Hombroich: Raketenfestival – Interview mit Miki Yui & Stefan Schneider

„Die Zeit geben, sich dem Ort zu widmen und nicht ein Event zu konstruieren“

Decha (Photo: Markus Luigs)

 

Am 28. und 29. Mai findet auf der Raketenstation Hombroich erstmals das Hombroich: Raketenfestival statt, kuratiert und organisiert von den Düsseldorfer Musiker:innen Miki Yui und Stefan Schneider. Im Vorfeld haben die beiden ein paar Fragen zur künstlerischen Konzeption und dem Lineup des Festivals beantwortet. 

 

Miki, Stefan, wie kam es zur Idee zum Hombroich: Raketenfestival?

Stefan Schneider: Wir wurden vor circa anderthalb Jahren von Katharina Hinsberg, einer Künstlerin, die auf der Raketenstation lebt, angesprochen. Neben dem seit Jahren bestehenden Insel-Festival, das sehr klar der Neuen Musik verschrieben ist, gab es den Wunsch nach einem neuen Festivalformat auf der Raketenstation, welches ein möglichst weites Spektrum der zeitgenössischen Elektronik und Experimentelle Musik Platz gibt.

Miki Yui: Wir sind dann offiziell vom Verein zur Förderung des Kunst und Kulturraumes Hombroich eingeladen worden und haben also ein Programm speziell für diesen inspirierenden Ort entwickelt und dem Förderverein vorgestellt, – unser Vorschlag bekam sehr gute Resonanz.

Wie hat man sich Eure kuratorische Zusammenarbeit vorzustellen? Habt ihr jeder individuell künstlerische Positionen eingebracht oder ist das gesamte Programm im Dialog entstanden? Und erläutert doch den Auswahlprozess ein bisschen.

Stefan Schneider: Das Programm ist sehr schnell und sehr dialogisch entstanden. Da wir ein klares Konzept hatten, haben sich die Namen der beteiligten Künstler:innen fast von selbst ergeben. Wir wollten das Gelände der Raketenstation so nutzen, wie man es üblicherweise vorfindet, dazu gehören die Architektur, die Gärten, Wiesen und die Geschichte des Ortes. Wir wollten den Ort, mit allen Möglichkeiten und Einschränkungen annehmen wie er ist und ihn nicht in eine Festival Location umbauen. Durch die Bandbreite der Musiker:innen wollten wir zum Beispiel unterschiedliche Generationen zum Festival einladen. Dazu gibt es noch Radio-Workshops für Kinder oder die Zusammenarbeit mit einem Laienchor aus Neuss. Das Programm gemeinsam zu entwerfen war der schönste und leichteste Teil der Sache. Danach fing die Arbeit dann leider richtig an.

Miki Yui: Wir wollen das Konzept der Raketenstation – sie ist ein Ort für den „offenen Versuch“ mit Musik und Kunst zu neuen Lebensformen zu finden – durch das Festival verstärken.Wir haben Künstler:innen ausgesucht, die mit allem (Publikum, Raum, Situation) eine Wechselwirkung erzeugt.

Akio Suzuki


Auffällig ist, dass ihr beide nicht selbst auftretet. Warum?

Stefan Schneider: Hatten wir gar nicht dran gedacht. Wir wollten eher den Leuten Platz geben, die man hier noch nie live gesehen hat. Oder zumindest nicht in dieser Kombination.

Miki Yui: Wir sind nicht nur Kuratoren, sondern auch Organisatoren. Wir koordinieren und besorgen fast alles, was das Festival braucht, so gibt es keine Zeit selber aufzutreten.


Könnt ihr mir zu jedem Programmpunkt sagen, was wir an der jeweiligen Künstler:in besonders schätzt?

Stefan Schneider:

Oskar Gottlieb Blarr ist eine sehr wichtige Person in der reichen Geschichte der Düsseldorfer Elektronik. Seltsamerweise wird seine Rolle dahingehend aber sehr selten erwähnt. Er hat zum Beispiel 1970 die ersten beiden Alben von KLUSTER (Moebius, Roedelius, Schnitzler) veröffentlicht. Als Komponist arbeitet er an der Schnittstelle von Geräuschmusik, sakraler Komposition und Neuer Musik.

Natascha Sadr Haghighian und ich kennen uns seit 1994. Sie hat damals to rococo rot zusammen gebracht. In ihrem Club Mutzek hat sie Anfang 95 Kreidler eingeladen. Das war eines unser ersten Konzerte in Berlin. Dort haben wir dann Robert und Ronald Lippok kennen gelernt. 2012 haben Miki und ich dann ihre tolle Arbeit auf der Documenta gehört.

Ich weiß, dass Jan Schulte eine große Liebe zur Natur hat. Ab und zu begegneten wir uns zufällig im Volksgarten um Amphibien zu beobachten. Wir sind quasi Hobby-Herpetologen. So kam uns die Idee zu einem Konzert im Garten der Raketenstation. Er wollte zunächst auf einem Baum sitzend spielen. Leider sind die Bäume auf der Raketenstation dafür nicht zugelassen.

