ERASURE - "RADIO!! RADIO!!"

„Aus dem Raum, in dem man seine Seele offenlegt“

Der Autor und Erasure – die erste Begegnung

Vierzig Jahre, zwanzig Alben und eine ganz persönliche Geschichte

Es gab eine Zeit, in der man neue Musik noch im Radio entdeckte. Man hörte einen Song, wusste vielleicht nicht einmal, wie die Menschen dahinter aussahen, und trotzdem konnte innerhalb weniger Minuten etwas entstehen, das einen über Jahre begleiten würde. Die 80er-Jahre gelten nicht ohne Grund bis heute als eine besondere Ära der Popmusik: Radio, Fernsehen und später MTV eröffneten ganze musikalische Welten.

Auch Erasure kamen auf diesem Weg in mein Leben.

Ich hörte sie zunächst im Radio, bevor ich Andy Bell und Vince Clarke überhaupt visuell einordnen konnte. Später halfen Sky und Super Channel, danach MTV, von der Musik auch ein Bild zu machen. Der entscheidende Schritt vom begeisterten Hörer zum Konzertbesucher kam 1992: Zu meinem 18. Geburtstag bekam ich eine Eintrittskarte für Erasures Konzert im Budapester Kisstadion. Ich hatte damals keine Ahnung, wie weit mich diese eine Konzertkarte noch führen würde.

Vom ersten Konzert zur journalistischen Begegnung

Einige Jahre später stieß ich auf einen kleinen Erasure-Fanclub und besuchte eine seiner Clubveranstaltungen in Budapest. Dort lernte ich zwei der damaligen Organisatoren kennen. Einer von ihnen arbeitete damals bei HMK Music, dem ungarischen Vertrieb von Mute, und unterrichtete daneben Englisch. Mit beiden bin ich bis heute über die sozialen Medien in Kontakt. Auch wenn sie sich inzwischen nicht mehr so intensiv mit Erasure beschäftigen wie damals, ist die persönliche Verbindung geblieben.

Gemeinsam mit einigen inzwischen vertrauten Gesichtern wartete ich auf Erasures Rückkehr nach Ungarn. 1997 kamen sie tatsächlich wieder nach Budapest – diesmal im Rahmen der Cowboy-Ära. Die Show war allerdings weit weniger aufwendig als manche der größeren Produktionen dieser Zeit: In Budapest präsentierte sich Erasure auf einer deutlich kleineren und ausgesprochen puristischen Bühne. Für mich war es trotzdem ein weiterer wichtiger Moment in einer Geschichte, die längst über das bloße Hören von Platten hinausging.

2005 ging es dann nach München. Dort traf ich Andy und Vince zum ersten Mal persönlich – im Rahmen eines Interviews. Weitere Begegnungen, Gespräche und Interviews folgten. Aus der journalistischen Verbindung entwickelte sich über die Jahre etwas sehr viel Persönlicheres. Nicht auf einmal und nicht forciert. Zuerst öffnete sich Vince über VeryRecords ein Stück weit, später auch Andy. Sie lernten meine Familie kennen. Und über die Jahre wurden aus Interviews, Begegnungen und E-Mails Erinnerungen, die für mich heute einen ganz besonderen Wert haben. Die E-Mail-Korrespondenz mit Andy und Vince gehört zu den Dingen, die ich niemals gegen eine noch so seltene Schallplatte eintauschen würde.

Diese persönliche Verbindung hat meinen Blick auf Erasure geprägt. Sie nimmt mir aber nicht die journalistische Frage ab, was sich im Laufe der Jahre verändert hat – und was diese Musik heute noch zu erzählen vermag. Gerade nach so langer Zeit interessiert mich nicht nur, was geblieben ist, sondern auch, wohin sich Andy Bell und Vince Clarke musikalisch und persönlich weiterentwickeln.

Geplante Treffen und Konzerterlebnisse in den Jahren 2022 und 2025 fielen leider aus Gründen aus, die außerhalb unserer Kontrolle lagen. Im Spätherbst 2023 gelang mir immerhin ein kurzer Ausbruch nach London: Ich flog für einen Tag zur Präsentation von Vince Clarkes Soloalbum Songs of Silence und konnte vor dem Event noch ein paar Worte mit ihm wechseln.

Und nun beginnt mit dem 20. Erasure-Album wieder eine neue Phase – mit vertrauten Namen, aber durchaus neuen Fragen.

Radio!! Radio!! – ein Titel voller Erinnerungen

Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass Erasures 20. Album „Radio!! Radio!!“ heißt. Für Andy Bell und Vince Clarke ist der Titel nicht nur eine nostalgische Reise in die Vergangenheit. Im aktuellen Radio-2-Interview erklärte Andy, dass die Idee auch mit alten Walkie-Talkies und deren etwas spannungsgeladener Sprache zusammenhängt. Gleichzeitig verweist der Titel auf eine Zeit vor der digitalen Revolution: Vince bevorzugt nach wie vor analoge, monophone Synthesizer mit Röhren, und so besitzt das neue Album auch eine Verbindung zu einer Welt, in der elektronische Musik noch anders entstand.

