Danielle De Picciotto & Friends in conversation – Margarete Kreuzer

Margarete Kreuzer: “Ich werde immer wieder von der Wirklichkeit überrascht”

“Rivalen der Renaissance”, ein Film von Margarete Kreuzer über Mantegna und Bellini.


Margarete Kreuzer ist Filmemacherin. Ich hatte sie in im Berlin der 90iger öfters mit Filmteams rumflitzen gesehen, aber erst 2005 in der Gallery Janine Bean kennen gelernt. Die Gallery vertrat mich damals und Margarete kam zu jeder Eröffnung. Irgendwann hat sie mich dann das erste Mal für eine TV Dokumentation interviewt.

Abgesehen davon, dass sie, fantastische Dokus über Tangerine Dream, Roma Musiker und klassischer Malerei gemacht hat, dreht sie regelmäßig TV Kurzberichte in denen sie so oft wie möglich versucht Frauen zu unterstützen. Das ist sowohl im öffentlich rechtlichem Geschäft wie in der Filmindustrie selten. Die ungeheure Wichtigkeit davon muss aber hervorgehoben werden. Solange Frauen in den öffentlichen Medien nicht gleichwertig interviewt und unterstützt werden, verschwinden Ihre Leistungen und sie werden wie schon lange kulturhistorisch nicht wahrgenommen. Dafür möchte ich Margarete danken und sie hier heute vorstellen.

Danielle De Picciotto: Margarete, wie bist du zum Filmemachen gekommen?
Margarete Kreuzer: Eigentlich wollte ich nach meinem Literatur- Publizistik- und Psychologiestudium als Dichterin und Schriftstellerin leben. Ende der 80er habe ich Gedichte und Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht und später ein Stipendium vom Berliner Kultursenat bekommen. Doch dann begann ich mich für das Werk von Pier Paolo Pasolini – ein Journalist und Regisseur, der wunderschöne Gedichte geschrieben hat – und auch für die Filme von Leni Riefenstahl zu interessieren. Dichtung hat mit Film eines gemein: die Erzeugung von Bildern, von Klangbildern, die ein Gefühl erzeugen, das im Zuschauer nachhallt. Pasolini und Riefenstahl veränderten durch ihre Filme die Bildsprache maßgeblich. Sie waren für mich darin wahre Meister.
Das hat mich sehr fasziniert. Ich fing an kleine Kurzfilme wie „Mnemosyne, die Erinnerung“ zu realisieren – diesen Film habe ich übrigens Anfang der 90er im Kino vom Kunsthaus Tacheles gedreht. Bald darauf habe ich kurz Dramaturgie an der HFF studiert. Zuvor belegte ich an der Freien Universität ein Filmseminar bei der preisgekrönten Dokumentarfilmerin Helga Reidemeister. Meine Kommilitonen und ich produzierten in diesem Seminar einen 16mm-Dokumentarfilm über einen Zug, der von Paris über West Berlin nach Moskau fuhr. Damals stand die Mauer noch. Der Zug hielt in Wannsee und fuhrt bis zum Berliner Zoo. Danach mussten wir aussteigen, denn wir hatten kein Visum für die sogenannte „Ostzone“. Wir hatten knapp eine halbe Stunde, um die Realität im Zug einzufangen. Filmen ist Reisen. An einem dieser Drehtage bediente ich die 16mm Kamera. Ich wollte unbedingt ein Interview mit einer Russin einfangen, aber es wollte mir nicht richtig gelingen. Es war zu eng, der Kameraabstand reichte nicht aus und die Zeit war um. Ich war wirklich außer mir und weinte noch bevor wir aus dem Zug ausstiegen. Es war unglaublich. Und da habe ich für mich begriffen: Filmemachen ist die Auseinandersetzung mit Wirklichkeit.

