Say I’m Your No. 1
Liebe Kaputies,
eine Printausgabe in 2026, wirklich? Gerade wenn man wie wir schon seit zehn Jahren den Cold Turkey der Abkehr vom gedruckten Journalismus so gut in den Griff bekommen hat (okay, okay, der eine sitzt mit 30 % in der Musikexpress-Redaktion, der andere hat mit den Monheim Papers, Chart – Notes to Consider und EM GUIDE immer mal wieder ein Blatt an den Kiosk gebracht), aber ansonsten … Nun, wir könnten es kurz machen und simpel zu Protokoll geben: Nichts kickt so sehr, wie wenn ein frisch gedrucktes Magazin, das man (mit)verantwortet und mit Texten füllt, endlich ankommt. Glückshormone im Terrain von drei Ecstasy-Pillen auf einmal.
Aber wir machen die Sachen ja nicht nur für die eigenen Kicks. Es herrscht (sicherlich nicht nur bei uns) schon länger diese Unzufriedenheit mit den veränderten Lese- und Diskursbedingungen in Zeiten des Stream-of-Consciousness-Internet-Scroll-Lesens, bei dem – abseits von einigen gezielt aufgesuchten Seiten – viel Lesezeit in das investiert wird, was einem der Algorithmus oder scheinbare Netzfreund:innen hinlegen.
Viel stärker wiegt dabei noch, dass man sehr selten ganze Tageszeitungen und Monatsmagazine liest, sondern sozusagen nur noch ein weirdes Mash-up von Medien und Autor:innen wahrnimmt.
Wir sind uns der Gefahr bewusst, hier nostalgisch zu wirken, aber angesichts des Status Quo der Weltpolitik und des massiven, Kultur in Frage stellenden Klimas da draußen ist es eben viel mehr als nur ein Reflex älterer Journalist:innen, wenn wir uns zurücksehnen nach den „Medium is the Message“-Zeiten im Geiste von Musikmagazinen wie SPEX; INTRO (ja, wir müssen die eigene Geschichte natürlich zumindest kurz schon einbringen), Flipside, Pitchfork (als es noch Pitchfork war), Musikfernsehsendern (passend wurde MTV, das natürlich schon lange alles andere als ein popidentitätenformendes Medium war, jüngst ganz off air genommen), und auch das Ende der täglichen taz-Printausgabe tut uns sehr weh, zumal die anderen relevanten Feuilletons in gedruckter Form zwischen Süddeutscher Zeitung, New York Times und Guardian auch stetig dünner werden
Die Positionierung einer diversen Autor:innenschaft auf aneinander angrenzenden Magazinseiten und TV-Formaten schuf einerseits Community-Bindung und gemeinsames Pop-Klassenbewusstsein; da aber durchaus multiple Meinungen transportiert und Themen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wurden, ging es dabei nie um die Inszenierung einer scheinbar heilen kleinen gemeinsamen Welt, sondern eben um ein kulturelles Biotop, das Diskurs – auch von konträren Ansichten – offen, gar nicht mal so selten gnadenlos, aber immer ehrlich ermöglichte.
Insofern hoffen wir, dass die erste Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop-Printausgabe eben genau das leistet: einen Ort zu erschaffen, in dem die Vielseitigkeit und ja, auch Widersprüchlichkeit der (Pop-)Welt kontrovers diskutiert werden kann, aber eben immer mit der versöhnlichen Intention, dass wir uns aufeinander zubewegen wollen, über den Austausch Konflikte entschärfen und gemeinsame Pfade finden können.
Hiermit gesagt, sind wir sehr gespannt, was Ihr uns zu diesem Erstentwurf auf 172 Seiten an Feedback schickt. Einige Abende für die Magazinpräsentation sind auch in Deutschland in Planung, denn wir wollen den Diskurs mit Euch gerne aus dem Magazin in die kaputen Orte wie HAU Hebbel am Ufer in Berlin, Kapute Szene in Köln, den Golden Pudel Club in Hamburg oder dahin, wohin Ihr uns einladet, bringen. Denn Kaput ist mehr als die Summe der einzelnen Mitarbeiter:innen-Stimmen, es ist der kulturelle Klangkorpus von uns allen.
