Daniele De Picciotto & Friends in conversation – Ulrike Haage

Ulrike Haage: „Als Künstlerin kenne ich Ausnahmesituationen mein Leben lang, nicht so drastisch und bedrohlich wie zur Zeit, aber doch immer so, dass man lernte, dem Fluss der Dinge zu vertrauen“

Ulrike Haage

Ulrike Haage habe ich Anfang der 90iger kurz im Backstage eines Festivals im Zusammenhang mit den Rainbirds kennen gelernt. Damals hatte sie schon eine beeindruckende Künstlerkarriere hinter sich u.a als Mitglied von Reichliche Weiblich der ersten weiblichen Jazzband Deutschlands, als Bandmitglied von Vladimir Estragon und Stein neben F.M Einheit und mit Ihren mannigfaltigen Theaterkooperationen und Kompositionen unter anderem mit Einstürzenden Neubauten. Wirklich nachhaltig aufgefallen ist sie mir allerdings ein paar Jahre später durch ihre solo Arbeiten und Hörspiele. Die Mischung aus experimentellen, teilweise improvisierten Klavierpartituren, Spoken word oder Gesang erlesener Gäste und elektronischen Sounds brachte Ihr ganzes Können perfekt auf den Punkt.

Ulrike ist klassisch, ausgebildete Pianisten. Bei Ihren Konzerten kann man das Spiel zwischen einer konzentrierten Perfektion und spielerischen Improvisation wundervoll beobachten und dieses heitere Interesse an Gegensätzen findet man in vielen Ihrer Werke. Fein und elegant, wie Kleinode, treten Ihre Töne zunächst leise, näher an einen heran, um sich dann Himmelsgleich mit unendlicher Größe, vor dem Zuhörer zu entfalten. Ihre Arbeit ist zeitlos und strahlt eine bestimmte Mystik aus, die durch Ihre Zusammenarbeiten in Russland und Japan noch verstärkt wurden. Ihre Musik könnte man auch als eine Art akustischem Zen-Buddhismus beschreiben. Abgesehen von Ihren vielen Filmmusikkompositionen (u.a. für Dorris Dörries), einer Kinderoper und unzähligen audio-visuellen Projekten, komponiert und veröffentlicht Ulrike Haage wunderbare Werke in einem so schnellen, stetigen Strom, dass sogar mir als Workaholic schwindelig wird. So freue ich mich also umso mehr, dass sie sich die Zeit nehmen konnte, mit mir heute ein kleines Gespräch zu führen.

Danielle De Picciotto: Liebe Ulrike so wie ich es mit bekomme arbeitest du unentwegt an Filmmusik, Hörspielen und eigenen Alben. Hat die Pandemie dein Leben beeinflusst oder bist du grundsätzlich sowieso immer im Studio ?
Ulrike Haage: Das Jahr 2020, in dem eine gravierende neue Pandemie unser aller Leben auf den Kopf gestellt hat, war zugleich das Jahr der Hörspiele, der Filme und der Bücher. Viele Menschen haben plötzlich wieder mehr Radio gehört, alte wie neue Filme für sich entdeckt und mehr Bücher gelesen, viel mehr miteinander telefoniert und mit Freunden so viele Distanz-Spaziergänge gemacht wie nie zuvor. Wir sind ja alle zum ersten Mal in unseren Leben in einen völlig neuartigen Stillstand geraten.
Weil ich schon lange unabhängig arbeiten kann, in meinem eigenen Studio und an meinem Flügel, konnte ich Sendern, mit denen ich Pläne für 2020 hatte, oder dem Filmteam, mit dem ich mitten im Finale von „Berlin 1945 _ Tagebuch einer Großstadt“ war, mein Zuhause als Produktionsort anbieten. So hatte ich erstaunlich viel zu tun im letzten Jahr, und zugleich kam mir die Zeit sehr viel genutzter und gedehnter vor. Alle Schauspieler*innen, meine technischen Assistenten waren entspannter, auch vorsichtiger und fokussierter, weil wir uns alle in einem Vakuum des Noch-nicht-wissens befanden, einer neuen Zeitrechnung und einem aufmerksamen neuen Miteinander. Das führt zu einem anderen Bewusstsein gegenüber jeder Minute des Lebens. Die Pandemie und das künstlerische Leben waren und sind für mich demnach untrennbar miteinander verbunden. Denn jedes Ereignis, alle Ereignisse beeinflussen mich und meine Arbeiten, mal mehr und mal weniger intensiv.

