It's the End of the World As We Know It: Das Revival von Gabber und Hardcore

EXTREME MUSIK FÜR EXTREME ZEITEN

Bild: Marie Haefner – aus der Serie „Excalibur City“

Das Revival von Gabber und Hardcore fällt nicht zufällig in eine extremistische Zeit: Wenn der Weltuntergang gleich vor der Clubtür wartet, tanzt man besser noch eine Runde Hakke.

Porträt einer Szene mit DJ Bus Replacement, WIXAPOL und Christian Dior.

Von Laura Aha

Kim Jong-Un betritt die DJ-Booth. Mit versteinerter Miene macht er sich an den Reglern zu schaffen und lässt wenig später einen knapp unter 200 BPM stampfenden Hardcore-Mix von „Wannabe“ von den Spice Girls auf die verdutzt dreinblickende Menge los. Gerade noch bin ich mit all den schönen, braungebrannten Menschen um mich herum auf einem Partyboot durch die filmkulissenhafte Bucht vor der kroatischen Hafenstadt Tisno geschippert – Mojito in der Hand und freundlichen Italo Disco im Ohr. Nun stehe ich, in Nebelschwaden eingehüllt, dicht gedrängt auf einem kleinen Floor und schaue dem nordkoreanischen Machthaber dabei zu, wie er die mit Lachgas-Ballons aufgeputschte Crowd auf einen 90-minütigen Galopp in Höchstgeschwindigkeit schickt. Von Kraftwerk über Ghetto House bis Gabber lässt er nichts aus und findet schlussendlich in einem Trance-Mix von „The Final Countdown“ seinen krönenden Abschluss. Falls man sich jemals gefragt hat, wie die drohende Apokalypse der Welt klingen könnte: Dieses Set wäre definitiv eine Option.

Doris Woo aka DJ Bus Replacement Service

Ja, okay – natürlich war es nicht wirklich das nordkoreanische Staatsoberhaupt, das auf dem diesjährigen Dekmantel Selectors dieses absurde Spektakel lieferte. Entgegen dem Mechanismus, der vermutlich immer noch bei 99 Prozent der Menschen anspringt, wenn sie „Mensch steht hinter DJ-Pult“ hören, war der Kim-Jong-Un-Impersonator noch nicht mal ein Mann, sondern Doris Woo aka DJ Bus Replacement Service. Unter diesem Alias verschleiert die DJ ihre wahre Identität bei ihren Auftritten, indem sie konsequent eine Kim-Jong-Un-Maske aus Gummi trägt und damit ihren bizarren Sound-Mash-Up umso krasser konterkariert. In Interviews streitet sie eine politische Message oder Lesart hinter dieser provokanten Maskierung ab, vielmehr sehe sie sich in einer humoristischen Traditionslinie mit von ihr geschätzten Stand-Up-Comedians. Trotzdem drängt sich doch die Frage auf: Ist Gabber die angemessene musikalische Antwort auf den Ist-Zustand unserer Welt und vielleicht der 200 BPMschnelle Abgesang auf den utopischen Hedonismus, dem die Clubszene langsam auch genug gefrönt hat?

Denn, wenn wir mal ehrlich sind: Von der Utopie, als die Techno mal angetreten ist, ist in den letzten Jahren nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Kapitalistische Großkonzerne haben die prekären Verhältnisse innerhalb der Musikbranche für sich zu nutzen gelernt und die Veranstaltungsbranche quasi unter sich aufgeteilt. Einige DJs sind regelrechte Influencer_innen geworden, die ihren cool inszenierten Lifestyle klug zu monetarisieren wissen – dabei will man vom ökologischen Fußabdruck, den die global vernetzte Szene durch ebenjene Jetset-DJs und die zugehörigen Easyjet-Raver_innen hinterlässt, gar nicht erst anfangen. Auch wenn sich in Sachen Diversität auf Line-Ups langsam immerhin eine Art pflichtschuldiges Bewusstsein einstellt, bleiben die Big Player und Entscheider bislang weiß und männlich, und die Dancefloors gefüllt mit gut situierter Mittelklasse-Kids, die sich eben auch das AirBnb in Kroatien und den Sieben-Euro-Cremant an der dortigen Weinbar leisten können.

