Das Interview: Stresz mit Grund

„Scheiß auf Jubiläen“ – 20 Jahre Egotronic

„Ich war entweder dicht oder am Arbeiten“ – sagt Torsten Burkhardt alias Torsun an einer Stelle des Gesprächs. Denn bei allem Lob der Faulheit: In der Historie seines Projekts Egotronic hat Torsun sich nie geschont. Keine halben Sachen, möglichst keine halben Pillen. In wechselnder Besetzung durchlief sein Act diverse Stadien: Vom Sonderling über das hedonistische Ravemonster hin zum Hype einer antideutschen Tanzfläche bis hin zum Electro-Pop-Krafttier für die Linke – alle Ausprägungen eint, dass sie stets ein rotes Tuch für Faschos und ähnliches darstellten. Auf diesem Weg sind nun plötzlich 20 Jahre vergangen. Darüber und über den ganzen Rest spricht Torsun mit Linus Volkmann.

Antifaschistische Aktion und „Be as gay as possible“ – Egotronic Live

Vor zwei Jahrzehnten ging es also los… das klingt völlig abstrakt. Kannst Du das ein wenig mit Leben füllen, Torsun? Was sind Deine frühsten Erinnerungen hinsichtlich Egotronic?
TORSUN Das erste Konzert werde ich sicher nie vergessen. Fünf Crust-Punk-Band in dem Hausprojekt Giesser Straße in Leipzig – und Egotronic. Nur derbes Geknüppel und dann wir: Das hätte auch schiefgehen können. Aber als wir auf der Bühne standen, sind die Leute total ausgerastet. Also das hat auch uns selbst schon überrascht.
Im Jahr darauf haben wir noch mal beim Giesser Straßenfest gespielt und es gab einen Typen, der hat „Naturdrogen“ verkauft. Zu dem bin ich hin und meinte, dass ich gern was hätte, das wach macht – daraufhin drückte er mir einige Samen in die Hand, die ich natürlich sofort geschluckt habe.

Natürlich!
TORSUN So war ich damals auf jeden Fall drauf. Zwei Minuten allerdings vor dem Auftritt stehe ich mit Hörm [Gründungsmitglied von Egotronic] Backstage und sage zu ihm: „Du, ich seh‘ nichts mehr!“ Er muss mich auf die Bühne führen, weil ich nicht mehr allein gehen konnte. Das Konzert aber hat trotzdem geklappt. Später habe ich erfahren, dass das so LSA-Samen waren, Rosenholz oder so, und dass da einige Leute richtig durchgedreht sind auf dem Zeug. Mich hat zum Glück das Adrenalin des Konzerts gerettet. Ich habe in dieser Zeit einfach jede Droge ausprobiert, das war mir ein echtes Anliegen. Da hat sich heute im Vergleich natürlich viel geändert, ich trinke ja nicht mal mehr Alkohol. Ich bin auch da seit über einem Jahr völlig raus.

Das ist sicher nicht verkehrt. In diesen ersten Erinnerungen aber ist ja schon viel drin vom Mythos Egotronic: Rausch und Party. Fehlt noch das Politische.
TORSUN Dazu passt die allerbeste Erinnerung an Egotronic aus den frühen Jahren. In Dresden wurde Mitte der Nuller Jahre dieses Opfergedenken zum Kult, also diese Erzählung, wie hart die Deutschen damals gelitten haben. Parallel zu so einem der Aufmarsch haben wir vor einer Synagoge ein Konzert gegeben. Dort lief nämlich eine Anti-Fa-Demo, die wollte auch die Synagoge schützen, weil viele Faschos aufgelaufen waren und von den Bullen dahingehend nicht viel zu erwarten war. Jedenfalls haben wir dort gespielt und gerade als der Song „Exportschlager Leitkultur“ dran ist, ich gucke hoch und sehe, dass gar keiner mehr da ist. Wo sind denn alle? Nun, da fährt in dem Moment ein Bus voller Nazis vorbei und die Leute sind hingerannt und haben den im Vorbeirauschen entglast. Dazu läuft Egotronic – also da hätte ich eigentlich schon aufhören können, das war der goldene Egotronic-Moment. Unvergessen!

