Geese: Stoppt den Gedankenzug!

Cameron Winter / Geese (Collage: Sarah Szczesny)
„There’s a bomb in my car!“
(„Trinidad“, Song 1 auf „Getting Killed“)
„Let me dance away, forever.“
(„Cobra“, Song 2 auf „Getting Killed“)
Lange Zeit war ich der Überzeugung, dass meine Lieblingskunst nur mir gehören sollte. Ich wollte sie nicht mit anderen teilen, weil das bedeutet hätte, dass meine persönliche Beziehung zu einem Album, einem Film oder was auch immer nicht länger etwas Einzigartiges wäre. Plötzlich müsste ich andere an dieser intimen Verbindung teilhaben lassen – oder, Gott bewahre, mich sogar mit ihren Ansichten auseinandersetzen, obwohl ich doch der einzig wahre Bewunderer dieses Kunstwerks war. Vermutlich hatte das etwas mit Selbstidentifikation oder dem Wunsch zu tun, sich von anderen abzugrenzen. Wie auch immer: Diese pseudoindividualistische Denkweise ist natürlich Quatsch.
Wie schön es sein kann, kollektive Begeisterung zu erleben, zeigt der Hype um die derzeit spannendste Indie-Rock-Band der Welt: Geese.
Klar, wir wollen nicht übertreiben: Dieser Hype spielte sich keineswegs auf tatsächlichem Mainstream-Niveau ab. Doch gegen Ende des Jahres 2025 galten Geese und ihr Album „Getting Killed“ für viele als das beste Indie-Album des Jahres – und das in einer Zeit, in der es immer schwieriger wird, überhaupt noch einen gemeinsamen Konsens zu finden, während Rockmusik längst nicht mehr den Stellenwert besitzt, den sie einmal hatte.
Die Musikpresse überschlug sich regelrecht. The New Yorker erklärte Geese zu den großen Gewinnern des Jahres 2025, und überall war plötzlich zu lesen: „Rock ist zurück.“ Frontmann Cameron Winter wurde zur neuen Indie-Ikone, sein langes, ungewaschenes Haar avancierte zum nächsten Hipster-Trend. Mein Instagram-Feed bestand zeitweise aus nichts anderem als Geese, Geese und noch mehr Geese.
Dass die junge Band aus New York inzwischen auch genügend Kritiker*innen hat, macht sie letztlich nur relevanter. Denn wenn sich niemand an einer Band reibt, wenn niemand ihre Musik nervig findet – wie originell kann sie dann wirklich sein?
Wie immer gibt es Skeptiker*innen, die den gefeierten Sound einer jungen Band lediglich als einfallsloses Recycling älterer Gruppen abtun. Ja, die Einflüsse von Geese sind unüberhörbar: der schroffe Swag von The Velvet Underground, die wirren Bewusstseinsströme eines Mid-Sixties-Dylan, das hypnotische Abdriften von The Doors. Doch wie jede herausragende Rockband verwandeln Geese ihre Vorbilder in etwas Eigenes, etwas Gegenwärtiges. Niemand hat diese Elemente zuvor auf genau diese Weise zusammengeführt – schon gar nicht mit einer solchen Dringlichkeit und einem Ergebnis wie „Getting Killed“.
Und überhaupt: Warum sollte es aufgeweckte Teenager interessieren, dass sich irgendein Boomer dabei an seine Lieblingsmusik von vor Jahrzehnten erinnert? Das ist ihnen doch egal. Viele erkennen diese klassischen Rockreferenzen ohnehin kaum noch – und warum sollten sie auch? Entscheidend ist allein, dass Geese modern klingen, wie ein Produkt ihrer Zeit. Denn genau das sind sie auch (dazu später mehr).
Ein weiterer Punkt, den viele Geese-Kritiker*innen als Begründung für ihre Abneigung anführen, ist die eigenwillige Stimme von Frontmann Cameron Winter. Er jault, brüllt und krächzt mit völlig ungezügelter Hingabe; jede stimmliche Phrasierung ist zugleich eine trotzige Kriegserklärung und eine sentimentale Umarmung.
