Interview mit Philipp Maiburg – Exzerpt aus dem Buch „Oberbilk. Hinterm Bahnhof“ von Alexandra Wehrmann und Markus Luigs.

Philipp Maiburg: „Dass ich da den ganzen Irrsinn ausleben durfte, die ganzen Flausen in meinem Kopf wahr werden lassen konnte, das war schon toll“

Philipp Maiburg in Düsseldorf Oberbilk (Photo: Markus Luigs)

Das „postPOST – Grand Central“ war das größte Zwischennutzungsprojekt, das es in Düsseldorf je gab. Anderthalb Jahre lang fanden im ehemaligen Postverteilzentrum an der Kölner Straße Konzerte, Partys, Ausstellungen und vieles mehr statt.
Philipp Maiburg, den Kaput-Leser:innen als treibende Kraft hinter Combination Records, Open Source Festival und Carhartt WIP  bekannt, hat das inhaltliche Konzept für die Zwischennutzung mit entwickelt.

Alexandra Wehrmann sprach mit Philipp Maiburg für das Buchprojekt „Oberbilk. Hinterm Bahnhof“.

Herr Maiburg, Sie haben von November 2016 bis Mai 2018 das ehemalige Deutsche Post- beziehungsweise DHL-Gelände zwischen Kölner, Erkrather und Moskauer Straße als Zwischennutzer bespielt. Wie kam es dazu?

Ausgangspunkt der Zwischennutzung war die Tatsache, dass dem Entwickler, der das Gelände von der Deutschen Post AG gekauft hatte, noch nicht alle Genehmigungen vorlagen, um mit dem Abriss der Gebäude zu beginnen. So entstand die Idee einer Zwischennutzung. Die Catella Project Management GmbH ist dann auf einen Freund von mir zugekommen, Dirk Schmaler, auch bekannt als DJ Eiger Nordwand. Der wiederum hat mich gefragt, ob wir das zusammen machen. Das Gelände, um das es ging, hatte ich grob vor Augen, aber die genauen Gegebenheiten kannte ich nicht. Dirk und ich sind noch am gleichen Tag zu Catella gefahren, um mit ihnen zu sprechen. Großartig vorbereiten konnten wir uns nicht, geschweige denn ein Konzept machen – es musste alles sehr schnell gehen. In dem Gespräch ging es in erster Linie darum, was wir uns auf dem Gelände vorstellen könnten.

Und was konnten Sie sich vorstellen?

Wir haben damals schon an Ateliers gedacht und natürlich an Flächen für Veranstaltungen. Ich glaube, wir konnten bei dem Termin vermitteln, dass wir in der Stadt einigermaßen vernetzt sind. So haben wir das Vertrauen des Investors gewinnen können.

Das Gespräch fand im Spätsommer 2016 statt. Die eigentliche Ortsbesichtigung kam erst danach.

Ja, das war tatsächlich so. Vor Ort haben wir schon konkreter überlegt, welche Teile des Gebäudekomplexes sich wofür eignen. Bei dem Termin kristallisierte sich heraus, dass wir aus dem langen Gebäuderiegel, in dem früher die Büros untergebracht waren, Atelierräume machen würden, auch weil man den Bereich von den restlichen Räumlichkeiten sehr gut trennen konnte. Darüber hinaus war schnell klar, dass wir die Club-Halle für kleinere Veranstaltungen nutzen würden und die ehemalige Versandhalle mit ihren rund 5.500 Quadratmetern sich gut für große Aufbauten eignen würde, aber auch für Flohmärkte oder Messen. Ich hatte großen Respekt vor der Aufgabe. Das Gelände verfügt ja insgesamt über eine Fläche von 39.000 Quadratmetern. Deshalb war mir klar, dass Dirk und ich das nicht alleine stemmen könnten. Deshalb habe ich die Produktionsagentur ZackBumm GmbH dazu geholt. Zusammen haben wir es geschafft, obwohl der Zeitraum sehr kurz war. Ursprünglich sollten wir das Gelände ja lediglich ein halbes Jahr zur Verfügung haben. Das ist immer das Problem bei Zwischennutzungen: Lohnt es sich, für einen derart kurzen Zeitraum so viel Energie in ein Projekt zu stecken, dessen Kosten kaum kalkulierbar sind, ebenso wie die Einnahmen. Das ist eine Rechnung mit sehr vielen Unbekannten. Die einzige Bekannte ist oft, wann man aus den Räumen wieder raus muss.

