c/o pop Festival 2020 – Ralph Christoph im Interview

c/o pop: xoxo – Eine Achterbahnfahrt, die man nicht unbedingt in einem Jahr haben möchte

Ralph Christoph, Director c/o pop Convention

Vom 21. bis 24. Oktober fand in Köln die c/o pop im zweiten Anlauf doch noch im hard knocking Corona-Jahr 2020 statt, verlegt vom ursprünglichen Termin Ende April.
Thomas Venker hat sich mit Ralph Christoph, dem Director c/o pop Convention, über die Erfahrungen des Jahres und die Ableitungen für die Zukunft unterhalten. 

Ralph, wie hast du die diesjährige c/o pop persönlich wahrgenommen?
Da gab es unterschiedliche Phasen: Frust und Enttäuschung zu Beginn der Pandemie und der damit verbundenen Absage von Festival und Convention zum ursprünglich geplanten Termin Ende April; dann die Jetzt-erst-recht-Phase mit den ersten tapsigen Schritten in die Zoom- und Solidaritätsstreaming-Welt; dann die Phase der Unsicherheit wie es weitergehen soll und kann; und schließlich die hochkreative und -produktive Phase, in der wir schließlich die xoxo Ausgabe geplant und umgesetzt haben. Eine Achterbahnfahrt, die man nicht unbedingt in einem Jahr haben möchte.

Wie sah es mit dem Feedback von Außen aus?
Sehr gut! Da sich ja alle um uns herum mit den gleichen Fragen beschäftigt haben, wurden wir von vielen Seiten unterstützt und bekräftigt, diesen nicht einfachen Weg zu gehen. Unsere Fördergeber*innen auf Bundes-, Landes- und lokaler Ebene haben ebenfalls mitgezogen, schließlich müssen hier diverse Änderungsanträge gestellt und auch gebilligt werden. Und auch die – zum Teil neuen – Partner*innen, mit denen wir eigentlich für die Präsenzausgabe im April geplant haben, sind an Bord geblieben. Allesamt waren von unserem Konzept, hier mal etwas Neues probieren zu wollen, sehr angetan.

Du hast es bereits angesprochen: Ihr habt das Festival vom ursprünglichen Termin Ende April auf den Oktober verschoben – trotzdem gab es aber bereits im April erste digitale Formate. Welche Lernerfahrungen und Ableitungen habt ihr von diesen mitgenommen?
Grundsätzlich waren natürlich auch wir gezwungen, den gesamten Firmenbetrieb adhoc remote zu stellen – also ab ins home office. Aber wie vielen andere haben auch wir die Erfahrung gemacht, dass das ganz gut geklappt hat. Da in diesem Moment klar war, das ein Jahr Arbeit nicht zum gewünschten Ergebnis führen wird, war es für alle Mitarbeiter*innen sehr wichtig, dass wir uns regelmäßig online getroffen und ausgetauscht haben. Dann begann ja recht schnell – bundesweit mit United We Stream, lokal aber aber mit dem Cologne Culture Stream – die Welle der Soli-Konzerte. Ausgangspunkt für uns war aber die Convention mit drei Talkrunden. Aber es war spätestens im Juni klar, dass diese Art der Online-Ab- und Ausspielung nur solange funktionieren würde, bis die ersten Lockerungen kommen. Und so war es dann ja auch. Spätestens an diesem Punkt war aber der Entschluss gereift für den Herbst ein Subsitut für das ausgefallen Festival und die Convention aufzusetzen. Dass so ein Modell nicht aus Zoom-Talks und Wohnzimmerkonzerten bestehen kann und darf, war klar.

