Sonntag, 21.10.2018
JWER 01

Jede Woche ein Rant. Heute… Loriot

Wer in Bezug auf Internet-Humor nicht aufpasst, bleibt irgendwann vielleicht doch hängen bei Willy Nachdenklich, oder Tattoofrei oder – WLAN, bewahre – bei dem moralischen Postkarten-Opa Barbara. Um möglichst vielen dieses Schicksal zu ersparen, haben wir bei kaput keine Mühen gescheut und das geilste Facebook-Portal überzeugt, uns regelmäßig Content zu überlassen. Es geht um den Feelgood-Hass des Kollektivs “Jeden Tag ein Rant”. Bei uns nun eben einmal die Woche, für mehr sind wir zu alt. Los geht’s mit Loriot.

rant

Ich war – fragt nicht, wie es kam – letztes Jahr in einem Kabarett zu einer Loriot-Vorstellung.
An dieser Stelle wäre eigentlich vor allem ein billiger Extra-Rant für Kabaretts und Volkstheater fällig, vorläufig will ich mich aber auf das Sujet “Loriot” beschränken.
Dazu noch ein bisschen tiefere Einblicke in meine Familiengeschichte: Meine Großeltern, die allesamt dem Schwarzen Block angehörten (also stramme CDU-Wählerinnen und -wähler mit Hitlerjugend- und BDM-Vergangenheit), haben schon früh und standhaft versucht, mir Vicco von Bülows Werk schmackhaft zu machen.

Der eine Opa trieb es sogar so weit, dass ich immer, wenn ich auf Besuch kam – etwa alle zwei Wochen – den Dialog von Herrn Müller-Lüdenscheid und Herrn Dr. Klöbner in der Badewanne anhören musste. Danach erklärte er mir jedes Mal, was sich da gerade zugetragen hätte, nämlich, dass sich dort zwei Herren, die sich mit Nachnamen anredeten, zusammen in der Badewanne befänden. Hihi, hoho. Nunja.

Der Witz erschloss sich mir also schon als Zehnjährige nicht so ganz, aber ich dachte, ich müsse vielleicht noch ein bisschen älter und klüger werden. Irgendwann kapierte ich: Es gibt nichts zu verstehen. Loriot ist einfach ziemlich unterkomplex, nix weiter. In der Zeit, in der sich ein Loriot-“Witz“ entfaltet, kann ich ungefähr drei Mal Kaffee kochen, fünfmal zum Orgasmus kommen und eine ganze Ausgabe Charlie Hebdo lesen.

Am interessantesten ist Loriot wohl als zeitgeschichtliches Dokument: Eine traumatisierte Kriegsgeneration bzw. „entnazifizierte“ Masse kann ihren Blick nur noch nach innen lenken, sich nur noch zu extrem seichten affirmierenden Späßchen hinreißen lassen, alles andere kratzt sofort an der eigenen Existenz, die doch alles tut, um zu vergessen: Den Massenmord an den Juden, die Barbarei, der Tod von Geschwistern und Vätern an der Front.

Loriot selbst wollte wohl, wie meine Recherche ergab, sich über diese Nachkriegs-Biedermeier ein bisschen lustig machen, sie ein wenig „durch den Kakao ziehen“, war dabei aber leider nie bissig genug, sondern einfach zu whack, sodass man von einem kompletten Fail sprechen muss: Genau diese Biedermeier haben auf ihren Samtsofas über ihn am meisten gelacht, nicht weil sie sich peinlich ertappt, sondern in ihrem gemütlichen Dasein bestätigt fühlten. Es ist doch alles ganz nett hier, wir fühlen uns wohl in unserer kleinen heilen Welt (war sie etwa je kaputt?), wir haben noch ein bisschen Humor, obwohl wir eigentlich schon tot sind. Das ist die BRD.

Übrigens auch Loriot-Gebrabbel ganz normal-misogynes Gebrabbel (wer hätte das gedacht?): Schaut man sich mal die Ehepaar-Dialoge an, ist es immer die Ehefrau, die ihren Ehemann mit seltsamem, irrationalem „Frauengewäsch“ nervt, der Ame weiß oft gar nicht gegen diesen Irrsinn anzureden mit seinem Rationalismus und braucht einfach seine Ruhe – Rollenklischees olé.

Das alles wäre ja nicht mehr so schlimm, wenn es der Vergangenheit angehören würde und sich größtenteils in großelterlichen Wohnstuben abspielen würde.
Problematisch ist allerdings nun wirklich, dass das immer noch Leute in unserem Alter gibt, und zwar nicht wenige, die dieses Zeug abfeiern. Dass es sogar bis in unsere Generation hinein zum guten Ton zu gehört, dass man Loriot kennt und tatsächlich so tut, als ob man das witzig fände. Loriot als Schmiermittel zwischen den Generationen, damit sich alle auf Familienfesten verständigen und behaglich amüsieren können.

Leuten in ihren Zwanzigern gibt Loriot das gute Gefühl, etwas aus der deutschen Tradition zu kennen, deutsches Nationalheiligtum, ein Stück Identität sozusagen. Den humoristischen Kanon eben, mit dessen Kenntnis man zeigen kann, wer man ist: ein traditionsbewusster und sogar ein bisschen intellektueller Bürger, und dass man, auch wenn man noch so jung ist, Seine Kartoffelness nicht nur jeden Sonntag in der Kneipe “Tatort” zelebriert, sondern auch mal in Bücher schaut, die vor 1980 fabriziert wurden. Darauf ist man stolz.

Ich fordere: Damit muss endlich Schluss sein. Weg mit diesem wirklich unlustigen Vasallen-Humor. Weg mit Deutschland sowieso.

P.S.: Ich musste das Kabarett wegen Atemnot verlassen.

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies and accept our data policy. More information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close