Wie könntest du deine Musik beschreiben? Woran ist dir dabei in all den unterschiedlichen Bereichen vor allem gelegen?
Ich bin mit der Jazzplattensammlung meiner Eltern groß geworden. Bei uns lief immer eine Schallplatte mit den neuesten Veröffentlichungen von Bill Evans, Oscar Peterson, Ella Fitzgerald, bis hin zu Herbie Hancock, Miles Davis und Keith Jarrett. Später habe ich klassisches Klavier studiert und mich dann in frei improvisierenden Zirkeln in eine eigene Richtung bewegt. Meine Vision ist es, einer Erinnerung, einem Gedächtnis auf die Spur zu kommen, das weit zurück und tief verschüttet liegt. Dafür gibt es keine Worte, dafür gibt es für mich nur Töne. Oft entstehen Themen bei mir aus stundenlanger Improvisation und dem Zuhören eines Klangs. Ich arbeite gerne rein instrumental und zugleich liebe ich die Zusammenarbeit mit vorwiegend klassischen Sänger*innen. Ich mag die Dualität aus Komposition und Improvisation, aus Elektronik und Akustik, verschiedenen stilistischen Einflüssen.
Im Laufe der Zeit kam das Hörspiel und die Filmmusik dazu. Sprache und Musik, Bilder und Musik sind für mich gleichberechtigte Ausdrucksformen. Dort wo Worte oder Filmbilder etwas Konkretes vorgeben, öffnet die Musik eine weitere emotionale Ebene und spricht andere Sinne an. Mit meinen Hörspielen, bei denen ich mich oft auf Texte wunderbarer Frauen konzentriere, möchte ich Denkanstöße geben, ermutigen und Räume zum Fantasieren schaffen. Und Musik zu schreiben, zu spielen, ist wie ein ständiges Forschen und für mich die intensivste Form des In-der-Welt-seins. To shine a corner of the world, that’s what I’d love to give.


Ich selber arbeite seit über zwanzig Jahren unabhängig und seit einigen Jahren mit einem kleinen engagierten Label aus Hamburg zusammen. Mir ist die Möglichkeit, meiner eigenen künstlerischen Intuition und Verantwortung zu folgen, wertvoller, als in dem System eines großen Labels eingebunden zu sein und vermeintliche Sicherheit und entsprechende Vorgaben zu haben. Darum bevorzuge ich enge Zusammenarbeiten und das persönliche Engagement meiner Verbündeten. Das ist ein längerer und steiniger Weg, aber gut für die Füße, gut für die eigene Entwicklung und es passt vermutlich zu mir. Die Frage ist dabei ja auch, was man möchte als Künstlerin in diesem einen Leben. Da mögen die Ansichten stark auseinander gehen.

Wie stehst du zu Spotify?
Streaming Plattformen sind heute enorm wichtig geworden. Alt und Jung bedienen sich der Musik, in mittlerweile auch sehr guter Qualität und allen Stilrichtungen auf diesen Plattformen. Ich habe nichts dagegen, zumal CDs und Schallplatten heute einen Außenseiterwert haben. Ich bin selber noch Fan der haptischen Produkte, aber einträglich ist es für die meisten Musiker*innen nicht. Und natürlich gilt für Spotify und Co., dass wir noch lange um eine gleichberechtigte Beteiligung kämpfen müssen, wie früher bei den Plattenfirmen.