RAVEN GEGEN DEUTSCHLAND

Ich würde gern noch mal auf die erste Geschichte zurückkommen. Da stellt sich die Frage, woran lag es, dass ihr an diesem Konzertabend eben nicht die sechste Crust-Core-Band wart? Wie kam es zu diesem ganz anderen Sound, den 2001 so doch eigentlich niemand sonst – gerade in der linken Autonomen- und Punkszene – spielte?
TORSUN Rein ästhetisch musikalisch muss man das alles auf Andreas Dorau zurückführen, den sehe ich quasi als abwesendes Gründungsmitglied von Egotronic. 1996 dürfte es gewesen sein, da hat er zu seiner Platte „70 Minuten Musik ungeklärter Herkunft“ ein Konzert im Schwimmbad-Club in Heidelberg gegeben, dort bin ich hin und als ich wieder vor dem Laden stand, war mir klar, die Gitarre gehört für mich jetzt in die Ecke gestellt. Das war der Knackpunkt, ich wusste in dem Moment, dass ich jetzt elektronische Musik machen muss. Ich habe zwar vorher schon Techno gehört – aber wenn es um selbst gemachte Musik ging, war das bei mir doch immer bloß Punk.

Wie Andreas Dorau habt ihr allerdings auch zu Beginn nicht geklungen.
TORSUN Es gab zur Jahrtausendwende noch eine Änderung in meinem Konzept, es sollte alles total Lo-Fi klingen, ich war zu jener Zeit total geflasht von Mikron64 – und diese ganze Commodore-Soundästhetik fand ich ohnehin gut. Also sollte entweder 8-Bit sein oder etwas ähnlich, was irgendwie billig klingt. Zur Not haben wir die Sample-Raten heruntergesetzt, damit es einen schmutzigeren Klang hat. Davon ausgehend ist dann Egotronic entstanden.

Schloss dieses Konzept an etwas an, was es zu der Zeit in der Szene schon existierte?
TORSUN Nicht wirklich. Es gibt so eine Aussage von unserem ehemaligen Tontechniker, der heute unter anderem im Berghain Technik macht… Der meinte, dass wohl kein DJ so viele Leute zu gebracht haben dürfte, wie es Egotronic getan haben. In den AZs, wo wir stattfanden, da waren wir wirklich eine Ausnahmeerscheinung, dort war elektronische Musik längst noch nicht angekommen gewesen – im Gegenteil eher. Aber mit den politischen Texten wurde das dann doch anschlussfähig. Die einzigen Acts, die mir aus dieser Zeit einfallen, die Ähnliches gemacht hatten, waren Räuberhöhle – das Projekt von Krawalla – und Saalschutz aus Zürich.

Torsun mit „Meth“-Shirt und Endie Endemann

Bild aus vergangenen Tagen: Torsun mit Kilian Teichgräber (Der heute wieder Keyboard bei Egotronic spielt)

Egotronic 2021. Foto: Bastian Bochinski

DIE RICHTIGE EINSTELLUNG

Ihr hattet die AJZs dann bald auf eurer Seite, schwapptet von jenen auch in die Clubs und plötzlich schienen Elektro, Hedonismus und Politik keine Antipoden mehr zu sein. War Egotronic schnell ein Selbstläufer geworden?
TORSUN Nee, es gab ab dem Moment wieder Reibung, als deutlich wurde, dass wir israelsolidarisch waren. Was dazu führte, dass wir in einigen AZs eben wieder nicht mehr willkommen waren. Ich erinnere mich an ein Konzert, bei dem wir Knüppel auf der Bühne gebunkert hatten, weil es hieß, hier kann es durchaus Ärger geben. Wir hatten zwar einen Lauf mit dem Sound und dem ganzen Drumherum, aber ganz so einfach darf man sich das alles auch nicht vorstellen.

