Anita Lane, Nick Cave, Danielle de Picciotto, Tino Hanekamp …

Anita Lane: „Wet hand from the volcano / Sobers your skin / Stranger than kindness“

Anita Lane (w/ Gudrun Gut) – Photo by Danielle de Picciotto for Oceanclub

„I read her diary on her sheets /Scrutinizing every little piece of dirt / Tore out a page and stuffed it inside my shirt / Fled outta the window / And shinning it down the vine / Outta her nightmare / And back into / mine / Mine! O Mine! / From her to eternity / From her to eternity / From her to eternity / Cry! Cry! Cry!“
(aus Nick Cave and the Bad Seeds, „From Her to Eternity“; von Nick Cave/Anita Lange)

Nicht wenige von uns kennen das: man möchte etwas unbedingt machen, aber irgendwie kommt immer etwas anderes dazwischen. Nicht selten geben einem andere dann gute Ratschläge für ein besseres Zeitmanagement. Ratschläge, die man natürlich ignoriert, da einem jeglicher Effizienz-Habitus zuwider ist, selbst dann, wenn man eigentlich genau darauf im Alltag bereits konditioniert ist. Denn schließlich sehnen wir alle uns nach einem Leben jenseits solcher Koordinaten zur Steigerung des eigenen Bruttosozialproduktes. Es muss doch auch anders gehen … zum Beispiel mit einem künstlerisch-romantischen Rückzugsort, an dem man wirklich nur das macht, was man unbedingt machen möchte: ein Atelier, ein Schreibraum, oder irgendwas in der Zwischenwelt, wo die Zeit nur für einen tickt.

Nick Cave hat so einen Raum, er taucht zentral immer wieder in seinen Interviews auf, ausgeschmückt mit seltsamen Ritualen der männlichen Schöpfungsfantasien wie dem regelmäßigen Onanieren unter den Schreibtisch, scheinbar ein besonderes Triggermomentum für Song- und Buch-Ideen, vielleicht aber auch nur eine gute Schote für Gespräche mit männlichen Journalisten (ganz frei von solchen Teenagermomenten ist er ja leider nicht, wohin das im schlimmsten Fall kippen kann, zeigte sich bei seiner Männer-Männer-Band Grinderman). In dem halbfiktionalen Dokufilm „Nick Cave: 20.000 Days on Earth“ darf man ihn sogar in seinen Rückzugsort begleiten, ob es das echte Cave ist oder die filmische Inszenierung dessen, spielt dabei primär keine Rolle, es ist der vibe, der zählt.

Absurderweise habe ich seit einiger Zeit einen solchen Atelierraum mit Schreibtisch, ohne Internet, mit Büchern, viel Sonne und einer guten Cafebude um die Ecke – und dennoch verhinderte der Fluss der anderen Aufträge zulange das Schreiben an diesem Text über das neue Nick Cave Buch „Stranger Than Kindness “ und im Anhang Tino Hanekamp`s Buch „Über Nick Cave“, die beide bei KiWi erschienen sind. Im Kopf geschrieben war er schon länger.
Es sollte in diesem Text – so auch die Intention von „Stranger Than Kindness“ – darum gehen, dass keine Künstler:in allein ihr Werk erschafft, sondern es immer im permanenten Dialog mit anderen Menschen aber auch Büchern, Filmen, Bildern und Musik entsteht. Keine neue Feststellung, aber trotzdem werden diese Mitstreiter:innen und Einflüsse oft nicht nur von der breiteren öffentlichen Wahrnehmung ausradiert oder zu Nebenakteur:innen und -strängen degradiert – obwohl der Einfluss eben nicht selten immens ist.
Es ist die menschliche Neigung zum Überhöhen von einzelnen Menschen, die als Nebeneffekt andere im Schatten verschwindet lässt. Souveräne Künstler:innen wissen um diese Blinden Flecken ihrer Existenz und bemühen sich, diese in Licht aufzulösen. So auch die Intention von „Stranger Than Kindness“, einer Sammlung von Texten, Bildern, Notizen und Erinnerungen von Nick Cave, mit der der Australier, der in den letzten Jahren nochmals einen immensen Karriereschub erlebt hat und zu einer geradezu Messias-artigen Künstlerpersona hochstilisiert wurde, den Blick auf den Kosmos um sich herum lenkt, der ihn geformt hat.