In diesem Sinne, liebe Grüße aus der Redaktion,
Thomas Venker und Linus Volkmann,
stellvertretend für alle Kaputies, die dieses 172-Blatt-Monster zum Leben erweckt haben
PS: Außerdem ist es schön, die Textzeilen von Künstler:innen wie Rocko Schamoni, Cameron Winter, Ronald M. Schernikau und KeiyaA endlich mal wieder in gedruckter Form zu sehen:
„Being different / And I don’t go to the polls, / I don’t go to work either, / I’d rather go broke“ // „Anders sein / Und ich gehe nicht zur Wahl, / auch zur Arbeit gehe ich nicht, / lieber gehe ich kaputt“
(Rocko Schamoni, „Anders sein“)
“Try as I may / I’m still fighting for you / In my own long-suffering way / You were meant to watch / My private ceremonies / All in the dark parts of rooms”
(Cameron Winter, “Try as I May”)
“The only thing that interests me at work is being able to praise something. I hate negativity. On 9 November 1989, the counter-revolution triumphed in Germany. I don’t believe that it will be possible to write books in the future without this insight.” // “Das Einzige, das mich interessiert bei der Arbeit, ist: etwas loben können. Ich hasse Negation. Am 9. November 1989 hat in Deutschland die Konterrevolution gesiegt. Ich glaube nicht, daß man ohne diese Erkenntnis in der Zukunft wird Bücher schreiben können.”
(Ronald M. Schernikau, Rede auf dem Kongreß der Schriftsteller der DDR, 1. bis 3. März 1990)
„Tell me / How I’m supposed to thrive / When all I’ve known is to survive /
When all I’ve known is to rely on I / Tell me“
(KeiyaA, “stupid prizes”)
PPS: You want to order your own private copy? Paypal 20€ + 5€ + Adress to thomas.venker@kaput-mag.com
PPPS: For whole sale demands contact Wolke: wolke@wolke-verlag.de
What else to say? Well, maybe you are curious what we cover in the Kaput print debut?
Editors-in-Chief
Thomas Venker & Linus Volkmann
Editors
Lennart Brauwers, Philipp Kressmann, Alex Mayor
Photo Editors
Marisa Eul Bernal, Vicky Hytrek
Authors
Laura Aha, Aida Baghernejad, Lennart Brauwers, Julian Brimmers, Mark Fell, Lars Fleischmann, Oke Göttlich, Steffen Greiner, Christoph Jacke, Philipp Kressmann, Mario Lasar, Alexander Mayor, Christina Mohr, Dragos Rusu, Shilla Strelka, Annett Scheffel, Rebecca Spilker, Maurice Summen, Saskia Timm, Thomas Venker, Linus Volkmann, Benedict Weskott, Marc Wilde, Ariana Zustra
Art Direction & Design
Christian Schäfer
Design Assistant
Davi Dattel
Kaput Logo, Kaput Collages & Cover
Sarah Szczesny
Photo contributions for the collages:
Jessica Foley (KeiyaA), Jonathan Forsythe (Justin Strauss), Uv Lucas (Daniel Avery), Adam Powell (Geese), David Višnjić (Rrose), Niclas Weber (Tyshawn Sorey)
Photos
Caity Arthur, Ella Barak, André Beiler, Marisa Eul Bernal, Beyond Binary, Lewis Evans, Frank Feiertag, Jessica Foley, Jonathan Forsythe, Florian Fries, Nazar Furyk, Gustav Glas, Luisa Hanika, Dudi Hasson, Vicky Hytrek, David Königsmann, Philipp Kressmann, Uv Lucas, Ophelia Mikkel- son, Cosmin Mirea, Olivia Mole, Nikolas Petros, Tess Roby, Katja Ruge, Lou Sauvard, Svenja Scholz, Marco Sensche, Mark Sommerfeld, Mat Steel, Aoki Takamasa, Norman Ulloa, David Višnjić, Nick Waplington, Niclas Weber
Translations
Alex Mayor, Thomas Venker, Everett Mason
Proof Reading
Lisa Kriegsheim, Caroline Märkl, Elisabeth Mrzik, Alex Mayor, Thomas Venker
IT
Benjamin Walter, Juergen Eichholz, Tom Arnold










