30 Jahre Ich-Maschine

Die Platte mit der „Tinte für zwanzig Bücher im Bauch“

Wie umwerfend ist dieses Album, auf einer Skala von eins bis zehn? Sagen wir, eine gute elf. Vor dreißig Jahren, im Januar 1992, erschien mit „Ich-Maschine“ das Debütalbum der Diskurs-Indie-Rock-Band Blumfeld. Wer „Hamburger Schule“ sagt, kann über dieses Album nicht schweigen. Texter, Sänger und Gitarrist Jochen Distelmeyer hat die Messlatte für deutschsprachige Songs mit diesen 12 Stücken definitiv höhergelegt – und Musiker:innen wie Thorsten Nagelschmidt geprägt.

Die Platte erschien am 8. Januar 1992, dem 45. Geburtstag von David Bowie. Jochen Distelmeyer singt Wörter, über die man stolpern musste: „Weltallergie“, „Zyankalilaune“, „Gummipuppenfriedhof“ oder auch „Selbstbetrugsdezernat“. Das ist nicht das einzige Alleinstellungsmerkmal der Band. In Distelmeyers anspielungsreichen Texten sind Gesellschaft und individuelle Befindlichkeit nicht länger separiert, denn das lyrische Ich ist nie der Welt enthoben und registriert das auch: „Mach doch mal einer den Kulturkack aus! Ach geht ja nicht, lass bloß an, bin ja selber drin!“, heißt es in „Dosis“. Das lyrische Ich ist mitten in der Welt, findet sich von der jedoch immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen und so permanent im einsamen Reflexionsmodus wieder. Dann geht es um Patti Smith, aber auch um Geschichtspessismismus oder kafkaesk anmutende Bilder.

Thorsten Nagelschmidt auf der Bühne mit seiner Band Muff Potter (Photo: Yannic Bill)

„Da war ich noch sehr jung und habe wahrscheinlich nur die Hälfte verstanden, diese ganzen Referenzen“, erinnert sich Musiker und Buchautor Thorsten Nagelschmidt. „Ich dachte: Sowas habe ich noch nie gehört, ich kenne auch überhaupt nichts Vergleichbares“. Der Sänger und Gitarrist von Muff Potter konsumierte damals primär Hardcore und Punk, aber „Ich-Maschine“ faszinierte ihn sofort. „Ich finde gerade die erste Blumfeld-Platte auch unfassbar hart. Eben dadurch, dass sie so kühl ist, kalt eigentlich schon in der Produktion. Da ist überhaupt nichts Warmes drin, dieser Gesang ist gesprochen. Es gibt wenig Melodien, die einfach mal so durchblitzen. Gleichzeitig ist sie aber eben auch nicht hart, weil sie bestimmte Themen anspricht.“ Nagelschmidt schwärmt zum Beispiel über den Song „Lass uns nicht von Sex reden“: „Dass über Sexualität gesungen wird, das kannte man ja so nicht, auch nicht aus dem Punk.“ In besagtem Lied heißt es fast melancholisch: „Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll, sich vereinigen“.

Tatsächlich wollte diese klanglich an Pavement und für Nagelschmidt auch an Sonic Youth erinnernde Musik nicht hymnisch sein. Aufgenommen wurde im Oktober 1991 im Soundgarden Studio (im September kam es zu den rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerda). Produziert hat Chris von Rautenkranz, damals war die Band nur zu dritt. Auf „Ich-Maschine“ wird keine Verbrüderung demonstriert, vielmehr hagelt es Irritationsmomente: „Ich hab keine Knochen mehr, dafür Tinte für zwanzig Bücher im Bauch“, heißt es im zweiten Song. „Es ist zutiefst menschlich: Die Themen und die Positionen, die eingenommen werden. Gleichzeitig ist es aber auch maximal verstörend, auch in der Sprache“, meint Nagelschmidt. Für ihn war das Album Inspiration, auch wenn es ihm wie ein fremder Planet vorkam. Das Stück „Zeittotschläger“ war lange sein Lieblingssong aus dem Debüt, den Songtitel hat er in einen Text von Muff Potter eingebaut.

Nagelschmidt ist nicht der einzige Musiker, der aus Blumfelds Debüt zitierte: Auch Marcus Wiebusch etwa spielte mit seiner Punk-Band …but alive im politischen Stück „Krieg, keinen Frieden“ wohl auf eine Zeile aus „Von der Unmöglichkeit „Nein“ zu sagen“ an. Distelmeyer kriegt hier keinen Frieden und besingt das Dilemma zwischenmenschlicher Beziehungen: „Sind zwei zu viel, um frei zu sein? Oder brauch ich Dich, um ich zu sein?“. Das ist irgendwie Sartre, auf eine unkitschige Art romantisch und dabei doch unruhig und unharmonisch. Für Frank Apunkt Schneider war die „Ich-Maschine“ ein Musterbeispiel für eine gewünschte Ästhetik der Verkrampfung sowie „ein öffentlich gemachter Kampf mit den Fallstricken der Sprache, der entweder unmittelbar in seinen Bann schlug oder instinktiv abstieß. Er berührte in manchen Momenten als sprachliche Ohnmachtausübung, in anderen nervte er, in wieder anderen wollte er genau das: nerven.“ (Zitiert aus: Frank Apunkt Schneider: „Deutschpop halt’s Maul! Für eine Ästhetik der Verkrampfung.“ Ventil Verlag 2015, S. 78.)

Anders genervt hat Anfang der Neunziger wohl die Musik von Matthias Reim, auf den „Ich-Maschine“ ebenfalls kurz anspielt. „Es scheut sich nicht davor, in einer bestimmten Zeit verhaftet zu sein. Alleine dadurch, dass man den Namen „Matthias Reim“ singt und sich so ganz konkret auf ein Hier und Jetzt bezieht“, meint Nagelschmidt zum Songwriting. „Das ist toll, weil man sich dadurch verortet. Das stört mich auch ganz oft an Pop-Musik, die so prätentiös zeitlos sein will und immer nur zeitlose Themen anspricht. Das ist ja oft nur eine Ausrede dafür, dass man nichts zu sagen hat und sich nicht verhalten will zu aktuellen Themen“. Dann das Ende: Im akustischen Titelsong flüchtet ein junges Ich auf Apfelbäume, nicht vor Matthias Reim, sondern vor der Erdanziehung. Das gelingt sogar, bis es gerufen wird und wieder zurück muss in die Ordnung stiftenden „Klassenzimmer, Sportplätze und Partykeller“. Dabei könnte es soviel mehr geben im Leben. Auch von dieser Hoffnung und der Möglichkeit wahrer Liebe erzählt das Album insgeheim. Bäume und Äpfel tauchen auf späteren Alben wieder auf, ein anderes Thema. Wenn ich mir manche Songs auf „Ich-Maschine“ anhöre, befällt mich akute Schwermut, chronisch geworden ist aber nur die Begeisterung für diese dringliche Musik. Nagelschmidt meint: „Selbst wenn man wollte, der Band kann man gar nicht an den Karren pissen: Was juckt es die deutsche Eiche, wenn sich das Schwein dranreibt? Die Band steht über den Dingen und zwar nicht aus einem unangenehmen und elitären Habitus heraus, sondern einfach durch die Entscheidung, geile Kunst zu machen!“

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