„Save The Planet – Kill Yourself“

Man könnten den apokalyptischen Vorzeichen unserer Zeit – drohender Klimakollaps, Verteilungskämpfe, mögliches Ende der Menschheit – so radikal begegnen wie die antihumanistische Aktivistin, DJ und Produzentin Chris Korda, die bereits 1992 die umstrittene antinatalistische „Church of Euthanasia“ gründete und ihr Anliegen mit dem 1993 erschienen „Save The Planet – Kill Yourself“ gut auf den Punkt gebracht hat. Statt mit gutem Beispiel voranzugehen, hat Corda aber dieses Jahr lieber selbst auch noch mal ein Album auf Perlon herausgebracht – man will ja schließlich wenigstens was hinterlassen, wenn man schon so selbstlos zum Wohle der Menschheit abtritt. Ein anderer Weg ist, der Absurdität der Welt mit der eigenen Absurdität zu begegnen. Dass daher in letzter Zeit wieder mit den bislang eher stiefmütterlich behandelten, gerne auch mal als „Heavy Metal der elektronischen Tanzmusik“ bezeichneten Outsider-Genres wie Hardcore und Gabber geliebäugelt wird, scheint konsequent: extreme Zeiten brauchen extreme Sounds.

Resident Advisor deutete das Hardcore-Comeback bereits 2017 an und lieferte 2018 eine ausgiebige historische Aufarbeitung von Thunderdome, der Mutter der Hardcore-Techno-Raves in den Niederlanden, der zum 25. Jubiläum 2017 nach fünfjähriger Pause erstmals wieder stattgefunden hatte. Das Berliner CTM Festival für experimentelle elektronische Musik widmete Gabber 2018 eine eigene Clubnacht im Berghain, die mit dem Festivalthema „Turmoil“ nicht besser hätte einhergehen können. Der Frankfurter Marc Acardipane, der dank seinem 1990 erschienen „We Have Arrived“ unter dem Alias Mescalinum United als Erfinder des Hardcore-Techno-Genres gilt, meldete sich gemäß der prophetischen Ankündigung auf seiner 1999 erschienen Compilation „See You In 2017“ tatsächlich 2017 als The Mover mit dem Comeback-Album „Undetected Act From The Gloom Chamber“ zurück. Seine Tracks wurden seitdem unter anderem von DJ-Größen wie Blawan, Helena Hauff, Veronica Vasicka und Ben Klock in ihren Sets gespielt.

Dass Pop natürlich immer als Recycling-Maschine von Genres vergangener Jahrzehnte fungiert, scheint erstmal nicht besonders. Aber Gabber und Hardcore? Dieser brachiale, fast schon cartoonhafte Sound, den kiefernde, kahlrasierte Holländer-Kids in Trainingsanzügen voll auf Pille am Rande eines Raves zu ihrem Lebensinhalt erklären oder einfach nur „Hakke!“ in die Kamera brüllen? Vom musikjournalistischen Diskurs geflissentlich missachtet, war Gabber bislang eher sowas wie der prollige, ungeliebte Cousin von Techno, der noch voll druff mit einem Thunderdome-Wizard-Tattoo auf der Heckscheibe seines VW-Golfs unregelmäßig zum Kaffeetrinken bei Omma vorbeischneit. Unter diesen Vorzeichen darf man also die historische Konnotation des Genres nicht außer Acht lassen, um zu verstehen, wie krass diese plötzliche diskursive Anerkennung und nachträgliche Wertschätzung eigentlich ist.

„Amsterdam waar lech dat dan?“

Der harte Sound – extreme Tempi von bis zu 190 BPM, verzerrte, ausklingende TR-909-Bassdrums, roughe Hoover-Synths, chaotisches Sampling – entstand Anfang der 1990er Jahre in der industriell geprägten niederländischen Hafenstadt Rotterdam. Ähnlich wie in Detroit ließ der Strukturwandel auch in Rotterdam traditionelle Arbeitsplätze in der Industrie verschwinden und mit ihnen die Zukunftsperspektiven der Jugendlichen vor Ort. Während sich House im nahegelegenen Amsterdam bereits großer Beliebtheit erfreute, suchten die Rotterdammer Kids nach einem härteren Sound, der zu ihrer harten Realität passte. Im gerade entstehenden Hardcore-Techno wurden sie fündig, schraubten die BPM-Zahl noch etwas nach oben und legten den Grundstein für Gabber. Maßgeblich wird in diesem Zusammenhang meist Paul Elstak aka DJ Paul mit seinem 1992 gegründeten Label Rotterdam Records und dessen erster Veröffentlichung „Amsterdam waar lech dat dan?“ (Amsterdam, wo liegt das denn?) genannt.

