Statt Egotronic-Konzert

„Stockkampf und Notaufnahme“ – Torsun Burkhardt über seine Zeit in Quarantäne

Aktuell würde Torsun Burkhardt mit seiner Band Egotronic durch Deutschland touren, um das Album „Ihr seid doch auch nicht besser“ auf die Bühne zu bringen. Osnabrück und Freiburg stünden gerade an – und dann käme natürlich schon der Festivalsommer. In echt hockt Torsun allerdings wie die meisten von uns daheim. Aufgrund einer (dieser Tage fast schon eine Art Kampfbegriff) „Vorerkrankung“ hütet er sogar durchgehend das Haus. Doch kein Grund für Inaktivität. Im Gespräch mit Linus Volkmann erfahren wir von Stockkampf-Tutorials, Notaufnahme, neuen Songs und dem „Quranatäne-Männchen“.

Torsun, spätestens seit dem Stück „Kriegserklärung“ kann man wissen, dass dich gesundheitliche Probleme plagen. Gegen eine Autoimmunkrankheit nimmst du Immunsuppressiva – und bist damit aktuell Risikogruppe. Stimmt das so?
TORSUN BURKHARDT Genau. Ich habe rheumatoide Arthritis, weswegen ich Immunsuppressiva nehmen muss. Dazu kommt noch Kortison, das wiederum bei mir über die Zeit Diabetes ausgelöst hat. Dementsprechend bin ich, was Risikogruppen bezüglich Corona betrifft, sogar doppelt angeschissen.

Du hast dich zu Anfang der Maßnahmen – auf Facebook nachzulesen – für eine häusliche Quarantäne entschieden. Mit welchen Vorstellungen bist du in dieses „Projekt“ reingegangen?
Ich hatte und habe ehrlich gesagt keine wirkliche Vorstellung, was mich erwartet(e) und wie lange ich den Rückzug in die eigenen vier Wände aufrechterhalten kann und will. Ich weiß lediglich: Noch geht es, also belass ich das vorerst auch so.

Wie hast du die letzten circa fünf Wochen dann erlebt? War es so wie gedacht? Was fällt schwer, was leicht?
Mittlerweile bin ich sechs Wochen oder länger drinnen, da ich sicherheitshalber, schon bevor der im europäischen Vergleich relativ milde „Lockdown“ beschlossen wurde, zuhause blieb. Ich hab ungelogen den Überblick verloren, wie lange genau. Die Zeit verging bisher aber gefühlt relativ schnell, da meine Liebste meist an meiner Seite ist und ich hier glücklicherweise ein minimalistisches Setup zum Musik Aufnehmen und eine Menge Streaming-Dienste im Abo habe. Das einzig wirklich Schlimme ist, dass ich nicht mit meiner Band, der ganzen Tourbagage und meinem besten Freund rumhängen kann. Das vermisse ich arg. Mit meinem besten Freund skype ich zumindest regelmäßig, um diesen harten Schnitt wenigstens ein kleines Bisschen abzumildern.

Hattest du mal einen Lagerkoller? Außerdem hattest Du einmal von einer Fahrt in die Notaufnahme geschrieben.
Es gibt immer mal wieder Tage, an denen ich richtig durchhänge, aber im Großen und Ganzen verkrafte ich die Situation erstaunlich gut, was daran liegen könnte, dass ich auch im Normalzustand nicht mehr allzu oft ausgehe. Es hat sich sozusagen im Alltag nicht unbedingt viel geändert.
Und ja, mein einziger Ausflug nach draußen war in der jetzigen Phase in der Tat eine Fahrt mit dem Krankenwagen in die nächstgelegene Notaufnahme. Ich erwachte morgens mit üblen Erkältungssymptomen, und da meine Liebste regelmäßig zur Arbeit muss und deshalb hin und wieder doch anderen Menschen begegnet, rief ich einen sehr guten Freund an, der Arzt ist, und fragte um Rat. Er empfahl mir, meiner Vorerkrankungen wegen, keine Experimente zu machen. Der von mir verständigte Notdienst sah das genauso und holte mich zum Corona-Test ab, der dann zum Glück negativ ausfiel.

Quarantäne als neoliberale Selbstverbesserung: Hast Du Bücher gelesen, Songs geschrieben, Fremdsprachen gelernt in der Zeit?
Für ‚ne neue Egotronic-Doppelsingle würde es schon reichen. Da es dank Internet möglich ist, Files zur Bearbeitung hin und herzuschicken, werden wir die Songs perspektivisch sogar schon in guter Aufnahmequalität haben. Ich bin selbst gespannt, wie viele Songs am Ende zustande kommen.
Ansonsten: Ich hatte kurz vor der Isolation begonnen, Stockkampf zu trainieren und da ich zuhause fast täglich ein wenig übe, sind meine Skills mittlerweile echt ganz gut geworden. Ich hab den perfekten Youtube-Channel zum Thema gefunden, auf dem massenhaft gute Clips mit Drills zu finden sind. Der hat mir das Training zuhause erst richtig möglich gemacht und meinen Ehrgeiz geweckt. Und eins steht jetzt schon fest: Sollte sich die Pandemie doch noch zu einer Zombie-Apokalypse entwickeln, bin ich ausgezeichnet vorbereitet, da die Stocktechniken auch 1a mit Macheten funktionieren dürften.