Ich sage oft, dass die interessantesten Sänger etwas Memehaftes an sich haben – dass sie auf lustige Weise nachahmbar sein müssen. Auf Winter trifft das mehr zu als auf alle anderen. Sein Gesang kennt keine Grenzen – nicht nur, was den Tonumfang betrifft, sondern vor allem darin, wie er seine Stimme in tausend Richtungen verbiegen kann.
Am häufigsten wird er mit Thom Yorke oder Julian Casablancas verglichen. Mich erinnert Winter letztlich jedoch viel stärker an die Jazz- und R&B-Legende Nina Simone. Trotzdem heult niemand so wie er.
Das führte sogar zu der wohl größten Auszeichnung überhaupt: einer Parodie bei Saturday Night Live – komplett mit Perücke und seinem gewohnt regungslosen, unbeeindruckten Blick. Natürlich ist dabei kein einziges Wort zu verstehen; alles löst sich in expressionistisches Wehklagen auf. Und ja: In jeder gelungenen Parodie steckt ein Fünkchen Wahrheit. Zum Glück.

Geese (Photo: Mark Sommerfeld)
Eine wahre Rock’n’Roll-Band
Doch Geese sind weit mehr als nur das Ventil für die Stimme und das Songwriting von Cameron Winter. Was sie von vielen zeitgenössischen Indie-Rock-Bands unterscheidet, ist, dass Geese eine echte Band sind – also im klassischen Sinne: ein Zusammenschluss kreativer Köpfe, die unterschiedliche Einflüsse und Ideen einbringen. Die vier Mitglieder kennen sich seit ihrer Schulzeit und sind entsprechend eng miteinander vertraut. Das hört man: im mitreißenden Zusammenspiel ebenso wie in ihrer gemeinsamen Bereitschaft, fehlerhafte Unvollkommenheiten zuzulassen. Anders als The Strokes – mit denen Geese aufgrund ihrer Herkunft (New York), ihrer Ausstrahlung (lässig) und der sie umgebenden Erzählung („Rock ist wieder cool!“) oft verglichen werden – betrachten Geese keineswegs den straff komponierten Drei-Minuten-Popsong als höchstes Ideal. Stattdessen setzen sie auf das kontrollierte Abschweifen ihres Kollektivs. Sie stehen für eine lockerere, bewusst unfokussierte Form des New Yorker Rock, die sich auf der Bühne ständig verändert und die ADHS-Stimmung der Gegenwart widerspiegelt. Geese wirken orientierungsloser – und genau das lässt sie in diesem Fall zeitgemäßer erscheinen. (Das gilt übrigens nicht nur für ihre Musik, sondern auch für ihre Inhalte, aber wie gesagt: dazu später mehr.)
Gitarristin Emily Green ist entscheidend für den Gesamtklang von Geese. Beim Hören hat man oft das Gefühl, als würde sie ihre Gitarrenparts noch im Moment des Spielens suchen, statt sie einfach abzurufen. Genau daraus entsteht jene fragile Spannung, die sich besonders in ihrer schwebenden Gegenmelodie auf dem Geese-Highlight „Husbands“ entfaltet. Häufig spielt sie mit einem weichen, warmen Clean-Sound, umschifft dabei mühelos überholte Rockklischees und bildet so den notwendigen Gegenpol zum brachialen Schlagzeugspiel von Max Bassin.
