Montag, 27.01.2020
Danielle De Picciotto & friends in conversation – Michaela Melián

“Kunst, Musik, Literatur, Theater, Film, das sind für mich Grundlebensmittel”

Michaela Melián beim “Music from a Frontier Town”-TALK (Photo: Sandra Sing)

Wenn ich gefragt werde, welche fünf Alben ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, ist „Monaco“ von Michaela Melián immer dabei. Die dunklen, sanften Töne liebe ich sehr und sie versetzen mich unweigerlich in eine ganz eigene Stimmung, der Atmosphäre Berlins in den 1980ern ähnlich oder der in einem Film Noir mit Jeanne Moreau. Trotzdem ist sie absolut zeitgenössisch und modern.

Gudrun Gut schenkte mir dieses elegante Album, denn es ist auf ihrem Label Monika Enterprise erschienen. Gudrun ist auch meine Label-Chefin und war gerade dabei, mein erstes Solo Album „Tacoma“ heraus zu bringen. Mit Ihr habe ich dann auch 2016 Michaela Meliáns erste Museums Ausstellung in München, im Lenbachhaus besucht. Danach war ich Fan. Selten habe ich eine Ausstellung gesehen, die mir so außerordentlich gut gefallen hat. In der großen Eingangshalle waren an den Wänden riesige Zeichnungen in schwarzweiß installiert, im Raum selber hingen Klangsessel, in denen man sich setzen und Michaelas in diesem Fall eher elektronischer Musik lauschen konnte. Die Klanginstallation teilte die Musik in 16-Kanäle, die verschiedene Instrumente an verschiedenen Stellen im Raum spielen, so dass die Besucher, die durch die Klänge wanderten immer nur Bruchstücke wahrnahmen. Nur die Bassspur war überall vorhanden. In den nächsten Räumen waren Filme von ihr mit Spoken Word und Zeichnungen zu sehen.

Es ist rar, dass konzeptionelle, intellektuelle Kunst zugleich ohne große Erklärungen verständlich ist. Ihre Werke führen zahlreiche Ebenen und Gedanken zusammen, die sich aber instinktiv vermitteln und nicht nur die Gedanken, sondern auch die Sinne anregen. Ich bekam tatsächlich Herzklopfen. Die Tatsache, dass sie dies interdisziplinär, auf unterschiedlichen Ebenen, gleichzeitig und gleichstark hinbekommet, ist wirklich beeindruckend.

Michaela Melián

Danielle de Picciotto: Du hast Musik und Kunst studiert und arbeitest seit den 80er als interdisziplinäre Künstlern. Worin bestand der Reiz dich in unterschiedlichen Künsten zu bewegen?
Michaela Melián: Ich habe schon während der Schulzeit sehr viel Musik gemacht, Gitarre und Cello gelernt, im Schulorchester gespielt und im Chor gesungen. Deshalb wollte ich nach dem Abitur Musik studieren und habe die Aufnahmeprüfung ans Konservatorium gemacht. Das Studium hat mich aber nicht richtig glücklich gemacht, denn es war extrem leistungsorientiert, vier Stunden am Tag Üben war das Minimum. Mein Interesse galt der zeitgenössischen Musik und Kunst, und ich wollte mit anderen etwas zusammen entwickeln und ausprobieren. In einem Performance-Seminar, das von der Kunstakademie in München angeboten wurde und auch für Musikstudierende offen war, habe ich das dann machen können, in diesem Seminar habe ich Justin Hoffmann kennengelernt, der zur Redaktion von Mode & Verzweiflung gehörte. Er nahm mich mit zu einem Treffen dieses Magazins und hier wurde ich dann gefragt, ob ich Lust hätte in einer Band mitzuspielen. Diese Band gab sich dann den Namen Freiwillige Selbstkontrolle oder auch F.S.K. Alle Bandmitglieder kamen aus der Redaktion von Mode & Verzweiflung, deshalb hat die Band bis heute den Untertitel Freiwillige Selbstkontrolle ist ein Mode & Verzweiflung Produkt, obwohl es die Zeitschrift nur bis 1986 gab. An diesem Untertitel kann man aber jedenfalls auch ablesen, dass wir keine Rockband sein wollten, eigentlich wollten wir erst mal nur Produkte, also Schallplatten in Umlauf bringen, so wie es auch mit der Zeitschrift geschah. Damals begann ich dann auch mit dem Kunststudium.
Die Arbeiten, die ich in den 80er Jahren während dieses Kunststudiums und danach gemacht habe, waren eigentlich nicht interdisziplinär, ich habe gezeichnet, gemalt und kleine Objekte gebaut.
Interdisziplinär habe ich agiert, indem ich nicht nur als Künstlerin aktiv war, sondern eben auch in einer Band gespielt und bei einer selbstorganisierten Zeitschrift mitgemacht habe. Für mich war das eine sehr glückliche und aufregende Gemengelage, ich konnte in der Band so Musik machen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Band war meine Diskurstrainerin, meine eigentliche Schule, hier haben wir gelernt uns zu formulieren und zu agieren. Das war auch grundlegend für meine eigene künstlerische Arbeit. Aber damit waren wir damals ja nicht allein. Zu Beginn der NDW (NDW = Neue deutsche Welle/german new wave) waren sehr viele Bands und Fanzines an Kunstakademien gegründet worden.