Im Studio der c/o pop 2020: xoxo

Ich nehme mal an, dass Ihr Euch die Aktivitäten der anderen Festival wie Sonar, Unsound, Atonal, CTM, Mutek… angeschaut  habt. Wer oder was ist dir da denn besonders nachhaltig aufgefallen? Und warum?
Es war ein bisschen wie beim Fußball: schau nicht zu viel auf die anderen, sondern spiele dein Spiel. Es ist ja vollkommen klar, dass das Internet nicht auf uns Festivals und Konferenzen gewartet hat. Daher haben wir das Projekt xoxo von Anfang an als eine Art Laborversuch betrachtet. Wir wollten als eine Veranstaltung auftreten und nicht getrennt marschieren, wie wir das sonst aus guten Gründen machen. Das Netz folgt da einer anderen Logik. Vor allem was die Art des Contents, der Länge des Contents und die Art der Formate betrifft. Da schien es uns auch wenig hilfreich nur auf unsere Kolleg*innen aus der Musik- und Festivalbranche zu schauen, sondern eher Formate zu scannen, die aus einem mehr digitalen Kontext kommen. Wir hatten ja geplant, dass parallel zur c/o pop erstmals die TINCON als Präsenzveranstaltung in Köln stattfindet. Die wurde dann in Rekordzeit zur TINCONLINE umgestrickt – das war sehr inspirierend für uns. Kurze Zeit später, Anfang Mai, ging dann die re:publica mit ihrem ASAP Format online – und spätestens hier war klar, dass es in Richtung Online-TV gehen muss und wird. Diese beiden Veranstaltungen waren für uns die Benchmark.

Ralph Christoph: „So stelle ich mir einen guten Talk vor“:

Der Festivalaufritt im Oktober war extrem ambitioniert, gefühlt mehr als 50 Konzerte, Panels, Editorials von und mit den Künstler:innen. Es wirkte zumindest so, als ob ihr fast alles digital umgesetzt habt, was ihr vor Ort angedacht hattet. Wobei die Mischung logischerweise und dem Medium geschuldet aber eher wie eine redaktionelle Planung für eine Website an mutete und nicht wie ein konventionelles Festival.
Wie habt ihr im Team diesen Prozess empfunden?
Es waren am Ende 120 Programmpunkte mit einer Gesamtlänge von über 44 Stunden, verteilt auf vier Tage und ausgespielt auf zwei parallelen Kanälen. Geplant war, dass rund 70% des Contents vorproduziert wird und wir dann an den drei Festival- und Konferenztagen teils live, teils einen Tag vorher aufgezeichnet aus unseren Convention- und Festivalstudios senden werden. Wir hatten ein validiertes Sicherheits- und Hygienekonzept, das es uns ermöglicht hätte, sowohl bei der Konferenz als auch bei den neun Shows, die wir dort produzieren wollten, 50-80 Zuschauer*innen zulassen zu können. Dann gingen die Zahlen derart und bundesweit in die Höhe, dass wir am Ende sogar davon absehen mussten, einen Großteil der Speaker*innen nach Köln reisen zu lassen. Das hatte zur Folge, dass wir mehrere Talks und Panels hatten, bei denen die Moderation in unsere schönen Studiokulisse alleine saß und die Teilnehmer*innen per Video zugeschaltet werden mussten. Also exakt das Gegenteil von dem, was wir eigentlich machen wollten. Aber auch das ist ebene ein Learning dieses Jahres: selbst solche Formate lassen sich nicht mit Sicherheit planen und man muss auf alles gefasst sein!
Aber auch gilt es festzuhalten: ausnahmslos alle Speaker*innen haben da mitgezogen und einen großartigen Support geleistet, sei es vor Ort oder eben via Zoom.

Kannst du darlegen, wie ihr die jeweiligen Formate für die unterschiedlichen Künstler:innen ausgewählt habt?
Grundsätzlich gab es drei Varianten: Shows, die im Vorfeld noch vor Publikum stattfanden, die wir mitgeschnitten haben; Shows in Venues ohne Publikum und die Shows vor Ort während des Festivals. Viele Künstler*innen wollten per se keine Online-Shows spielen. Wir haben uns beim Booking an unser Grundgerüst gehalten, dass 70-80 Prozent domestic (also aus Deutschland) sind. Als Unterstützer*innen der Keychange Initiative haben wir den Anteil an Männern beim Festvial Line-up auf knapp 50%, bei der Convention sogar auf 35% reduziert.