Gabber und Hardcore galten lange als Außenseiter-Genres, die hauptsächlich von ökonomisch prekär lebenden Menschen gefeiert wurden. Während viele andere elektronische Genres in den 90ern miteinander verschmolzen, blieben Gabber und die angrenzenden Spielarten eher eine parallele, eigenständige Entwicklungslinie. Speedcore, Terrorcore, Frenchcore und nicht zuletzt der kommerzielle Ausverkauf mit Happy Hardcore, der die Gabbers endgültig der Lächerlichkeit preisgab, waren nie „cool genug“ für die IDM-hörenden, diskursiven Bescheidwisserkreise. Dieses Image wurde durch die sensationalistische Medienberichterstattung noch befeuert, die die vorwiegend weißen, heterosexuellen Gabbers als pillenfressende Hooligans porträtierten und sie als „ungebildet, unartikuliert, gewalttätig, rassistisch, homophob und sexistisch“ stigmatisierten, wie der Musikkritiker Jules Marshall in seinem Text „Harder Than Hardcore“ im iD-Magazine 1993.

Zugegeben: Der futuristische, uniformartige Look aus Nike Air Max, Australian Jogginganzügen, Oakley Eye Jacket Sonnenbrillen und kahlrasierten Köpfen (sowohl bei Männern als auch Frauen) war hypermaskulin und gleichzeitig unisex und für Außenstehende schwer zu lesen – von dem verstörenden Tanzstil hakke ganz zu schweigen. All das spitzte sich Anfang der 2000er noch zu, als Shirts der durch Neonazis vereinnahmten Marke Londsdale in der Gabber-Szene vermehrt getragen und im Hooligan-Style mit Armyboots und hochgekrempelten Jeans kombiniert wurden. Auch wenn man natürlich nicht von der Hand weisen darf, dass die Rechte zu dieser Zeit in den Niederlanden einigen Aufwind erfuhr und davon sicherlich auch manche in der Hardcore-Szene unterwegs waren, folgte die Mehrheit der Gabbers dieser Ideologie nicht. Dem Image der Szene schadete es dennoch nachhaltig.

Auch in Deutschland zeichnete sich die Abspaltung der Gabber-Szene bereits früh ab, nach außen hin sichtbar vor allem maßgeblich durch die Gründung der Fuckparade als Gegenveranstaltung zur Loveparade. In der im April auf Electronic Beats veröffentlichten ausführlichen Oral History zur Fuckparade (ein weiteres Zeichen dafür, dass die Szene endlich auch im musikjournalistischen Kontext gewürdigt wird) berichten Fuckparade-Gründer Trauma XP und Mitorganisator Xol Dog 400, dass zu Beginn der Loveparade alle noch gemeinsam gefeiert hätten. Spätestens als aber das Thema Sponsoring und Kommerzialisierung ins Spiel kam, sei schnell klar geworden: Gabber lässt sich nicht vermarkten – keine Zigarettenmarke würde mit diesem Sound Werbung machen wollen. Die Wagen wurden immer teurer und die Hardcore-Szene quasi von der Loveparade und somit aus der Szene verdrängt.

Wege aus der Kommerzialisierung

In einer durchkommerzialisierten, von Energy-Drink-Giganten und Alkohol-Konzernen subventionierten Szene, die offenbar nicht mal davor zurückschreckt KFC-Maskottchen Colonel Sanders als Fake-EDM-DJ-Hologram auf eine Festivalbühne zu beamen, ist es vielleicht genau diese Qualität, die Gabber momentan wieder so attraktiv erscheinen lässt. Gabber ist nicht cool und eignet sich nicht als Hintergrundberieselung für instagramtaugliche Rooftop-Partys. Stattdessen lebt diese rohe Musik buchstäblich im Underground, in schwitzigen Kellerräumen mit einem rohem Sound, der einfach zu krass ist, als dass der*die oberflächliche Gelegenheitsraver*in damit musikalisch etwas anfangen könnte.

