Die Marc Wilde Files

Transit-Pop – 2025 als musikalischer Reisebericht

30. Dezember 2025,

Verflucht, seit Tagen suche ich diese Mail mit dem Autorenbriefing für den Jahresrückblick und finde sie einfach nicht. Worüber sollte ich schreiben: waren es die Top 5 oder Top 50, ein Text mit 1.000 oder 10.000 Zeichen? Ich löse es in zwei Schritten. ERSTENS: Eine unkommentierte Liste mit den FÜNFZIG SONGS DES JAHRES zum puren Nachhörvergnügen findet ihr hier. ZWEITENS: Die weiteren Highlights meines Musikjahres 2025 verpacke ich in Form eines FÜNFTEILIGEN Reiseberichts. Folgt mir von Düsseldorf und Köln nach Hamburg. Von der Musikhauptstadt London bis ins ferne Vientiane in Laos.  

Immer noch bissig: EA 80 in Düsseldorf

Familie sucht man sich nicht aus – genauso wenig wie Wichtelgeschenke zu Weihnachten. Manchmal braucht man einfach Glück, heiratet in ein adeliges Geschlecht mit reichem Erbe ein oder trifft auf interessante Familienmitglieder mit Herz und Verstand und Gespür für gute Geschenke. So jemand ist mein Schwager Lars, der mir im letzten Jahr eine Konzertkarte ganz nach meinem Geschmack unter den Lametta-Baum der Schwiegereltern gelegt hat. Für Musik interessiert sich mein sportiver Schwager eher nicht, lieber sitzt er stundenlang im Fahrrad-Sattel. Manchmal auch mit Philipp, der ebenfalls passionierter Rennradfahrer und darüber hinaus Bassist in einer Punkband ist. Er spielt bei EA80.
Über diesen familiären Schleichweg kam ich also im Februar auf mein erstes Konzert der Legenden aus Mönchengladbach. Mein Referenzraum in den Achtzigern wurde durch Peter Illmann (Formel Eins) und einen sprechenden Schimpansen (Ronny‘s Pop Show) geformt. Punk? Das waren für mich damals am ehesten Die Ärzte oder „Pogo in Togo“ von den United Balls. Inzwischen kenne ich die Relevanz von EA80 und den Ruf ihres Sängers. Um ihn ranken sich zahlreiche Geschichten. (Linus Volkmann weiß mindestens eine davon zu berichten.)
„Wir können unsere Songs in 47 Sekunden oder 7 Minuten spielen“, heißt es an einer Stelle des Sets im Düsseldorfer Kulturschlachthof, in dem das aktuelle Album „Stecker“ und Songs der ersten drei Platten (1983-1987) im Mittelpunkt stehen. Als ich mir am nächsten Tag ein paar meiner Videos anschaue, entdecke ich die Aufnahme eines runtergeballerten Songs („Rot“), bei dem sich mein Handy nach wenigen Sekunden auf Zeitlupentempo gestellt hat. Der von Geisterhand aufgenommene Take ist knapp sieben Minuten lang. Magie der Technik. In bleibender Erinnerung behalte ich auch den Moment, als ich nach dem Konzert auf den Frontmann treffe. Es gibt vermutlich wenige Bands, die sich so konsequent der äußeren Erwartung entziehen wie EA80. Der Wunsch nach einem Interview lief erwartungsgemäß ins Leere – da konnte mir auch die Rennrad-Connection keinen Vorteil verschaffen. Aber vielleicht ein Autogramm? Also, er würde das an meiner Stelle ja nicht tun, meint Philipp, als wir nach dem Konzert auf ein Bier zusammenstehen. Aber ich könne ja sehen, was passiert. Enttäuscht werde ich nicht: Heute bin ich stolzer Besitzer eines EA80-Albums mit Gebissabdruck. Kann ein Autogramm originaler sein?