Weiterer zentraler Punkt in der Egotronic-Historie ist diese enge Verbindung mit dem Label Audiolith, mit dem seid ihr bis heute quasi untrennbar verknüpft. Wie fing das alles an?
TORSUN Wir hatten am Anfang schon viel mit Acts zu tun, die aus dem  Umfeld von Audiolith kamen, also Juri Gagarin, Plemo, der Tante Renate und so. Plemo hat mir dann mal Lars [Lewerenz, Audiolith-Gründer] vorgestellt.

Wann war das?
Dezember 2004. Wir haben uns gleich supergut verstanden und keine zwei Stunden nach diesem Treffen erhielt ich von ihm eine SMS mit der Aussage „Lass mal zusammen was machen“. Ich bin ja bis heute noch Handschlag-Artist dort. Mir war einfach von Anfang an klar, da bleibe ich! Liebesheirat.

GLÜCKSVERSPRECHEN

Gab es Angebote von anderen Plattenfirmen? Als der große Hype da war, hat das doch sicher andere Labels gelockt?
TORSUN Nee, ich glaube nicht. Ich weiß nur, dass Alfred Hilsberg [Blumfeld-Entdecker und Labeleigener von ZickZack und What’s So Funny About] gesagt haben soll, dass er sich in den Arsch beißt, uns damals nicht gesigned zu haben. Denn die erste Veröffentlichung von Egotronic war gar nicht bei Audiolith sondern 2003 ein Stück auf einem Sampler von ZickZack, „Geräusche für den Tag danach“ hieß der.
Wir waren allerdings nie ein Act gewesen, für den sich eine Major-Plattenfirma interessiert hätte – das hätte auch nicht gepasst.

DEEP IN DER DISKOGRAPHIE

Egotronic auf „Die richtige Einstellung“: Hörm, Torsun. Platte produziert bei und mit Plemo.

Demnächst erscheint die Jubiläumsplatte Nummer zehn, im Jubiläumsjahr 20, sie wird „Stresz“ heißen, da sprechen wir später noch drüber. Ich würde vorher gern noch mit dir die Diskographie von Egotronic durchgehen – und du sagst uns zu jedem Album ein paar Worte und wie Du sie selbst heute in der Rückschau findest. Los geht es mit: „Die richtige Einstellung“ (2006)
TORSUN Die erste Platte auf einem richtigen Label, ich war stolz ohne Ende. Und bis heute liebe ich sie sehr. Ein Vorteil stellte auch dar, dass ich auf das Songwriting aus den vorangegangenen fünf Jahren zurückgreifen konnte, freie Auswahl quasi.

Egotronic auf „Lustprinzip“: Johnny Weltraum, Torsun. Produzent: Johnny Weltraum. Gastauftritt: Tina. Mix und Mastering: Plemo. Live-Band: Endi, KT&F und Torsun

2007 kam dann „Lustprinzip“.
TORSUN Mag ich auch immer noch sehr. Ich hätte damals nicht gedacht, dass ich es hinkriege, gleich noch mal eine Platte zu machen – ich war ja immer dicht. Doch dann saß ich irgendwann bei Johnny Weltraum in diesem kleinen Studio und hab’s doch geschafft. Heute wüsste ich nicht, wie ich das besser hätte machen sollen – und gerade für meinen Zustand ist sie sehr gut gelungen. Dem Album verdanke ich viel, es hat mich zum Berufsmusiker werden lassen, die Clubs waren plötzlich voll. Ich habe zu der Zeit selbst nur zu Minimal Techno getanzt, doch obwohl letztlich ganz wenige Sounds auf „Lustprinzip“ zu hören sind, ist es wirklich überhaupt kein Minimal Techno geworden – oder höchstens die Egotronic-Version davon.

Egotronic auf „Egotronic“: Rampue, Torsun. Unterstützt von: Johnny Weltraum, Endi. Gastauftritt: Tina. Produzent: Rampue. Mix und Mastering: Plemo oder Phil de Gap (ULTRNX). Live-Band: Endi, KT&F, Torsun.

