Danielle de Picciotto & Friends in Conversation w/ Angela Dwyer

Angela Dwyer: „Außen sieht alles gleich aus, aber es ist doch alles anders“

Angela Dwyer at work  

 

Ich verfolge die Arbeit von Angela Dwyer seit Ende der 1980er Jahre. Ihre Texturen, wülstige Farbschichten, satte Farben und abstrakte Formen erinnerten mich damals an die Wandteppiche der amerikanischen Ureinwohner:inne, die mein Vater gesammelt und in unserem Haus in NYC ausgestellt hatte. Es überraschte mich nicht, dass sie die Maori als Inspiration nannte. Die Berliner Kunstszene der 80er Jahre bevorzugte im Vergleich hauptsächlich Schwarz-Weiß Minimalismus in Kohle, der das Ende des kalten Krieges perfekt widerspiegelte, was ich aber deprimierend fand. Angelas Bilder schienen in dieser Dunkelheit zu leuchten, ein Hauch von Wärme, der ihre Herkunft in Neuseeland über den Ozean brachte.

Ihr tiefes Leuchten überlebte den Mauerfall und ihre Arbeit entwickelte sich über die Jahrzehnte konsequent zu einem leuchtenden Bewusstseinsstrom. Sprache begann in ihrer Arbeit zu erscheinen; eine weitere Facette, die mir als Spoken-Word-Musikerin gefiel und die Tatsache, dass wir offensichtlich den gleichen Musikgeschmack hatten und uns regelmäßig in Clubs und auf Konzerten trafen. Sie interessierte sich für Underground-Musiker:innen und -Autor:innen wie Nick Cave und William Burroughs, die ich auch bewunderte. Im Laufe der Jahre wurden Worte zu einem prominenten Teil von Angelas Gemälden, am unteren Rand einer monochrom bemalten Leinwand gequetscht oder in großen weißen Buchstaben auf schwarzem Papier geschrieben. In jeder Form enthielten sie ein faszinierendes Geheimnis, eine elegante Ungewissheit oder eine Frage, die meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Während der Pandemie begann sie eine Reihe ihrer abstrakten Zeichnungen auf Facebook zu zeigen, begleitet von einem Satz oder Zitat bekannter Schriftsteller:innen oder Dichter:innen. Es war definitiv eines der interessantesten Projekte, die ich während der langen einsamen Monate erlebt habe und ihre Posts waren wieder ein sanftes und beruhigendes Licht, das durch die Dunkelheit strahlte.

Ich freue mich sehr, heute hier mit Angela Dwyer zu sprechen.

 

Danielle de Picciotto: Du hast während der Pandemie eine Reihe abstrakter Zeichnungen mit Texten begonnen. Könntest Du den Prozess dieser Idee beschreiben und wie du darauf gekommen bist?

Angela Dwyer: Ich habe schon immer Farbstudien gemacht. Farben verändern unsere Sicht auf Formen und ich habe mich mit platonischen Körpern beschäftigt – Formen, die in Kugeln passen. Ich hatte diese Geometrie für selbstverständlich gehalten und war davon ausgegangen, dass ich bereits verstanden hatte, wie sie funktioniert.
Das tägliche Zeichnen während dem Lockdown wurde zu einem Ritual und einer Disziplin. Die Texte wurden nachträglich angehängt. Ich fing an, sie wie einen Eintrag in ein Tagebuch zu betrachten, um anderen einen neuen Weg in geometrischen Zeichnungen zu ermöglichen, während ich meine eigenen persönlichen Projektionen und Assoziationen teilte. Ich mag Textfragmente, die aus dem Kontext gerissen werden, weil sie isoliert eine neue Bedeutung bekommen. Ich wähle sie aus, wenn die Zeichnungen mich an etwas erinnern, das ich gelesen habe, das ich für das, was ich gerade erlebe, bedeutsam finde, nur anders relevant. Es ist wie während Covid: außen sieht alles gleich aus, aber es ist doch alles anders.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben? Er ist abstrakt, aber du arbeitest auch mit Sprache und manchmal auch mit figurativen Objekten.