Trip des Jahres: Lao Life im Golden Fish

Ende Februar verschlägt es mich aus dienstlichen Gründen nach Vietnam. Das zwischen zwei Terminen gelegene Wochenende peile ich für einen Abstecher nach Laos an. Der Grund ist eine Schnapsidee: mit „Pogo in Togo“ um die Welt. Das ist zwar absurd, aber die Vorstellung, die Musikszene so exotischer Länder wie Kongo, Kuba oder Ghana anhand eines kalauernden Songtextes aus den Achtzigern zu erkunden, ist zu verlockend, um sie mit so etwas Profanem wie Realitätssinn fallen zu lassen. Zumal die Chance, mit der Einstiegszeile („Chaos in Laos / Drums in the Slums“) das Projekt in Gang zu bringen, zum Greifen nah ist. Und wollte ich meinen Freund Christof, nicht eh noch besuchen, solange er noch beruflich in Vientiane ist?
Während meines 24-stündigen Aufenthalts in der laotischen Hauptstadt stoße ich zwar weder auf Chaos, noch auf Slums. Dafür bietet die Tier- und Naturschutzorganisation Lao Conservation Trust for Wildlife unter dem Motto „Pints für Paws“ ein umfangreiches Liveprogramm. Die Band mit dem vielversprechenden Namen The Brü Dogs verpasse ich leider, Railyard und Wagon bieten zwar gute Songs, aber es sind zwanzig Jahre alte Cover-Songs. Das ist aber nicht das, wonach ich suche. Ich verabschiede mich von Christof und ziehe alleine weiter: erst ins Wind West und dann ins Hard Rock Café. Wieder gibt es Livemusik, aber auch hier beschränken sich die lokalen Acts auf das Imitieren ausländischer Vorbilder.
Ich will die Suche nach einheimischem Punkrock schon aufgeben, als ich auf der Straße von der Fahrerin eines Motorradtaxis angesprochen werde. Zum Hotel habe ich es nicht weit, ich erkundige mich stattdessen nach Konzerten lokaler Bands in den abseits gelegenen Bezirken der Stadt. Irgendwas ohne Touristen (wie mich). Sie sagt nur „Golden Fish“ und schon sitze ich hinter ihr auf dem Motorrad. Einen zweiten Helm gibt es nicht, aber nach ungezählten Beerlao fühle ich mich sicher genug für die nächtliche Tour. Nach einer halben Stunde auf dem Bike werde ich langsam unruhig. Zwischendurch erfahre ich, dass der Ex-Freund meiner Fahrerin Norbert heißt. Der hätte auch in Bonn gewohnt, wie ich. Meine Fragezeichen werden größer. Endlich verlangsamt sich die Fahrt und wir biegen ab. Vor uns ein großer Betonparkplatz und eine flache Lagerhalle – bunte Lichter blinken wie auf der abgelegenen Kleinstadtkirmes. Ich betrete den Goldenen Fisch und vor meinen Augen öffnet sich eine psychedelische Welt aus Neonfarben und Klängen, die ich so nicht nie gehört habe. Sicherheitshalber schicke ich Christof ein kurzes Video und gebe meinen Standort durch – wer weiß, wie das hier endet. Er antwortet mit „Great, that‘s Lao Life!“ und mit einem Smiley.

Bestes Konzert in Köln: The Bug Club (Blue Shell)

Ich wohne in Bonn. Das bedeutet, mein eigentliches Revier, um auf Konzerte zu gehen, ist Köln. Gleich zweimal in diesem Jahr habe ich in der nur eine halbe Zugstunde (@deutschebahn: Haha!) entfernt liegenden Karnevalsstadt das Berliner Punkrock-Duo des Jahres CAVA gesehen. Einmal als Vorband von Tocotronic im E-Werk und ein paar Wochen zuvor in – sagt man das noch so? – der „intimem Umgebung“ des Stereo Wonderland. Ich erinnere mich zudem an den Auftritt von Gwen Dolyn und mein anschließendes Gespräch mit ihr zu später Stunde im Bumann & SOHN. Ich erinnere mich an das großartige Konzert von Urlaub in Polen (zusammen mit der Band Kratzen) und ein spontanes Interview mit Philipp Janzen und Georg Brenner. Und an den Moment, als Aydo Abay zur Tür reinkommt: „Ey spitze, ihr seid so geil. Es wird einfach nicht schlechter“. Und ich erinnere mich natürlich an mein erstes Konzert des Jahres, an den Abend mit Gas Wasser Indiepop im schönsten Konzertkeller Kölns: das Basement. Daran, wie Jochen Gäde (Ex-KZIMALPP) den Knarf Rellöm-Klassiker „Autobiografie eines Heizlüfters“ mit fliegenden Zetteln und dem Klang einer silbernen Glocke („von der Rezeption des Grand Hotel van Cleef geklaut“) formvollendet auf die Bühne bringt.
Auch nicht zu vergessen: der bezaubernde italienischen Abend aus der Reihe Talking Kaput – in meinen Erinnerungen unter „Auf einen Negroni mit Eric Pfeil“ einsortiert –, das Wiedersehen mit Brausepöter im Sonic Ballroom und die Entdeckung von Petra Buchholz, eine sympathische Band aus Köln, die mich mit ihrem melodischen Emo-Punk genau da abgeholt haben, wo ich vor zwanzig mit The Get Up Kids und Adolar stehen geblieben bin. Ebenfalls aus Köln: Iedereen, deren Album „Neue Mitte“ in meinem Ranking weit oben steht, und die mit ihrer fulminanten Konzertparty im Gebäude 9 zum Ende des Jahres einen kraftvollen Schlussakkord setzen. Präsent  wie der Duft von Kölnisch Wasser bleibt aber der Auftritt einer Band aus Wales haften, die ich so gar nicht auf dem Zettel hatte: The Bug Club. Ohne große Erwartungen quetsche ich mich an den Seitenrand, ins Blue Shell kommt jetzt keiner mehr rein. Ausverkauft an einem Mittwoch in Köln, alleine das hätte mich hellhörig werden lassen. Die meisten ihrer ungeschliffenen Songs präsentieren Sam Willmet (Gitarre) und Tilly Harris (Bass) auf lockere Art im Wechselgesang, ein tight gespieltes Schlagzeug hält den Funken schlagenden Ideenreichtum des walisischen Duos zusammen. Im Zentrum bei The Bug Club stehen aber neben den locker-leichten Texten („Quality Pints“, „Lonsdale Slipons“) die Melodien, die ich bis heute mit einem dankbaren Lächeln mit mir herumtrage.