Im aktuellen Guardian-Interview erläuterte Andy, warum der Titel gleich vier Ausrufezeichen trägt. Für ihn steckt darin ein Gefühl von Dringlichkeit – eine Reaktion auf eine Welt, in der sich die Technologie immer schneller entwickelt. Gleichzeitig versteht er Radio!! Radio!! als eine Art Ruf nach ruhigeren, entspannteren Zeiten.

Für mich persönlich hat das Wort Radio allerdings noch eine andere Bedeutung. Denn bevor Erasure zu einem Teil meines Lebens wurden, waren sie einfach eine Stimme und ein Synthesizerklang aus dem Radio. Vier Jahrzehnte später schließt sich damit auf bemerkenswerte Weise ein Kreis.
„Wings Of Love“ und die Frage, was Erasure nach 41 Jahren noch zusammenhält

Die erste musikalische Visitenkarte des Albums ist Wings Of Love, erschienen im September als erster Vorbote des am 12. März 2027 erscheinenden Albums. Interessant ist allerdings, dass der Song ursprünglich gar nicht als Single geplant war. Im aktuellen Radio-2-Interview erzählte Andy, dass Erasure bereits ungefähr zwölf Songs für das Album geschrieben hatten, als Wings Of Love als letzter Track hinzukam. Ausgerechnet dieser vergleichsweise einfache Song wurde schließlich zum Auftakt der neuen Ära, weil er für Andy eine Verbindung zwischen dem klassischen Erasure-Sound und dem neuen musikalischen Ansatz herstellt.

Auch inhaltlich ist der Song typisch Erasure, aber gleichzeitig erstaunlich lebensnah. Andy beschreibt ihn als eine Art Gegenentwurf zu dem Druck, den Menschen verspüren können, unbedingt eine Partner finden zu müssen. Man wird von außen gefragt, warum man noch keinen Ring am Finger trägt, warum man allein ist – und irgendwann, so seine Vorstellung, sollte man diesen Druck einfach loslassen. Dann klopft vielleicht jemand an die Tür.
Vielleicht ist das auch eine ziemlich gute Beschreibung dessen, was Wings Of Love musikalisch macht: Der Song versucht nicht, sich aufzudrängen. Er ist einer dieser Tracks, die mit jedem weiteren Hören wachsen.

Was mich an Andys aktuellem Radio-2-Interview besonders interessiert hat, war seine Antwort auf die Frage, was Erasure nach 41 Jahren überhaupt noch zusammenhält. Die Antwort war erstaunlich einfach: Sie lieben es, Songs zu schreiben. Andy sagte außerdem, dass er und Vince einander so nah seien wie nie zuvor.

Wenn sie zusammenkommen, bringen beide ihre Ideen mit, arbeiten in verschiedenen Sessions und setzen anschließend wieder alles zusammen. Manchmal entsteht zunächst ein Instrumentalstück, manchmal ein kompletter Song – gelegentlich sogar inklusive Text – praktisch in einem einzigen Moment.
Und dann gibt es noch diesen wunderbaren kleinen Einblick in Erasures Arbeitsweise: Manchmal beginnt ein Song mit Lauten oder scheinbarem Unsinn. Andy formt die Worte nach der Struktur der Vokale und der Melodie – und irgendwann bekommt dieser zunächst bedeutungslose Text plötzlich einen Sinn. Vielleicht erklärt genau das ein Stück weit, warum diese Partnerschaft so lange funktioniert: Nicht alles muss von Anfang an feststehen. Manchmal muss man einer Idee einfach Zeit geben.

Eine tiefe Verbindung: „Radio!! Radio!!“

„Radio!! Radio!!“ ist allerdings nicht einfach nur eine Rückkehr zum vertrauten Erasure-Sound. Die Grundlage bleibt Synthpop, doch Vince Clarke hat diesmal ungewöhnlich stark mit Piano und akustischer Gitarre gearbeitet. Als Inspiration nennt er unter anderem Erik Satie. Das aktuelle Guardian-Interview erzählt auch von einer spanischen Gitarre, die Andy und sein Mann Stephen Moss eigens für Vince suchten, bevor die Aufnahmen in Spanien begannen.
Auch die persönliche Ebene ist stärker präsent.
Die Entstehung des Albums fiel in eine schwierige Zeit für beide Musiker. Vince Clarke sprach davon, dass einige Songs durchaus Dinge widerspiegeln, die in seinem eigenen Leben passiert sind. Andy wiederum beschrieb die jahrzehntelange Zusammenarbeit als eine sehr tiefe Verbindung, einen Raum, in dem man seine Seele offenlegt.