Die Art und Weise, wie ich an meine Arbeit herangehe, ist mit einem Wolf vergleichbar, der seine Beute umkreist und weniger irgendein strategisches Konzept oder Stil. Ich arbeite mit Themen, meist als abstrakte Gedanken, die ich versuche zu konkretisieren. Durch einen Prozess des Siebens, der Interpretation und der Verzerrung oder Dekonstruktion bereite, recherchiere und spiele ich mit allen möglichen Materialien – Metall, Öl, Aquarell sowie figurativen Zeichnungen und Texten gleichermaßen, bis das beste Medium entsteht, das mich an mein zentrales Thema näherbringt, das auch seine Zeit braucht, um sich zu einem bestimmten Gedanken zu kristallisieren. Ich bin Beobachterin, ich schaue, ich lese, ich leihe und stehle, ich stelle Fragen. Ich denke, dass alle Kunst Abstraktion ist, egal ob ich einen klassischen Kopf zeichne oder schreibe oder eine Installation baue. Der Akt des Zeichnens und Malens bestimmt die Abstraktion, und wir alle projizieren mit bewussten und unbewussten Assoziationen Bedeutungen auf Gemälde und Skulpturen. Ich interessiere mich dafür, diese Projektionen als abstrakte Ideen zu nehmen und in konkrete Formen zu übersetzen.

 

Angela Dwyer „O Father“, 2018, 93x81cm, Pastel / Ink on Paper                                                                       The German text at the bottom are fragments from Paul Celan’s „Todesfuge“ („Death Fugue“): „Ein Mann wohnt im Haus/ er spielt … er träumet … wir trinken und trinken“ / „a man lives in this house … he plays (with the snakes) … he dreams …. we drink and we drink“

Was motiviert und inspiriert dich?

Ich finde Schönheit im Unregelmäßigen und Unvollkommenen. Ich male, um das Sehen zu lernen oder herauszufinden, wie Dinge und Abstraktion funktionieren. Während ich eine Arbeit entwickle, versuche ich, Form und Inhalt zu verschmelzen, um das strukturelle Wesen zu entdecken, das die materielle Form definiert, aber ich liebe leichte Differenzierungen der Farbe, kompositorische Ungleichgewichte, fehlerhafte unebene Oberflächen und ungeschnittene Kanten. Ich urteile nicht und mache keine Aussagen, ich bin daran interessiert, Kunst zu machen, die verweilt, die Menschen bewegt und länger bei mir bleibt als jede Idee oder jedes fertige Produkt.

Was suchst du in anderer Kunst?

Präsenz. Ich möchte, dass ein Kunstwerk mehr ist als die Summe seiner Teile. Präsenz ist das, was der Kunst die Existenzberechtigung verleiht. Ich bin.

Wie hat sich die Pandemie auf deine Kunst/ dein Leben ausgewirkt?

Covid war eine Zeit der allgemeinen Unsicherheit und hat Veränderungen in unserem Umgang miteinander mit sich gebracht. Es hat dazu geführt, dass unsere zentralen Werte stark bleiben mussten, während gleichzeitig eine Verschiebung der Prioritäten stattfand. Ich habe über Identitätsmythen nachgedacht, die eine subjektiv-strukturelle Grundlage haben: Wer sind wir, wenn wir uns selbst überlassen sind?
Wir passen uns schnell an neue Regeln, Gewohnheiten und Abläufe an, wenn sie erforderlich und notwendig sind, verändern dabei aber nicht nur unseren persönlichen Umgang mit der Außenwelt, sondern auch unser Denken über uns selbst. Während ich in meiner vorherigen Arbeit nach der abstrakten Betrachtungsweise physischer Störungen der menschlichen Existenz wie Erdbeben oder Überschwemmungen oder dem Aufbau und der Schichtung beim Wiederaufbau einer Stadt auf ihren Ruinen suchte, war meine Arbeit während Covids auf der Suche nach eine solidere Darstellung, um zu verstehen, wo wir uns jetzt befinden, an diesem einen Ort und zu diesem besonderen Zeitpunkt. Aber die wirkliche Auswirkung von Covid auf mein Leben war, dass ich meine Schwester nicht mehr wiedersehen kann.