Gab es vorab einen Erfahrungsaustausch mit Zwischennutzern aus anderen Städten?

Das hätte durchaus Sinn gemacht, aber für einen intensiven Austausch zu dem Thema fehlte uns damals schlichtweg die Zeit. Der Vorlauf war ja super kurz. Es musste sofort losgehen.

Düsseldorf Oberbilk (Photo: Markus Luigs)


Welches Interesse hat ein Entwickler eigentlich daran, dass so ein Gelände nicht leer steht?

Der Entwickler freut sich natürlich über die Öffentlichkeitsarbeit, zumindest solange er dabei positiv dasteht, als Möglichmacher. Darauf haben wir auch geachtet. Wir wollten nicht, dass der Eindruck entsteht, dass Catella hier irgendwas zerstört oder verhindert. Wir wollten konstruktiv mit dem Entwickler zusammenarbeiten, um für den Zeitraum, der zur Debatte stand, das Bestmögliche rauszuholen. Es war eine Situation, von der jeder der Beteiligten etwas hatte: Wir als Veranstalter, weil wir günstig an Räume zu kamen und dort experimentieren konnten. Und Catella, weil sie als Möglichmacher dastanden. Den Entwickler automatisch als Bad Guy zu sehen, damit tue ich mich grundsätzlich etwas schwer. Meines Erachtens ist es Aufgabe der Stadt, dem Entwickler bestimmte Auflagen zu diktieren im Hinblick auf geförderten Wohnraum oder ein integriertes Kulturangebot. Damit er eben nicht mit dem Gelände machen kann, was er will.

Das Konzept vom postPOST sah eine Dreiteilung vor. Wie wurden die unterschiedlichen Räume genutzt?

Die ehemalige Versandhalle wurde für große kommerzielle Veranstaltungen genutzt. Um die Vermarktung haben sich die Kollegen von ZackBumm gekümmert, die mit Events dieser Größenordnung viel Erfahrung haben. Die Agentur hat sich auch um sämtliche Genehmigungen gekümmert, die man für so ein Projekt benötigt. Und das sind nicht gerade wenige. Im ehemaligen Verwaltungstrakt gab es auf zwei Etagen 30 Ateliers und Werkräume mit zwischen 16 und 45 Quadratmetern Größe. Die Verbindung zwischen den Arbeitsräumen und der Versandhalle markierte die Club-Halle mit weiteren 1.400 Quadratmetern. Hier wollten wir an das anknüpfen, was wir bei Elektro Müller mit elektronischer Musik begonnen hatten. Das Grundkonzept für das Projekt haben Dirk Schmaler und ich gemacht. Sein Plan war es, auf dem Gelände einen temporären Club zu betreiben. Das umzusetzen, ist uns allerdings leider nicht gelungen. Auch das Tonstudio von Aiwo Records war ein ausdrücklicher Wunsch von Dirk. Da sind über den gesamten Zeitraum ziemlich viele Sachen entstanden. Musiker, die beispielsweise im Salon des Amateurs aufgetreten sind, waren abends noch im postPOST und haben dort Musik gemacht oder aufgenommen, zusammen mit Düsseldorfer Elektronik-Künstlern.

Die Club-Halle haben Sie hiesigen Kreativen immer mittwochs zur Verfügung gestellt. Das ist ja das, wonach in Düsseldorf häufig verlangt wird: Raum, noch dazu so großartiger, den man kostenfrei nutzen kann. Wie war die Nachfrage?

