ob ich sie auch noch gleich für das Format „Platten vor Gericht“ drankriegen könnte. Aber natürlich, ihr Narren!

Im Interview redeten wir dann tatsächlich über Sachen, die vielleicht nicht die Leser*innen aber eben doch mich brennend interessierten. Schon als Kind wurde sie die Gaby Glockner, ihr Vater kam selbst aus der Branche. Doch mit dem Sprecher des Tarzan (später Tim) Sascha Draeger kam sie nicht gut aus. Man hört das natürlich nicht auf den Kassetten, aber eine verrückte Vorstellung, dass das spießige Saubermann-Pärchen Tarzan und Gaby sich in echt nie leiden konnten.

Irgendwann war Veronika mit den Eltern in der Phono-Abteilung des Kaufhauses (vorsicht Boomer-Sprech) – und sie entdeckte neue TKKG-Folgen (44-52).
Die Gaby wird darauf gesprochen von „Klößchens“ also Manou Lubowskis Schwester Scarlet.
Man hatte die kleine Veronika ausgebootet – und ihr nicht mal Bescheid gesagt. Doch die Macher der Firma Europa hatten nicht mit der Treue der Kids gerechnet. Ein analoger Shitstorm ging auf das bis heute aktive Kassetten-Label Europa nieder. Für die nächste Staffel wurde Veronika „auf Druck der Straße“ (nehmt euch ein Beispiel, Covid-Trottel, man kann auch für vernünftige Sachen demonstrieren) wieder einbestellt. Keiner im Laden, erzählte sie im Gespräch, verlor je ein Wort mit ihr über ihren kurzzeitigen Rauswurf.

Im Nachklapp des Interviews schickte sie mir ein paar aktuelle TKKG-CDs der Reihe, schön unterschrieben.

Als ich dann kein halbes Jahr später, schätze ich, mit meinem Intro-Kollegen Felix Scharlau die Nerd-Ballade “Robbe und Bürzel – Zwei Herzen schlagen super” in eine Hörspielform bringen wollte, rief ich erneut bei ihr an. Vielleicht bekäme man so jemand Tolles ja tatsächlich für seinen eigenen Kram.

Sie sagte, pro Tag bekäme sie 1000 Euro.
Ich sagte, mmh, ich kann dir für zwei Tage zweihundert bieten.
Sie so, seufzend: Okay, ich komme. Aber ihr zahlt den Flug.

Das darf man nicht falsch verstehen, der Rabatt lag sicher nicht daran, dass sie meine Kunst so schätzte (wie später rauskam, fand sie das Skript sogar ziemlich doof), nein, sie machte halt gern bei Sachen mit und warum nicht auch mal ein Wochenende in Köln statt München mit klemmigen Fan-Spinnern wie uns verbringen?

Im Vorfeld, das weiß ich noch, schauten wir uns den einzigen Kinofilm an, bei dem sie mitgespielt hatte: “Comedian Harmonists”. Als “zweites Poolgirl” war die Rolle auf ihrer Webseite ausgewiesen, keine tragende Nummer also vermutlich, sie hatte ja nicht mal einen Namen. Und richtig, im Film sah man sie nur kurz oben ohne im Pool. Das war’s. Uff! Felix und ich schämten uns sofort, dass wir den Stargast jetzt nackt kannten. Aber nicht mehr zu ändern. We couldn’t unsee it.

Als Veronika dann auflief, war zum Glück aber alles vergessen. Sie war distanzlos, bisschen durchgeknallt und vor allem hoch professionell. Sie variierte die ihr zugedachte Figur auf Fingerschnipsen – von Freude zu Heulerei – und jede Nuance dazwischen war anwählbar. Eh immer absoluter Wahnsinn, wenn man jemand trifft, der sein Handwerk so beeindruckend beherrscht. Abends war sie sogar noch mit einen saufen. Das ist einem ja auch immer wichtig.

Am 11.10.2009, starb Veronika Neugebauer im Alter von nur 40 Jahren an Darmkrebs.

 

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