Loretta Fahrenholz – Interview zu ihrer Videoclipserie für Kim Gordon

Loretta Fahrenholz: „Ich mag Filme, die Schwindel hervorrufen“

Loretta, ich habe den Clip zu „Sketch Artist“ erst nach denen zu „Paprika Pony“ und „Don’t Play It Back“ gesehen, das vielleicht erst mal vor ab, da es natürlich Einfluss auf meinen Blick auf alle Arbeiten hat. Dir gelingt es mit dem Clip zu „Sketch Artist“ extrem gut, dieses taumelnde Gefühl einzufangen, dass Kim Gordon in dem Song und auf dem ganzen Album transportiert. Wie heißt es darin doch so poetisch formuliert:
„Sketch your heart and stop /Sketch your heart and stop / And the wind chimes strike / Your dead stare strikes“.
Los Angeles strahlt in deinen Bildern, die Charaktere glänzen extravagant und scheinen so voller Leben, doch natürlich bricht alles doppelt und dreifach, real durch die Zeltstädte in Downtown, konstruiert durch die Hipster, die am laufenden Bande umfallen, getroffen von den Blicken der „Unter“-Fahrerin Kim Gordon oder die in Felliniesker Übersexualitiserung quasi erstarren.
Die Scheinsozialität dieser neuen Welt sticht aus jeder Einstellung hervor – gleich zu Beginn eingetunt mit der „Water? Charger? Music?“-Frage der „Unter“-Fahrerin an ihre Fahrgäste. Mehr Scheinkümmern geht nicht. Und dann im Gegenschnitt plötzlich die Fahrerin allein im Auto, eine Einstellung von brutaler Direktheit: einsam unter Menschen.
Meine Frage: Wie schwer ist es dir gefallen, all diese Tristesse, die hier abgehandelt wird, so ästhetisch zu inszenieren?
Ich würde sagen, die realen Zustände sind sehr viel schwerwiegender und härter denn jede Art der Darstellung. In Filmen über LA wird ja oft so einiges rausretouchiert, der soziale und auch technologische Clash ist aber sehr präsent in der Stadt. Auch die Frage, wer dominiert wen. Wie sieht es aus, wenn die Rolle von Player/Protagonist/Konsument und Produkt implodiert? In „No Home Record“ läuft diese emotional-sozial-digitale Desorientierung wie ein roter Faden durch die Songs.

Würdest du sagen, dass das Bild von Los Angeles in dem Clip, aber auch in den nun folgenden weiter dem Bild der Stadt entspricht, das Kim Gordon auf „No Home Record“ zeichnet?
Das war gar nicht mein Anspruch. Ich arbeite lieber non-intentional, mehr aus dem Moment raus. Ich denke auch an Andrei Tarkowski, der sich für eine Lücke zwischen Ton und Bild aussprach. Beides hat Präsenz ohne sich zu illustrieren. Wenn man sich Kino und Fernsehen ansieht, ist das tatsächlich nur noch sehr selten der Fall.

In der Vergangenheit hast du dich immer mal wieder in deinen Arbeiten auf Künstler_innen wie die New Yorker Schrifstellerin Kathy Acker, den französischen Ethnologen und Filmemacher Jean Rouchs oder auch den Autorenfilmer Robert Altman bezogen. Würdest du sagen, dass es in der Art, wie du deren Material wahrnimmst und in deine eigenen Arbeiten einbringst Ähnlichkeiten gibt zu einem direkteren Austauschprozess wie jetzt mit Kim Gordon?
Es ist natürlich enorm von Vorteil, wenn man direkt miteinander sprechen kann. Aber ich mag es auch, wenn man Dinge missversteht. Ich glaube nicht, dass man etwas verstehen muss, um darauf reagieren zu können.