Wie kam es dazu, dass du als solo Künstlerin anfingst zu arbeiten?
F.S.K. gibt es ja immer noch, im 39sten Jahr, die Band ist für uns Bandmitglieder immer noch sehr wichtig, auch wenn wir nicht mehr, wie viele Jahre so gehabt, einmal wöchentlich proben und auch nur noch selten auftreten. Da wir alle nie nur die Band machen wollten und gemacht haben, sondern sie als Teil von dem gedacht haben, was wir auch in unseren anderen Berufen machen, gibt es die Band weiterhin: weil es uns so Spaß macht zusammen zu spielen. In diesem Jahr haben wir zum Beispiel in Hamburg in den Deichtorhallen zur Eröffnung der Ausstellung HYPER und beim Zauber der Moderne Festival im Künstlerhaus Stuttgart ein Konzert gegeben.
Meine eigene Musikproduktion ging erst mit der Digitalisierung los. Sie war dem Umstand geschuldet, dass Musikaufnahmen der Band immer nur in einem Tonstudio stattfinden können. Plötzlich war es aber möglich, Musik selbst zu produzieren, mit einem Computer. Mein Bandkollege Carl Oesterhelt hatte sich zuhause ein Homestudio eingerichtet und hier habe ich mit ihm angefangen, meine Musik zu entwickeln, wie ich sie mir vorstellt habe. Bei dieser Musik wird jede einzelne Spur nacheinander aufgenommen und produziert, entweder analog mit den Instrumenten eingespielt, die ich selbst bedienen kann, oder eben mit Synthesizern gebaut. Diese Arbeitsweise funktioniert auch nicht anders, als wenn ich ein Bild male und Schicht für Schicht übereinanderlege. Das macht mir nach wie vor ungeheuer Spaß. All diese Musiken sind immer im Kontext meiner künstlerischen Arbeiten entstanden, als Tracks, die in Installationen zum Einsatz kommen oder als reine Audioprojekte. Hier arbeite ich auch mit anderen zusammen, im Studio seit den 2010er Jahren mit Felix Raeithel, der in Hamburg das Label Sozialistischer Plattenbau betreibt und an der HFBK, der Hochschule, an der ich auch arbeite, einen Lehrauftrag im Audiolabor hat. Bei den Aufnahmen wirken zunehmend andere MusikerInnen mit, Derya Yildirim zum Beispiel hat gesungen und Ruth May spielt seit ein paar Jahren regelmäßig Geige, Elen Harutyunyan Bratsche. Nur ist das hier anders als bei F.S.K. (bei F.S.K. entwickeln wir die Musik nach wie vor zusammen in der Improvisation), da ich mir die ganze Musik selbst ausdenke und produziere. Für die Mitwirkenden schreibe ich den jeweiligen Part in Noten auf. Trotzdem empfinde ich die Auftritte und Aufnahmen mit Ruth und Elen als einen Ensembleauftritt, es ist viel schöner zusammen auf der Bühne zu stehen als allein! Die beiden haben in den letzten Jahren eine Reihe von Konzerten mit mir gemacht, auf der Ruhrtriennale, in der Düsseldorfer Kunsthalle, in den Münchner Kammerspiele, beim Sommerfestival auf Kampnagel, ein Konzert mit Liveübertragung im Deutschlandfunk. Es sind immer neue Projekte, die wir gemeinsam einstudieren.