Der bekennende Geese-Fan Nick Cave brachte es treffend auf den Punkt: „I mean, my God, those drums.“ Die Crashbecken detonieren wie einschlagende Bomben, die Toms galoppieren wie eine tanzende Pferdeherde. Bassin spielt im Grunde Lead-Drums – ganz in der Tradition von Keith Moon (The Who) in den 1960er- und 70er-Jahren. Mit seinem dominanten Stil erinnert er aber ebenso an markante Indie-Schlagzeuger wie Bryan Devendorf (The National) oder Christopher Bear (Grizzly Bear). Diese Mischung bringt die Klangästhetik von Geese auf den Punkt: Hier trifft Classic Rock auf den Hipster-Indie der 2000er-Jahre.
Tatsächliche Rockbands haben den US-amerikanischen Indie-Diskurs schon seit geraumer Zeit nicht mehr geprägt. Während Gitarrenbands in den 2000er-Jahren noch die vorherrschende Form des Indie waren, verschob sich der Fokus allmählich. Zu den wichtigsten und einflussreichsten Figuren wurden schließlich genreprägende Solokünstlerinnen wie Phoebe Bridgers – eine extrem zurückgenommene Songwriterin, deren Musik gleichermaßen von Humor und Melancholie lebt und in deren Schatten sich die US-amerikanische Indie-Szene in den vergangenen fünf oder sechs Jahren bewegt hat.
Natürlich gab es auch weiterhin echte Bands wie die Folk-Hippies Big Thief. Ähnlich wie Geese leben sie von der spürbaren Chemie zwischen ihren Mitgliedern, würden aber wohl dennoch nicht in erster Linie als Rockband bezeichnet werden. Mit dem Hype um Geese wirkt es nun, als könnte die introvertierte Phoebe-Bridgers-Ära des amerikanischen Indie langsam zu Ende gehen – und als würde der prägendste Indie-Rock wieder zu Rock werden.
Vielleicht markiert „Getting Killed“ tatsächlich einen Wendepunkt. Ob das so ist, wird erst die Zukunft zeigen. Allein die Möglichkeit ist aufregend genug.
Der Hype um Geese kam nicht aus dem Nichts, sondern ist das Ergebnis einer stetigen, schrittweisen Entwicklung. Schließlich war „Getting Killed“ (2025) nicht das erste Album der Band, sondern folgte auf „Projector (2021)“ und „3D Country“ (2023). Die noch immer sehr junge Band hatte also bereits Zeit, Erfahrung zu sammeln, bevor ihr großer Durchbruch kam. Sie konnte sich ihrem Publikum langsam vorstellen und organisch wachsen.
Meine Einschätzung: Solche Acts altern in der Regel besser als jene, die mit ihrem Debüt sofort auf Magazincovern landen und direkt als Retter eines Genres gefeiert werden. Bei ihnen entsteht weniger schnell der Eindruck, dass sie ihr kreatives Maximum bereits erreicht haben. Man hat nicht so rasch das Gefühl, ihre Ästhetik bereits vollständig durchschaut zu haben.
Im Gegensatz zu Bands wie The Strokes oder Interpol, die für immer mit ihren Debütalben verbunden bleiben werden, wirkt die Zukunft von Geese auch nach „Getting Killed“ weiterhin spannend. Denn Fans können sehen, dass die Band bereits zuvor starke Alben gemacht hat – warum also sollten sie nicht genauso weitermachen?
(Man kann nur hoffen, dass die toxische Maschinerie aus Ruhm und Aufmerksamkeit ihnen nicht doch noch zum Verhängnis wird. Ich bin da aber optimistisch. Sie wirken ziemlich entspannt.)

Geese (Photo: Lewis Evans)
Von Post-Punk-Kids zu Swag-Rock-Ikonen
Vor ein paar Jahren hätte ich es für ausgeschlossen gehalten, dass Geese einmal den Stellenwert haben würden, den sie heute genießen. Ich erinnere mich, die Band 2022 beim Haldern Pop Festival gesehen zu haben. Damals spielten sie vor allem Stücke ihres offiziellen Debütalbums „Projector“. Ich fand das durchaus angenehm, aber wirklich umgehauen haben sie mich nicht – so sehr, dass ich während des Sets mehrmals Bier holen ging und gegen Ende sogar zu einer anderen Bühne wechselte. In ihrer „Projector“-Phase spielten Geese noch soliden Post-Punk mit kantigen Gitarren und fragmentierten Rhythmen, aus denen Songs wie „Disco“ entstanden: gut gemacht, aber auch ein Stück weit unoriginell.
