IDRIS ACKAMOOR & THE PYRAMIDS „SHAMAN!“ – Record of the Week Spezial

IDRIS ACKAMOOR: „Es geht nicht um „Wir“ und „Ihr“. Wir sind eine Gemeinschaft!“


„Die Pyramids waren DIY, do-it-yourself, bevor es diesen Begriff überhaupt gab“, berichtete mir Pyramids Bandleader Idris Ackamoor 2016 in einem Gespräch, das ich damals für das Musikmagazin Spex mit ihm führte. „Wir kamen aus Afrika und haben drei Alben selbst aufgenommen!“ 

Mit den drei Alben „Lalibela“ (1973), „King of Kings“ (1974) und „Birth Speed Merging“ (1976), die in den Nullerjahren auf dem Label Disko B wieder aufgelegt wurden, haben Idris Ackamoor & The Pyramids in den 1970er Jahren ihre Reise-Eindrücke von Afrika in eine ganz eigene musikalische Form gegossen. Doch Ende des Jahrzehnts löste sich das afroamerikanische Jazzkollektiv damals auf; es sollte bis zu den Nullerjahren dauern, bis über die Wiederveröffentlichungen und dadurch ermöglichte Reunion-Auftritte eine neue Generation die Musik der Avantgarde-Jazz-Band für sich entdecken sollte. Nun erscheint nach „We Be All Africans“ und „An Angel Fell“ bereits ein drittes Album mit neuen Material auf Strut: „SHAMAN!“.

Saxophon, Violine, Flöte, Bass, Congas, Keyboard, Drums und Gitarren. Diese Elemente bilden auch in den neun Stücken von „SHAMAN!“ so viel mehr als nur die Summe der einzelnen Teile. Der Multiinstrumentalist Idris Ackamoor, der hier wieder als Saxophonist und Sänger auftritt, hat das neue Album als einen Vierakter konzipiert. Der Fokus liegt auf großen Themen: es geht um Liebe und Verlust sowie Sterblichkeit und Erlösung.  Tiefsinnig klingt dieser facettenreiche Spiritual Jazz mit Afrobeat-Vibes, ja, aber nie schwermütig.

Nehmen wir etwa den Opener, das Titelstück: „SHAMAN!“ beginnt melancholisch, nahezu meditativ und mit dezenter Gitarre, man hört die Flöte von Gründungsmitglied Margaux Simmons. Doch das war nur das Intro. Ein neuer Rythmus setzt ein, das Tempo steigert sich, auf einmal sind da großartige, funkige Gitarrensounds, Trommel-Solos, Sandra Poindexter an der Violine und natürlich Idris Ackamoors freischwebendes Tenorsaxophon. Das legt er nur für seine Lead Vocals ab, beziehungsweise hier für Spoken Word-Einlagen, die das über zwölf Minuten lange Stück konturieren.
„Longing for words to be said that there are no more words for“, heißt es am Anfang. „Wash our souls free, as we reach out and take each otherʼs hand to walk again, to walk again on virgin earth“, dann hoffnungsvoll am Ende. Später nimmt die Band jene Stichwörter und Motive als Chor in einem Teil des dritten Akts, dem Stück „Virgin“, wieder auf.

Textlich inspiriert wurde Idris Ackamoor für das Album von dem Buch „Indaba, My Children: African Tribal History, Legends, Customs And Religious Beliefs“. Geschrieben hat das der Südafrikaner Vusamazulu Credo Mutwa, ein traditioneller Heiler und Philosoph, der leider im März diesen Jahres verstorben ist.

Ackamoor erinnert auf dem Album aber auch an Cecil Taylor. Das Akustik-Bass-lastige Stück „Theme For Cecil“ ist eine Widmung an die 2018 verstorbene Jazz-Legende. Für Idris Ackamoor war der New Yorker Jazzpianist ein wichtiger Mentor. In einem Interview mit Bandcamp teilte er einige Erinnungen an Cecil Taylor. Der begnadete Musiker sei nicht allein auf der Suche nach großartigen Musikern*Innen gewesen, sondern achtete vor allem darauf, dass diese seiner Richtung folgen konnten.

Das habe Idris Ackamoor auch selbst beeinflusst. Man spürt das in diesen abwechslungsreichen, insgesamt 75 Minuten langen (!) Aufnahmen, die in einem Londoner Analog-Studio entstanden sind. Die Band wagt noch mehr Länge als auf dem Vorgänger „An Angel Fell“, das sich globalen Themen wie dem Klimawandel annahm. Jedem Instrument wird nun wieder viel Spielfläche eingeräumt, doch insbesondere Idris Ackamoors Saxophon sticht hervor. Beispielsweise in „Salvation“, wo sein Spielstil kurz an den Free-Jazz-Pionier Albert Ayler erinnert, dem er 2016 auch schon ein Stück widmete. Noch melodischer klingt sein Saxophon dann aber in „When Will I See You Again?“. Idris Ackamoor thematisiert hier den plötzlichen Tod und Verlust geliebter Menschen: „A motherʼs gone, a sister too. A brother… a father… a dear friend. Who you saw one moment, next one gone“, spricht er hier, mal fast flüsternd, dann wieder lauter werdend. Erwähnt werden anfangs viele Städte, in denen in den vergangenen Jahren Anschläge stattfanden.

„When Will I See You Again?“ ist eins von insgesamt lediglich drei Stücken mit Text, insofern ist es angebracht, sich  den gar nicht weniger wichtigen Instrumental-Stücken konzentriert zu widmen: Nicht erst seit dem letzten Album klärt oft bereits der Titel darüber auf, woran Idris Ackamoor & The Pyramids bei der Komposition gedacht haben (das Stück „Soliloquy for Michael Brown“ war beispielsweise dem Schwarzen jungen Mann gewidmet, der 2014 von einem US-Polizisten erschossen wurde). Mit dem Streicher-lastigen Stück „The Last Slave Ship“ erinnert Ackamoor diesmal an seine Vorfahren und die Clotida – das letzte Schiff, das im Jahr 1860 versklavte Menschen aus Afrika nach Alabama, USA verschleppt hat. „Dogon Mysteries“ beendet das Album mit Flöten-Soli und Mbira-Einsatz (ein traditionelles Instrument aus dem südlichen Afrika).

Für alle, die die Musik von Idris Ackamoor gehört haben, dürfte es kein Rätsel sein, weshalb auch Electronica-Künstler wie Floating Points diese großartige Musik feiern und Bonobo Floating Points ein Stück von Idris Ackamoor 2006 sogar schon gesamplet hat. Aber man muss diese Musik natürlich im Original und in Gänze hören, um ihren einnehmenden Flow und Groove zu erfahren. Am besten geht das live.
Ich erinnere mich an den Auftritt beim Open Source Festival 2016 in Düsseldorf, bei dem Idris Ackamoor & The Pyramids vom Festivalrasen aus die Bühne betreten haben – was kein Zufall war. Idris Ackamoor erklärte mir das an diesem sonnigen Tag so: „Wir gehen am Anfang erst zum Publikum und von da aus betreten wir die Bühne. Das fasziniert die Leute immer. Wir möchten uns mit ihnen eins fühlen. Denn es geht nicht um „Wir“ und „Ihr“. Dieses Ritual vereint uns. Wir sind eine Gemeinschaft!“

IDRIS ACKAMOOR & THE PYRAMIDS „SHAMAN!“

Früheres Spex-Interview von Philipp Kressmann: „Wir imitieren nicht, wir erschaffen.“

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