Wird sich durch die Pandemie etwas in der Musikindustrie verändern?
Die Musikindustrie wird sich jede Situation zunutze machen und auch auf die Pandemie reagieren, allein weil sie existieren wollen. Die Musik an sich aber wird unabhängig von allem immer eine große Bedeutung für den Menschen haben, sie hat heilende Kräfte und darum ist sie auch in tiefsten Krisenzeiten extrem wichtig.

Du arbeitest seit 1985 als Musikerin, warst auch als Dozentin für Improvisation an der Musikhochschule tätig. Was hat sich deiner Meinung nach in der Musikwelt in dieser Zeit maßgeblich verändert? Was nicht?
In dieser langen Zeitspanne habe ich soviel erlebt, dass es schwer wird, das kurz zu beschreiben. Eine wichtige Veränderung ist die Selbstständigkeit der einzelnen Künstler*innen und Bands. Es hat sich viel getan in Bezug auf das Übernehmen von Eigenverantwortung und das Bewusstsein darüber, wieviel wir selber dazu beitragen können, dass wir über Rechte und Unrecht bei zum Beispiel der Auswertung der Copyrights und der Verwertung unserer Kompositionen Bescheid wissen und dass die Welt sich dadurch positiv verändern kann. Das betrifft das Musikbusiness, aber auch andere Regeln innerhalb einer Gesellschaft. In Bezug auf Gleichberechtigung, Geschichtsschreibung und soziale Gerechtigkeit liegt auch im künstlerischen Bereich noch eine Wegstrecke vor uns.

Während der Pandemie wurde Kultur öfters als Freizeitbetätigung beschrieben. Wie stehst du zu diesem Begriff und was für eine Bedeutung hat Musik deiner Meinung nach für unsere Gesellschaft?
Ja, das ist wirklich eine indiskutable Beschreibung von Kultur. Musik, Kunst und gutes Handwerk sind Teil der Identität und Bildung des Menschen, sie tragen zum Wohlbefinden bei und mindern negative Gefühle wie Angst oder Depression. Aber es wundert mich nicht, dass die Kultur – bis auf Ausnahmen – nicht als „systemrelevant“ anerkannt wurde, will sie doch in vielen Fällen das System zurecht in Frage stellen, reflektieren und neue Anstöße geben. Es gehört für mich dazu, die Welt als sichtbaren aber auch imaginären Ort zu betrachten, als einen Ort, den man aktiv gestalten und nicht zerstören sollte, – um sich stattdessen vorzustellen, dass man auf dem Mars noch einmal von vorne anfangen könnte.

An welchen Projekten hast du dieses Jahr gearbeitet?
Zu Beginn des Jahres war ich noch in die Filmmusik für „Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt“ vertieft. Kurz vor dem ersten Lockdown konnten wir im RBB noch das Slow Poetry Hörspiel „Sprache mein Stern. Hölderlin hören“ fertig stellen. Wir haben hier unter dem Einfluss einer Ahnung dessen, was uns allen gerade bevorstand, gearbeitet; extrem intensiv, emotional, konzentriert. Im Frühjahr, während des Lockdowns, entstand „Hyperbolische Körper“, eine Dialogfantasie zwischen den beiden Mathematikerinnen Sofia Kowalwskaja und Maryam Mirzakhani. ebenfalls von großem Engagement aller Beteiligten getragen. Es war, als wüssten wir alle nicht, ob das nun unsere letzte Produktion in unserem fragilen Leben sein würde. Dieses schöne Hörspiel bekam den Publikumspreis bei den ARD Hörspieltagen im November, die wie soviel anderes nur virtuell stattfanden. Es kam auch meine neue Klavier CD „Himmelsbaum“ heraus. Leider sind die Konzerte dazu natürlich fast alle verschoben worden und die meisten Interviews fanden virtuell statt. Das war aber eine interessante Erfahrung, weil sich in allen Interviews Fragen zur Musik mit großen Fragen zur Zeit mischten und man gemeinsam viel nachgedacht hat.

