Interview

Jens Friebe ist (zum Glück nicht) tot, lang lebe Friberty!

Jens Friebe vor der Kapute Szene, Köln (Photo: Thomas Venker)

Als Jens Friebe im Spätherbst 2022 sein Abschiedskonzert im Festsaal Kreuzberg spielte, gesellte sich zum allgemeinen Trauern und Bedauern das vage, aber nicht zu ignorierende Gefühl, dass der Musiker Friebe nicht komplett verschwinden würde. Dass irgendwann wieder etwas kommen könnte, nur Gestalt und Klang waren noch ungewiss. Und nun – nach der beinah verlässlichen Friebe’schen Vierjahrespause zwischen seinen Alben – erscheint „FRIBERTY I“: Nicht mehr Jens Friebe wie wir ihn kannten, und doch unverkennbar Friebe. Modifiziert, gestrafft, befreit – als „minimalistischen Pomp“ beschreibt das Presseinfo die Metamorphose zu Friberty.

Die neuen Songs sind allesamt auf Englisch getextet, das Instrumentarium provokant reduziert auf Synthesizer und Drumcomputer. Wobei am Album, das in André Abshagens Studio entstand und Ende Oktober bei Staatsakt erscheint, eine ganze Reihe Freund*innen beteiligt ist: Kiki Bohemia, Pola Lia Schulten, MALONDA, Andi Hudl, und nicht zuletzt Chris Imler, der mit einem denkwürdigen Flöteneinsatz im Stück „Real Time“ zu hören ist.

Christina Mohr sprach für Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop mit Jens Friebe über Friberty.

 

Jens, zu acht der zwölf Songs gibt es Videos von Juno Meinecke – wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Jens Friebe: Wir kennen uns schon ziemlich lange, bestimmt über zehn Jahre. Juno hat auch das Video zu „Wir sind schön“ vom letzten Friebe-Album gemacht. Für die neuen Songs wollte ich auf keinen Fall Videos bei Tageslicht drehen, da zur Musik für mich nur eine schummrige, artifizielle Atmosphäre passte. Andi Hudl (von Cremant Dingdong), kam auf die Idee, Filmszenen auf mich drauf zu projizieren. Das haben Juno und ich aufgegriffen, allerdings haben wir dann größtenteils von hinten projiziert, nur bei einem ganzen Video und einzelnen kleinen Szenen von vorne. Ich hatte schon länger die Idee, mal in einem Setting mehrere Videos zu drehen, weil der größte Aufwand ja immer der Grundaufbau ist. Bis jetzt hatte ich das nie umsetzen können, Juno war aber ganz begeistert von der Idee. Dass wir in zwei Tagen acht Videos schaffen, hätte ich allerdings nie gedacht.

Wie bist du mit der Resonanz auf Friberty bis jetzt zufrieden?

Jens Friebe: Es ist schon noch Luft nach oben, ich kann es aber auch schlecht vergleichen. Ich hab früher kaum was gemacht auf social media, weil ich es hasse, mich dauernd zu filmen, wie ich irgendwo rumhampel. Jetzt, wo ich mit den Videos tolles Material zum Posten habe, bin ich für meine Verhältnisse extrem aktiv. Das ist einerseits gut, weil man das Gefühl von Selbstwirksamkeit hat. Andererseits holt man sich dann natürlich permanent die Mikrofrustrationen rein, weil die Leute nicht genug liken oder die Videos anklicken.

Jens Friebe in Köln, Kapute Szene (Photo: Christina Mohr)

Die Songs stecken voller Verweise, wie auch schon bei Jens Friebe schon: Freust du dich, wenn Leute ein Zitat erkennen?

Jens Friebe: Ja, irgendwie schon. Aber es muss auch nicht sein. Es ist für mich wichtiger, dass der Song auch funktioniert, wenn man nichts erkennt. Insofern klaue ich eher, als dass ich verweise. Das ist auf Englisch etwas dankbarer: Von Walter Benjamin habe ich diese ganze Passage vom Engel der Geschichte einfach reinkopiert. Auf Deutsch würde das prätentiös klingen, auf Englisch funktioniert das problemlos als kitschiger Poptext.

Jens Friebe vor der Kapute Szene, Köln (Photo: Thomas Venker)

Mir gefällt deine Bearbeitung des Puhdys-Songs „Geh zu ihr“: Der Drachen, der in dem „Paul und Paula“-Hit“ steigen soll, wird bei dir zur Dragon Fly – das finde ich schön, nicht so derb.

