Hendrik Otremba im Interview – „No Future Days“ von Messer

Messer: Musik wie eine Tapetentür, die man nicht mit Schlüsseln öffnen kann.

Messer im Studio

Bisher gibt es noch keinen Lektüreschlüssel für das Ouevre der Band Messer. Was das auch für ein ambitioniertes Projekt wäre, biedert sich die Gruppe aus Münster doch mit ihren kryptischen Texten nicht nur nicht an, nein sie nutzt im Gegenteil geradezu unsingbare Wörter für ihre Songs; passenderweise interpretierten Messer live auch schon Mal Werke des Literaten und Jazzmusikers Boris Vian. Und dann wäre da noch das Treiben von Sänger Hendrik Otremba, der zuletzt die Retrospektiven-Box zum Lebenswerk von CAN-Mitgründer Holger Czukay kuratierte und seinen zweiten Roman „Kachelbads Erbe“ veröffentlichte, in dem sich Menschen einfrieren lassen.

Aktuell feiern Messer zehnjähriges Bandjubiläum und veröffentlichen ihr viertes, bis dato persönlichstes Album „No Future Days“. Im ersten Interview zum neuen Album spricht Otremba über intime Fragebögen, die nie versiegende Inspirationsquelle Czukay und die Ästhetik von Tapetentüren.

Um Missverständnisse von vornherein auszuschließen: Messer ist nicht die Band von Hendrik Otremba. „Das ist unsere Band. Das sind Milek, Pogo, Philipp und ich. Das ist ganz wichtig, es ginge auch gar nicht anders. Die Platte erzählt das sehr deutlich“, betont Otremba. „Ich finde, sie hat auch ganz viel mit unserer Freundschaft zu tun“.

Ein gutes Beispiel dafür ist gleich der Opener „Das verrückte Haus“, dessen Text hat Otremba gemeinsam mit Bassist Pogo geschrieben, der hier einen familiären Verlust verarbeitet. Für den Song gab es „fast so etwas wie einen Auftrag“: Die zwei führten Gespräche anhand eines Fragebogens. Das Format ist vor allem durch Max Frisch bekannt, für Otremba wurden aber vor allem die Fragebögen der Tänzerin und Tanzpädagogin Pina Bausch wichtig” – „bevor sie ihre Stücke konzipiert und produziert hat, hat sie immer schon mit einem thematischen Blickwinkel auf das, was sie erarbeiten wollte, mit ihren Ensembles gesprochen“, erklärt Otremba. Er hatte schon länger die Idee, ein Album zu kreieren, bei dem es auch um das Leben der Bandmitglieder geht. „Jetzt passierte das eben mit Pogos Familie. Ich dachte: Wir reden eh darüber und ich weiß, wie heilsam das ist, sich auf so einer Ebene mit Dingen auseinanderzusetzen“, erinnert sich Otremba, der selbst Halbwaise ist. Pogo ließ sich darauf ein: „Dann waren wir beide etwas aufgeregt. Wir haben uns zum Essen getroffen, was wir eh immer machen, wenn wir uns treffen, und haben stundenlang geredet.“ Otrembas Notizzettel reichten für die Mitschriften nicht aus, am Ende mussten sogar Servietten herhalten. „Ich fand das sehr schön, weil ich auch gemerkt habe, dass er mir vertraut. Das ist deshalb für mich nicht nur ein Stück über Pogos Geschichte, sondern auch ein Stück über unsere Freundschaft, die sich da irgendwie mit eingeschrieben hat.“ Der Text habe sich wie von selbst geschrieben, führt er aus, nur das fiktive Element eines Tauchers wurde seitens Otremba hinzugefügt.

Messer im Studio

Er habe Pogo darum gebeten, hypnotisch zu den Orten zurückzugehen, die in ihm nachhallen, berichtet Otremba. Nicht nur deshalb ist „No Future Days“ auch ein bildreiches Album über Räume und Erinnerung geworden. Der Weg durch das verrückte Haus führt zu einem Kellerloch, einem Bienennest und vorbei an einem rostigen Zaun, hinter dem „drei riesige Bäume im tiefen Garten“ liegen.
In „Tiefenrausch II“ führt uns Otremba in eine „Wohnung ohne Fenster“, eine „Küche unter Strom“ und einen „Keller ohne Licht“. Kein Raum ohne Erinnerung, keine Erinnerung ohne Raum.