Was sind deine Pläne für 2021?
Ich denke, dass es nicht leicht wird, Pläne für das Jahr 2021 zu machen. Die Ausnahmesituation auf unserer Welt und die vielen Herausforderungen für unsere Gesellschaft, beziehungsweise die dringend notwendigen Veränderung derselben, nehmen gerade bei allen einen ganz großen Raum ein. Als Künstlerin kenne ich Ausnahmesituationen mein Leben lang, nicht so drastisch und bedrohlich wie zur Zeit, aber doch immer so, dass man lernte, dem Fluss der Dinge zu vertrauen.
Für mich setzen sich 2021 zwei größere Projekte fort, die Ende 2020 begonnen haben.
Zum einen komponiere ich weiter an der Musik für die wunderbare Hörspielfassung „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante. Eine Saga für die Ohren, die sich bis zum Herbst 2021 über 19 Teile erstreckt und hingebungsvoll produziert ist.
Zum anderen stecke ich in einer Filmmusik, die mit der aktuellen Situation zu tun hat und mich darum auch emotional ziemlich in Anspruch nimmt.
Natürlich wünsche ich mir, dass die verschobenen Solo Klavierkonzerte für meine letzte CD „Himmelsbaum“ 2021 stattfinden können. Denn wie Duchamp schon sagte, schließt sich der kreative Akt erst gemeinsam mit dem Publikum. Und diese Momente auf der Bühne vermisse ich – wie viele Musiker*innen zur Zeit – schon sehr.

Was sind deine Entspannungsmöglichkeiten? Oder hast du keine Auszeit?
Meine Art, mich zu entspannen oder eine Pause von der kreativen Arbeit zu machen, findet eigentlich jeden Tag mehrmals statt. Ich starte den Tag mit Meditation, Yoga oder Qigong. Das gibt einen Moment der Ruhe, bevor der Kopf anspringt.
Dann koche ich sehr gerne, selbst wenn wir bei mir im Studio ein Hörspiel oder Musikaufnahmen produzieren. Gute Nahrung ist Medizin und das gemeinsame Zusammensitzen und Essen ein wichtiger Teil eines Arbeitstages. Für die Vorbereitungen stehe ich lieber früher auf, als das zu missen.
Bislang war mir das Reisen die allerwichtigste Entspannung und Inspiration. Reisen als Begegnung mit anderen Kulturen und das Sammeln von Geschichten. Life is a Weaving, man lernt so vieles beim Reisen, vor allem wenn man Bus, Bahn, Fahrrad und Taxen nimmt und dabei Geschichten aufschnappt.
Vor einiger Zeit habe ich die Musik für einen Dreiteiler zu Virginia Woolfs großartigem Buch „Fahrt zum Leuchtturm“ geschrieben. Ich bin dafür auf die Insel Skye gereist. Woolf hat den Roman dorthin verlegt, war aber selber nie dort. Dennoch wollte ich für die Stimmung der Musik genau diesen Ort mit seinen Leuchttürmen aufsuchen. Dort die Atmosphäre aufsaugen, wo die Geschichte spielte. Ohne diese Reise hätte ich weder das entzückende winzige Dinosaurier Museum kennengelernt, noch die Drehorte der Macbeth Neuverfilmung, noch mit Bewohnern über ein Buch gesprochen, das auf ihrer Insel spielt. Ich glaube, dass das Reisen, die Bewegung, eine andere Tiefenschärfe auf unser Sein gibt. Durch die Pandemie hat sich das Reisen etwas mehr in den Kopf verlegt. Das macht es leider schwerer, zur Zeit Auszeiten in fernen Ländern zu nehmen.

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