Jens Friebe: Das Derbe im Original war ja wahrscheinlich auch ein bisschen Rebellion gegen die etws lustfeindliche Überregulierung in der DDR. Wilm (Betreiber der Kneipe ERNST) hatte die Idee, das bewusst falsch zu übersetzen, wodurch es so eine Fantasy-Welt aufmacht. Die sexuelle Energie wollten wir behalten, aber in so eine, sagen wir mal modernere Atmosphäre verschieben. Wir hatten viel „The Age of Pleasure“ von Janelle Monáe gehört, sowas schwebte uns vor. Es gab eine Version, wo ich „go to them“ statt „go to her“ gesungen hab. Aber das war phonetisch leider echt nicht schön.

Du bearbeitest beziehungsweise coverst gleich zwei Songs von DDR-Bands, den Puhdys und AG. Geige – wie kam es dazu?

Jens Friebe: Das ist Zufall – AG. Geige sind definitv die naheliegendere Band für mich, zu ihnen habe ich ein intimeres Verhältnis als zu den viel bekannteren Puhdys. AG. Geige habe ich früher schon gehört, die fügten sich nahtlos in die Ästhetik anderer Bands von denen ich Fan war, wie Foyer Des Arts oder They Might Be Giants. Bisschen schade, dass bei der Übersetzung von „Ich bin Ihr Boy“ zu „I am your Boy“ die schöne Höflichkeitsform verloren geht.

Warum hast du dich komplett für englische Texte entschieden?

Jens Friebe: Wenn ich darüber nachdenke, warum ich mich für englische Texte und für ein neues Projekt mit eigenem Namen entschieden habe, verschwimmt meine Erinnerung ein bisschen und ich komme in so eine Chicken-Egg-Problematik. Ich weiß wirklich nicht mehr genau, ob ich mit der durchgehend englischen Sprache das neue Projekt markieren und von Jens Friebe abgrenzen wollte, oder ob ich das Gefühl hatte, dass die englischen Texte eine neue Verpackung brauchen. Wahrscheinlich irgendwie beides.

Beschreibe den Schritt von Jens Friebe zu Friberty:

Jens Friebe: Das ist ein großer Unterschied vor allem in der Umsetzung: Es gibt ein strenges Setting, nur zwei Synthesizer und ein Drumcomputer, ich kann alles allein aufführen ohne Band. Wenn ich als Jens Friebe mit einem neuen Album auf Tour gegangen bin, musste ich eine Band casten, einen Bus mieten undsoweiter. Und bei einzelnen Nachfolgeanfragen nach einer Tour bin ich entweder allein, quasi als Solo-Singer-/Songwriter aufgetreten oder es ging alles von vorne los, nochmal proben, Band zusammenstellen… Alleine bin ich relativ mobil und kann auch ungewöhnlichere Konzertorte bespielen wie letztens die Galerie in Köln (16.10.2026, Kapute Szene), kann aber für Zugaben nicht den ganzen Friebe-Katalog spielen. Also „First We Take Manhattan“ und „Worthless“ ja, aber nicht zum Beispiel„Lawinenhund“ oder „Frau Baron“.

Friberty kann eher Guerilla-mäßig agieren. Ich muss nicht wie früher eine „normale“ Tour durchbuchen mit Städten, von denen ich vorher schon wusste, dass es nicht funktionieren wird. Friberty bietet mehr Freiheit, ja.
Ich würde gerne öfter Vorband/-act sein, wie z.B. im März im Westwerk Hamburg, da habe ich vor Jimi Tenor gespielt und es hat sehr gut funktioniert.

Für wen wärst du gern Support?

Jens Friebe: Hmmm… es sollte etwas Experimentell-Poppiges sein.

Fällt dir der Schritt vom Hauptact zum Support schwer?

Jens Friebe: Mit Friberty wird das nicht anders möglich sein, schätze ich. Es ist auch sehr entlastend: Wenn es nicht voll wird, ist es nicht meine Schuld.

 

„FRIBERTY I“ erscheint am 30.10.2026 bei Staatsakt
30.10.26 „FRIBERTY I“ Release Party, Bar Ernst, Berlin
8 Videos von Juno Meinecke werden gezeigt Kein Konzert!

13.11.26 Urban Spree, Berlin mit Verbrennung 3. Grades
18.11.26 Nachtasyl Hamburg
13.2.27. Aegis Café Ulm

Jens Friebe möchte die Gelegenheit nutzen, sich bei allen Mittätigen (Platte, Videos, Shows) zu bedanken: Andre Abshagen, Chris Imler, Berend Intelmann, Norman Nitzsche, Kiki Bohemia, Pola Lia Schulten, MALONDA, Salome Käsemodel, Fion Mutert, Monika Martin, Andi Hudl, Statsakt
Das Cover Artworks des Albums stammt von Wurstvogel Werkstätte.

 

 

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