Das war ein Konzept, das wir gemeinsam mit KomKuK, einer Abteilung für Kultur- und Kreativwirtschaft der Wirtschaftsförderung Düsseldorf, entwickelt hatten. Wir haben den Ort mit einer Anlage, Toiletten und Grundreinigung mietfrei zur Verfügung gestellt. Eigentlich ein Traum für die vielen kleinen Kunstvereine und Veranstaltungsorte, die sonst hier in der Stadt so viele Probleme haben – dachte ich jedenfalls. Die Veranstalter konnten sogar Eintritt nehmen und den auch behalten. Leider hat das Konzept, abgesehen von ein paar Ausnahmen, überhaupt nicht funktioniert. Das finde ich bis heute überraschend.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ich glaube, dass die Kunstvereine oder Veranstaltungskollektive vor allem ein Interesse daran haben, ihren eigenen Raum zu etablieren, ihr gesellschaftliches Wohnzimmer zu bespielen, für ihre Peergroup. Die wollen gar nicht mit den Inhalten konzeptionell rausgehen. Das macht ja auch Sinn und ist nachvollziehbar. Für mich war das ein interessantes Learning. Es ist gar nicht so einfach, Leute aus unterschiedliches Genres wie Theater, Literatur, Musik, Club und Kunst zusammenzubekommen.

Philipp Maiburg in Düsseldorf Oberbilk (Photo: Markus Luigs)


Die Atelierräume konnten Sie zu einem Mietpreis von 3,50 Euro pro Quadratmeter anbieten. Von wem wurden sie genutzt?

Uns war von vorneherein klar, dass wir in den Ateliers nicht nur klassisch ausgebildete Künstler haben wollten, also Leute, die an Kunsthochschulen studiert hatten. Unser Wunsch war vielmehr, dass sich die Disziplinen mischen. Der hat sich letzten Endes auch erfüllt. Manche haben sich extra ein Konzept für die Räume überlegt: Eine Mietergruppe hat sich zum Beispiel in ihrem Raum ausschließlich mit der ursprünglichen Nutzung und der Geschichte des Ortes beschäftigt. Eine Frau hat im Keller einen Kurs im Aktzeichnen angeboten. Ein Autor hat seinen Raum genutzt, um zu schreiben. Darüber hinaus gab es Akademie-Studenten und -Absolventen, aber auch Leute, die eher kreativwirtschaftlich gearbeitet haben. Wir hatten eigentlich noch viel mehr vor, wollten noch mehr machen. Einen temporären Plattenladen zum Beispiel. Das hat aber dann leider nicht geklappt, ebenso wie ein Galerie-Betrieb. Aber wenn ich so überlege, was wir uns anfangs vorgenommen hatten und was wir dann letztendlich realisiert haben, ist das Ganze zumindest inhaltlich auf jeden Fall eine Bereicherung gewesen.

Lassen Sie uns noch mal kurz bei den Ateliers bleiben. Kritiker monierten, dass eine so kurzfristige Nutzung wenig nachhaltig sei. Was entgegnen Sie denen?

Das stimmt natürlich. Ebenso wie für uns selbst war der Zeitraum auch für die Künstler und Kreativen zu kurz und hat das Ganze erst, nachdem verlängert wurde, mehr Sinn gemacht. Gerade Leute, die das, was sie tun, schon ernsthafter betreiben, brauchen sicher andere Perspektiven. Unser Ansinnen war es aber auch nicht, das Problem der fehlenden Ateliers in Düsseldorf zu lösen, sondern eben nur einen kleinen Beitrag zu leisten. Manchmal suchen Leute ja durchaus für ein temporäres gemeinsames Projekt einen Raum. Und für 3,50 Euro mitten in der Innenstadt – das war schon ein ziemlicher Kracher! Dass das letzten Endes keine langfristige Lösung sein würde, war von Anfang an klar.

Sie haben mal gesagt, das postPOST biete „Raum zum Experimentieren, Raum zum Scheitern und Raum zum Großartig-Sein“. Über das Scheitern haben wir ja im Zusammenhang mit der Idee für den Mittwoch schon gesprochen. In welchen Momenten war es für Sie persönlich richtig großartig?

