Niemand ist eine Insel!

Niemand ist eine Insel! Erst recht nicht Journalist:innen auf der Berlinale. Wenn man den Wettbewerb begutachtet, bewegt man sich meist in einem Tross aus ca. 1600 Kolleg:innen – soviel Publikum fasst der Berlinale Palast – von den über 3000 akkreditierten Journalist:innen auf der Berlinale. Da bleibt es nicht aus, dass man untereinander über die Filme spricht, Meinungen austauscht, unterschiedliche Perspektiven teilt und Lücken ergänzt, weil man auf Toilette war, kurz die Augen zugefallen sind oder man früher gehen musste. Man streitet, überzeugt andere oder lässt sich von anderen überzeugen. So ist auch die eigene Wahrnehmung und Meinungsbildung immer in Bewegung. Mal mehr, mal weniger, je nach Film.
Angela Shanelec war mit ihren Filmen schon oft im Wettbewerb zu Gast und spaltet regelmäßig die Meinungen. „Meine Frau weint“ ist ihr neuester Film, der sich im Stil klar den Vorgängern anschließt: Statische Einstellungen prägen die Kamera. Die Darsteller:innen reden fast rezitativ. Hier kommt hinzu, dass fast alle Darsteller:innen kein deutsch sprechen, die Dialoge – oft auch an das Gegenüber gerichtete Monologe – aber auf deutsch sind. Die Deutlichkeit und der Akzent schiebt die Sprache in den Vordergrund, Sprache und das Sprechen wird auch in den Texten Thema. Die Figuren erzählen außerdem von Beziehungen und deren Ende sowie von den ihnen zugrunde liegenden Gefühlen. In wenigen Einstellungen erfasst der Film seine Protagonist:innen – Kindergärtnerinnen, Kranfahrer, Büroangestellte. Eine kleine Tanzszene à la Godards „Außenseiterbande“ („Bande à part“) – so schön wie lustig – befreit die Körper, wenn die Sprache endet.
Der australische Western „Wolfram“ von Warwick Thornton erzählt auf begrenztem Ort und Zeitraum eine Miniatur aus Gewalt und Rache, Geschichte und Zusammenhalt. Atmosphärisch in Brauntönen gehalten mit viel Fliegensummen auf der Tonspur kreist die Geschichte um Kinder, die ihre Eltern suchen und Eltern, die ihre Kinder suchen in einer vom Rassismus und Ausbeutung geprägten Welt. Was geschrieben spannend klingt, verliert sich auf der Leinwand in Deutlichkeit und der immer gleichen Grundidee – sowohl erzählerisch als auch ästhetisch. Wären da nicht die brutalen Szenen, fühlte man sich in einem Kinderfilm..
„Queen at Sea“ von Lance Hammer mit Juliette Binoche, Tom Courtenay, Anna Calder-Marshall und dem Jungstar Florence Hunt ist ein absoluter Höhepunkt des bisherigen Wettbewerbs: Leslie, die Mutter von Amanda (Binoche), ist dement. Ihr Mann Martin, Amandas Stiefvater, kümmert sich liebevoll um sie. Als Amanda zum wiederholten Male mitbekommt, dass Martin Sex mit seiner Frau hat, von dem man nicht sicher sagen kann, ob er einvernehmlich ist, ist sie so verzweifelt, dass sie die Polizei verständigt – und damit einen bürokratischen Prozess in Gang bringt, der ihr zunehmend leid tut. „Queen at Sea“ ist ein intensives Drama, das sein Thema immer wieder von verschiedenen Seiten neu ausleuchtet. Dabei ist die Inszenierung so realistisch wie sensibel, wie es das Thema hoffen lässt. Alle vier Hauptdarsteller:innen leisten Großes (die Nebenrollen der Repräsentanten der Bürokratie wurden nicht minder geglückt mit Laien aus diesen Bereichen besetzt), und der Film schafft es bis zum Schluss, die Balance zu halten zwischen Anteilnahme und unprätentiöser Sachlichkeit. Sogar die Klaviermusik, die sich mitunter etwas kitschig über die Bilder legt, ist aus der Story hergeleitet. Das Ende des Films ist mit seiner radikalen Parallelmontage ein Meisterstück.