Schon wieder nur ein Jahr später, 2008, kam die dritte Platte – und die benennt man gern mal nach sich selbst. Hieß also: „Egotronic“.
TORSUN Das war gar nicht so gedacht. Eigentlich hätte sie „Berlin Calling“ heißen sollen. Aber zeitgleich erschien dieser Film mit Paul Kalkbrenner, der denselben Titel trug. Da haben wir uns das dann geschenkt. Für mich ist sie aber auch sonst eine der schwächeren Egotronic-Platten, was daran liegt, dass ich, nachdem „Lustprinzip“ so gezündet hatte, noch viel mehr Drogen genommen hatte – und dementsprechend noch viel weniger Bock besaß, mich in ein Studio zu setzen. Zum Glück war Rampue da, mit dem ich die Platte gemacht habe. Aber wir waren halt meistens feiern. Da sind schon paar coole Stücke drauf wie „Rampue vs. Egotronic“ oder „Verspult“, doch auf Länge gehört sie nicht zu meinen Lieblingen.

Egotronic auf „Ausflug mit Freunden“: Torsun. Gastauftritte: Endi, MTDF (Saalschutz), alle Frittenbude-Mitglieder (jeweils einzeln), Captain Capa, Danja Atari, Plemo und Phil de Gap. Produzent, Mix und Mastering: Phil de Gap. Live-Band: Endi, Tili, Torsun.

In drei Jahren drei Platten, dazu immer live gespielt – das klingt auch ohne den Rausch-Aspekt total dicht. Danach dauerte es zumindest mal zwei Jahre, bis dann 2010 „Ausflug mit Freunden“ erscheint.
TORSUN Auf diese Platte hatte ich dann wieder total Bock. Ich hab auch länger dran gearbeitet, hatte viele Gäste eingeladen, es machte richtig Spaß. Auch weil ich zu dem Zeitpunkt tatsächlich Berufsmusiker war, musste ich mich nicht bloß von Toast und Manner-Waffeln ernähren wie bei den vorigen Aufnahmen, sondern konnte mir was Richtiges zu essen kaufen – und bin in der Mittagspause dann gern raus und habe mir was geholt. Die Platte hat gezeigt, was ich kann, wenn ich mir die Zeit nehme und auch mal nüchtern an die Sache rangehe. Ich finde sie ist wirklich toll – und das sage ich ganz ohne … ach nee, das sage ich doch auch mit Eigenlob!

Es würde das Interview nicht authentischer machen, wenn Du aus Understatement jetzt alles scheiße fändest.
TORSUN Ja, eben! Eine Ergänzung noch: „Ausflug mit Freunden“ wäre erstmals auch ein Chart-Thema gewesen, aber ganz viele Läden wollten sie nicht nehmen wegen des Covers. Es gab dann kurz die Frage seitens Audiolith, ob wir das entschärfen wollen – aber die Antwort war klar: Auf keinen Fall.

Egotronic auf „Macht keinen Lärm“: Torsun. Unterstützt von: Endi, Mirco (Rosi). Gastauftritt: Sebastian (Madsen). Produzent, Mix und Mastering: Phil de Gap. Live-Band: Endi, Tili, Torsun, ab und zu Mirco.

Ein Jahr später, 2011, kommt dann „Macht keinen Lärm“ – punkig allein schon mit dem Cover, das sich auf die frühe Rachut-Band Angeschissen bezieht.
TORSUN Die Platte repräsentiert einen Bruch für mich. Mit „Rannte der Sonne hinterher“ ist da eines der sicher besten Egotronic-Stücke überhaupt drauf, allerdings steht die Platte für mich auch noch für etwas anderes. Ich habe mich in dem Jahr einfach total übernommen. Das Album sollte fertig werden, parallel habe ich auf Tour das Buch geschrieben [„Raven wegen Deutschland“, Ventil Verlag] – ich war wirklich entweder dicht oder am Arbeiten und am Ende blieb mir von all dem ein Burnout. Auch die Konzertreise dazu war kein Spaß, da war ich nur noch fertig. Ich habe oft geweint, war leer. Das stellt auf jeden Fall einen Einschnitt dar. Ich mag viele Songs von der Platte, aber ich verbinde genauso eine schwerere Zeit damit.