Mir haben die „thek“-Abende sehr gut gefallen, die fanden gleich zu Beginn der Zwischennutzung statt. Bei einem stand das Skateboarden im Fokus, bei einem anderen ging es um Tattoos. Das hat gleich zu Anfang aufgezeigt, wie unterschiedlich der Ort bespielt werden kann. Außerdem bin ich sehr stolz auf die finale Ausstellung, die Wilko Austermann für uns kuratiert hat und bei der noch mal all das sichtbar gemacht wurde, was im Laufe der anderthalb Jahre in den Ateliers entstanden ist. Dazu kamen aktuelle Arbeiten aus dem gesamten Rheinland. Abgesehen von den Veranstaltungen habe ich es aber auch sehr genossen, ganz alleine in dieser riesigen Halle zu sein. Mit dem Skateboard von einem Ende bis zum anderen zu fahren. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn man so einen Ort mit Anfang 20 zur Verfügung gehabt hätte! Umso krasser finde ich es, heute im Vorbeifahren in dieses Loch zu gucken. Wie schnell das ausradiert wurde. Aber das Plattmachen geht hier in Düsseldorf ja immer ziemlich schnell. Das konnte man auch beim Glashütten-Gelände in Gerresheim beobachten. Es mag auch mit unserem zunehmenden Alter zu tun haben, dass wir angesichts solcher verschwundenen Orte wehmütig werden. Für mich fühlt sich das jedenfalls an wie eine klaffende Wunde.

Das Gelände hatte etwas von einem riesigen Abenteuerspielplatz. Unter den Gebäuden lagen beispielsweise Bunkeranlagen, aber auch Tunnel, durch die man sich nur kriechend fortbewegen konnte. Im Keller des Gebäudekomplexes gab es zudem einen Schießstand. Was hatte es damit auf sich?

Die Deutsche Post war früher auch für Geldtransporte zuständig. Und Geldtransporte wurden von bewaffnetem Personal begleitet, das wiederum trainieren musste. Dafür gab es den Schießstand. Das war einer der magischsten Orte auf dem kompletten Gelände. Da hingen noch seltsame Gemälde, die beispielsweise Colts zeigten. Und der Boden war komplett mit Patronenhülsen übersät. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Creative Mornings“ hat in dem Raum mal eine Cellistin ein Konzert gegeben. So was hätten wir gerne öfter gemacht, aber dafür hätten wir nie im Leben eine Genehmigung bekommen, weil da nicht die nötigen Auflagen erfüllt worden wären. Auch die Tunnel, die das Gelände mit der Alten Paketpost, verbanden, waren sehr spannend. Durch die wurden in Waggons, die über Schienen rollten, Briefe und Päckchen transportiert. Da standen noch Mitarbeiter-Anweisungen auf Spanisch an der Wand, weil in dem Postverteilzentrum damals wohl viele spanische Gastarbeiter gearbeitet haben. Nicht zuletzt waren die Bunkerräume und die verschachteltem Gänge im Keller irre. Ich wundere mich heute noch, wie sie das alles so schnell abgerissen bekommen haben. Da war ja wahnsinnig viel Beton in der Erde.

Philipp Maiburg in Düsseldorf Oberbilk (Photo: Markus Luigs)


Wie wurde postPOST eigentlich finanziert? Gab es Unterstützung von Seiten der Stadt?

Wir haben Geld von der Stadt Düsseldorf bekommen, vom Kulturamt für die Ateliers. Und von KomKuK, also der Wirtschaftsförderung, für die Veranstaltungsreihe in der Club-Halle am Mittwoch. Gemessen an dem Umfang war es allerdings nicht wirklich viel. Vor allem, wenn man überlegt, welche Kosten bei uns angefallen sind. Allein die Hausmeistertätigkeiten haben wir völlig unterschätzt. Oder mal eben eine Schließanlage erneuern zu lassen, mit allem Drum und Dran. Ganz zu schweigen von den Genehmigungskosten. Von der Förderung der Stadt einmal abgesehen, haben wir versucht, über die Mieten für die großen Veranstaltungen das restliche Angebot gegenzufinanzieren.