Ästhetisch können damit hingegen scheinbar viele etwas anfangen. Für Außenstehende lässt sich das vermeintliche Revival – Hardcore und Gabber hatten in den Niederlanden konstant eine feste Gefolgschaft, also ist dieser Begriff etwas irreführend – wohl am besten anhand der Modewelt beobachten. Raf Simons ließ sich zu einer Bomberjacke mit dem Rotterdam Terror Corp Logo inspirieren, Gosha Rubchinskiy und Christian Dior ließen Gabber während ihrer Shows laufen, Alyx Studios Designer Matthew Williams veröffentlichte ein Fanzine über die Gabber-Szene. In den Clubs sieht man wieder Shirts mit Tribalprints, funktionale Sportwear und Jogginghose sind ja sowieso seit Jahren zurück.

Musikalisch kann man international dank Künstler_innen aus dem Kollektiv Casual Gabberz in Frankreich, Drömfakulteten in Stockholm, der wiederkehrenden Gabber-Specials von Boiler Room und Gabber Eleganza, einem Kunstprojekt von DJ und Künstler Alberto Guerrini, durchaus von zeitgemäßen Interpretationen von Gabber sprechen. Entgegen ihrer Ursprünge als von hypermaskulinen, weißen, straighten Männern dominierte Szene, geben mittlerweile Künstler*innen wie die Hardcore-Producerin und Transfrau Ashe Kilbourne der Szene ein neues Gesicht.

Papacore und Trollkultur

Und dann wären da noch WIXAPOL, ein polnisches Kollektiv, das seit 2012 von Gabber inspirierte Parties veranstaltet und sie ins Internet-Zeitalter übersetzt. Mit einem grenzwertigen, von Chan Culture und Meme-Humor inspiriertem Ansatz, stellen sich die anonymen Organisator*innen DJ SPORTY SPICE, DJ TORRENTZ.EU und MIKOUAJ REJW gegen die elitäre Attitüde, mit der viele Technofans heute in Clubs wie das Berghain gehen und sich dabei so überlegen fühlen, als gingen sie in ein klassisches Konzert – obwohl sie eigentlich auch nur ketaschniefend auf der Toilette rumhängen, wie alle anderen.

WIXAPOL erobert sich das Unästhetische, vermeintlich Schlechte zurück, macht Witze über den Papst, die weit unter die Gürtellinie zielen (einfach mal „Papacore“ googlen) und übersetzen im Prinzip Trollkultur in den Partykontext. Modische Codes und Merchandise spielen dabei eine wichtige Rolle. Es gibt WIXAPOL T-Shirts, Ketten, Fußball-Schals und – wahrscheinlich in Anlehnung an die Thunderdome-Die-Hard-Fans – professionelle Tattoo-Stände auf ihren Partys, bei denen man sich das Logo des Kollektivs tätowieren lassen kann. Dass es WIXAPOL unter genrekonservativen Gabber-Puristen (ja, auch die soll es geben!) nicht gerade Fans einbringt, wenn sie knarzige YouTube-Rips mit „echtem“ Gabber kombinieren, ist WIXAPOL egal. Ihnen geht es darum, den Spaß zurück auf den Dancefloor zu bringen und sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen.

Womit wir wieder bei DJ Bus Replacement Service angekommen wären. Doris Woo würde diese These wohl definitiv unterschreiben. Auf die Frage, warum sie denn nun mit einer Maske von Kim Jong-Un auftrete, antwortete sie in einem Interview selbstironisch: „Damit ich nicht mit Peggy Gou verwechselt werde, so wie jede andere weibliche DJ mit asiatischen Wurzeln.“ Der Absurdität der Welt mit der eigenen Absurdität begegnen rettet den Planeten am Ende höchstwahrscheinlich auch nicht. Eine Rückbesinnung auf die Ursprünge elektronischer Tanzmusik – friedliche Vergemeinschaftung aller auf dem Dancefloor, egal welchen Background sind haben – von der sich viele schließlich mal als nicht weniger als eine gesellschaftliche Revolution versprochen hatten, kann in diesen Zeiten aber sicher nicht schaden.

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