Big in London: „An evening you will remember for the rest of your lives”

Zu den Top 5 der attraktivsten Städte weltweit gehört für mich zweifelsohne London. Mitte der Nullerjahre habe ich für ein paar Monate in der Stadt gelebt. Marco, mein damaliger Mitbewohner war in der Londoner Underground-Szene gut vernetzt und Sänger einer Punkrockband namens White Man Kamikaze. In diesem Jahr treffen wir uns nach langer Zeit wieder. Früher hat Marco Pub Crawls in Camden organsiert, inzwischen ist er im Food-Sektor für vegane Produkte unterwegs. Statt Punkrock macht er elektronische Musik.
Untergebracht bin ich aber diesmal bei Peter, einem durchtrainierten Balletttänzer mittleren Alters, der aussieht wie Jeremy Irons aus dem Gesicht geschnitten. Eine Ecke von Peters Airbnb-Wohnung entfernt beginnt die Brick Lane, die sich bis zu Spitalfields Market im Osten der Stadt zieht und auch den legendären Rough Trade Shop beherbergt. Als ich den Plattenladen betrete, prangt schon das Art-Work des neuen Pulp-Albums von den Wänden. Wegen Pulp bin ich hier. Am 13. und 14. Juni gibt die Band zwei Konzerte in London.
Für das kostspielige Großereignis habe ich einiges auf mich genommen: Beim Countdown zum Ticketkauf nervös am Laptop gehangen und panisch nach dem Code gesucht, nach dem man in der digitalen Ticket-Queue hängend irgendwann gefragt wird. Wenn mir nicht meine kluge Frau den entscheidenden Tipp gegeben hätte („Probiere es doch mal mit Buchstaben: „C.O.D.E.“), ich würde wohl immer noch mit leerem Blick in den Bildschirm starren und wäre bereits an der Anmeldeprozedur gescheitert. Auch die Anreise mit dem Flixbus – mit mehrfachem Um- bzw. Aussteigen inklusive Fährfahrt in der Nacht – war beschwerlich und lang. Und dann muss ich mir noch den endlosen Weg durch das seelenlose Mehrzweck-Monstrum namens O2-Arena bahnen, bis ich nach einer gefühlten Ewigkeit in den Innenraum gelange. Die künstliche Stimme vom Band, mit der das Ereignis angekündigt wird, gibt mir den Rest: „This is an evening you will remember for the rest of your lives. You are about to see Pulp“.
Doch dann öffnet sich der majestätische rote Vorhang für Jarvis Cocker und seine Band, die in einer auf die Bühne projizierten kargen Landschaft stehen – es ist dieselbe Szenerie wie auf dem Albumcover von „More“. Die Show kann beginnen. Und langsam beginne ich zu verstehen, was eine als Multi-Media-Spektakel inszenierte Konzert-Disko in the year 2025 bedeuten kann.
Das ist alles sehr beeindruckend und steht in völligem Kontrast zu dem gestrigen Konzertabend in Shoreditch, als ich mir drei junge Punkrockbands angesehen habe: Shtepi, M/X und Dave Attorney. Hier, in einem düsteren, abgetrennten Raum des Old Blue Last hat sich aufs Neue rohe Energie und druckvoller Sound mit der Hoffnung verbunden, auch mal vor mehr als einer Handvoll Leute zu spielen. Ich habe mich sofort zuhause gefühlt, wie damals mit Marco und White Man Kamikaze. 

