Mittwoch, 24.10.2018
JW1R14

Jede Woche ein Rant. Heute … Polyamore Macker

Wer in Bezug auf Internet-Humor nicht aufpasst, bleibt irgendwann vielleicht doch bei Willy Nachdenklich, oder Tattoofrei oder – WLAN, bewahre – bei dem moralischen Postkarten-Opa Barbara hängen. Um möglichst vielen dieses Schicksal zu ersparen, haben wir bei kaput keine Mühen gescheut und das Autorinnen-Kollektiv des geilsten Facebook-Portal überzeugt, uns regelmäßig Content zu überweisen. Es geht um ihren Feelgood-Hass, der unter dem Banner “Jeden Tag ein Rant” steht. Bei uns nun eben einmal die Woche, für mehr sind wir zu alt. JT1R haben sich dabei diesmal ein ganz besonderes Exemplar aus dem linken Penis-Stall vorgenommen: Den Polyamorie-Macker.

Kaput

Der polyamore Macker (PAM) ist überzeugter WG-Bewohner. Alleine wohnen käme für ihn nie in Frage, denn er ist durch und durch ein Gemeinschaftsmensch. Richtig gut findet er „funktionales Wohnen“ – schade nur, dass da niemand sonst mitmachen möchte. Spießer, denkt er sich.
Allgemein ist der polyamore Macker offen gegenüber „alternativen Konzepten“ aller Art – Hauptsache, sie sind irgendwie anders und man kann damit auf Partys hausieren gehen.
Denn der polyamore Macker hört sich selbst unglaublich gerne reden. Ob man will oder nicht, man wird von ihm vollgesülzt. Dabei wirft er gerne mit Plattitüden um sich, die er für große Weisheiten, die außer ihm noch niemand erkannt hat, hält, zum Beispiel: „Die Menschheit ist von Natur aus nicht monogam“ oder „Liebe ist nicht wie ein Kuchen – je mehr man isst desto weniger. Liebe ist unendlich“. Außerdem erzählt er einem oft Sachen, die man nicht wissen will, zum Beispiel auch, dass er „kinky“ ist. „Poly“ und „kinky“ sind Attribute, die eben zu ihm gehören, ohne sie wüsste er nicht, wer er ist. Dass jemand, der sich selbst als „kinky“ bezeichnet, aller Wahrscheinlichkeit nach der schlimmste Langweiliger im Bett ist, schnallt er nicht.
Um seine Thesen zu stützen, hat er sich in einigen Poly-Foren eingelesen. So kann er dann auch mit Fachbezeichnungen wie Haupt- und Nebenbeziehung, bipolares Entscheidungsdenken etc. aufwarten. Muss ja auch alles seine Ordnung haben in der Liebe.
Der PAM liest seit ungefähr fünf Monaten auch „Lob der offenen Beziehung“ von Oliver Schott, kommt jedoch nie dazu, es auch zu Ende zu lesen, denn Lesen war nie seine Stärke wegen ADS und außerdem ist er ständig on tour. Immerhin hat er aus dem Buch schon sein wichtigstes Mantra extrahiert: „Man kann über alles reden.“ bzw. „Kommunikation ist alles“.

Da er jedoch eben ein Macker ist, fällt ihm nicht-Plattitüden-gebundenes Reden dann doch sehr schwer und er kann oft nicht die richtigen Formulierungen und Worte finden, der Arme. Die ganze emotional vermittelnde Drecksarbeit müssen dann die Frauen um ihn rum leisten, die er sich angesammelt hat wie der Hahn im Korb und die sich unverständlicherweise auch noch um ihn streiten, was ihm übrigens den ultimativen Kick gibt.

Lässt man sich auf ein Date mit einem polyamoren Macker ein, kann es passieren, dass man sich plötzlich in einem Pulk von Leuten wiederfindet und der PAM dann auf einmal für ein paar Stunden verschwindet (warum genau will man nicht wissen) und einen cringy mit seinen Freunden sitzenlässt, er einen zum Gruppenkuscheln (GruKu) animiert oder plötzlich los muss, denn in zwei Stunden wartet die nächste Verabredung/der nächste gefühlsschwangere Fick. Aber ist ja alles cool und so, weil wir sind ja alle ganz offen und ich habs ja vorher extra gesagt, dass ich nix exklusives will. Du bist ganz einzigartig und ich hab mega Gefühle für dich, aber ich muss jetzt los, sag mal, wann du wieder Zeit hast, ich hab noch ein paar Time Slots offen nächste Woche.

Geschlecht im Sinne von Gender hat der Polyamorie-Macker schon weit hinter sich gelassen, da ist er ganz bei Butler (was ihn jedoch nicht davon abhält, ausschließlich Frauen zu daten). Deshalb will er auch nichts davon wissen, dass Frauen und Männer eventuell geschichtlich bedingt andere Emotionalitäten in zwischenmenschliche Beziehungen einbringen und sich die Bedürfnisse und Stellungen in der Gesellschaft unterscheiden könnten.
Hier noch ein paar Erkennungsmerkmale für den PAM, falls ihr euch unsicher seid:

– Veganer/Vegetarier
– mag keine Antideutschen
– hört schlechte (Indie-)Mucke
– furchtbarer Kleidungsstil

Übrigens ist der PAM oft nur ein temporäres Phänomen. Nach etwa einem halben Jahr Belehrungen auf Partys und Rumgevögel trifft er dann nämlich doch eine, mit der alles ganz anders ist. Schwupps sind alle Klugscheißereien, mit denen man vorher alle Leute um sich rum zu Tode genervt hatte, über Bord geworfen. Drüber reden? – ist nicht mehr, sorry. Hab mich jetzt leider doch verliebt, und das mit dir war… weiß ich auch nicht… sorry. Und tschüss.
Die neue Freundin des Poly-Mackers darf dann seine eigentlich nie überwundene Eifersucht dann ausbaden, denn für sie gilt das Poly-Prinzip natürlich nicht.
Fickt euch mal mehrfach und gleichzeitig, ihr Fucker-Mackers!

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