Wie erging es denn den Künstler:innen damit? Wie leicht fiel diesen der Schwenk? Habt ihr mehr als sonst kommuniziert?
Wir alle leben ja mit der gleichen Situation. Aber immerhin sind wir ja in der Lage die Künstler*innen zu bezahlen. Ende September beim Reeperbahnfestival flackerte sehr kurz etwas Hoffnung auf, dort konnten, wenn auch unter enormen Aufwand ein paar Shows, vor allem Open Air stattfinden. Da wir uns aber alle an den geltenden Bestimmungen orientieren und den damit einhergehenden Einschränkungen leben müssen, gab es da auch eigentlich keine Diskussionen mit den eingeladenen Künstler*innen. Im Gegenteil: auch unter diesen herrschte große Vor- und Umsicht wenn es beispielsweise um Reise und Anfahrt ging.

Ralph Christoph: That’s what we called „special content”:

Wie bewertet ihr den Ausspielungserfolg?
Betrachtet man die reinen Zahlen (Teilnehmde am Livestream, Clicks der archivierten Beiträge), so muss man leider – nicht nur bei Euch sondern quasi überall – konstatieren, dass viele tolle Inhalte nur schwerlich ihren Weg zu den potentiellen Zuschauer:innen finden. Was jetzt auch nicht groß verwundert, denn man repräsentiert ja ein Festival, dass die Zuschauer:innen real in Persona erleben wollen und keine Website mit Stammpublikum, die Bindung als Medium muss man ja erst aufbauen.
Was sind die Lernerfahrungen und Ableitungen für die Zukunft (auch wenn wir natürlich hoffen, dass es bald wieder zurück zum normalen Festivalbetrieb gehen kann)?
Wir sind mit den Zahlen zufrieden, denn wir haben in ungefähr so viele Besucher*innen erreicht, wie bei der Präsenzveranstaltung. Wie schon erwähnt, darf man sich nicht davon verlocken lassen, dass das Netz solche Zahlen potenziert. Im Gegenteil. Allerdings haben wir schon vertraglich darauf geachtet, dass die meisten Beiträge auch im Nachgang als VOD auf unserem (neuen!) Youtube-Kanal  verfügbar sind. Wir alle sind es ja gewohnt, dass Content nicht mehr ausschließlich linear ausgestrahlt wird.

Eine Sache, die mir aufgefallen ist: man zappt digital noch viel mehr als man auf einem Festival zwischen den Bühnen pendelt. Ist das eine Erfahrung, die du so auch gemacht hast anhand der digitalen Daten und den eigenen Beobachtungen?
Mit Sicherheit sind die Verweilzeiten online komplett andere als in der physischen Welt. Diese Zahlen aber lesen und bewerten zu können, dafür musste wir das Ganze erst einmal so machen wie wir es gemacht haben. Wir wissen nun, wo wir ansetzen müssen, was wir anders und auch besser machen wollen. Ganz normale Learnings also.

Wie geht es nun weiter? Die plant ihr für die c/o pop 2021 (die wieder am ursprünglichen Termin Ende April stattfinden wird)?
Wir planen für 2021 mit dem angestammten Termin vom 22.–24. April und bleiben beim Thema und Format c/o pop xoxo. Dabei gehen wir erneut von einer digitalen Variante aus, alles andere lässt sich von hier und jetzt nicht sinnvoll und seriös planen.

Ralph, zum Schluss dein(e) Lieblingstrack(s) 2020 bislang.
Aktuell wären/sind es – je nach Laune – diese hier:

Benny Sings „Sunny Afternoon“

Khruangbin „Time (You and I)“

Sophia Kennedy „Orange Tic Tac“

Sleaford Mods feat. Billy Nomates „Mork n Mindy“

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