Sind Messer so etwas wie ein Soundtrack für gedächtnistheoretische Ansätze? Man könnte an Walter Benjamins „Berliner Kindheit“ denken, der Literaturwissenschafler Uwe Schütte assoziiert im Album-Text von „No Future Days“ hingegen den Schriftsteller Sebald. Für Otremba selbst ist “das Schreiben von Texten immer der Versuch und die Möglichkeit, daran zu arbeiten, dass Dinge nicht verschwinden.“ Spürbar wird das auch im einsamen Monolog von „Tiefenrausch II“, eine Fortsetzung des 2013 veröffentlichten Stücks „Tiefenrausch“: “Ein Foto öffnet mir die Tür, es bittet mich herein. Du sitzt auf deinem Fahrrad, du sitzt dort ganz allein.” Das Stück kreist um Erinnerungen an Otrembas verstorbenen Vater und dokumentiert, wie sich eine textlich fixierte Erinnerung, aber mit ihr auch die erinnernde Person verändern kann. Otremba erzählt von einem wiederkehrenden Traum, der sich über die Jahre verändert hat. „Ich habe gemerkt, dass durch ein Arbeiten mit Erinnerung man nicht nur die Erinnerung konkret beeinflusst, sondern auch die Wege, wie sie zu einem kommt. Ich träume den Traum jetzt anders. Der ist konkreter geworden, er hat sogar ein bisschen zu Klang gefunden.“

Die Reflexion von Zeit ist also eines der Kernthemen auf „No Future Days“. Trotzdem handelt es sich um kein stringentes Konzeptalbum. Oft genügt Otremba allein der Sound eines Wortes als Inspiration. Die „Tapetentür“ könnte daher exemplarisch für das Anliegen von Messer stehen, mit nicht abgenutzter und nicht besetzter Sprache zu arbeiten. Otremba wollte sogar einen Roman so betiteln und phantasiert die Tapetentür als ein Portal: „Wo sind die überall, wo kommt man dadurch hin? Was für einen Sinn haben die? Sollen die etwas, was man eigentlich überschreiten sollte, kaschieren? Sind es vielleicht geheime Exit-Möglichkeiten?“
Wenn man die „Tapetentür“ von Messer durchschreitet, ist der Ausgang jedenfalls erst einmal ungewiß. Diverse Passagen lassen sich beispielsweise als Kommentar zur Klimakrise lesen: „Bis zum Hals sehen wir im Wasser, auch wenn es nicht geregnet hat“. Ein Widerspruch, der zur Reflexion nötigt. „Natürlich gehen da Dinge durch mich durch, die ich in den Nachrichten lese oder einfach körperlich empfinde, wenn ich merke: Es ist ganz schön warm für die Jahreszeit.“

Messer im Studio

Erzwingen lasse sich so eine Thematik aber nicht. Otremba versucht sich weiterhin an einem Schreiben, das kein Motiv verfolgt. Das macht die Sache ambivalenter und vor allem spannender:
Kommunizieren die Stücke miteinander?
Welche Beziehung hat „Der Mieter“ zum verrückten Haus und der Tapetentür?
Ist die Tracklist ein Grundriss des verrückten Hauses?
„Das ist mein Anspruch an Messer, seitdem es die Band gibt: Dass etwas erschaffen wird, das Angebote schafft, die nicht entschlüsselt werden müssen.“ Jede Deutung kann am Ende mehr über die rezipierende Person selbst verraten als über das Stück. Deshalb bitte, bitte kein Lektüreschlüssel! „Ich finde, es gibt nichts Langweiligeres, als dass sich jemand etwas ausgedacht hat und jemand hat es geschafft, das zu entschlüsseln.“
Wie sollte das auch gehen? Otremba ist kein Verfechter von Planskizzen. Vor kurzem wurde er nach Birmingham eingeladen, um an der Aston University über seine Poetik zu sprechen. Die Bezüge seiner Arbeit musste er aber erst einmal selber suchen. „Das ist keine Koketterie.“ Eine Wand mit Zetteln und Verbindungslinien? „Daran glaube ich nicht. Das ist Buchhalterkunst. Ich mag Sachen, die sich ergeben.“ Stichwort Kunstvertrauen: „Es gibt Dinge, die man nicht planen kann“. So hat Holger Czukay es in seinem letzten Interview formuliert, das Otremba geführt hat.

