Montag, 25.03.2019
Tipp-Ex

Autorenhonorar und Kirmesgeld – Vom Schreiben leben 2018

Unter dem Titel „Für eine Handvoll Zeilengeld“ habe ich auf kaput schon die letzten beiden Jahre kurz vor Silvester immer eine kleine Story-Bilanz gezogen. Eigene Texte besitzen ja stets auch Tagebuchfunktion, selbst wenn sie eigentlich gar nicht so gemeint waren. Dieses Jahr heißt es zwar anders, gemacht habe ich allerdings dasselbe: Ein paar zentrale Storys gesammelt, die für mich die letzten 12 Monate geprägt haben. Mehr Geld verdient habe ich unter’m Strich vermutlich bei Hörfunk (Cosmo), TV (Neo Magazin) oder den fast 40 Termine meiner Lesereise (ganz sicher), aber Hier und Jetzt geht’s um den reinen Text. Warum? Weil ich es so will. To whom it may concern, viel Spaß.

SPIEGELONLINE
„Für Penis-Songs bin ich immer zu haben“

„‘Wichtig ist authentisch sein. Sich auf das besinnen, was man kann.‘ Damit gibt Thomas Anders gleich zu Beginn die Richtung vor – ganz authentisch vorgetragen in dieser ihm so eigenen künstlichen Art.“

Bei SpiegelOnline hege ich ja immer das Vorurteil: „Geil, da wird man zur Abwechslung ja mal richtig gelesen!“ Ob das tatsächlich auch stimmt, wenn man dort über das völlig untergegangene Reboot der Casting-Sendung „X Factor“ schreibt? Naja, ich denke mal, wenn Anja Rützel darüber bloggt, wie Sigmar Gabriel im RTL-Dschungelcamp versagt, da ist schon mehr los als bei mir. Fernschauen und dann darüber lästern ist allerdings auch was wert, wenn es „nur“ gegen, äh, um Thomas Anders, Jennifer Rostock und SIDO geht…
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NOISEY

Wir haben alle 10 Fehler im Samy-Deluxe-Video für Penny gefunden

„Früher warf man sich in der Hood noch ganz normal auf den Boden, wenn ein Auto neben einem langsamer wurde, das Fenster runterging und eine Hand rauskam. Doch im Schöner-Wohnen-HipHop der Zehner wird hier bloß noch gewunken statt geballert.“

Für die Musikabteilung der mindestens halblegendären Styler-Plattform vice.de habe ich auch 2018 wieder ein paar Stories angelegt. An dieser Stelle erwähnt sei der Text zu der unheiligen Kollaboration zwischen Samy Deluxe und Penny Markt. Jener Penny will in Zeiten von Craft-Beer, Handmade-Burgerläden und Stadtteilinitiativen verschleiern, dass er genau die dezentrale, komplett entmenschte Franchisekette ist, die er ist – und die eigentlich so gar nicht in die urbanen Hipster-Viertel passt. Tja, und Samy Deluxe ist sich für gar nichts zu schade – und verscheuert mal wieder etwas von seiner Rest-Credibilität. So entstand ein Musikclip, in dem Rapper Samy den Multi Penny als duften Nachbarn feiert. Die Lächerlichkeit des Unterfangens tropft diesem Video aus jedem Frame.
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DIE ZEIT
Haszcara – Als wäre es nie anders gewesen

„Die wenigen Frau finden sich erstmal in der klassischen Rolle als Alien oder gar Eindringling wieder. Deutlich wird das meist in ganz trivialen Momenten. So erzählt Haszcara, wie sie auf einer Rap-Veranstaltung Backstage plötzlich ihre Tage bekommt, einen Tampon braucht, sich umsieht, um dann festzustellen: ‚Scheiße, du kannst hier niemanden danach fragen.‘“

Die Zeit, ich meine… Die Zeit! Das letzte Hochkultur-Spaßbad vor der Autobahn. Hier zu publizieren, bedeutet natürlich müllwagenweise Fame für den bildungsbürgerlichen Märchenwald, den meine komischen Eltern bewohnen. Dort dann auch noch über die wunderbare Rapperin Haszcara, ihr neues Album „Polaris“ sowie die Austro-Pop-Styler Flut schreiben zu können… ok!
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MUSIKEXPRESS
Die große Schulterpolster-Explosion 1984

„Das West-Berliner Duo stellt die deutsche Antwort auf Acts wie Human League dar. Die Gunst der Stunde ist auf ihrer Seite. Weltruhm einfahren? Doch bloß noch Fingerübung! Aber…

Als ich vor etlichen Jahren nach meinem Abgang bei Intro begann beim Musikexpress zu veröffentlichen, war das natürlich ein Statement. Ich wollte nicht auf ewig „der Typ von Intro“ bleiben, außerdem fühlte sich für mich der Möglichkeitsraum dort nach 13 Jahren Redakteurstätigkeit unsagbar durchgespielt an. Dieses Jahr havarierte allerdings neben den Magazinen Groove und Spex dann auch meine langjährige Ex-Partnerin Intro. Ende, aus, fertig. Der Musikexpress ist für einen bestimmten Sound (in Musik und Text) so plötzlich die letzte Bastion gegen das digitale Nichts (Vergleiche „Die unendliche Geschichte“). Bisschen unheimlich!