Im aktuellen Radio-2-Interview formulierte Andy diese Entwicklung noch einmal auf eine andere Weise. Mit 60, nach all den gemeinsamen Erfahrungen und vier Jahrzehnten als Erasure, habe sich das Leben gewissermaßen sortiert. Was bleibt, sei vor allem der Wunsch, Danke zu sagen – für die Menschen um ihn herum und dafür, dass es Liebe in der Welt gibt.
Das ist vielleicht einer der schönsten Schlüssel zum neuen Album. Nicht Nostalgie, nicht Rückblick um des Rückblicks willen, sondern Dankbarkeit. Und die Erkenntnis, dass eine lange gemeinsame Geschichte nicht bedeuten muss, dass man musikalisch stehen bleibt.

Vince Clarke bleibt dabei – nur anders.

Eine der größten Veränderungen für die kommende Tour ist gleichzeitig eine sehr persönliche: Vince Clarke wird 2027 nicht gemeinsam mit Andy auf der Bühne stehen. Er übernimmt die musikalische Leitung der Tour und wird aus San Diego daran arbeiten, während Andy mit der Band unterwegs ist.
Der Grund dafür ist allerdings vielschichtiger als nur die Belastung der langen Reisen zwischen Kalifornien und Europa. Im aktuellen Guardian-Interview spricht Clarke auch offen darüber, dass der Tod seiner Frau Tracy im Januar 2024 bei dieser Entscheidung eine Rolle gespielt hat. Auf die Frage, ob ihr Tod der wichtigste Grund für seinen Rückzug von den Tourneen sei, antwortete er schlicht mit „Yes“. Andy, der selbst 2012 seinen Partner Paul Hickey verloren hat, beschreibt gleichzeitig, wie wichtig es für beide war, füreinander da zu sein.
Vielleicht erklärt genau das auch, warum die Verbindung zwischen den beiden nach vier Jahrzehnten weit über eine klassische musikalische Partnerschaft hinausgeht. Clarke beschreibt sie als etwas, das „much deeper than mates“ reicht, während Bell von einer familiären Verbindung und einer „deep soul connection“ spricht.

Und dann gibt es da noch eine ganz persönliche Verbindung für mich: Howard Rider wird 2027 auf der Bühne Vinces Synthesizer bedienen. Howard ist für mich kein Unbekannter. 2019 habe ich ihn im Zusammenhang mit BROOK interviewt, dem Duo, dessen Debütalbum Built You For Thought auf Vince Clarkes VeryRecords erschien. Schon damals erzählte mir Howard, dass er seit vielen Jahren als Vince Clarkes Keyboard-Techniker arbeitet und praktisch alle seine Tourneen begleitet hatte.
Dass nun ausgerechnet Howard dafür sorgen wird, dass Vinces musikalische Präsenz auch 2027 auf der Bühne erhalten bleibt, ist für mich eine besonders schöne Verbindung zwischen verschiedenen Kapiteln meiner eigenen Geschichte mit dieser Musik.

Wie genau diese neue Live-Situation am Ende aussehen wird, bleibt spannend. Andy hat jedenfalls bereits verraten, dass neben den großen Klassikern auch einige Songs im Set auftauchen werden, die das Publikum vielleicht nicht unbedingt erwartet. Und sogar ein Weihnachtssong soll dabei sein.
Die Radio!! Radio!! Tour beginnt am 25. April 2027 in Cardiff – ausgerechnet an Andy Bells Geburtstag. Dass die Nachfrage schon jetzt groß ist, zeigen zwei bereits ausverkaufte Konzerte: Sowohl der Tourauftakt in der Utilita Arena in Cardiff als auch der Auftritt im Leipziger Haus Auensee am 18. Mai sind ausverkauft. Für Leipzig wurde deshalb ein Zusatzkonzert am 19. Mai angesetzt. Anschließend führt die Tour durch Großbritannien, Irland, Deutschland, Dänemark und Schweden.

Erasure (Photo: Travis Shinn)

Vierzig Jahre, zwanzig Alben – und noch lange nicht fertig

Wenn ich heute auf diese Geschichte zurückblicke, ist es schon ein ziemlich merkwürdiger Gedanke, dass aus einem Song, den ich irgendwann als Teenager im Radio hörte, mehr als drei Jahrzehnte mit Erasure werden sollten. Die Eintrittskarte von 1992 habe ich noch. Das Foto von 2005 ebenfalls. Dazwischen liegen Konzerte, Interviews, Reisen, Platten, E-Mails und Begegnungen, die längst zu einem Teil meiner eigenen Geschichte geworden sind.

Mit „Radio!! Radio!!“ beginnt nun ein neues Kapitel. Ich weiß noch nicht, ob ich es 2027 zu einem der Konzerte schaffen werde. Aber ich bin gespannt darauf, was Andy Bell und Vince Clarke nach vier Jahrzehnten gemeinsamer Musik noch zu erzählen haben – und was dieses Album über sie verrät, das wir bisher vielleicht noch nicht wussten. Denn genau das interessiert mich auch als Journalist: nicht nur die Geschichte, die ich bereits kenne, sondern das, was noch vor uns liegt.
Vierzig Jahre nach dem Beginn ihrer Geschichte klingt „Radio!! Radio!!“ für mich deshalb weniger wie ein Rückblick als wie eine neue Frequenz.

„Radio!! Radio!!“ erscheint am 12. März 2027 via Mute.

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