Messer im Studio

Sein Verständnis von Kunstvertrauen schließt Referenzen aber nicht aus. Davon gibt es auf „No Future Days“ mehr als genug. „Tod in Mexiko“ verweist etwa auf ein Kapitel aus Otrembas letzten Roman. Der Text sei schon während der Arbeit am Buch entstanden und versucht die Stimmung während des Schreibprozesses in greifbare Form zu bringen: “Wenn die Zeit die Wunde ist, wie soll ich dann Heilung finden?”
Gleichzeitig arbeitet sich Otremba hier subtil an dem österreichisch-jüdischen Surrealisten Wolfgang Paalen ab, dessen tragische und inspirierende Biographie im mexikanischen Exil 1959 endete. Dann wäre da beispielsweise noch das letzte Albumstück „Versiegelte Zeit“, eine fast siebenminütige und krautrockhafte Odyssee mitsamt kurzer Stimmübung im Intro. Für Otremba ist das Stück eine „große Hommage an den Filmemacher Andrey Tarkowski“ und dessen gleichnamiges Buch. „Die versiegelte Zeit ist sozusagen seine Poetik, was er geschrieben hatte, als er nicht die Möglichkeit hatte, zu arbeiten, weil er mit Repression zu kämpfen hatte.“ Bereits in der Einleitung des Buches scherzt Tarkowski übrigens leicht über die „kinematographischen Leistungskader“ der UdSSR. Mehr Hilfe und Inspiration bedeutete für ihn interessierte Zuschauerpost, selbst wenn diese ein Unverständnis artikulierte. Am Ende der einführenden Worte dann folgender Satz: „schöpferisches Tun unterliegt keinen absoluten Normen.“ Man ahnt, weshalb Otremba diesen Künstler verehrt.

Messer (Photo: Moritz Hagedorn)

Bei soviel Referentialität: Ist künstlerische Tätigkeit da mehr Verstand als Bauchgefühl? Was dominiert bei Otremba? „Da bin ich bei Holger Czukay, weil das ist keine Entweder-oder-Frage. Sondern das ist ein Beides-zulassen-und-miteinander in Dialog bringen. Das ist manchmal ein Spannungsverhältnis, manchmal ein harmonisches Verhältnis. Und manchmal kämpfen solche Ebenen zueinander, manchmal kann man sie nicht mehr voneinander unterscheiden. Das ist das Reizvolle. Wenn das miteinander spielt, weiß man auch, warum man das alles tut. Es ist einfach ein wunderschönes Gefühl zu merken: Da passiert etwas, was mich ein Stück weit übersteigt.“

Noch einmal Czukay. Noch einmal CAN. Noch einmal ein Widerspruch: Der Albumtitel verbindet „No Future“, den Slogan der britischen Punk-Bewegung, mit dem Titel des 1973 veröffentlichten CAN-Albums „Future Days“. Auch das hat Hommage-Charakter. „Wir haben das gar nicht so klar besprochen, der Titel „No Future Days“ war für uns immer ein witziger Arbeitstitel.“ CAN ist eine Gruppe, die alle Mitglieder von Messer sehr schätzen. Musikalisch hat sich Otremba jedoch kaum eingemischt. Dafür genoß er dieses Mal besonders viel Freiraum bei der Textarbeit. Die Musik entstand vor den Lyrics, die man akustisch nicht in jedem Song gleich gut versteht. Dieses Zurücknehmen der Stimme im Lautstärkeverhältnis war aber kein Zufall. Es geht um eine Symbiose der Bandmitglieder, die sich im Sound bemerkbar macht: Messer wollen keine „geile Rockband“ darstellen, bei welcher ein Sänger im Vordergrund agiert.
Überhaupt der nun leichtere und ja, sogar groovige Sound, der sich zwischen den Drums von Philipp Wulf viel Luft verschafft. Ganz unverkennbar gibt es eine Dub-Affinität in dieser Band, die nun aber ohne Manuel Chittka auskommen muss. Messer sind nur noch zu viert; Chittka spielte zuletzt Drums bei Jungstötter und sonst vor allem bei der Band Love-Songs, die “sehr improvisatorisch arbeitet”. Auf einer gemeinsamen Tour von Love-Songs und Messer hat Otremba früher einen Text auf der Bühne rezitiert, aus dem in der neuen Besetzung die „Versiegelte Zeit“ wurde. Otremba schwärmt von seinen drei Kollegen. Milek sei ein maßgeblicher Songwriter und Bassist Pogo McCartney hat sich während der Produktion im eigenen Studio sogar Pogo Moroder genannt. Tatsächlich sind jetzt auch Synthesizer und Pogos Vocoder-Stimme zu hören, ebenso britisch geprägte Gitarrenkosmen und krautige Strecken. Man spürt sogar einen Hauch von Reggae und Ska. „Und wenn das Groove hat? Ist doch super!“ Punkt. „No Future Days“ hat neun eigenwillige, dabei seltsam authentische Songs. Musik wie eine Tapetentür, die man nicht mit Schlüsseln öffnen kann.

 

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