Angela Dwyer, „This is Sexy“, 2007 184×700 cm, Oil on Canvas (4 piece)

Bist du akademisch ausgebildet?

Ich lerne immer noch zu malen, aber ich werde immer besser darin. Mit 17 habe ich ein Jahr Restauration gemacht und dort gelernt, wie man Aquarelle aus dem 18. Jahrhundert malt und wie Rubens zeichnet. Es vermittelte mir einen gesunden Respekt für die Technik und auch eine Liebe zum Zeichnen. Aber an der Kunstschule war ich mehr daran beteiligt, Kampagnen gegen die Apartheid zu organisieren und gegen Bildungskürzungen zu protestieren. Es war auch der Höhepunkt von Happenings und Performance Art, und Punk war neu und schien viel interessanter, ich war ziemlich auf mich allein gestellt, bis ich auf Bücher über den Bauhaus stieß.

Beeinflusst der Klimawandel deine Kunst thematisch?

Die Vergänglichkeit von Besiedlung und der ständige Kampf zwischen Natur und Mensch ist ein Thema, auf das ich seit Jahrzehnten in meiner Arbeit zurückkomme. Im Kampf Mensch gegen Natur gewinnt immer die Natur, weil sie sich anpasst. Meistens habe ich unsere Bedeutungslosigkeit angesichts der Hartnäckigkeit und Ausdauer der Erde betrachtet und wie wir Menschen trotz wiederkehrender Epidemien, Dürren und Meereswellen alles verleugnen, hin und her schwanken und alles andere als tun als uns zu verändern, selbst angesichts unserer eigenen Zerstörung.

Angela Dwyer „ceaselessly.“, 131x118cm, pastel Tusche Papier, 2016

Denkst du, dass Kunst angesichts all der sozialen, Gender- und Migrationsfragen, mit denen wir alle konfrontiert sind, politischer werden sollte, oder denkst du, dass Kunst ein internes persönliches Privatstudium ist?

Ich glaube, es war Tina Modotti, die sagte: „Das Persönliche ist politisch.“ Es gibt einen feinen Grat zwischen der Verwendung von Kunst als Medium, um politische Ideen auszudrücken, und der Gefahr, dass sie Propaganda ist oder einfach nur den Bekehrten predigt. Politische Kunst ist eine eigene Kunstform, und politische Künstler, die ich respektiere, wie Kara Walker, Diana Arce oder Barbara Kruger, haben über Jahre eine akkurate, abgestimmte Sprache entwickelt, die dafür sorgt, dass weder ihre Botschaft noch ihre Kunst geschwächt oder kompromittiert werden. Auch gehen wir oft davon aus, dass alle Künstler:innen progressiv sind, aber leider ähneln die politischen Überzeugungen von Künstler:innen oft jenen des Rests der Gesellschaft. Ist es immer noch Kunst, wenn uns nicht gefällt, was sie über Migration, Klima oder Gender sagen?

Was hat deine Arbeit in den letzten Jahren am stärksten beeinflusst?

Ich habe angefangen an Skulpturen/Objekten zu arbeiten, und das hat mir ein besseres Verständnis von Form und Raum für meine Zeichnungen und Gemälden gegeben. Foucault fragt sich in seinem Essay über Manet, woher die Lichtquelle kam, und triangulierte das Thema, das Licht und die Position des Betrachters im Gemälde. Das zu lesen war wirklich wie das Einschalten einer Glühbirne. Wenn man etwas gesehen hat, kann man es nicht mehr ungesehen machen.

Woran arbeitest du momentan und was sind deine Zukunftspläne?

Ich schaue mir Proxemics an, was auch bekannt ist als der Raum zwischen uns. Beim Zeichnen neigen wir dazu, uns Formen im Raum als Perspektive vorzustellen, als Linien auf einer Oberfläche oder als positiver und negativer Raum, ohne die unsichtbare Geometrie fester platonischer Formen zu sehen, die alles an Ort und Stelle halten. Ich habe außerdem gelernt, selber Film zu schneiden und habe gerade bei meinem allerersten Musikvideo Regie geführt, was sehr aufregend ist.

Angela Dwyer „Mercy Mercy“, 2019, 90x140cm

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