Sie selbst haben in das Projekt sehr viel Zeit und Arbeit investiert. Sind Sie dafür entlohnt worden?

Nein. Für mich persönlich ist nie ein Cent geflossen. Das ist aber auch nicht schlimm. Es hätte mich natürlich gefreut, wenn es so gewesen wäre, aber es war mein eigenes Risiko, das Projekt mit anzuschieben. Ich hatte einfach große Lust, das möglich zu machen. Bis zu einem gewissen Grad habe ich das auch als Verpflichtung gegenüber der hiesigen Szene gesehen. Damit Geld zu verdienen, war nicht mein Plan. Das große Plus des ganzen Projekts war für mich das Learning. Zu sehen, was hat wie funktioniert, wie sind welche Konzepte angenommen worden. Das ist etwas, was ich für mich da rausziehe. Deshalb bin ich für das Experiment und die Möglichkeit im Nachhinein sehr dankbar. Dass ich da den ganzen Irrsinn ausleben durfte, die ganzen Flausen in meinem Kopf wahr werden lassen konnte, das war schon toll.

War das postPOST eigentlich die erste Zwischennutzung in Düsseldorf?

Nicht wirklich. Elektro Müller war ja auch eine Zwischennutzung. Aus einem ehemaligen Tonstudio einen Ort für Musik zu machen, lag zwar ein bisschen näher als aus einer Paketverladestelle eine Veranstaltungslocation zu machen. Aber rechtlich und faktisch war das für uns, also für Christian Fleischer als Organisator und mich als Konzeptioner, schon die erste Zwischennutzung. Letzten Endes war aber auch das Nutzen der Galopprennbahn Düsseldorf für das „Open Source Festival“ eine Zwischennutzung. Da galt es die gleichen Dinge zu berücksichtigen: Nutzungsänderungen, Bauanträge und so weiter. Das sind immer die gleichen Prozesse. Von daher war uns das, was uns erwartet, schon bekannt, wenn auch in einen völlig anderen Größenordnung. Ich weiß gar nicht, ob es jemals im Herzen einer Großstadt eine Zwischennutzung dieser Dimension gab.
Ursprünglich sollten Sie das Gelände lediglich ein halbes Jahr zur Verfügung haben. Im Anschluss gab es aber immer wieder kurzfristige Verlängerungen. Wie war der Moment, als Sie die Schlüssel endgültig abgeben mussten?
Ursprünglich sollte ja die große von Wilko Austermann kuratierte Ausstellung das Letzte sein, was auf dem Gelände stattfindet. Ein großer Knall – und Ende. Danach bekamen wir allerdings noch mal Verlängerung. So ist das Ganze eher ausgeplätschert. Das war nicht so meins. Deshalb habe ich mich dann auch schon zurückgezogen, weil ich nicht mehr so richtig Energie für das Projekt aufbringen konnte. Insgesamt war es für Dirk, Christian und mich einfach auch wahnsinnig anstrengend. Deshalb war es auch gar kein besonders wehmütiger Moment, als irgendwann wirklich Schluss war.

Philipp Maiburg in Düsseldorf Oberbilk (Photo: Markus Luigs)

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit dem Entwickler rückblickend?

Klar hatten wir uns mehr erhofft. Aber eigentlich von allen Seiten. Vom Entwickler. Von der Stadt. Aber auch noch mehr Zuspruch aus der lokalen Veranstaltungsszene. Es hat sich alles nicht ganz so euphorisch entwickelt, wie wir das anfangs eingeschätzt hatten. Das war ein bisschen ernüchternd. Ganz so einfach ist es halt doch nicht, so einen Ort aus der Taufe zu heben, vor allem nicht in der Geschwindigkeit. Solche Konzepte brauchen Zeit. Das bekommt man nicht mal eben so aus dem Boden gestampft. Fazit könnte also sein: Zwischennutzung ist schon toll, sie braucht aber mehr Zeit als 18 Monate.

Wie wird das Bauprojekt „Grand Central“, wenn es denn irgendwann mal fertig ist, die Umgebung rund um den Bahnhof verändern?