Du hast bisher viele Dokumentationen gedreht – was interessiert dich daran? Findest du die Realität interessanter als Fiktion?
Ich möchte mit meinen Dokumentationen und Dokumentarfilmen anderen Menschen immer eine Geschichte erzählen, und diese Geschichte handelt eigentlich immer vom Umgang mit Wirklichkeit. Ich setze mich gerne mit Menschen und ihren Themen auseinander und habe darauf meine eigene Perspektive. Mich interessiert, wie Menschen, ob Künstler oder Wissenschaftler mit bestimmten Dingen umgehen. Dabei ist das Wichtigste beim Dokumentarfilm, auch bei der Dokumentation für mich die Emotion, das Gefühl, das sich über ein Sujet transportiert. Natürlich gibt es auch Informationen, die über das Genre vermittelt werden, aber wenn eine Dokumentation – selbst wenn es eine wissenschaftliche Dokumentation ist – kein Gefühl vermittelt, dann zieht sie mich nicht in den Bann. Ich gehe aus dem Kino oder schalte ab. Ich versuchte immer mein eigener Zuschauer zu sein.
Realität versus Fiktion, dazu fällt mir mein Essayfilm über Mathematik und Kultur ein: „Das Schattenreich. Die Macht der Mathematik“. Ich habe über ein sehr abstraktes Thema einen Film mit Peter Weibel und Hans Magnus Enzensberger und anderen gedreht. Die Herausforderung bestand für mich darin, aus der abstrakten Mathematik eine Bilderwelt zu gestalten, also etwas sichtbar zu machen, was nicht sichtbar ist. Das ist für mich auch eine Form der Fiktion, die für mich genauso spannend sein kann wie das Inszenieren einer Spielfilm-Fiktion.

Dein Film über Edgar Froese von Tangerine Dream hat viel Aufmerksamkeit bekommen. Was hat Dich an ihm interessiert? Hast du einer seiner Konzerte früher live gesehen?
Ja, er lief auf mehr als 15 Festivals auf der ganzen Welt und im Kino. Natürlich habe ich Tangerine Dream live gesehen, schon als Teenager Tangerine Dream gehört und dazu Haschisch geraucht. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, und da gab es nicht viel zu sehen, aber mit der Musik von Tangerine Dream konnte ich träumen. Die frühen Soloalben von Edgar Froese haben mich damals besonders berührt und das tun sie heute noch: „Epsilon in Malaysian Pale“, „Aqua“, „Stuntman“ – damals war die Musik total neu und Tangerine Dream und Edgar Froese produzieren analog, das hatte einen besonderen Reiz.
Die Stücke lassen Dir einfach Raum Bilder zu sehen, die in Dir hochkommen. Der Sound legt Dich nicht fest und sagt„So ist das“, wie es ein Popsong mit Texten macht.
Als ich 1985 zum Studium nach West Berlin zog, weil Edgar Froese, David Bowie und Nick Cave in der Stadt gelebt haben, hätte ich nie gedacht, dass ich alle drei einmal zum Interview treffe. Mit Edgar Froese verband mich allerdings mehr als eine Begegnung. Ich habe Edgar Froese über David Bowie kennengelernt, weil ich mit Bowie ein Interview für die ARD in New York führte. Ich sollte zweimal über Bowie einen Film machen, und zweimal kam er nicht zustande. Beim ersten Mal 2003 für die ARD-Sendung „Legenden“, in der Rubrik wurden nur tote Berühmtheiten porträtiert, das wollte Bowie verständlicherweise nicht und beim zweiten Mal für ARTE, aber da war er schon sterbenskrank. Damals habe ich zweimal mit Edgar telefoniert. Aus dem letzten Telefonat ergab sich die Filmidee. Edgar Froese ist für mich ein ganz besonderer Künstler, er hat über 150 Alben geschrieben, sich über Jahrzehnte hinweg im Musikgeschäft durchgesetzt, war voller Ideen und ein wahnsinniger Arbeiter. Er war hoch intelligent und unglaublich belesen. Zum ersten persönlichen Gespräch trafen wir uns in Wien mit seiner Ehefrau Bianca. Wir sprachen über Wittgenstein, Bach, Picasso und über Quantenphysik. Ich war total beeindruckt. Gleichzeitig hatte er eine total emotionale sanfte Seite an sich.

Wie stehst du zu seiner Musik?
Ich muss gestehen, dass mir die analogen Stücke alle besser gefallen als die digitalen. Die frühen Jahre finde ich am interessantesten. Wir haben durch die Digitalisierung einiges gewonnen, aber auch die Menschlichkeit verloren. Das klingt pessimistisch, aber in den analogen Stücken bemerkt man noch den Zufall, einfach das Unkontrollierbare.
Nun, was hilft dagegen? Improvisation vielleicht. Edgar und ich haben darüber viel gesprochen.
Aber zurück zur Musik von Edgar Froese. Ich finde das Tangerine Dream und Edgar Froese einen neuen Stil kreiert haben. Sie haben sich aus dem Krautrock heraus entwickelt und mitbestimmt, was wir heute Ambient, Techno und elektronische Musik nennen. Sie waren Pioniere.