„Paprika Pony“ (Still by Loretta Fahrenholz)

Bis dato fertig sind neben dem Clip zu „Sketch Artist“ noch die Clips zu „Paprika Pony“ und Don’t Play It Back“.
An „Paprika Pony“ gefällt mir sehr gut diese eigenwillige Mischung „bewegter Bilder“, mal ist der Wind natürlich, mal ist er künstlich, mal lässt der Mensch die Welt rotieren, dann wieder die Technik den Menschen, und natürlich bewegt sich auch die Kamera immer mal wieder. Und am Ende weiß man gar nicht mehr so genau, wo oben und unten ist, beziehungsweise, was wahr ist und was nicht. Ist diese Verwirrung intendiert und erwünscht?
Ja. Ich mag Filme, die Schwindel hervorrufen. Aber das ist auch eine Entscheidung für Postcinema.

„Dont Play It“ hingegen ist visuell viel direkter in seiner Anlage. Da wird „give me all you have“ mit Wasserfontänen und empfangenen Händen bebildert und Pipi-Aufforderungen mit dem Eiffelturm und gekippten Bildern flankiert – und plötzlich sitzt da Kim Gordon vor uns, so lebendig wie eine Gestalt aus Luchino Viscontis „Tod in Venedig“, der nicht mal die US-Flagge noch eine Reaktion abringen kann. Was eine lustige Brechung ist, da Kim Gordon auf dem Album ja einen sehr ethnologischen Blick auf ihre alte/neue Heimat Los Angeles kultiviert, wie man im Kontrast im Clip zu „Sketch Artist“ sehr deutlich gezeigt bekommt. Ist die Brechung in diesem Clip auch eine Reaktion auf den anderen Clip? Oder empfindest du ihn vielleicht gar nicht so?
Mir kommt es gar nicht so vor. Wir sind ja immer noch im öffentlichen Raum, die Gesten sind sehr flüchtig, das Erstarren nur für einen Moment.

„Dont Play It“ (Still by Loretta Fahrenholz)

„Paprika Pony“ und „Dont Play It“ eint, dass Sie ihr Narrativ aus der Gesamtheit der Bilder entwickeln. Was erstmal vielleicht wie eine Nullaussage klingt. Ich meine damit, dass es nicht ein klassiches Leitmotiv gibt wie bei „Sketch Artist“, sondern die Geschichte, die transportiert wird, sich aus dem von dir konstruierten vom Rezipienten aber vielleicht ganz anders wahrgenommen Ryhtmus der Einzelmotive ergibt. In „Paprika Pony“ in Extremform, aber trotz der Präsenz von Kim Gordon im Clip zu „Don´t Play It Back“ auch in diesem irgendwie, der Clip als Arbeit ist in dem Sinne größer als die Protagonistin.
Da bis jetzt die Frage fehlt: Würdest du mir zustimmen? 🙂
„No Home Record“ ist ja ein musikalisches Bild von LA als Stadt, da machte es Sinn, LA auch als Character-Raum in den Videos zu zeigen.

Vielleicht kannst du noch kurz zur unterschiedlichen Arbeitsweise etwas sagen: für „Sketch Artist“ konntest du mit Etat arbeiten und extra dafür drehen, die anderen Arbeiten sind alle quasi Outtakes oder sonstige Takes?
Ja, die habe ich nebenbei während der Produktion von „Sketch Artist“ gedreht. Dieser Aufmerksamkeitsmangel kann manchmal sehr hilfreich sein, man arbeitet viel direkter mit der eigenen Wahrnehmung.
Die letzen Jahre habe ich an einem Langspielfilm gearbeitet, in dem es um Überwachung geht, währenddessen habe ich mir glaube ich unbewusst den Blick einer Überwachungskamera, die Bewegung und Handlungen im öffentlichen Raum verfolgt, angewöhnt.

„Sketch Artist“ (Still by Loretta Fahrenholz)

Loretta, zu welchen Songs kommen denn noch Videoclips, wenn ich fragen darf?
„Earthquake“, „Murdered Out“ und „Hungry Baby“.

Letzte Frage: Was hast du zuletzt gelöscht? Ich frage das natürlich in Anspielung auf dein 2017 in Kollaboration mit Bill Hayden veröffentlichtes Buch mit dem tollen Titel „Recently Deleted“.
Ein Stilleben. Verwischte Karotten auf rotem Tisch.

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