Mit Sofia Jernberg habe ich schon öfter zusammen gespielt. Es gibt auch ein gemeinsames Album (radius walk von 2017 auf Bureau-b) von uns mit Sven Kacirek. Unsere Konzerte begannen immer mit einem kurzen Solo von Sofia. Das war so wunderbar, dass wir sie hier zu einem ganzen Solokonzert eingeladen haben.

Susanna Gartmayer aus Wien, habe ich 2015 durch ihre erste LP kennen gelernt und daraufhin zum Approximation Festival in den Salon des Amateurs eingeladen. Im Frühjahr haben wir gemeinsames Album unter dem Namen So Sner veröffentlicht. Im März haben wir sie für zwei Wochen auf der Raketenstation zu einem Kompositionsauftrag eingeladen. Beim Festival präsentiert sie dann die Stücke von diesem Aufenthalt.

A Rocket in Dub ist ein Projekt von Stefan Schwander, mit wir beide gut befreundet sind. Er ist eine der produktivsten Erscheinungen der Düsseldorfer Elektronikszene und seit Jahrzehnten international kontinuierlich erfolgreich. Er musste einfach dabei sein.

Mit Barbara Morgenstern verbindet mich auch eine sehr lange Freundschaft. Seit über 15 Jahren ist sie in Berlin die Leiterin des Chor am Haus der Kulturen der Welt. Wir wollten sie gerne mit einem Chor aus Neuss zusammenbringen, um das Eröffnungskonzert zu gestalten.

Rolf Julius (Photo: ©estaterolfjulius)


Miki Yui:

Wir präsentieren eine Bandbreite von Musik, die sich immer weiter entwickelt – in verschiedene Richtungen. Ein gutes Beispiel ist die Musik was Oskar Gottlieb Blarr, sein „Meteoren“ (aus dem Jahr 1968) ist auch ein Nährboden für die aktuelle Musik von Jan Schulte, DECHA, O YAMA O, Katharina Hinsberg, oder Rocket in Dub. Wir präsentieren verschiedeneMusikansätze; diese zeigen unsere multi-layered Wahrnehmung der Welt. Die Prozesse, in der Musik und der Kunst ablaufen, sind  dabei auch wichtige Aspekt in unserem Programm, zum Beispiel durch Performance von Akio Suzuki, der mit seinen selbst gebaute Instrumenten Räume akustisch verwandelt und mit uns zusammen das Gelände erkundet, oder durch die Klanginstallation von Rolf Julius, die aus mehreren kleineren Werke besteht und den Raum zu einem wunderbaren Kosmos transformiert.

Das Festival will verschiedenen Sinne ansprechen, so präsentiert der Künstler Arpad Dobriban eine essbare Botschaft (150 Stück  pro Tag, kostenlos), teilweise mit Pflanzen aus der Raketenstation hergestellt. Ein Georgische Bar sorgt für gute Stimmung mit Georgischen Wein und Naturwein. Gegenüber ist die Internet Radio Station „Callshop Radio“, die ein auf das Festival zugeschnittenes Programm vor Ort und Online hörbar machen wird.

O YAMA O (Photo: Mike Camero)


Wie wichtig ist der spezielle Ort der Raketenstation für das Festival?

Stefan Schneider: Die vielfältige Erscheinung des Ortes sollte maximale Präsenz bekommen. Wir haben die Liveacts auch sehr stark mit dem Ort zusammen gedacht. Alle Livesets finden nacheinander statt und nicht gleichzeitig um so auch Zeit zu geben, sich dem Ort zu widmen und nicht ein Event zu konstruieren.

Durch den Ort fühlt sich Euer Programm sofort als mehr als Musik an, da man die spezielle Architektur und die Natur mitdenkt. Ist das für Euch ein zentraler Bestandteil Eurer Programmierung?

Stefan Schneider: Der Ort hat ja eine Geschichte, die bis in den Kalten Krieg reicht beziehungsweise Bestandteil davon war. Die militärische Vergangenheit hat durch den Krieg in der Ukraine und die Aufrüstungsdebatten hier, eine eigenartige Aktualität bekommen. Dennoch steht der Ort klar für die Umnutzung von militärischem Gelände für kulturelle Zwecke. Karl Heinrich Müller, der Gründer der Raketenstation, sah in dem Ort eine Möglichkeit um neue Lebensformen auszuprobieren. Das klang für uns nicht naiv sondern wir mochten den Gedanken, von einem solchen Ort so etwas zu fordern.

Das Festival ist umsonst. Ist Euch das im ersten halbwegs Post-Pandemie-Sommer ein wichtiges soziales Signal?

Stefan Schneider: Das war eine der wenigen Vorgaben von der Stiftung. Es gibt keine Eintritt bei Inselfestival.

Miki Yui: Ein nichtkommerzielle Festival besitzt ein großes Potenzial, weil es viel Raum schafft für Experimente und Entdeckungsfreude – für die Besucher:innen und die Akteure. Wir freuen uns sehr und sind selber gespannt, wie viel Leute kommen und gemeinsam dieses einzigartige Festival gestalten werden.

Hombroich: Raketenfestival

 

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