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„Wenn die Ameise sich fragt, wer sie ist“ – Die Regierung im Interview

16. März 2026,

Die Regierung von Tilman Rossmy gilt als eine der bedeutendsten unbekannten Bands des Landes. Einst stellte sie einen innovativen Teil des Phänomens der Hamburger Schule dar, aber auch nach deren Ende entstanden – jenseits der Hansestadt – noch wegweisende Regierungs-Alben. Unser Autor Marc Wilde gönnt sich und uns einen Deep Dive in die Welt dieser außergewöhnlichen Band. Er sprach mit Tilman Rossmy und Ralf Schlüter.

Tilman, du hast viele Jahre in Bern als Softwareentwickler gearbeitet und bist seit Kurzem in Rente. Wie geht es dir damit?

Tilman: Ich finde da immer noch rein, aber es war halt erst mal total geil. Von einem auf den anderen Tag habe ich nicht mehr zurückgeschaut. Das hat mich auch erst erstaunt, weil ich eigentlich gerne gearbeitet habe. Aber ich habe seitdem keine einzige Zeile programmiert und interessiere mich auch null mehr dafür.

Hast du nun mehr Zeit für Musik?

Tilman: Ich schreibe jetzt nicht mehr Songs als vorher. Musik hat für mich immer mit Inspiration zu tun, und für die ist immer Platz.

Ralf, welchen Stellenwert nimmt die Musik bei dir ein, ist es eher Hobby oder Beruf?

Ralf: Ich habe verschiedene Projekte und mache, was anliegt – auch Profimucker-Sachen. Die Regierung ist aber klar die Nummer eins. Das ist das Spielfeld, auf dem ich frei agieren kann. Damit man davon leben kann, habe ich aber noch einen Bürojob.

Nach dem Comeback der Regierung gibt es jetzt das fünfte Album der Band. Wie lange arbeitet ihr schon gemeinsam?

Ralf: Mit Tilman spiele ich seit 1996 zusammen, wir haben jetzt unser 30-jähriges Jubiläum.

Tilman: Der Kontakt zu Ralf kam zustande, als ich mit Bernd Begemann eine Band hatte – die hieß Supermusikband – und wir für unsere Tour einen neuen Keyboarder suchten. Es gab zwei Kandidaten: den Keyboarder von den Fünf Freunden und eben Ralf. Ralf war noch ein total unbeschriebenes Blatt, aber er konnte viel mehr. Ich habe mich dann für das Können und gegen die Hamburger Coolness entschieden. Das habe ich nie bereut.

Ralf: Ich habe damals vorgesprochen im alten Ultraschall-Studio von Folke Jensen. Und bin dann auf die beiden Gestalten gestoßen: Tilman und Folke. Den einen konnte ich nicht verstehen, weil er so genuschelt hat, und der andere hat kaum was gesagt. Außerdem stand am Klingelschild „Ledernacken“. Da hatte ich erst mal Respekt. Aber es hat ja hinterher alles wunderbar geklappt. Wir haben dann auch noch einige Alben zusammen mit dem Tilman Rossmy Quartett gemacht.

TILMAN UND RALF IN DER DJ-KANZEL (CREDIT: MARKUS SANGERMANN)

Es gibt ja noch drei weitere Regierungsmitglieder – Robert Lipinski am Bass, Alexander von Lieven am Schlagzeug und Ivi Vukelic an der Gitarre. Ihr wohnt alle weit verstreut: München, Bern, Berlin und Bottrop. Das macht die Zusammenarbeit nicht gerade einfach. Wie lief das beim aktuellen Album ab?

Tilman: Ich glaube, diese Platte würde es ohne die Jungs überhaupt nicht geben, das ging jedenfalls überhaupt nicht von mir aus. Die ist einfach so aus meinen Demos entstanden, die ich immer zuerst nach Berlin zu Ralf schicke. Wobei nie klar ist, was dann daraus wird. Das dauert manchmal Jahre, oder ich höre von den anderen überhaupt nichts. Ich mache einfach meine Demos und dann: fire and forget!