An welchem Output der Unterhaltungsindustrie bist du vornehmlich hängengeblieben?
Eindeutig an Serien. Pünktlich zur Quarantäne brachte Netflix „Community“ an den Start. Hatte ich lange nicht mehr gesehen und mich extrem daran erfreut, aber auch so True-Crime Sachen, wie z.B. die Geschichte des UNA-Bombers haben mich gefesselt. Jedenfalls sind Serien perfekt für die Situation.

Es hätte auch Live-Shows gegeben von Egotronic – wie hart trifft dich die Nummer wirtschaftlich, konntest du das kompensieren mit den staatlichen Hilfen?
Das ist schon richtig beschissen. Durch den Ausfall der Tour und des Festivalsommers fallen logischerweise sämtliche Gagen weg, was uns durchaus sehr, sehr hart trifft. Dank Hilfe, GEMA und einer Nebenbeschäftigung in Heimarbeit müsste ich aber hoffentlich zumindest bis zum Winter kommen. Akut bin ich jedenfalls die Existenz betreffend nicht mehr im Panikmodus. Jetzt heißt es hoffen, dass alsbald ein Impfstoff entwickelt wird und dass die Clubs, Labels und Booking-Agenturen die ganze Scheiße Zeit überleben.

Was nimmst du mit aus deinem Projekt „Quarantäne-Männchen“, in dem du täglich ein Kapitel aus deinem Buch vorgelesen hast. Wurde es schnell Pflicht oder war es immer Riesenspaß?
Zwei bis Drei Male war es wirklich nervig. Ansonsten hatte ich durchgängig Freude daran. Das war gerade in der frühen Phase der Isolation so etwas wie ein täglicher Anker. Die einzige Konstante. Trotzdem bin ich auch ein wenig froh, nicht mehr täglich auf der Matte stehen zu müssen. Ich mach zwar nach wie vor kleinere Projekte, aber nur noch in loser Reihenfolge. Nicht mehr täglich zu festen Zeiten.
Mein aktueller Plan ist Folgender: Ich komponiere einen Songschnipsel und drehe dazu einen kurzen Clip. Den poste ich mit der Frage, ob ich Song und Musikvideo wirklich finishen soll, also „Gefahr oder Chance?“, in die sozialen Medien. Wenn die Mehrzahl der Skizze positiv gesonnen ist, produziere ich das ganze Paket in ein paar Tagen fertig und release. Das Projekt nenne ich „Musik für zuhause“. Erster Clip (Songtitel: „Couch“) ging vor paar Tagen online und wurde gewählt. Deshalb weiß ich, was ich bis Sonntag zu tun habe, denn dann soll das Musikvideo präsentiert werden. Das Arrangement des Songs hab ich heute schon mal so gut wie fertiggestellt. Morgen wird gefilmt und geschnitten.

Gepostet von Jackie Sunderbeck am Mittwoch, 18. März 2020

Du hast dich an diversen Online-Diskussionen beteiligt – wie solidarisch bzw unsolidarisch empfindest du die Gesellschaft in dieser Zeit gerade?
Das ist ein wirklich Komplexes Thema. Viel zu facettenreich, um in einer schnellen Antwort abgehandelt zu werden, und da ich mich nicht in Rage schreiben will, zähle ich mal lediglich zwei mich persönlich betreffende Punkte zum Thema auf .
Positiv:
Ich bin begeistert, wie viele Leute sich direkt anboten, Einkäufe zu übernehmen, damit meine Liebste und ich diese Risikokontakte zur Außenwelt vermeiden können. Das ist wirklich großartig und ich bin extrem dankbar dafür.
Negativ:
Viele Leute scheinen noch immer nicht begriffen zu haben, wie gefährlich dieses scheiß Virus ist. Selbst in meiner Bubble wurde und wird teilweise immer noch massiv verharmlost, dabei bin ich sonst mit meiner Social-Media-Blase eigentlich ganz zufrieden.

Wie siehst du die Zukunft – meinst Du, es bleibt was hängen von dieser Zeit oder ist es eher eine recht dramatische Episode, auf die man nächsten Jahr nur noch als gruselige Anekdote schaut?
Solange es keinen Impfstoff gibt, ist diese „Episode“ leider nicht vorbei. Deshalb ist davon auszugehen, dass uns das noch eine ganze Weile beschäftigen und auf Trapp halten wird. Des weiteren ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen beizeiten wieder zum Glaubensbekenntnis, dass der Markt schon alles regele, zurückkehren werden, extrem hoch, und man muss kein Prophet sein, um zu wissen, wer am Ende den Gürtel wieder wird enger schnallen müssen, weshalb sich mein Optimismus in sehr engen Grenzen hält. Das heißt aber nicht, dass man den Versuch aufgeben soll, eine bessere Gesellschaft noch zu Lebzeiten zu erreichen.

Danke Dir, Torsun.

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