Von all den Sachen, die ich dieses Jahr dort geschrieben habe, ist dabei eins eine absolute Heroes-Dämmerung für mich gewesen. Ich habe in dem 80er-Spezial eine Story (inklusive Interview) mit… The Twins geführt. Für viele mag jeglicher Aha-Effekt ausgeblieben sein, für mich ist er aufgeladen wie Elektroschlagstock. Das pastellfarbene Synthie-Pop-Duo hatte in den 80ern unter anderem den Hit „Ballet Dancer“, zu einem Musikexpress-Spezial über dieses Jahrzehnt konnte ich mit Sven Dohrow ein Gespräch führen. Ein kundiger Golf-Spieler, was ja perfekt zum Popperstyle der Band passt. Die veröffentlichte dabei dieses Jahr auch eine Biographie und eine neue Platte. Beides geil. Das sage ich als Fan – und Mensch!


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DER FREITAG
Drangsal „Du musst mich jetzt den Lochis vorstellen!“

„‘Über mein Fan-Foto mit den beiden muss ich immer noch schmunzeln. Ich habe an dem Abend einen rosa Anzug getragen und der Wahnsinn steht mir ins Gesicht geschrieben… Meine Augen gucken in verschiedene Richtungen, mein Mund ist sperrangelweit offen. Aber was soll’s?‘ – Drangsal über seine Begegnung mit den Lochis.“

Im Freitag zu schreiben ist für mich auch so eine Prestigesache. Wobei ich gar nicht mehr verfolgt habe, ist der Verlag überhaupt noch linksradikal? Gab’s darüber nicht letztens noch Diskussionen? Keine Ahnung, ich bewege mich hier wie bei so vielem immer noch auf dem Erkenntnisstand der Weimarer Republik. Eins der verrücktesten Künstlergespräche führte ich dieses Jahr mit Drangsal, für Der Freitag unterhielten wir uns monothematisch über seine Faszination für die YouTube-Zwillinge „Die Lochis“. Hysterisches Fan-Sein als Ventil für die eigene Geisteskrankheit. Ein Umstand, der mir selbst nicht fremd ist…
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Am Flipper mit dem Prof

STADTREVUE
Multiball und Mensa – Unterwegs mit dem Flipperforscher

„In mein kulturpessimistisches Blabla will der Dinghistoriker allerdings nicht einstimmen. Viel mehr gibt er zu bedenken, dass die Geschichte des Flippers eigentlich schon immer über dessen Verschwinden erzählt wird und zitiert den Text eines marxistischen Post-Operaisten, der das Fade-Out der Flipperkultur im Kontext sieht vom Übergang von fordistischen zu post-fordistischen Arbeitsmodellen. Operaismus? Post-fordistische Arbeitsmodelle? Diese Worte dürften vermutlich selten in den unheiligen Hallen des Kölner GIGA-CENTERS fallen.“

Ich weiß es sehr zu schätzen, dass mich die Stadtrevue noch mit Artikeln betraut. Schließlich habe ich 2015 das alternative Kölner Stadtmagazin durch eine Unterlassung, die ein Beitrag von mir heraufbeschwor, etliche tausend Euro gekostet. Krasse Story damals – beziehungsweise „Wieder so eine Sache, bei der man eigentlich Selbstmord begehen müsste“ (Moe Szylak).
Doch no hard feelings und so konnte ich einmal in die Spielhalle gehen mit dem ersten „Flipper-Professor“ in Deutschland. Jener hat seinen Posten ganz neu in Köln bezogen, er lehrt an der Hochschule für Medienkultur „Kulturgeschichte des Flippers“. Wahnsinn, unter anderen Umständen hätte ich dem Mann vermutlich keine Interviewanfrage geschickt sondern das Aufgebot bestellt. Nach dem Gespräch begleitete ich ihn ins „Giga-Center“ nahe dem Rudolfplatz, wir flipperten zusammen, ich schrieb später über unseren Nachmittag. Wenn es nur so wäre, wäre Journalismus wirklich der Traumjob – noch vor Matrazentester oder Orgasmus-Maschine.