„Stranger than kindness / Bottled light from hotels / Spilling everything / Wet hand from the volcano / Sobers your skin / Stranger than kindness / You caress yourself / And grind my soft cold bones below / Your map of desire
Burned in your slave / Even a fool can come / A strange lit stair / And find a rope hanging there / Stranger than kindness / Keys rain like heaven’s hair / There is no home, there is no bread / We sit at the gate and scratch / The gaunt fruit of passion / Dies in the light…“
(aus Nick Cave and the Bad Seeds, „Stranger than kindness “; von Anita Lange)

Anita Lane, die tragischerweise vor ein paar Tagen und viel zu früh verstorben ist, ist die schwarz-glühende Sonne im Zentrum von „Stranger Than Kindness“; der Buchtitel bezieht sich auf den gleichnamigen großen Hit von Nick Cave & The Bad Seeds, der, die wenigstens werden es wissen, von Anita Lane geschrieben wurde.
Lane und Cave lernten sich an der Kunsthochschule in Melbourne Ende der 1970er Jahre kennen, wurden für eine zeitlang zu einem Paar und zu Comrades fürs Leben. Der Einfluss von Anita Lane auf Nick Cave als Mensch und Künstler kann gar nicht groß genug gelesen werden. Abseits all der Inspirationsstränge (die andere, die das Werk von Cave en Detail genauer kennen, besser dechiffrieren können) schrieben die beiden auch immer wieder Songs zusammen, dunkle Epen, gespeist von Sehnsüchten und Abgründen und nicht selten mit biographischen Hintergründen.

„Dead Joe“ u / Junk-Sculpture turning back to JUNK / Junk-Sculpture turning back to JUNK / Junk-Sculpture turning back to JUNK / ju-ju-ju-ju-junk (…)
(aus Birthday Part, „Dead Joe“; von Anita Lane/Nick Cave )

„Hey-hey-hey-hey / now they put the stink on us / throw us to the sucubus / fed us to the incubus / and brung in the Saprophagus / c’mon and kiss me black / black as the pit in which you found me“
(aus Birthday Part, „Kiss Me Black“; von Anita Lane/Nick Cave )

„This is true oh! this is true it’s true / mister forever said nothing said / I can sing / hit it! make it a dead one / with words like with words like / blood and soldier and mother / o.k. o.k. / I want to I want to sleep before the end / which is most impolite“
(aus Birthday Part, „A Dead Song“; von Anita Lane/Nick Cave )

Mit ihrer Graphic Novelle „Die heitere Kunst der Rebellion“ nimmt uns Kaput-Autorin Daniele De Picciotto mit auf eine Reise in das Berlin der 1980er Jahre, als die Mauer noch die ganze Stadt umrundete und in zwei teilte. Im Zentrum steht dabei nur vordergründig ihr eigener künstlerischer Lebensweg, sondern – ganz ähnlich „Stranger Than Kindness“ – ein sensibles Erzählnarrativ, das die Aufmerksamkeit auf die vielen Stimmen und Personen richten möchte, die unsere kulturellen Biotope so lebendig machen und somit erst die Nährböden für die (herausragenden) Werke jener bestellen, denen größere Aufmerksamkeit zuteil wird. Oft geht es dabei auch um Nick Cave und sein Umfeld, so auch Anita Lane an einer Stelle, nicht zuletzt, da Danielle De Picciotto, eng mit deren Welt verbunden ist – ich hatte mir von Danielle vor einigen Wochen, als dieser Text eigentlich entstehen sollte, auch noch ein Interview mit Anita Lane für ihre „& friends“-Gesprächsreihe auf kaput gewünscht, das aber leider aus bekannten Gründen nicht mehr zustande kam.
Man kann gar nicht oft genug betonen, wie wichtig solche demokratisierenden Erzählansätze sind, um die kulturelle Geschichtsschreibungen nicht in die Falle der großen historischen Wandgemälde treten zu lassen, die selten ein realistisches Bild zu zeichnen vermögen, da es ihnen um Simplifizierung im Geiste selbst definierter Hauptereignisses geht, ein Phänomen, das uns allen nicht fremd ist, der Mensch ordnet und vereinfacht nunmal gerne.

Auch „Über Nick Cave“ von Tino Hanekamp rüttelt an diesen falschen Repräsentationsverhältnissen. In einem früheren Leben war Hanekamp in Hamburg Clubbetreiber (Weltbühne, Uebel & Gefährlich) und Musikjournalist, später veröffentlichte er einen unaufdringlichen und gerade deswegen sehr persönlichen (Liebes)Roman mit dem Titel „Sowas von da“ (KiWi). Mittlerweile lebt er irgendwo auf dem Land in Mexico, von wo aus er sich mit seiner Frau in seinem sehr schön geschriebenen Road-Movie-Buch auf den Weg zu einem Nick Cave Konzert in Mexico City macht. Die Fahrt bietet ihm das ideale Setting für einen endlosen Monolog über den verehrten Cave, stilistisch immer wieder wunderbar gebrochen von den Einwürfen seiner Frau, die ihm – und uns allen – den Spiegel der (männlichen) Heldenkonstruktion und sonstiger Macken vorhält. Das ganze endet schließlich angenehm unaufdringlich im Backstageraum nach dem Konzert, wo die multiplen Perspektiven auf Cave sozusagen bei ihm selbst ankommen.