Ralf: Ja, bei mir kommen die dann an, und ich versuche, mit Alex zusammen den Songs ein Gesicht zu geben, sie zu arrangieren. Eine Spezialität von mir ist die Reharmonisation, wobei ich ein Faible für nicht so eindeutige Akkordfolgen habe.

Diese Aufgabenteilung innerhalb der Band ist aber nicht neu, oder?

Tilman: Ja, eigentlich haben wir vorher auch so gearbeitet – bloß, dass ich dann immer involviert war und wir uns ab und zu mal auch in die Haare gekriegt haben. Wobei es mir immer nur um die Essenz des Songs geht. Also die Orchestrierung muss schon stimmen, aber im Vordergrund steht die Message. Bei Ralf ist das anders.

Ralf: Stimmt, wir sind da in der Herangehensweise ausgesprochen unterschiedlich. Zum Glück ist Tilman niemand, der seine Songs beschützt. So was gibt es ja auch: einer, der alles doublechecken muss. Mein Ziel ist es, den Stücken eine Kontur zu geben. Daran arbeite ich und schmeiße durchaus auch mal Sachen raus.

Tilman: Es ist jetzt zum ersten Mal passiert, dass auch Texte verschoben wurden. Zum Beispiel beim ersten Stück „Der Schmerz bin ich“, da sind Elemente ans Ende gerückt, die ursprünglich in der Mitte waren. Oder auch bei „Eine Sekunde frei“, da fehlte plötzlich eine ganze Zeile. Das hätte ich früher persönlich genommen. Aber jetzt bin ich 67 und ein bisschen relaxter.

Die Songs sind sehr unterschiedlich geraten, gibt es dennoch eine musikalische Grundidee?

Ralf: Beim Klang durchaus. Die Bearbeitung, die diesmal hauptsächlich bei mir lag, inklusive Mixing, ist mit relativ simplen Mitteln passiert. Simpel heißt auch: Ich versuche immer mehr, das zu nehmen, was ich habe, statt zu warten, bis teures Equipment kommt. Und da liegt auch durchaus eine Triebfeder von Kreativität – in der Beschränkung.

Tilman: Eine Eigenart dieser Platte ist für mich auch, dass wir sie nicht haben abmischen lassen. Beim letzten Mal war es Olaf Opal, der dann seine Produzenten-Tricks mit reingebracht hat. Es gibt Stellen, die hätte ein Profi vielleicht mehr gefeatured. Das Album ist insgesamt eher Lo-Fi – im Prinzip auch ein bisschen zurück zu den Wurzeln. Ich hoffe, ich tue dir nichts Böses, Ralf, wenn ich das sage. Lo-fi ist ja gut. Wie hieß noch einmal der Typ mit dem Helm auf dem Kopf, mit dem du mal gespielt hast?

Ralf: Bob Log.

Tilman: Ja, das ist der, den ich meine. Da kommen wir her.

Ralf: Also ich glaube, ich höre auch Musik anders als Tilman. Mich interessiert nicht, wie fett die Bassdrum ist oder wie crisp die Hi-Hat klingt. Ich höre eher immanent – also: Was passiert dort gerade? Entsprechend habe ich abgemischt.

Heißt das eigentlich auch, dass du ein eigenes Tonstudio hast?

Ralf: Also, ich mache das von zu Hause aus. Und brauche auch nicht viel dafür. Wie gesagt, man sollte das Equipment nutzen, das vorhanden ist. Und wenn das wenig ist, dann geht’s halt nur mit Workarounds. Aber umso kreativer wird man auch.

