Record of the week

Sorry3000 “Warum Overthinking Dich zerstört”

Sorry3000
“Warum Overthinking Dich zerstört”
Audiolith / Broken Silence

Wer ein bisschen aufgepasst hat in der nerdy niedlichen Poplandschaft, in der früher Intro oder Spex gelesen wurde und die es trotz Einstellung jener Magazin ja in Resten noch gibt… also wer da noch ein Auge drauf hat, der dürfte zuletzt auch Sorry3000 aus Halle (Saale) und deren, sagen wir ruhig, Hit mitgeschnitten haben:
„Nasenspray“ heißt er. 2008 wären sie damit der heiße Scheiß in der übervollen Indie-Disco beim Immergut in Neustrelitz gewesen. 2020 reicht es immerhin noch für einen Deal mit den Wessi-Schweinchen von Audiolith Records und für die Aufmerksamkeit von Jan Böhmermann zwischen zwei Telefonaten.

Der verdammte „Nasenspray“-Song der zwei Frauen und zwei Typen ist aber auch Ding! Bei aller Dopplung in der Popkultur, dieses selbstverständliche besingen der Nasenspray-Abhängigkeit eines Freunds muss man schon als echtes Alleinstellungsmerkmal durchgehen lassen. Oder existiert irgendwas Vergleichbares? Ich kenne jedenfalls nichts. Dazu gibt es auch ein Video, das ein angenehm geisteskrankes Zitat auf „Room Raiders“ bei MTV ist. „Room Raiders“? Ehrensache, dass auch dieser Verweis 99% aller potentiellen Hörer ausschließt. Bei dieser Band kann man sich endlich mal wieder special fühlen mit all seinem Ballast an unbrauchbarem Nerd-Wissen.
Aber auch für alle mit etwas weniger Popkultur-Mühlsteinen bleibt unterm Strich: Ein veritabler Nischenhit, der einen anstrengungslos gut drauf bringt.
Damit und dem Link zu erwähntem Video-Clip könnte man nun eigentlich schon die Besprechung schließen… denn was soll da noch kommen?

Nun… ein ganzes Album. Und ja, man darf getrost skeptisch sein. Bekommt man darauf etwa denselben Gag 13 mal erzählt? Kill me quick!

Nein, Sorry3000 sind ästhetisch äußerst spitz, es gelingt ihnen aber dennoch, ihren grellen wie originellen Ansatz um mehr als nur ein paar Versionen des gleichen Prinzips zu erweitern. Am Ende dieser alkopop-seligen Reise in den Partykeller deiner neuen BFFs steht tatsächlich ein buntes Buffet aus lauter kleinen Pop-Sweets.
Die Themen werden mit beiläufiger Nonchalance vorgetragen, als wäre alles auch bisschen egal oder zumindest ironisch. Doch das stimmt nicht, dieses Understatement schärft viel eher die Brisanz der Texte. Auf „Warum Overthinking Dich zerstört“ geht es um Langeweile, Gentrifizierung, Haltung, Humor, Spätis.

Sorry3000 streichen Honig in die Wunde, die der Split von Schnipo Schranke hinterlassen hat. Sorry3000 dürfte die letzten überlebenden Musikjournos mal wieder dauernd an “den frühen Andreas Dorau” erinnern. Es sei ihnen und Dorau gegönnt. Ich würde aber vorschlagen, man denkt zur Abwechslung mal an die Wiener*innen der Gruppe Pop:sch.
Erscheinen wird die Platte in knapp drei Monaten. Angst vor’m Sommerloch, oder was? Wäre ich noch Redakteur beim Intro-Magazin, dürfte ich diese Review hier daher gar nicht schreiben. Gute Stimmung erzeugt man als Medien bei Plattenfirmen nur, wenn man sich gebunden ans „Release Date“ zeigt. Verständlich, die Leser*innen sollen Texte über Platten ja einzig als Kaufanreiz verstehen. Aber friends, es ist 2020, keiner geht mehr wegen neuer CD in den Plattenladen (nur noch wegen alter oder wegen besonderer Vinyl-Auflage) – und da überhaupt außer Annenmaykantereit niemand mehr Geld mit Pop verdient, warum nicht einfach jetzt schon darauf hinweisen? Mmh?
Ok, “das macht man trotzdem nicht”, höre ich.
Hey, aber wer soll mich stoppen, etwa die Plattenfirma Audiolith mit ihren Mäusefäustchen? Wohl kaum. Daher hier bereits zweieinhalb Monate vor Release die Aussage: „Warum Overthinking Dich zerstört“ von Sorry3000 ist safe die wichtigste Deutschpop-Platte eines gänzlich unnormalen Jahres.

Und das beste Argument für diesen Vorgriff ist: Sorry3000 hätten es auch so gewollt. Möglicherweise zumindest. Verrückt genug wirken sie jedenfalls.
Okay, und am 16.10., wenn die Platte wirklich erscheint, werde ich das hier reposten. Solange kann einfach jeder „Nasenspray“ im Dauerloop hören. Besser wird’s 2020 eh nicht mehr.

Text: Linus Volkmann

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