SIEGESSÄULE
Zeichen der Zeit

„Für die kleine Bar eines Freundes, dem ‚Ernst‘ in Kreuzberg, denkt sich Elias Hauck was Besonderes aus: Alf-Hörspielkassetten transkribieren und dann mit Freunden auf der Bühne vorlesen. Why not? Nach kürzester Zeit zählt die Facebook-Veranstaltung für das Event mehrere Tausend Teilnehmer. Oops!”

Ich telefonierte lange mit Elias Hauck dieses Jahr. Einmal sogar hochoffziell. Er war im Freibad, weiß ich noch. Der Jahrhundertsommer lief ja. Wir sprachen über Humor, Mary, Gordy, Fips (Assmussen) und natürlich seinen starken Spargelgewächs-Fetisch. Abdruck fand es in der mächtigen Siegessäule. Genau wie meine Stories über unter anderem Cher oder „Homopunk“.
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MUSIKBLOG
Acht Eimer Hühnerherzen – „Liebling, ich habe die Eissorten brutalisiert“

„Hühnerherzen in Eimern, das sind die zu Hunde- und Katzenfutter bestimmten, letzten Überbleibsel von Vögeln, die nie in ihrem Leben geflogen sind und nie auch nur einmal einen Sonnenstrahl gesehen haben. Das ist so ein existenzialistischer, tieftrauriger Gegensatz zu unserer ansonsten doch eher fröhlichen Musik.“

Musikmagazine online. Stimmt, das gab es ja auch noch. Man denke nur an die räudigen Prom-Queens von laut.de, oder gästeliste.de, roteraupe etc. Alles gute Leute.
Auch beim Musikblog aus München. Richtig professioneller Auftritt, zahlt sogar Honorar. Ich fand dennoch einfach keine Zeit, der Einladung nachzukommen, dort mal was zu schreiben. Nee, stimmt gar nicht! Ein Interview habe ich exklusiv für musikblog.de geführt. Ausgesucht hatte ich mir Acht Eimer Hühnerherzen. Jetzt auch auf Platz 1 bei meinen Songcharts, just sayin‘. Das ist so ein Newcomer-Thema, das ich in den „seriösen“ Musikmedien nicht mit einem größeren Beitrag untergebracht hätte. Das wird dort erst mit der nächsten Platte ankommen. Dafür lohnt sich also die Schnelligkeit des Internets, hier konnte ich ein Interview mit dem Kreuzberger Akustik-Powerpop-Trio machen – so lange wie es mir passte. Kleiner Luxus am Rande.
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TITANIC
Vom Fachmann für den Kenner

„Von einem Date letztens im Eis-Salon für alle hörbar zurechtgewiesen worden: ‚Du weißt schon, dass Schlumpfeis nicht die politisch korrekte Bezeichnung ist?‘ Sex war dann später auch nicht so toll.“

Das Schwert des Feminismus und der guten Gags, Paula Irmschler, ist dort dieses Jahr tatsächlich Redakteurin geworden. Ein starkes Signal des Magazins, das dieses Jahrzehnt immer noch geil abliefert, aber eben nicht mehr diese testostoron-only-Clique darstellt wie all die Epochen davor. Satire ist auch ohne die Milliarden des Öffentlich-Rechtlichen möglich. Wo „Neo Magazin Royale“ oder die „heute-show“, alle Posten nur richtig verbuchen müssen, muss die Titanic jeden nicht existenten Cent zweimal umdrehen. Im Felde stehen – finanziert hauptsächlich mit Dosenpfand, Respekt! Das ist Kampf gegen Windmühlen, aber auch oft irgendwie freier und anarchischer als anderes. In der Titanic-Vermischtes-Rubrik „Vom Fachmann für den Kenner“ hatte ich dieses Jahr auch wieder was beigesteuert. Einen Wenig-Zeiler über Schlumpf-Eis und nicht viel mehr. Megamarginal, aber egal. Dabei gewesen!
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KAPUT-MAGAZIN
BEEF! – Wir schlagen Print-Magazine (auf)

„Fazit zu ‚Beef‘? Ist so wie Tindern: War möglicherweise mal interessant, aber bitte nie wieder und jemand soll was dagegen unternehmen!“

Im besten Fall ist das kaput-magazin, das ich mit Thomas Venker neben all dem hier auch noch betreibe, die digitale Popkulturzeitschrift, die ich immer haben wollte: Nerdig, großmäulig, offensiv, diskursiv. Eine Mischung aus BRAVO Girl, Fix & Foxi und der Spex. Ein besonders schönes Format ist dabei die Talkrunde, in der wir mit einem Gast über die aktuelle Ausgabe einer Zeitschrift diskutieren.
Zum Beispiel war Paula Irmschler zu Gast und es ging um die röstaromengetränkte Print-Geisterbahn von „Beef! Männer kochen anders“.
Schreiben ist Krieg und Frieden für mich – ich möchte es nicht missen. Danke allen, die mitlesen und mitreden.

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
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Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
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Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.

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