Mittwoch, 16.10.2019
Wie wir wurden was wir immer noch werden – Gedanken zur Genese musikjournalistischer Biografien

“Es gibt Zeiten, da handelt Musikjournalismus von mehr als nur Musik”

Der Expander des Fortschritts Hinten v.l.n.r.: Jascha Wonerow (Gitarre), Eckehard Binas (Keyboard), Leo Binas (Drums), Christoph Chudaska (Bass) Vorne v.l.n.r.: Safi (Stimme | Synthesizer), Susanne Binas-Preisendörfer (Sopransaxofon), Robert Mießner (Livekommentar) Foto: Susanne Schleyer

Zum Abschluss der von Christina Mohr zusammen gestellten September-Reihe  „Wie wir wurden was wir immer noch werden – Gedanken zur Genese musikjournalistischer Biografien” gewährt Robert Mießner Einblicke in sein Leben. 


Dreißig Jahre sind vergangen, seit Lutz Schramm am 14. Oktober 1989, noch vor dem Rücktritt Erich Honeckers, seine „Parocktikum“-Sendung auf DT64, dem Jugendprogramm des DDR-Rundfunks, mit drei Songs eröffnete, die er meiner Erinnerung nach bewusst nicht anmoderierte: Den Anfang machte „Police On My Back“ von The Clash, im Original ein Song von The Equals, einer der ersten Popbands, in der schwarze und weiße Musiker gemeinsam spielten. Dann folgten „Helpless“ und „Computer Age“, beide aus der Feder Neil Youngs, hier in Coverversionen von Nick Cave & The Bad Seeds und Sonic Youth.

Es gibt Zeiten, da handelt Musikjournalismus von mehr als nur Musik. Eine Woche vorher hatte die uniformierte und zivile DDR im Ost-Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, in der Gegend um die Gethsemanekirche, gegen Jugendliche, deren Verbrechen darin bestanden hatte, die „Internationale“ als den Protestsong zu singen, der er immer war, die Schlagstöcke gezückt und in Erich Mielkes Diktion die Samthandschuhe ausgezogen.
Wenige Wochen später fiel die Berliner Mauer, platzte „der Dreckverband“ (Volker Braun). Der letzte Song, den ich vor meinem ersten Besuch West-Berlins im Radio hörte, war „From Her To Eternity“, Nick Cave & The Bad Seeds, auf Radio 100, eine Nachtmusik fünf Minuten vor 10 Uhr morgens. Meine ersten Einkäufe in West-Berlin waren zwei Platten: „Haus der Lüge“ von den Einstürzenden Neubauten (in Auszügen von Schramm in der oben genannten Sendung gespielt) und von Crass „10 Notes On A Summer’s Day“ (weil ich den Titel poetisch fand). Wer meint, ich sei ein seltsames Kind gewesen: Ich war es.

Um die Konterbande abzurunden, legte ich ein Druckerzeugnis rauf, die Novemberausgabe der Zeitschrift konkret. In ihr fand ich einen Text des Herausgebers Hermann L. Gremliza, „Ich, Josef Stalin“. Der Artikel hielt, was sein Titel versprach. Weiter hinten im Heft stand eine Rezension des gerade erschienenen Neil-Young-Albums „Freedom“, geschrieben von Diedrich Diederichsen. Seine Überschrift: „Die Aufgabe der Rockmusik ist es mitunter, geschundene Begriffe zu retten.“ Die Unterschrift unter dem Foto, es zeigte Young ungefähr so, wie ich mir einen russischen Provinzbibliothekar vorstellte, las sich wie folgt: „Als hätte Kafka gelebt.“ Das wusste zu beeindrucken, ansonsten verstand ich kein Wort.
Wobei, ich meine mich entsinnen zu können, gegen den Einstieg folgenden Satzes Einspruch erhoben zu haben: „In einer Zeit, wo ‚Freiheit‘ oder ‚freie Welt‘ zu den schmutzigsten, kriegstreiberischsten, nationalistischsten, faschistischsten Wörtern geworden sind, ebenso schamlos benutzt wie die armen Medienunerfahrenen, die sie im wahrsten Sinne onetrackminded schreien, ist es unbezahlbar, wenn vom anderen Ende desselben Westens, der unter diesen Flaggen so obszön triumphiert, einer kommt, und, gerade weil er nur von Toten und Obdachlosen und religiös Wahnsinnigen erzählen kann, daran erinnert, dass es wirklich um nichts anderes als ‚freedom‘ und eine ‚free world‘ geht, wirklich.“
Noch einmal: Das war vor dreißig Jahren. Mittlerweile meine ich zu wissen, was Diederichsen meinte.