Das finde ich sehr schwer vorherzusagen. Ich hoffe natürlich, dass es tolle Architektur wird. Man muss sich das ja den Rest seines Lebens angucken. Mir fällt es immer schwer, mir anhand der kolorierten Entwürfe mit vielen Bäumen, flanierenden Pärchen und spielenden Kindern vorzustellen, wie es letztendlich wirklich aussieht, an einem grauen November-Nachmittag. Und wenn ich mir überlege, was in den vergangenen zehn bis 15 Jahren hier in der Stadt an Architektur entstanden ist, Beispiel Toulouser Allee, habe ich durchaus Bedenken. Das „Grand Central“ wird viel zusammenhalten müssen: den Hauptbahnhof mit dem dort entstehenden KAP, das Tanzhaus NRW, aber auch den nahen Drogenkonsumraum und natürlich Oberbilk. Noch kann ich mir das nicht so richtig vorstellen. Aber ich hoffe natürlich, dass es funktioniert.

Was würden Sie persönlich sich für das Gelände wünschen?

Ich hoffe sehr, dass auf diesem Gelände Kultur eine Rolle spielen wird. Zwischendurch hatte ich den Eindruck, dass es uns gelungen ist, dafür eine gewisse Sensibilität zu schaffen. Ob das wirklich so ist, wird sich aber erst in Zukunft zeigen. Vielleicht hallt der Impuls, den wir mit postPOST gegeben haben, ja ein bisschen nach.

 

Interview: Alexandra Wehrmann 

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Über Philipp Maiburg
Philipp Maiburg stammt aus Mönchengladbach. Nach Tischlerlehre und Zivildienst begann er 1995 zunächst ein Architekturstudium an der Hochschule Düsseldorf, das er aber nach sieben Semestern zugunsten einer Karriere im Musikbereich aufgab. Seit 1996 veranstaltete Maiburg als Resident-DJ im legendären Düsseldorfer Unique Club die wöchentliche Clubnacht „WednesdayBreaks“. Von 1996 bis 2010 bildete er gemeinsam mit Michael Scheibenreiter das Drum’n’Bass-Duo Phoneheads. Im Jahr 2000 kam das Label Combination Records dazu, das bis 2008 bestand. Von 2006 bis 2019 war Maiburg künstlerischer Leiter des „Open Source Festivals“. Heute arbeitet er als Marketing Manager für das Label Carhartt WIP. Maiburg lebt zusammen mit seiner Frau und zwei Töchtern in Berlin.

Über das Gelände
Von 1866 bis 1945 war auf dem Areal die Firma Schiess ansässig, in deren Fabriken Werkzeugmaschinen hergestellt wurden. Nach der Demontage der Schiess-Werke nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Gelände zwischen 1965 und 1973 neu bebaut. Genutzt wurden die entstandenen Räumlichkeiten in den folgenden Jahrzehnten von der Deutschen Post AG sowie DHL, ein Teil auch von der Deutschen Bundesbank. 2015 kaufte die Catella Project Management GmbH das Areal. Im Februar 2016 verließ mit der Deutschen Post AG der letzte Mieter das Gelände. Von November 2016 bis Mai 2018 wurden die nunmehr unter postPOST – Grand Central firmierenden Räume für Konzerte, Partys, Ausstellungen und vieles mehr zwischengenutzt. Anschließend begann der Abriss. In Zukunft soll auf dem Gelände das Quartier „Grand Central“ mit mehr als 1.000 Wohnungen realisiert werden.

Das Interview mit Philipp Maiburg entstammt dem Buch „Oberbilk. Hinterm Bahnhof“ von Alexandra Wehrmann und Markus Luigs.
Die Journalistin und der Fotograf haben dafür 38 sehr unterschiedliche Menschen aus dem Düsseldorfer Stadtteil Oberbilk in Wort und Bild porträtiert.
Das Buch kostet 25 Euro und ist unter duesseldorferperlen.de zu bestellen.

Wir danken den Herausgeber:innen für die Abdruckrechte.

Verlagssitz
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Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
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