Egotronic auf „Die Natur ist dein Feind“: Kilian, Torsun. Unterstützt von: Chrü. Gastauftritte Christough (Ex-Jennifer-Rostock), Martin (Frittenbude) Produzent, Mix und Master: Phil de Gap. Live-Band: Kilian, Chrü, Reuschi, Torsun.

Darauf folgt auch eine für Egotronic längere Spanne zur nächsten Platte, die kommt erst wieder 2014 mit „Die Natur ist dein Feind“.
TORSUN Wenn man sie jetzt hört, ist es die mit Abstand melancholischste aller Platten. Das liegt sicher an den Ausläufern der Phase davor und für mich kam die Rheuma-Erkrankung hinzu, die mich die Natur gleich mal noch ein großes Stück mehr hat hassen lassen. Mein Alltag war bestimmt von Schmerzen und durch die Medikamente habe ich sehr stark zugenommen. Wie sollte das nicht Einfluss auf die Grundstimmung der Songs nehmen? Man hört es auch bei den politischen Texten, die wirken frustrierter als zuvor. Ich mag „Die Natur ist dein Feind“ trotzdem – zum Beispiel „Glücksversprechen“ ist ein ganz toller Song, aber vieles gefällt mir heute nicht mehr wirklich. Unterm Strich keine Lieblingsplatte.

Egotronic auf „C’est Moi“: Kilian, Chrü, Reuschi, Max (Val Sinestra), Torsun. Produzent: Peter, Dan Swift. Mix und Mastering: Dan Swift. Live-Band; Kilian, Chrü, Reuschi, Max, Torsun

Die nächste Veröffentlichung ist wieder komplett anders, es ist die extrem gitarren- und bandorientierte „C’est moi“ von 2015.
TORSUN Für mich steht bei dieser Platte auf jeden Fall England im Vordergrund – und zwar hat Molly, die jetzt dritte Chefin bei Audiolith geworden ist, damals in Brighton gelebt und dort in einem Studio gearbeitet, im Brighton Electric. Sie hat vermittelt, dass wir dort günstig das Album aufnehmen konnten. Wenn man „C’est Moi“ heute hört und sich die Vocals wegdenkt, dann klingen die Songs überhaupt nicht deutsch. Das mag ich an der Platte. Das Drumherum war wirklich geil: Ins Mutterland des Punks zu reisen, um eine Punkplatte aufzunehmen – dennoch so ein Album würde ich nicht noch mal machen wollen.

Egotronic auf „Keine Argumente“: Kilian, Johnny Weltraum, Torsun. Eingespielt dann auch von: Chrü, Reuschi, Kay. Gastauftritte: Sina, Emilie Krawall, Franz (Jeans Team), Mille (Kreator), Rod (Die Ärzte), Alles Scheisze. Produzent und Mix: Rod. Mastering: Robin. Live-Band: Kilian, Chrü, Reuschi, Kay, Torsun.

Damit sind wir jetzt schon im Jahre 2017 und bei „Keine Argumente“.
TORSUN Der große Wechsel hier ist, dass wir mit Rod von Die Ärzte im Studio waren. Ich finde das Ergebnis für das, was die Songs sein wollen, perfekt. Ich blicke mit einer ganz anderen Zufriedenheit auf „Keine Argumente“ als noch auf „C’est Moi“. Allerdings ist sie für meinen persönlichen Geschmack von der Produktion zu fett. Aber genau diesen Sound hat Rod gewollt, das ist eine ganz lustige Story… als die Platte fertig eingespielt war, bin ich gleich noch mal auf Lesereise, denn meine Liebste befand sich zu der Zeit in Indien für drei Monate, was sollte ich also daheim? Auf dieser Tour schickte mir Rod dann die ersten Mixe. Ich war sofort alarmiert, als ich sie hörte, die waren total Hochglanz, total breit, das passte mir überhaupt nicht, ich rief ihn an und meinte, so ginge das nicht. Heute denke ich, Rod hat das alles spekuliert, denn im Endeffekt trafen wir uns in der Mitte. Das war, glaub ich, sein Plan gewesen. Später meinte er nämlich, dass er es wichtig fand, dass solche Texte wie auf „Keine Argumente“ einen Sound bekommen sollten, dass sie zumindest theoretisch auch im Radio laufen könnte. Denn textlich hat das die böse Phase von Egotronic eingeläutet. Schon bei der Reihenfolge habe ich mir dahingehend sehr viele Gedanken gemacht, die ersten Worte, die gesungen werden, lauten „Ich hass‘ euch wirklich!“