In den frühen Neunzigern gab es zwei, nein drei Musikzeitschriften, die ich las. Da war die westdeutsche Spex, in der neben vielen anderen Diederichsen schrieb. Ein Blatt, in dem ich immer noch nicht alles verstand, aber ich hatte zu fragen gelernt. Im Ostteil erschien die aus einem Berliner Fachblatt und einem Leipziger Fanzine hervorgegangene NMI/Messitsch, in der zum Beispiel Wolf Kampmann über Free Jazz und Noiserock schrieb. Mir schrieben Spex und NMI/Messitsch die Einkaufszettel, mit denen ich in den 1991 im Prenzlauer Berg eröffneten Freak Out ging, einem frühen unabhängigen Plattenladen Ost-Berlins. Ich wurde dankbarer Kunde seines dankbaren Inhabers Bodo Parlow, der in seinem Zeitschriftenfach das dritte Blatt führen sollte: die 1993 ins Leben gerufene SUPER! Bierfront, ein großformatiges Magazin voller guter Laune und bösen Witzes, welches in Kurt Cobains geheimen Tagebüchern den von mir geschätzten Gitarrenarbeiter Caspar Brötzmann in der Küche des Nirvana-Sängers einen Geheimauftritt absolvieren ließ und einer von mir geliebten Experimentalcombo bescheinigte: „Das hätte es unter Thatcher nicht gegeben.“

Warum zwischen meiner ersten Diederichsen-Lektüre und meiner ersten Konzertrezension ganze 16 Jahre vergingen, werden mir andere erzählen müssen. Ich weiß es schlicht nicht. Jedenfalls tat ich 2005 zwei Dinge, die ich vorher noch nie getan hatte. Ich meldete mich im Internetforum einer meiner Herzensbands an: The Fall, die ich Lutz Schramm wie dem SFB verdanke. Nach einem ihrer Konzerte in der Maria am Ostbahnhof postete ich eine Review, anderntags sollte sie auf der Newsspalte der Seite stehen. Und als Mick Harvey im selben Jahr in der Kalkscheune auftrat, schickte ich Christina Mohr, damals Musikredakteurin beim Online-Feuilleton satt.org, meinen Text. Sie hat ihn freudig veröffentlicht. Und es stimmt, ich habe Christina in meiner ersten Email gesiezt. Ich bin ein verirrter Bürger, mag sein. Auf jeden Fall ergab sich aus dieser Mail eine langjährige und kurzweilige Zusammenarbeit, deren Kreis sich jetzt schließt. Das freut mich sehr.
Christina, Tina Manske und mich hat es nach satt.org in diverse Musikzimmer getrieben, in denen wir uns von Zeit zu Zeit besuchten. Von uns meine ich sagen zu können, dass wir Musik und das Schreiben darüber so ernst nehmen, wie wir ein Buch lesen oder einen Film sehen. Oder, wie es 1989 die Ost-Berliner Abstract-Pop-Band Der Expander des Fortschritts formulierte: „Der Popsong ist eine geniale Kulturleistung und steht gleichrangig neben so imposanten Phänomen wie dem Faustkeil und der Pfandflasche. Seine Fünfminutenästhetik zwingt zur Komprimierung des Materials auf den Punkt.“

Nachschlag: Während der Arbeit an diesem Text kam mir das Cover der neuen konkret unter die Augen. Ihm entnehme ich, dass Hermann L. Gremliza seinem „Ich, Josef Stalin“ ein Sequel hat folgen lassen. Daneben stehen die AfD-Politiker Björn Höcke und Andreas Kalbitz, über ihnen der Aufmacher: „Brauner Osten. Wo bleibt der antifaschistische Schutzwall?“
Ein klares Eigentor, Genossen; ähnlich dem Titelblatt der jungen Welt vom 13. August 2011: „Wir sagen an dieser Stelle einfach mal: Danke.“ Die Danksagung galt der Berliner Mauer. Als einer, der in deren Schatten eine der Schulen Margot Honeckers besucht hat, ohne dabei zum Antikommunisten zu werden, habe ich erleben dürfen, was da wie konserviert wurde. Mein Freund und Kollege Henryk Gericke spricht in diesem Zusammenhang vom “antifaschistischen Todesstreifen.” Ein böses, ein treffendes Bild.
Keep on rockin‘ in the free world.


Robert Mießner ist Journalist (u.a. bei der taz), Herausgeber (u.a. beim Ventil Verlag) und Radiomacher (u.a. bei Deutschlandfunk Kultur). Im Herbst 2019 tritt er als Livekommentator beim Expander des Fortschritts auf. Und zwar dann und dort:

12. Oktober, Greifswald, St. Spiritus
25. Oktober, Berlin, Ausland
01. November, Potsdam, Waschhaus
08. November, Leipzig, NaTo
10. November, Berlin, OstArt Festival (tba.)

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