Tilman: Es gibt übrigens ein sehr gutes Foto von Ralfs Mini-Studio in seiner Wohnung. Das wäre eigentlich auch viel aussagekräftiger für das Album gewesen, als die Bilder, die wir in Bottrop aufgenommen haben. Wie wir da im Regen auf der Halde stehen und alle sind krank.

Ralf: Das ist entstanden, als ich mit dem Schlauch rumexperimentiert habe. Ansonsten könnte ich jetzt auch einfach nach nebenan gehen und ein Foto machen. Da steht alles, die ganze High-End-Technik. Haha!

Tilman: Mehr so Schrott-End, ne?

Ralf: Also, Schrott ist es ja nun nicht. Okay, es sind auch Billigmarken dazwischen. Aber bitte kein Snobismus gegen billige Marken. Hauptsache, es ist geil und funktioniert.

RALFS SCHLAUCH-FOTO (CREDIT: RALF SCHLÜTER)

Auf dem Album sind verschiedene Einflüsse zu hören: von Country-Vibes über Funk-Grooves bis hin zu einem Song mit Heavy-Rock-Akkorden, der „Wohin ich auch geh bin ich schon da“ heißt. Es ist schwer dafür ein Genre zu finden, oder?

Tilman: Keine Ahnung, ich habe da keinen Namen für. Wenn ich mir das anhöre, kann ich da auch teilweise gar nichts mit anfangen und manchmal falle ich da voll rein – auf eine überraschende Art und Weise. Das ist dann für mich wie keine andere Musik auf dieser Welt. Natürlich kommt die schon aus unserer Geschichte, also die hat schon so Regierungswurzeln. Aber ich kann sie mit nichts anderem vergleichen.

Ralf: Also bei mir sind es einfach Einflüsse, die ich gut finde und die dann soundmäßig auch auf dem Album landen: George Duke, Frank Zappa, Steely Dan. Und die Heavy-Nummer, das war eher so ein Experiment. Ursprünglich hatte die Band gedacht, das sei ein Scherz; war aber kein Scherz. Das Stück ist ein Tribute an Tony Iommi und Black Sabbath. Ihr Album „Master Of Reality“ habe ich das erste Mal in meinem Kinderzimmer gehört – auf meinem Schallplattenspieler „Mister Hit“ –, mit fünf. Und 50 Jahre später kommt eben sowas dabei raus.

Ein Teil der Aufnahmen ist während einer Live-Session in Bottrop entstanden – in einem eiskalten Bunker. Ich schätze mal, der Heavy-Song war auch darunter. Er endet mit einem Husten …

Tilman: Ja, Ivi hat uns alle angesteckt. Der kam schon todkrank aus München und dann hatten wir es hinterher alle.

Ralf: Das ist allerdings auch eine direkte Referenz zu Black Sabbath, denn das Album, das ich eben genannt habe, das beginnt mit einem Husten.

KRANK RUMSTEHEN AUF DER HALDE IN BOTTROP (CREDIT: MARTIN STEINACKER) 

Ein Grundthema, das sich schon seit längerer Zeit durch die Regierungsalben zieht, ist Liebe. Wobei es weniger um die Liebe zwischen zwei Menschen geht. Dennoch habe ich das Gefühl, dass deine Texte diesmal noch abstrakter geraten sind.

Tilman: Ja, das stimmt. Ich habe mich auch wirklich gefragt – und frage mich das immer noch –, ob die Leute überhaupt was damit anfangen können. Wenn ich mich mit anderen über die Themen aus meinen Texten unterhalte, merke ich auch, dass es die meisten nicht interessiert. In Form eines Liedes ist es dann aber vielleicht noch ein bisschen anders. Dann erreiche ich die Leute auf einer anderen Ebene, mehr auf der Herzens- als auf der Verstandesebene – wenn überhaupt.

Auch wenn die Themen nicht neu sind, die situativen Bezüge und das Erzählerische haben aus meiner Sicht etwas abgenommen. Texte wie „Indien“, wo du einen kranken Mann über die Straße gehen siehst – solche Begebenheiten gibt es auf dem aktuellen Album kaum noch. Gibt es dafür einen Grund?