Der japanische Beitrag „A New Dawn“ lässt mich etwas ratlos zurück. Animes von Altmeister Hayao Miyazaki oder des jüngeren Makoto Shinkai sind häufig epische Dramen, die eine gewisse Spiellänge für sich beanspruchen. Yoshitoshi Shinomiya, der bei Shinkais „Your Name“ als Animationszeichner mitgearbeitet hat, braucht für „A New Dawn“ hingegen nicht mal 80 Minuten. Das führt aber auch dazu, dass man hier im Sekundentakt Backstories, Zeitsprünge, Coming-of-Age-Dramen und Action rund um eine Feuerwerksfabrik, die geschlossen werden soll, um die Ohren gehauen kriegt (inklusive fotografischer Stop-Motion, die sich in das bunte Spektakel eingeschlichen hat). Wahrscheinlich können Anime-Fans die Details besser dechiffrieren, die meisten Kolleg:innen fühlten sich aber wie ich im Schleudergang ….
Regisseurin Natalie Erika James hat etwas Pech, dass ihrem Body-Horror „Saccharine“ „The Substance“ zuvorgekommen ist – so kommt man aus dem Vergleichen kaum raus.
Medizinstudentin Hanna (Midori Francis) trifft eine alte College-Freundin, die dramatisch abgenommen hat und sich vom Mobbing-Opfer zur Schönheit entwickelt hat. Sie empfiehlt ihr Pillen. Die sind allerdings so teuer, dass Hanna schnell eine Laboranalyse macht, um sie nachzubauen. Die Pille besteht zu ihrer Überraschung aus menschlicher Asche. Menschliche Überreste sind in der Anatomie ihrer Uni schnell gefunden und verbrannt, so dass die Selbsttherapie beginnen kann. Und es funktioniert! Kleiner Nebeneffekt: Der Geist der Leiche aus dem Anatomiekurs taucht auf und hat unglaublichen Hunger. Und er wird nur gestillt, wenn Hanna frisst. Obwohl sie das nun andauernd macht, um den Geist unter Kontrolle zu halten, nimmt sie weiter dramatisch ab. Bulimie als Body-Horror zu erzählen ist eine spannende Idee, die auch gut in diesem Film aufgeht. Alleine zum Schluss scheint der Film nicht mehr genau zu wissen, wie da rauskommen und setzt eine fette, aber etwas arg gesuchte Pointe.
Der dritte deutsche Wettbewerbsbeitrag „Etwas ganz besonderes“ von Eva Trobisch erzählt in loser Dramaturgie von einer Familie in der Thüringer Provinz: Im Zentrum steht die 16-Jährige Lea, die sich bei einer Castingshow beworben hat. Ihre Eltern haben sich getrennt. Die Mutter ist Schwanger mit ihrem neuen Freund, der Leas Schuldirektor ist. Leas Vater hat eine Affäre mit einer Mitarbeiterin in der Pension seiner Eltern, die nicht sonderlich gut läuft. Leas Tante, die das örtliche Museum leitet, ist Leas größte Bezugsperson. Am Ende ist aber gar nicht so klar, wer hier die Hauptfigur ist, und auch nicht, was das Hauptthema ist. Trobisch fängt ganz unprätentiös das Leben in all seinen Details ein, ohne dass der Film ein konkretes Thema hätte. Es sind eher viele verschiedene Themenstränge wie das Ost-West-Verhältnis in Deutschland, Familienkonstellationen, Selbstfindung, Enttäuschungen und wie man damit umgeht, die den Film durchwehen. Auf jeden Fall ein weiteres Highlight des Festivals.
„The Loneliest Man in Town“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel begleitet einen alleinstehenden älteren Herren bei einer schwierigen Entscheidung. Alois Koch beziehungsweise Al Cook spielt hier fußend auf seiner eigenen Lebensgeschichte vor allem sich selbst: Ein Leben lang Bluesfan und umgeben von allerlei Memorabilia zum Thema, muss er sich seiner Vergangenheit und seiner Zukunft stellen, als die Kündigung der Wohnung droht. Der Name Kaurismäki ist schneller gedropt als das Regie-Duo „Action!“ sagen kann. Aber darauf verkürzen darf man dieses minimalistisch-lakonische Werk um einen alternden Blues-Fan, den eine Investment-Firma als letzten Mieter aus seiner Wohnung ekeln will, nicht. Ob dies ein dokumentarischer Spielfilm oder ein fiktionalisierter Dokumentarfilm ist – da sind sich auf der Pressekonferenz nicht mal Tizza Covi und Rainer Frimmel einig. Das tut der Qualität der präzisen Beobachtung aber keinen Abbruch.