Findest du, dass man zu dem Sujet des Dokumentarfilmes, den man dreht, eher neutral gegenüber stehen sollte oder begeistert?
Ein Kritiker hat mir nach der Berlinale, der Film „Revolution of Sound. Tangerine Dream“ wurde 2017 in der Sektion „Panorama“ im Wettbewerb gezeigt, gesagt, ich hätte eine unkritische Homage an Edgar Froese abgeliefert.
Ganz unkritisch war das nicht. Aber dazu kann ich nur grundsätzlich eins sagen: Warum nehme ich es auf mich, mich über Jahre mit dem Werk eines Künstlers zu beschäftigen? Warum schlage ich mich mit Produzenten herum? Warum lasse ich es zu, dass die Arbeit kräftezehrend und nervenaufreibend ist?
Der Grund: Es ist Begeisterung und Leidenschaft für das Werk und für diese Person.
Grundsätzlich: Die kritische Haltung einer Sache oder einer Person gegenüber hat der Journalismus erfunden, es ist ein journalistischer und nicht unbedingt künstlerischer Ansatz. Ich habe mir bei diesem Kinofilm erlaubt einen für mich künstlerischen und total subjektiven Ansatz zu verfolgen.

Du arbeitest oft mit Sendern zusammen – kann man in der Zusammenarbeit mit ARTE, ZDF oder RBB seine Träume genauso verwirklichen wie als selbstständige oder besser sogar?
Das ist eine Frage, die ich oft mit meiner zehn Jahre älteren Freundin diskutiere. Sie macht alle ihre Filme selbst, weil sie auf Produzenten und Redakteure keine Lust mehr hat. Warum? Weil die Produzenten sparen an den Ausgaben, zahlen mäßige Honorare, weil sie am Film verdienen wollen oder müssen und die Redakteure ihre Vorgaben für die Sendeschemata haben. Die Redakteure, die meisten wollen eigentlich immer etwas Neues: Eine neue Perspektive, einen neuen Stil. Grundsätzlich gibt es viele Redakteure bei ARTE und auch in den anderen Sendeanstalten, die gute Sparringspartner sind, wenn es darum geht einen Film zu realisieren  – ich liebe übrigens das Genre Boxerfilme – aber die Form wird eben auch durch das Sendeschema und die Länge bestimmt. Die Dokus im TV sind zeitlich genormt, also zwischen 43 und 58 Minuten. Das halte ich für keine gute Idee. Jeder Inhalt braucht seine eigene Form und seine eigene Länge.
Insofern ist das nicht immer so einfach mit der „Verwirklichung von Träumen“.
Was ich schade finde: Es gibt kaum noch einen Essayfilm im Fernsehen, selbst bei ARTE ist das out. Mit Fernsehanstalten zusammen zu arbeiten, finde ich im Prinzip gut, weil sie auch in der Filmförderung eine Rolle spielen. Vielleicht muss ich das auch gut finden, weil die Sender große Macht haben – kein Sender, keine Förderung. Allerdings hilft Filmförderung auch nicht viel, wenn es schnell gehen muss. Die Fans haben, als Edgar plötzlich verstorben ist, die lange Filmfassung „Revolution of Sound. Tangerine Dream“ über Kickstarter finanziert. Das war toll. Ich denke am besten verwirklicht man seine Träume mit einem guten Produzenten, einem guten Redakteur, einem guten Verleiher und ein paar Filmförderungen. Das ist optimal, wenn die Leute einem Vertrauen schenken, dann kann man sich verwirklichen.

Wie steht es mit Diskriminierung in der Welt der Regisseur-Innen? Gibt es sie ?
Diskriminierung gibt es, sie fängt bei den Frauen an. Es ist so, dass deutsche Regisseurinnen im Spielfilmbereich noch immer weniger finanziell gefördert werden als ihre männlichen Kollegen. Das ist alljährlich auf der Berlinale ein Thema. In den Sendeanstalten werden freiberufliche Journalisten oftmals besser bezahlt als ihre weiblichen Kollegen. Politisch verfolgte Regisseure oder Regisseurinnen gibt es leider überall, immer dort, wo es keine Meinungsfreiheit gibt. Aber es ist gut, wenn die Festivals in Ländern mit demokratischen Regierungen, ihre Filme trotzdem zeigen.