Tilman: Das ist einfach mein Leben, und das hat auch mit dem Altwerden zu tun: dass es immer weniger Ereignisse gibt. Ich wohne halt in Bern und verbringe die meiste Zeit allein in den Bergen. Und bin happy damit. Ich brauche nicht mehr nach Indien zu fahren oder nach Amerika. Das ist ein ganz anderes Erzählen und es sind auch ganz andere Dinge, mit denen ich mich beschäftige: Fragen wie: Wer bin ich? Oder: Was ist überhaupt das Leben? Das nennt man auf Englisch Self-enquiry. Und solche Fragen stehen bei mir in den letzten Jahren total im Vordergrund. Was ich machen muss, wird immer weniger und deshalb nimmt auch das Situative ab. Es geht immer weniger ums Überleben, sondern immer mehr ums Sein.

Wirkt sich das auch auf die Arbeit mit der Regierung aus oder verändert es die Rolle, die Musik in deinem Leben spielt?

Tilman: Ich glaube, in dem Stadium, in dem sich die Band gerade befindet, stellt sich generell die Frage, wann wir an unsere Grenze stoßen, wie lange wir das überhaupt noch machen wollen? In meinem Alter gehen viele Sachen zu Ende. Und das hat eben einen Einfluss auf mich – auch so ganz profane Sachen. Ich habe zum Beispiel hier oben nur noch einen echten Zahn und das ist jetzt ein Gebiss. Das macht total was mit einem, das ist ein totaler Schock für das ganze System. Wenn ich das rausnehme und gucke in den Spiegel, dann sehe ich original aus wie 90. Das sind so Sachen, die sind noch total frisch. Vielleicht können die auch mal in Songs vorkommen. Vielleicht wird das auch wieder populär: in den Spiegel gucken und Gebiss rausnehmen. Das geht dann wieder mehr so in den Punkrock. Mal schauen.

Es ist ja auch nicht so, als würde es gar keine konkreten Begebenheiten mehr geben. Im ersten Song schilderst du zum Beispiel, wie eine Person mit dem Zug reist und nach einem Buch gefragt wird. Und wie jemand durch eine Tür geht, ohne es selbst zu bemerken. Sind das Situationen, die auf persönliche Erlebnisse zurückgehen?

Tilman: Das mit dem Buch, das war auch so eine Erfahrung aus Indien. Du kommst zu deinem Lehrer und der sagt, schmeiß erst einmal deine Bücher weg. Die haben dich hierhergebracht, damit ist jetzt Feierabend. Und es gibt diese Parabel, wo der Meister zum Schüler sagt: „Du bist mit dem Zug gekommen? Den hast du aber hoffentlich am Bahnhof gelassen und nicht zu mir hochgeschleppt:“ Der ganze Song ist mehr so ein Cut-up, wo verschiedene Dinge zusammengeführt werden.

Eine weitere Schlüsselzeile aus dem Opener lautet: „Du kannst mir gar nichts geben“. Ein Satz, der später zum Titel eines Songs wird.

Tilman: Ja, das bezieht sich auch auf eine Lehrerin von mir, die heißt Gangaji. Und die sagt immer „ich kann dir nichts geben“. Im Gegenteil: „Ich nehme dir alles weg“ …

… um zu gucken, was übrig bleibt?

Tilman: Ja, das ist gut erkannt.

 

„Ich habe keine Frage, nur ein Fragezeichen“ heißt es in „Wohin ich auch geh bin ich schon da“. Das Fragezeichen taucht auf dem Cover mit den beiden Ameisen wieder auf: als Sprech- bzw. Denkblase. Wie ist das zustande gekommen?