Deine Arbeiten sind oft Themen bezogen. Was interessiert dich daran?
Hat nicht alles ein Thema, ob im Bereich Kunst, Musik, Literatur, Film? Dieses Thema kann natürlich vielgestaltig sein. In meinem Fall würde ich es so sagen: Die Frage für mich ist immer, was und mit welchen Mitteln entwickle ich etwas für welchen Ort (den Ausstellungsraum, öffentlicher Raum, Radioraum), was bringen diese Mittel als Mehrwert mit. Ich denke mir eigentlich nichts aus, die Themen, die mich interessieren, liegen sowieso herum, bieten sich mir an, finden mich. Ich bin mir sicher, dass ich nie etwas alleine mache, ich greife Ideen auf, die andere, die vielleicht schon lange tot sind, formuliert haben, denke sie neu und bearbeite sie für aktuelle Kontexte, ich aktualisiere sie.. Interessant finde ich immer Zusammenhänge, die sich nicht auf Anhieb durchschauen und herstellen lassen, die verdeckt sind, die überschrieben wurden. Mich hat immer beschäftigt, was die Geschichtsschreibung sozusagen ausgelassen hat zu erzählen, welche Filter wirksam waren. Das kann man dann ins Heute übertragen und assoziieren.

Michaela Melián im Gespräch mit Ulrich Obrist, Max Dax und Arto Lindsay.

Was suchst du in der Kunst oder Musik von anderen Künstlern?
Kunst, Musik, Literatur, Theater, Film, das sind für mich Grundlebensmittel. Hier kann ich lernen, wie andere die Welt verstehen, wie andere unsere Welt erzählen und aufschreiben. Das beschäftigt mich, regt mich auf und an, schärft meine Sinne.

Findest Du, dass Kunst politisch sein sollte? Wenn ja heute mehr als vorher?
Meiner Meinung nach, ist jede kulturelle Produktion immer schon politisch, denn sie ist Teil der Lebenswelt. Auch die Kunst, die unbedingt unpolitisch sein will, ist immer auch Teil eines politischen Narratives.

In deiner Klanginstallation im Lenbachhaus 2016 ging es um Olympia, die in E.T.A Hoffmanns Werk “Der Sandmann” vorkommt. Deine Zeichnungen dazu zeigen die Erschaffung der Frau – durch Männer. Wie ist deine Einstellung zu Feminismus und zu der Frauen Situation in der Kunst heute? Ist es ein Thema, das dich künstlerisch sehr interessiert?
Diese Ausstellung war als Electric Ladyland konzipiert. “Electric Ladyland” war auch der Ausstellungstitel. Ich hatte hier den Vorsatz, einen unwirtlichen 2000 qm Raum, der ursprünglich als eine U-Bahnstation geplant war, so installativ umzugestalten, dass sich die Besucher_innen hier gerne aufhalten und Zeit mit meinen Arbeiten verbringen würden. Wenn man alles hätte hören wollen in der Ausstellung, hätte man vier Stunden bleiben müssen. Das Sehen geht ja immer schneller, wir checken in Sekunden Räume und sind mit einer Ausstellung fertig. Das war hier im “Electric Ladyland” nicht möglich. In diese Ausstellung habe ich viele Ideenstränge, die ich seit Jahren verfolge einfließen lassen und zu einem Ganzen verwoben.
Da ich selbst Künstlerin bin, habe ich die Kunstwelt immer aus weiblicher Perspektive erlebt. Es war mir von Anfang an wichtig anzuknüpfen an eine weibliche beziehungsweise feministische Kunstgeschichte und -produktion. Dieses Thema schwingt immer mit.

Michaela, woran arbeitest du momentan?
Ich arbeite immer gleichzeitig an vielen Projekten. Derzeit habe ich Ausstellungen in Hamburg, Bonn, Köln, Berlin, München und Barcelona. In diesen Ausstellungen sind zum Teil Arbeiten installiert, die es schon gibt, aber auch sehr viele neue. Gleichzeitig – und das wurde hier noch nicht richtig erwähnt – unterrichte ich an der HFBK, der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Auch diese Arbeit, die ich nicht missen möchte und die mir sehr viel Spaß und Freude bringt, fordert meinen Einsatz und Energie.

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