Dienstag, 20.11.2018
Die konservative Reconquista

Friedrich Merz ist back. Hoppla, hier kommt die CDU!

Lange hat Friedrich Merz im Off beziehungsweise Konzernvorständen warten müssen, aber nun scheint die Zeit des einstigen Merkel-Antagonisten doch gekommen zu sein. Es liegt in der Luft, dass das vermeintlich sozialdemokratische Flair der merkel’schen Regentschaft nun endlich wieder stramm konservativ konterkariert werden möge. Das glauben zumindest etliche reichweitenstarke Multiplikatoren mit ähnlichen Präferenzen.
Ein Kommentar von ANDREJ REISIN.

Dass denjenigen, die glauben, die Zukunft der Union liege in einer konservativen Reconquista, niemand anderes einfällt als jemand, der vor 14 Jahren die Bühne der großen Politik verlassen hat – Hand aufs Herz: Was sagt das über die Zukunftsfähigkeit dieser Kreise? Als Merkel Kohl ablöste war sie 44 und verkörperte als erfolgreiche Ministerin und ostdeutsche Frau einen glaubwürdigen Neuanfang. Friedrich Merz ist 63 und verkörpert was?

Digitalisierung, Energiewende, Überalterung vs. Einwanderung, gesellschaftliche Multiframgentierung, bezahlbare Größstädte … alles Leib-und-Magen-Themen von Mr. Leitkultur. Just kidding. Stattdessen: Deregulierung, Sozialstaats-“Verschlankung” und ein bisschen Heim ans wärmende nationale Kaminfeuer im Sauerland-Fachwerk. Ich glaube gerne, dass das in sehr strukturkonservativen westdeutschen Gegenden wie ebenda oder im Landkreis Fulda oder Deggendorf seine Wähler findet, aber Deutschland insgesamt ist eben nicht Österreich.

In den frühen Nullerjahren gelang es der Union trotz des Vorhandenseins von zahlreichen Figuren a la Merz, trotz einer Kandidatur von Edmund Stoiber nicht, bundesweit mehrheitsfähig zu sein. Nun sind wir demografisch (Großstadt-Wachstum = schwieriges Terrain für Strukturkonservative) noch einmal 15 Jahre weiter, selbst in BaWü reagiert mittlerweile ein grüner MP recht erfolgreich. Und rechts davon hat sich die AfD nun einmal fürs erste etabliert.

Und welchen AfD-Wähler sollen nach 2008ff. Versprechen aus der neoliberalen Mottenkiste der Berliner Republik der 90er bitte zurück zur CDU holen? Vor allem natürlich, wo der ostdeutsche Flügel der blauen Partei die “Alternative” eines völkischen Wohlfahrtsstaats verspricht. Srsly, der Mann hat nicht nur in westdeutschen Großstädten wenig Chancen – in ganz Ostdeutschland erst Recht nicht. Aus jeder Faser spricht bei Merz das westdeutsche Establishment. Mehr Wessi geht nicht. Da wäre umgekehrt der Kümmerer Kretschmer im Westen noch vermittelbarer. Das einzige Lager, in dem ein Friedrich Merz wildern wird, ist das der Lindner-FDP.

Wenn die CDU sich wirklich von einem Kreis von neokonservatismusgeilen Hauptstadt-Journos zu dieser Wahl ermuntern lässt, halte ich jede Wette, dass es bundesweit weiter nach unten geht.
Text: Andrej Reisin

 

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