Tilman: Das hat wieder Jakobus Durstewitz entworfen. Er ist ja eine Art geheimes Bandmitglied. Jakobus hat nicht nur diese Zeile aufgegriffen, sondern auch den Titel mit beeinflusst. Als ich ihn gefragt habe, ob wir das Album „Unbekannt“ oder „Für immer unbekannt“ nennen sollen, hat er „Immer unbekannt“ vorgeschlagen – also ohne „für“. Für mich passte das wie die Faust aufs Auge. So war es viel besser.

Ralf: Wenn Jakobus eine Idee hat, ist das immer super. Das war bei der „Raus“ ja auch nicht anders. Da hatte er dieses Bild mit der Fußmatte, wo „Raus“ draufstand.

Tilman: Ja, bei der Platte war es auch so, dass ich ihm so 10 oder 20 Vorschläge für den Titel gemacht habe. Unter anderem „So wie Johann Sebastian Bach“ – fand er Scheiße. Alles Mögliche habe ich ihm vorgeschlagen, und dann habe ich aus lauter Verzweiflung “Raus“ gesagt. Und er dann: „Yeah, das ist total Regierung!“.

Wie kam es denn zu dem Motiv mit den kämpfenden Ameisen?

Ralf: Nein, das ist kein Kampf. Da habe ich mich informiert. Die lernen sich kennen und sind einander unbekannt. Also da könnte man jetzt unseren Schlagzeuger Alexander von Lieven zu befragen, denn der ist auch gleichzeitig Insektenexperte. Das ist ein Sachverhalt aus dem Tierreich: Die kämpfen nicht.

Tilman: Das wusste ich auch nicht. Aber es ist eigentlich immer so. Wenn Jakobus mit irgendetwas ankommt, habe ich nie eine Ahnung, worum es geht. Du guckst einfach drauf und findest es irgendwie gut. Aber was der Reiz daran ist, ist mir eben halt total … unbekannt.

Gut, dass du das aufklärst, Ralf! Ich hatte nämlich direkt diesen Widerspruch im Kopf, da Ameisen ja Gesellschaftstiere sind. Und das mit dem Kampf passte für mich nicht so recht ins Bild.

Tilman: Aber auch eine Ameise, die ein Fragezeichen hat, da denkt man ja auch nicht, dass eine Ameise sich fragt: „Wer bin ich?“. Und wer weiß, was aus den Ameisen wird, wenn die einmal anfangen sich zu fragen, wer sie sind …

JAKOBUS IM WALD (CREDIT: EBBA DURSTEWITZ)

Das bringt uns zum Thema „Philosophie“. In einem eurer neuen Songs gibt es eine Zeile, die hätte sehr gut von einem Philosophen stammen können: „Was ich sagen will, kann nicht gesagt werden. Und was ich zeigen will, kann nicht gezeigt werden.“ Eine Anspielung?

Tilman: Nein. Das ist einfach so eine Erkenntnis: Wenn ich versuche, etwas, was nicht beschreibbar ist, zu beschreiben, dann werde ich scheitern. Immer. Nimm die Liebe. Wenn du die Liebe beschreiben willst, wirst du immer scheitern. Du machst es trotzdem. Also, wenn du Songschreiber bist, da hast du keine große Wahl.

Und ich dachte, es wäre eine versteckte Referenz an Wittgenstein gewesen: „Was gezeigt werden kann, kann nicht gesagt werden“. Das ist zwar nicht ganz das, was du sagst, aber es klingt sehr ähnlich.

Tilman: In einem alten Song habe ich mich mal über ihn lustig gemacht. Aber eigentlich wollte ich nur einer Ex von mir eins auswischen. Ich habe Wittgenstein nie gelesen und kann mich auch bei allen Philosophen, die ich auf meinen frühen Alben zitiert habe, nur entschuldigen.

„Wittgenstein sagt“ war ein Stück auf deinem zweiten Soloalbum, das 1997 erschienen ist. Da warst du, Ralf, auch beteiligt. Wie hast du denn die Hamburger-Schule-Zeiten erlebt, warst du in der Szene involviert?