„Soumsoum, the Night of the Stars“ fokussiert ebenfalls auf eine junge Frau. Der Beitrag aus dem Tschad begleitet die 17-jährige Kellou durch ihr Dorfleben im Tschad. Sie lebt hier mit Vater, Stiefmutter und neugeborener Halbschwester in einfachen Verhältnissen. Zu der Aussenseiterin Aja fühlt sie sich hingezogen, nicht erst seit sie erschreckende Visionen sowohl aus der Vergangenheit als auch der Zukunft plagen. Aja erklärt ihr, bevor sie stirbt, dass sie einen Auftrag hat. Der Film wirft eine feministische Perspektive auf diese Gesellschaft, in der die Frau nicht sonderlich viel Wert ist. Allerdings schafft er es nicht, seine Geschichte zu transportieren. Die erste Hälfte funktioniert noch halbewegs gut, aber wenn Kellou loszieht, um ihren Auftrag zu erfüllen, ist dies lediglich eine Aneinanderreihung exotischer Schauplätze, die handlungserläuternden Elemente werden bloß als Off-Texte der bereits toten Aja nachgereicht. Der Film stiehlt sich aus seiner eigenen Handlung …
„Der Heimatlose“, das Debüt von Kai Stänicke, läuft in der Reihe Perspectives. Die ästhetische Prämisse erinnert an „Dogville“ und „Manderlay“ von Lars von Tier: Ein kleines Dorf auf einer norddeutschen Insel wird im Film mit wenigen Hütten angedeutet, die zwar eine Vorderfront und auch Innenräume haben, die Vorderfront ist aber die einzige Hauswand, in die anderen Richtungen ist die Kulisse offen. Der Unterschied zu den genannten Filmen von Lars von Trier: Die Kulissen stehen draußen in einer echten Dünenlandschaft. In einer nicht näher datierten Vergangenheit erzählt die Story von Hein, der 14 Jahre fort war und nun heimkehrt. Aber niemand erkennt ihn. Man bringt ihm im Gegenteil großes Mißtrauen entgegen. Eine dreitägige Gerichtsverhandlung soll klären, ob Hein identisch ist mit demjenigen, den die Dorfbewohner einst kannten. Erinnerungsarbeit soll dabei helfen. Stänickes Prämisse geht dank der guten DarstellerInnen und der präzise ausgearbeiteten Geschichte sehr gut auf und entfaltet ein Drama rund um Identität, Selbst- und Fremdwahrnehmung.
„Yo, Love is a Rebellious Bird“ ist der einzige Dokumentarfilm im Wettbewerb des Festivals. Das Lebens- und Regiepaar Anna Fitch und Banker White erzählt in dem Film von dem unkonventionellen Leben von Annas Freundin Yo. Anna hatte mit 24 Jahren die damals 73-Jährige kennengelernt und war von ihrem selbstbestimmten Leben fasziniert. Deren Tod verarbeitet sie mit diesem Film, in dem sie gefilmtes Material mit Yo und ihre Arbeit an einem Modell von Yos Haus und Yo selber im Maßstab 1:3 baut. Eine ungewöhnliche Form, die den Tot betrauert, aber auch das Leben feiert, so wie es Yo Anna vorgelebt hat.
In „Josephine“ steht ein 8-jähriges Mädchen im Zentrum, das mit ihrem Vater in einem Park eine Vergewaltigung mitansehen muss. Das traumatische Erlebnis wird nicht psychologisch aufgearbeitet, weil der Vater entgegen des Wunsches der Mutter eine Selbstverteidigungskurs sinnvoller findet. Auch von Seiten der Polizei folgt kaum eine psychologische Betreuung, obwohl Josephine in dem Prozess gegen den Täter aussagen soll. Das ist so unverständlich, das es schwer fällt, die weitere Handlung mit Josephines aufkommender Aggression vor allem gegen Jungs bis hin zur Attacke auf ihr noch ungeborenes Brüderchen nachzuvollziehen.
Die Pressekonferenz zu „Josephine“ war die letzte des Wettbewerbs, prominent besetzt mit Hauptdarsteller Channing Tatum, der gar nicht mal so anders rüber kam als seine Rolle als eher aufs körperliche abonnierte Familienvater.

Die Pressekonferenz zu „Josephine“
Mit 9 Tage, 21 Filme und über 50 Kilometer Fußmarsch liegt eine aufregende Filmwoche hinter mir, die nur durch die Erschwerte Teilnahme an den anderen Sektionen – weit entfernte Kinos, ausverkaufte Tickets, keine Pressevorführungen – getrübt war.
Einen Abend später folgte die offizielle Preisverleihung im Berlinale Palast. Über die Bären kann nun wie immer genauso heftig diskutiert werden wie über die Wettbewerbsbeiträge an sich. Eins war um 20 Uhr aber sicher: Ich hatte wie schon im letzten Jahr ausgerechnet den Gewinner des Goldenen Bären nicht sehen können: „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak („Das Lehrerzimmer“)! Was für ein Glück, dass schon am Montag die reguläre Pressevorführung zum Film stattfindet und meine ganz persönliche Berlinale in die Verlängerung geht.