Zurück zur Mutter: Hamburg

Gleich zwei Mal reise ich in diesem Jahr nach Hamburg – zunächst, um im Gespräch mit Bernd Begemann, Knarf Rellöm und Ebba Durstewitz dem wiederbelebten „Diskursrockdiskurs“ ein neues Kapitel hinzuzufügen. Ob die dialektische Gleichung aufgeht, könnt ihr im Neues Deutschland (nd) hier oder – in einer ausführlicheren Version – auf den Seiten dieses Magazins (hier) nachlesen. Für das exklusive Line-up meines Interviews zur Hamburger Schule konnte ich dank hilfreicher Vermittlungsarbeit im Hintergrund in der passenden Kneipe andocken. Vertrauensvoll begab ich mich in die Arme der Mutter. Was Besseres als dieser Ort im Schanzenviertel hätte mir nicht passieren können.
Bevor meine drei Gesprächspartner zeitlich versetzt eintreffen, komme ich mit Matze, einer der Betreiber der Bar, ins Gespräch. Ich erfahre, dass er selbst Musiker und Bassist bei Station 17 ist. Damit sind auch schon die Segel für einen weiteren Besuch der Hansestadt gesetzt; über das inklusive Bandprojekt, das seit 1989 existiert und von Kai Boysen ins Leben gerufen worden ist, möchte ich unbedingt schreiben.
Nach meinem zweistündigen Talk setze ich mich erst einmal an den Tresen und bestelle ein Bier. Später ziehe ich noch weiter in den Otzenkeller und beschließe den Abend mit einem letzten Drink: Omas offenes Bein.

Neun Monate später fahre ich erneut in die Hansestadt, um meinen geplanten Artikel über Station 17 umzusetzen. Am 20. Dezember spielt die Band in der Hebebühne, und Matze hat mich eingeladen. Nicht nur für das Konzert, auch, um sie am Tag davor bei der Generalprobe zu besuchen. Ein weiterer willkommener Anlass für meine Reise: Nach ihrem Auftritt in Berlin spielen Huah! einen zweiten Reunion-Gig – diesmal in der Heimatstadt. Das Knust ist ausverkauft, und alle sind sie gekommen. Huah! treten in Originalbesetzung auf: neben Knarf Rellöm funkeln Bernadette La Hengst (Keyboards, Gesang) und Nixe aka Diana Diamond (Orff-Instrumente, Gesang) vom Vordergrund der Bühne, Gitarrist Sonny Motors (wo war der eigentlich die ganze Zeit?) macht ebenfalls eine extrem gute Figur, nicht fehlen darf Knarfs langjähriger Wegbegleiter Tillamanda. Und auch die ehemalige Schlagzeugerin Claudia Bollig unterstützt bei einigen Stücken die Band. Auf Huah! – so scheint es – können sich alle einigen. An jeder Ecke des Ladens trifft man auf ein bekanntes Gesicht der Hamburger Schule.
Am nächsten Tag lerne ich endlich die Mitglieder von Station 17 kennen. Ich fahre nach Altona zum barner16, Heimstätte eines inklusiven Netzwerks für Kunst und Kultur. Dort befindet sich auch der Proberaum. Bei einigen Stücke, darunter auch ganz neue, kann ich zuhören. Unser Interview führen wir nach der Mittagspause in voller Bandbesetzung, im Stuhlkreis zu acht. Zweifelsohne ein Höhepunkt meines Musikjahrs 2025, das sich mit dem Abschlusskonzert in der Hebebühne dem Ende entgegen neigt. Als letzte Zugabe erklingt „Wir Woll‘n Zusammen sein“ – ein Song, der vor vielen Jahren zusammen mit Knarf Rellöm entstanden ist. Man könnte sagen: Der Kreis schließt sich. Bevor ich mich auf den Heimweg mache, geht’s aber erst noch mit allen in die Mutter …

Text und Fotos: Marc Wilde

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