Anfang der 2020er-Jahre gab es keinen Mangel an Bands dieser Art (man denke an die Windmill-Szene mit Gruppen wie Squid, Shame und Black Midi). Ehrlich gesagt empfand ich diesen hektischen Post-Punk-Sound – insbesondere die Welle aus dem Vereinigten Königreich – schon damals als eher ermüdend und hatte Geese zunächst als nichts wirklich Besonderes abgetan.
Der Schritt, der danach folgte, war enorm – denn so ist das eben in jungen Jahren: Musikalische Vorlieben verändern sich oft in kurzen Phasen und verschieben ihren Fokus ständig. Geese verlagerten ihre Einflüsse dabei von der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre in die erste, von New Yorker Post-Punk-Bands wie Talking Heads oder Television hin zu rootsy Rock-Legenden wie The Rolling Stones. Das Ergebnis war „3D Country“, ein farbenreiches, jam-lastiges Album, auf dem Geese sich völlig entfalteten und in jedem Moment Spaß ausstrahlten. „So muss diese Band klingen“, war der Tenor.
Das Album fing die Mehrdimensionalität US-amerikanischer Musik ein – Gospel, Blues, Southern Rock – und klang zugleich wie eine Parodie darauf. Jeder Sound wirkt wie eine bewusst gesetzte Karikatur oder eine übersteigerte Version davon, wie ein „echtes“ Rock-’n’-Roll-Album in den 2020ern zu klingen hat. Lyrisch griff Cameron Winter chaotisch montierte, oft zutiefst amerikanische Popkultur-Bilder auf – Cowboys, Tumbleweeds, the road – und verschmolz sie mit einer apokalyptischen Endzeitstimmung: „I’m losin’ all faith in my life, and I’m lookin’ for a way to the bright light“. Auf „3D Country“ passiert so viel, dass man sich unweigerlich fragt, warum nicht jedes Album so sein will.
Die Antwort darauf kam in Form von „Heavy Metal“, dem meditativen Solo-Debüt von Cameron Winter, das zwischen „3D Country“ und „Getting Killed“ erschien. Plötzlich war da dieses eigenwillige, spirituelle Folk-Soul-Opus, mit dem niemand gerechnet hatte – und die Reaktionen waren entsprechend euphorisch. Das Label Partisan Records hatte nur geringe Erwartungen an die Veröffentlichung und brachte das Album im Dezember 2024 heraus, also zu einem Zeitpunkt, an dem die Jahreslisten längst geschrieben sind und neue Releases oft untergehen. Doch dann setzte ein altbekannter Mechanismus ein: Pitchfork hob „Heavy Metal“ mit einer positiven Kritik hervor und zog dabei berechtigte Vergleiche zu „Astral Weeks“ (Van Morrison) und „Music from Big Pink“ (The Band). Das Internet schien Winter von Beginn an zu lieben, und es kursierten unzählige Videos von Schauspielerinnen und Rapperinnen, die ihre Begeisterung für diese abstrakte Musik zum Ausdruck brachten. „Heavy Metal“ hatte nichts mit der tagebuchartigen Singer-Songwriter-Ästhetik von Phoebe Bridgers zu tun – und bot damit selbst ohne lärmende Rockband eine erfrischende Alternative. Mit seiner klagenden Stimme schwebt Winter über kleinteilige Pop-Symphonien, wobei jede Melodie zugleich verzaubern und verstören will.