Eogtronic auf „Ihr seid doch auch nicht besser“: Kilian, Torsun. Eingespielt dann auch von: Chrü, Kay, Bernhardt. Gastauftritt: Die Supererbin, Martin Shitler. Produzent und Mix: Rod (Die Ärzte). Mastering: Robin. Live-Band: Kilian, Christian (ULTRNX und DeOrbiting), Bernhard, Kay, Torsun.

Jetzt kommen wir zum letzten Album, das bereits veröffentlicht ist. 2019 erschien „Ihr seid doch auch nicht besser“.
TORSUN Die Gitarren und der Sound sind hier noch mal schmutziger geworden, das ist etwas, was ich sehr schätze an der Platte. Und den Stil von dieser Art Egotronic-Songs hat sie auf jeden Fall perfektioniert. Von da an hätte ich mich immer wiederholen können, aber das liegt mir einfach nicht. Ansonsten spürt man hier noch sehr die Zorn-Phase, andererseits war ich da auch mitten in einem Rheuma-Schub, was sich in Songs wie „Wie Dr. House“ widerspiegelt. Ich war konstant auf Schmerzmitteln in dieser Zeit, was die Aufnahmen zu einer Quälerei werden ließ. Das merkt man den Stücken aber nicht an, ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. „Linksradikale“ ist dabei ein zentraler Song. In die Zeit fiel ja auch diese Party von dem Ex-Welt-Kolumnisten Matthias Matussek, wo auch Identitäre mitgefeiert haben – da war mir klar, wie die Videos zum Album aussehen werden. Das alles hat der Platte natürlich in die Karten gespielt, weil sich einfach so viele aufgeregt haben über sie. Audiolith musste echt Scheißestürme der Rechten aushalten, denn gerade die AfD hat in ihren Kreisen gegen „Ihr seid doch auch nicht besser“ gehetzt, aus dieser Ecke stammt auch der Ausspruch „linksversiffte Unkultur“. Den habe ich sehr gefeiert – und dann auch gleich unsere Tour zur Platte so benannt.

Kann man sich also über empörte Rechte diebisch freuen oder ist das doch eher gruselig?
TORSUN Nee, es gab viele Morddrohung gegenüber der Schauspieler des Videos und auch Vergewaltigungsdrohungen für die Hauptdarstellerin, also dieser ganze Bodensatz, zu dem sich die Faschos dann immer aufraffen. Das war nicht mehr lustig, da hat Audiolith bei den YouTube-Kommentaren ganz viel löschen müssen. Wenn’s gegen mich geht, ist mir das egal, ich sage immer, das soll man stehen lassen als Beweis – aber gerade für die weiblichen Darsteller war das so krass, da musste eingegriffen werden.

Der grüne Bürgermeister von Tübingen Boris Palmer, der in der Pandemie immer mal von sich reden machte, bekam ebenfalls ein eigenes Stück „Der Bürgermeister“ – und wandte sich postwendend an euch auf Social Media, oder?
TORSUN Stimmt, diese Platte beinhaltete neben Horst Seehofer noch eine weitere persönliche Beleidigung. Sowas hatte ich früher immer vermieden, aber hier hat es einfach so gut gepasst – und Boris Palmer ist wirklich sofort darauf angesprungen. Ich meine, 30 oder 40 Minuten hat es gedauert, solange war das Video zu „Der Bürgermeister“ oben, dann hat er bereits fabuliert, dass gegen ihn Mordphantasien gehegt würden. Ein Irrsinn!