Deine Filme sprechen oft über Musik – ist das ein besonderes Steckenpferd von dir oder war es Zufall?
Zu Anfang habe ich oft über Poesie, Literatur und Philosophie kleine Beiträge für ARTE und ARD realisiert, zum Beispiel über Gilles Deleuze Theorie zur Frage: Wie kommt das Neue in die Welt? Da braucht es eine intellektuelle Herangehensweise.
Aber ich entwickelte mich auch persönlich immer weiter. Mich interessierten Emotionen immer mehr. Deshalb liebe ich Musik, denn sie holt Gefühle aus Dir heraus, auf eine ganz unkomplizierte Weise. Es geht ganz einfach bei mir: Wenn ich das „Wohltemperierte Klavier“ von Bach höre, dann werde ich ganz melancholisch, gregorianische Gesänge machen mich lebensmüde, „Fauni Gena“ von „Tangerine Dream“ lässt mich träumen, David Bowies Musik gibt mir Energie, hackedepicciotto Stücke regen mich an in Gedanken zu reisen oder mich in eine Idee zu versenken.
Musik ist einfach toll, wenn es dann noch gute lyrics gibt, dann kommt die Poesie, das Klangbild und das Reisen zusammen. Filmen ist für mich Reisen. Es ist kein Zufall, dass die Gebrüder Lumiere 1885 einen Film über die Ankunft eines Zuges realisiert haben.

Dein letzter großer Film war über die Künstler Bellini und Mantegna in Zusammenarbeit mit den Staatlichen Museen von Berlin – was war daran das interessanteste für dich?
Die Zusammenarbeit mit den Staatlichen Museen von Berlin war einfach großartig. Ich wurde von allen Seiten unterstützt, und ich war sehr dankbar, dass der Film seine Premiere in der Gemäldegalerie feiern durfte.
ich hat es einfach interessiert etwas Neues zu machen. Eine Dokumentation über zwei Maler hatte ich bis dahin noch nicht realisiert. Außerdem wusste ich bereits einiges über die Zeit der Renaissance, weil ich mich vor vielen Jahren mit der Mathematik in dieser Zeit beschäftigt habe. Es war mein ersten Film über zwei Maler, die sich kannten, die miteinander konkurrierten und sich gegenseitig inspirierten. Ich habe mich auch hier wieder stark mit der Gefühlslage der beiden beschäftigt. Beide haben zu unterschiedlichen Zeiten ein Bildsujet gemalt: „Die Darbringung Jesu im Tempel“. Hintergründig ist das ein Familienbildnis. Andrea Mantegna war der Schwager von Giovanni Bellini. Zeit ihres Lebens waren sie miteinander verbunden und beide waren Pioniere in der Malerei. In der Frührenaissance begründet Andrea Mantegna als erster den Antikenkult in der florentinischen Kunst. Sein Schwager Giovanni Bellini gilt als Erfinder der venezianischen Malerei. Beide gehören zu den bedeutendsten Künstlern dieser Epoche. Sie treffen sich in ihren Ateliers in Venedig und beeinflussen sich in ihrem Schaffen über viele Jahre. Ich habe die beiden Gemälde „Die Darbringung Jesu im Tempel“ als Tableau vivant (frz. „lebendes Bild“) inszeniert, das heißt  beide Gemälde durch lebende Personen gezeigt, um zu erzählen, worum es eigentlich in der Beziehung zwischen den Malern ging. Mich hat es einfach sehr gereizt, einen Film zu drehen über zwei Maler, über deren Biografie man bis heute wenig weiß. Aber ihre Bilder erzählen aus ihrem Leben sehr viel, wenn man weiß, ihre Gemälde und Zeichnungen zu lesen.


Woran arbeitest Du momentan?

Ich arbeite gerade an verschiedenen Stoffen. Zum einen an einer kunsthistorischen Dokumentation. Ein Sujet, das im letzten Jahrhundert spielt und sich mit der europäischen Museumslandschaft auseinandersetzt. Zum anderen möchte ich gerne in das Spielfilmgenre, ins Fiktionale wechseln. Dazu gibt es auch schon konkrete Ideen. Aber ich bin abergläubisch. Und deshalb kann ich zur kunsthistorischen Doku und meinen fiktionalen Ideen noch nichts konkretes sagen, weil sie noch nicht finanziert sind.

Was sind deine Zukunftspläne /Träume?
Ich werde immer wieder von der Wirklichkeit überrascht. Ich stelle mir etwas vor, und dann bin ich erstaunt, weil es plötzlich passiert, aber dann ist es eben nicht s,o wie ich es mir erträumt habe. Es ist anders. Deshalb bin ich mit Träumen, Planen und Wünschen vorsichtig. Aber ich würde gerne einen Spielfilm drehen und eine Serie realisieren. Ich arbeite daran.

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