Der Titel ist natürlich der erste Witz: Denn klanglich ist das Album eher weicher Samt als Heavy Metal. Doch trotz aller Albernheit – „the conga line behind me is a thousand chickens long“, singt er – bleibt es ein vollkommen ernst gemeintes Werk. Ganz wie Bob Dylan auf seinem großartigen Album „John Wesley Harding“ versteht auch Cameron Winter, dass religiöse Motive eine eigene Bildsprache tragen und symbolisch aufgeladen werden können: „I’m not kidding this time, I think God is actually for real“, singt er im Highlight „$0“ – wobei „Gott“ hier vermutlich für Liebe steht (nehme ich an). „Love Takes Miles“ ist der beste Song auf „Heavy Metal“ und trägt eine kaum greifbare Weisheit bereits im Titel: Liebe braucht Arbeit, Zeit, Distanz. Hochgradig sentimental und doch irgendwie überhaupt nicht: „I need your feet more than you do“, singt er. Man grinst, man weint, man runzelt gleichzeitig die Stirn.

Geese (Photo: Lewis Evans)
Mittelfinger und Motivationsreden
Cameron Winter konnte dieses Element – jene Verbindung aus Schrulligkeit und Emotionalität – anschließend wieder in die Arbeit mit Geese einfließen lassen. Als 2025 das neue Album der Band erschien, waren Winter und auch das Publikum gewissermaßen bereit; alles deutete auf den Aufstieg von Geese hin. Und ja: „Getting Killed“ markiert den bisherigen Höhepunkt ihres Schaffens. So rau und kantig es ist, so viel Herz steckt darin – es zeigt den Mittelfinger und hält gleichzeitig eine aufbauende Ansprache. Im Gegensatz zu „3D Country“ ist das Album kein farbenfroher Dopamin-Overload, sondern geschlossener, fokussierter und in sich stimmiger. Die Musik prasselt nicht aus dreitausend Richtungen gleichzeitig auf einen ein, sondern trifft in einem gebündelten Strom – ein neues Merkmal des Geese-Sounds, das möglicherweise auch der Zusammenarbeit mit dem Produzenten Kenneth Blume (aka Kenny Beats) zu verdanken ist.
Nicht nur mein Lieblingssong auf „Getting Killed“ wechselt ständig, sondern auch die Art und Weise, wie ich dieses Album höre und genieße. Manchmal erfreue ich mich an der scheinbar zufälligen Plumpheit dieser Musik, an ihrer – sagen wir – ernsthaften Unernsthaftigkeit und an all den wunderbar absurden Anspielungen auf Pferde oder Boote. „Will you know what I mean?“, fragt Cameron Winter in „Husbands“. Meine Antwort: nicht wirklich – aber es ist mir auch egal. Die Verbindung aus humorvoll zugespitzten Texten und klassischen Rockeinflüssen ist eine Qualität, die Geese mit einem weiteren Aushängeschild der aktuellen Indie-Rock-Landschaft teilt, dem dem schluffigen Alt-Country-Sympathen MJ Lenderman. Beide machen im Grunde Classic Rock für die Brainrot-Generation.
Doch dann wird mir wieder bewusst, wie stark thematisch aufgeladen „Getting Killed“ eigentlich ist – wie sehr Cameron Winter am Ende doch Dinge von der Seele bekommen will, statt uns bloß zu irritieren. In „Bow Down“ singt er etwa: „I was a sailor, and now I’m a boat / I was a car, and now I’m the road“ – das wirkt zunächst willkürlich und komisch, bedeutet aber letztlich: Ich war einmal in Kontrolle und bin nun derjenige, der überrollt wird. (Oder anders gesagt: Ich war derjenige, der fickt; jetzt bin ich derjenige, der gefickt wird.) In diesem Sinne steht das treffend betitelte „Getting Killed“ auch für die Angst vor Passivität – für die Furcht davor, dass Dinge sich zum Schlechteren wenden und man selbst nichts dagegen tun kann.