Eogtronic auf „Stresz“: Torsun. Unterstützt von: Kilian, Christian, Bernhard, Kay. Gastauftritte: Andreas Dorau, Zwanie Jonson. Produzent, Mix und Mastering: Christian. Live: Kilian, Bernhard, Kay, Christian, Torsun.

Damit sind wir also im Hier und Jetzt. Die neue und zehnte Platte kommt am 23.07. raus, wird  „Stresz“ heißen – das alles geschieht im zwanzigsten Jahr.
TORSUN Ach, scheiß auf Jubiläen. Wir bringen die Platte zu diesem Termin viel eher raus, weil es skurril ist, dass ein Projekt wie Egotronic so lange Bestand hat. Damit hat zu Anfang sicher niemand gerechnet, ich hätte mir das selbst am wenigsten vorstellen können. Allerdings ging es mir mit „Stresz“ ausschließlich darum, eine geile Platte zu machen – eine, die auch wieder ganz anders klingt. Und ich freu mich schon wieder auf die Videos. Das erste kommt zu dem Stück „Nadel verpflichtend“ und zeigt uns in so einer Pixelgraphik, wie wir Bomber besteigen und Impfstoff über Dresden abwerfen. [lacht]

Ja, da lachst Du!
TORSUN Man sieht auch so Corona-Leugner und einiges mehr. Mir ist das ein Anliegen, dass da nicht bei einem Regisseur einfach ein Video bestellt wird, sondern dass ich selbst ganz klar die Fäden in der Hand habe. Ansonsten erfüllt sich mir mit „Stresz“ noch ein Traum… Ich hatte vorhin schon erwähnt, welchen Einfluss Andreas Dorau auf Egotronic und auf mich genommen hat. Der ist hier nun sogar bei zwei Stücken Gast. Was eine Herzensangelegenheit.

Torsuns erste Begegnung mit Andreas Dorau auf der Gala zum 10-jährigen von Egotronic – im Festsaal Kreuzberg

Mit ihm machst du dich in dem Stück „Jubiläen“ dann auch passend zum eigenen Jubiläum über ein solches Kalender-Marketing lustig. Wobei man sagen muss, dass bei der Zehn-Jahres-Gala Andreas Dorau auch schon auf der Bühne mit einem Secret Gig dabei war.
TORSUN Damals hatte ich großen Schiss! Dorau ist einer der wichtigsten Künstler für mich überhaupt – und dann lade ich ihn ein zu meinen Shows … aber was wäre gewesen, wenn wir uns nicht verstanden hätten? Idole treffen, das ist ja so eine Sache. Doch Glück gehabt, der Typ war noch viel geiler, als ich gedacht hatte. Aber nicht nur wegen Dorau ist das die poppigste und bestgelaunteste Egotronic-Platte seit sehr langer Zeit. Ich hatte wegen Corona viel Zeit und habe die gern in „Stresz“ gesteckt. Wobei ich so sehr im Modus war, dass es noch über diese eine Platte hinausging… Es wird daher – ausschließlich im Audiolith-Shop – noch eine EP geben mit so ganz vielen kurzen Knüppelpunksongs als Kontrast. Zehn Songs in etwas mehr als vier Minuten. Denn um für 20 Sekunden ein Gitarrenriff durchzuschrubben, dafür reicht es mit meinen Gicht-Griffeln noch.

Letzte Frage kann nur sein: Wie geht es weiter, wie soll es weitergehen mit Egotronic?
TORSUN Ich hoffe, dass wir nächstes Jahr wieder auf Tour gehen werden – und am liebsten natürlich schon im August ein paar Draußen-Shows nach Corona-Regeln absolvieren können. Ansonsten habe ich einfach noch so viele Idee, ich freue mich schon, wenn ich die dann angehen werde. Für zwei, drei Platten wird es auf jeden Fall reichen. Ob wir allerdings in weiteren zehn Jahren noch mal hier zu einem Egotronic-Jubiläum zusammensitzen werden… wer weiß das schon?
Ich weiß bloß, das hier ist noch nicht das Ende.

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