Ralf: Nein, ich war überhaupt nicht involviert in der Hamburger Schule. Ich gehöre auch zu keiner Szene. Ich glaube, ich wäre auch nicht der Richtige für die Hamburger Schule.

Tilman: Ich habe mich ja damals für Ralf entschieden. Cooler Typ und so – auch gut angezogen. Nicht, dass der Ralf schlecht angezogen ist, aber mir war schon klar, dass er kein Szene-Typ ist. Das war überhaupt eine ganz bewusste Entscheidung von mir, dass ich diesen Kosmos verlasse, mit der Hamburger Schule damals.

Ralf: Ich habe zu der Zeit auch in Berlin schon gelebt, und war nur ab und zu in Hamburg. Und wenn in irgendeiner Szene, dann nur in der Szene „Studio bei Folke“, mit dem ich musiktechnisch viel zusammengearbeitet habe. Ansonsten habe ich von diesen ganzen ikonischen Szene-Gestalten – außer Bernd Begemann – niemanden näher kennengelernt.

Tilman: Die Hamburger Schule hatte ja immer so ein verkopftes Image, und wir kamen aus dem Ruhrgebiet. Mein Einfluss sind die Ramones und sowas. Da kommen kein Theweleit und kein Adorno vor. Wir hatten damals viel mit Huah! zu tun. Das war unsere Lieblingsband von der Hamburger Schule. Von denen kann man wirklich nicht sagen, dass die verkopft waren. Wir waren auch total Fans voneinander. Knarf hat mich damals ein bisschen eingeführt in Hamburg, so mit allen bekannt gemacht. Das war mein bester Freund – als ich noch Teil der Hamburger Schule war.

Zurück in die Gegenwart: Gibt es aktuelle Musik oder Konzerte, die euch in letzter Zeit begeistert oder inspiriert haben?

Ralf: Laut Spotify ist mein Hör-Alter 75 Jahre. Ich entdecke zwar immer wieder neue Sachen – auch viel im Jazz –, aber das ist eher ältere Musik. Zu aktuellen Sachen kann ich nicht viel zu sagen.

Tilman: Ich habe mir diesmal meine Spotify-Jahresbilanz überhaupt nicht angeguckt. Ich kriege ja immer zwei, auch eins für Artists. Wir hatten mit der Regierung 50 000 Streams im letzten Jahr. Das ist zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Ich finde sowas aber auch super interessant, weil wir das früher nie hatten. Deshalb konnte bei uns zur Hamburger Schulzeit auch ein bisschen so eine Hybris entstehen, weil wir halt immer total in den Zeitungen waren, aber keine Ahnung hatten, was wir genau verkaufen. Das ist heute anders. Seitdem es Spotify gibt, weißt du als Künstler exakt, wie viel du gestreamt wirst. Und wir wissen jetzt auch genau, was wir an Vinyl verkaufen, weil bei uns die Anzahl immer begrenzt ist. Wir verkaufen die zwar immer ab, aber bei der Stückzahl kann man sich wirklich nicht mehr einreden, man sei ein Rockstar. Das war früher durchaus möglich, so ein Delulu.

Ralf: Aber, ich meine, das ist auch eine Frage, wie man Erfolg bewertet. Für mich ist es ein Erfolg, wenn auch nur zehn Leute zum Konzert kommen, man alles gibt und die nachher zufrieden nach Hause gehen.

Tilman: Was ich auch durch Spotify weiß: Wir haben 40 Leute auf der Welt, die mehr Die Regierung hören als alles andere. 40 Superuser, für die wir die Nummer eins sind.

Text und Interview: Marc Wilde
Beitragsbild: Martin Steinacker

DIE REGIERUNG IN DEN HÄNGENDEN GÄRTEN VON EHRENFELD (CREDIT: MARC WILDE)

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