Geese (Photo: Lewis Evans)
Nobody knows where they’re going (except me)
Glücklicherweise ist „Getting Killed“ genau das Gegenteil einer Kapitulation. Das Album schiebt mich nach vorne und lässt mich regelrecht mit erhobener Faust zurück. Deshalb ist es in meiner Wahrnehmung eng mit dem mitreißenden Kino-Weckruf „One Battle After Another“ des Regisseurs Paul Thomas Anderson verbunden – einem Film, der angesichts der heutigen Paranoia eine ähnliche „Jo, wir schaffen das“-Energie ausstrahlt und tatsächlich in derselben Woche wie „Getting Killed“ erschienen ist. Wenn im Opener „Trinidad“ mit voller Intensität „THERE’S A BOMB IN MY CAR!“ gebrüllt wird – über donnernden Schlagzeuglawinen und noisigen Wah-Wah-Gitarren –, dann entspringt das nicht reiner Angst, sondern dem Drang zum Handeln, der gerade aus dieser Angst heraus entsteht. Dass direkt danach das sonnige Folk-Rock-Stück „Cobra“ folgt, macht die Aussage des Albums endgültig klar: Die Bedrohung ist nicht das Ende. „Let me dance away, forever“, singt Cameron Winter.
Er meint es ernst, wenn es in „100 Horses“ heißt, dass man in Kriegszeiten lächeln sollte. Natürlich weiß er, dass das leichter gesagt als getan ist – aber welche andere Wahl bleibt uns eigentlich, als es zumindest zu versuchen? „There is only dance music in times of war“, singt er, direkt gefolgt von einem wunderschönen Klaviermotiv, das zu den besten musikalischen Momenten des Jahres 2025 zählt. Damit ist nicht gemeint, dass es in turbulenten Zeiten keine andere Musik geben kann; vielmehr, dass gerade eine bestimmte Art von Musik dann besonders wertvoll wird: jene, die einen in Bewegung setzt, auch wenn das Ziel noch unklar ist.
Doch für die meisten Menschen ist schon das zu viel. Einfach losgehen? Wohin überhaupt? Und was kommt dann? Jede Aufgabe wird zur Last. „I’m getting killed by a pretty good life“, heißt es im Titelstück; selbst das Bezahlen von Steuern wird im passend betitelten „Taxes“ als kaum bewältigbare Handlung beschrieben – ein Motiv, das Winter natürlich mit ironischer Schärfe einsetzt. Ein Festhalten an den eigenen Problemen kann wichtig sein, keine Frage – aber bis zu welchem Punkt? Und wie sehr führt das tatsächlich zu Handlung oder Veränderungswillen? Wenn ich schon beim Thema Steuern innerlich erstarre, was bedeutet das erst bei wirklich existenziellen Fragen?
Im schönsten Stück des Albums, dem unendlich wohltuenden „Half Real“, gibt Winter schließlich eine verschlüsselte Form von Orientierung. Über einem Arrangement, das an Bob Dylans Opus magnum „Blonde on Blonde“ erinnert, spricht er von schrecklichen Menschen, die wahre Liebe infrage stellen und sie nur als „einen Nagel in der Wand“ betrachten – etwas Beliebiges, das sich leicht entfernen lässt. „That’s how a lot of assholes feel, but that’s not how I feel at all“, singt er trotzig. Solche Arschlöcher blicken ständig in den Rückspiegel und fragen sich, ob eine vergangene Beziehung gut oder schlecht war – und kommen dabei meist zu einem traurigen Schluss. Doch das ist, so deutet das Album an, Unsinn. Manchmal muss der Kopf ausgeschaltet werden, selbst wenn (oder gerade weil) er überläuft: „Get rid of the bad times, and get rid of the good times too“ – denn was ist überhaupt der Unterschied? „I’ve got no more thinking to do.“ Wer darin Kapitulation sieht, hat Geese nicht verstanden. Und damit sind wir wieder bei der Bombe im Auto: Warten, bis sie explodiert? Oder einfach tanzen – für immer?

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