Anita Lane (w/ Gudrun Gut) – Photo by Danielle de Picciotto for Oceanclub

In den Texten (und nun leider Nachrufen; positive Ausnahme der Taz-Beitrag von Robert Mießner) über Anita Lane (und den Kommentare dazu)  begegnen einem oft Zuschreibungen, wie sie nur Künstlerinnen angeheftet werden: die ätherische Lichtgestalt, das Feen-artige Wesen, diese Person aus einer anderen Welt und natürlich auch die Muse (von Nick Cave). Allesamt eint, dass sich die Sprechenden woanders positionieren: auf der reale Seite des Lebens, dort, wo man die Taktung bestimmt, ja die Realität, wo man weiß, wo es lang geht. 
Was natürlich absoluter Blödsinn ist. Denn das vergangene Jahr hat doch hoffentlich noch der und dem letzten klar gemacht, dass der wirkliche Sinn des Lebens nicht mit Geld, Macht und Stellung verbunden und nicht aus einem Regelwerk ableitbar ist, sondern sich aus zwischenmenschlichen Begegnungen und individuellen Glücksempfindungen speist, aus Freundschaften und für sich gefundenen Momenten der Zufriedenheit. Was man definitiv gar nicht braucht, sind Menschen, die anderen mit Etiketten zukleben und denken sie wüssten den richtigen Weg – als ob es diesen einen Weg gibt, ja geben könnte.

Mein Biologielehrer im Gymnasium hat immer und immer wieder eine Geschichte vom Elefanten im Porzellanladen erzählt, die als Metapher darauf hinauslief, dass man das eigentliche Thema im Blick haben und nicht einen Nebenstrang dazu machen sollte. Ich erspare an dieser Stelle die Details der Geschichte, auch weil ich sie nicht mehr erinnere. Nur soviel: das war natürlich totaler Blödsinn, denn wenn einen das Leben etwas lehrt, dann dass es keine unwichtigen Nebenstränge gibt, genauso wie es keine nur semi bedeutsamen Menschen an der Seite der Ereignisse gibt. Alles ist mit allem verwoben, ein einziger unbegreiflicher Fluss der Dinge zeichnet die Magie des Lebens aus. Davon erzählen uns „Stranger Than Kindness“, „Die heitere Kunst der Rebellion“ und „Über Nick Cave“, und davon berichten in einem aufwühlenden stream of life jene Sorte Songs und Texte, die einen immer wieder zu sich ran ziehen, sie hauchen eben nicht „ich“, sondern „wir“ in unsere Ohren – wir müssen nur genau hinhören.
Zum Beispiel bei der wunderbaren Coverversion des Sister Sledge Songs „Lost in Music“ von Anita Lane, wo sie mit den Worten anderer ihre eigene Welt so passend einzufangen weiß: 
„(…) Have you ever seen / Some people lose everything? / First to go is their mind / Responsibility / To me is a tragedy / I’ll get a job some other time, uh-huh / I want to join a band / And play in front of crazy fans / Yes, I call that temptation / Give me the melody / That’s all that I ever need / The music is my salvation / We’re lost in music / Caught in a trap / No turnin‘ back / We’re lost in music (…)“
(aus Anita Lane „Lost in Music“, von Sisters Sledge)

Enden möchte ich diesen Text, der nun leider ein ganz anderer als ursprünglich intendiert geworden ist, mit den letzten Zeilen des letzten Songs des letzten von Anita Lane veröffentlichten Albums „Sex O`Clock“, mit Zeilen aus „Bella Ciao“, geschrieben von Mick Harvey und ihr.

„Oh Partisan, take me from this place / Oh Bella ciao, bella ciao, bella ciao ciao ciao / Oh Partisan, take me from this place / Because I feel I’m dying here / Ciao Ciao Ciao“

Ciao, Anita Lane.
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In memory of Anita Lane, 18.März 1960-April 2021

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Nick Cave zum Tod von Anita Lane auf The Red Hand Files 

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Nick Cave, „Stranger Than Kindness“, KiWi Verlag

Tino Hanekamp, „Über Nick Cave“, KiWi Verlag

Danielle De Picciotto, „Die heitere Kunst der Rebellion“, Walde + Graf

 

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