Das Patriarchat der Dinge

„Im Patriarchat kein Arschloch zu sein, ist halt anstrengend“ – Rebekka Endler im Interview

„Das Patriarchat der Dinge“ ist ein Sachbuch, es geht dem Nutzen und der Herkunft von Gegenständen, Praktiken, Orten auf den Grund, die uns im Alltag immer wieder begegnen. Es fragt unter anderem: Warum genau gibt es so viel weniger Möglichkeiten zum Pinkeln im Öffentlichen Raum für Frauen denn für Männer? Warum wurden für Frauen Handtaschen erfunden? Welchem Körper ist ein Crash-Test-Dummy nachempfunden? Man kann sich leicht vorstellen, dass in diesem Buch Interessantes wie Brisantes zu Tage tritt. Rebekka Endler verschleiert bei aller Sachlichkeit und Präzision nicht den eigenen Aktivismus – im Gegenteil, ihr provokativer Tonfall ist maßgeblicher Charakterzug eines Buchs, das sich unterhaltsamer und spannender als mancher Roman liest.
Rebekka Endler im Interview mit Linus Volkmann.

Es ist Frühsommer 2021 – wie geht es dir gerade? Also pandemie-mäßig und allgemein.
REBEKKA ENDLER Besser. Die Erstimpfung Astra ist drin und mit ihr verschwindet langsam auch der Gilb aus den Gardinen, die ich gefühlt seit einem Jahr vorm Kopf habe. Ich verbringe für meinen Geschmack immer noch viel zu viel drinnen und ohne Freund:innen, aber immerhin sieht die Welt draußen jetzt wieder ein bisschen schöner aus.

Dass diese Welt hinsichtlich der Dinge auf Männer zugeschnitten ist… ist dir das eher prozesshaft über einen Zeitraum schleichend bewusst geworden oder gab es konkrete Erweckungserlebnisse, die diese Erkenntnis befeuerten?
REBEKKA ENDLER Als ich klein war, waren es zu meiner Oma elf Stunden mit dem Auto und an den Rastplätzen haben mein Vater und Bruder oft wild gepinkelt, während meine Mutter und ich völlig selbstverständlich in langen Kloschlangen anstanden (das war Jahre vor Sanifair, heute käme noch der Geld-Aspekt hinzu). Damals habe ich schon gefühlt, dass mir viele Dinge nicht passen, aber ich hab natürlich nichts über patriarchale Strukturen gewusst – der Defekt lag an mir, dachte ich. Wir gewöhnen uns daran, auch weil es ungeheuer viel Energie kostet, sich permanent über alles beschweren zu wollen. Trotzdem entstehen Druckstellen, die nach und nach verhärten und taub werden. Bei der Recherche habe ich viele meiner eigenen patriarchalen Druckstellen entdeckt und das Schreiben hat mir geholfen, sie zu re-sensibilisieren. Heute stört mich vieles in der Welt viel mehr als noch vor ein paar Jahren, dafür fühle ich weniger verhornt.

Um das für jene, die das Buch noch nicht kennen, zu illustrieren: Es präsentiert die unterschiedlichsten Belege, wo das Patriarchat in unserem (nicht nur) gegenständlichen Alltag eingeschrieben ist. Was sind denn für dich die naheliegenden Beispiele dafür – und was die, die man eher nicht auf Schirm hat?
REBEKKA ENDLER Die Ungerechtigkeit bei den Klos im öffentlichen Raum ist das einfachste Beispiel, weil wir alle mehrmals am Tag pieseln und recht schnell klar ist, wieviel das Recht auf Pipi machen mit gesellschaftlicher Macht und Teilhabe zu tun hat. Bei der auf den cis-Mann normierten Fahrzeugsicherheit oder den Medikamenten ist es ähnlich. Doch wie viele patriarchale Gedanken in dem Design von Haushaltsgeräten steckt und überhaupt in der Entwicklung von Haushalt, als eigenständiger Aufgabenbereich, der – traditionell – von der Frau gemacht wurde, das hat mich überrascht. Gerade weil auch das etwas ist, dass ich als Kind einer Hausfrau, als “normal” wahrgenommen habe und erst mit Mitte dreißig verstanden habe, wie seltsam vieles von dem ist, was da tagtäglich ganz selbstverständlich “erledigt” wurde. Da fängt es ja schon an: Vati arbeitet, Mutti erledigt den Haushalt.

Foto: Frederike Wetzels

Musstest du eigentlich graben, um auf Beispiele zu kommen oder war es eher umgekehrt? Also dass sich vieles aufdrängte und am Ende gar nicht alles Berücksichtigung finden konnte?
REBEKKA ENDLER Es ist zwar ein Buch über männlich-zentriertes Design, aber aus meiner egozentrischen Perspektive. Mein einziges System war: Was finde ich interessant? Deswegen war es ja auch nie als umfassende Enzyklopädie gedacht, sondern eher als persönliche Sammlung. Zu vielen Themen habe ich Google Alerts eingerichtet, um sicherzugehen auf die neuesten Erkenntnisse zugreifen zu können. Außerdem wussten Freund:innen, woran ich gerade schreibe und haben mir immer wieder Dinge geschickt, auf die die selbst gestoßen sind. Durch die Interviews mit den Expertinnen, Wissenschaftlerinnen, Desingerinnen und betroffene Personen bin ich auch oft auf weitere Themen gekommen. Am Ende musste ich über 200 Seiten wieder rauskürzen und seitdem das Buch draußen ist, habe ich von Leser:innen so viele neue Dinge geschickt bekommen. Über cis-männlich normiertes Ecstasy, Tränengas, dass ebenfalls nur an cis-Typen getestet wurde und Menschen mit Zyklus starke Beschwerden macht, Frequenzbereiche bei Online-Meeting-Tools, die weibliche gelesene Stimmen so beschneiden, dass sie weniger kompetent rüberkommen, Bügelstationen, Ruderboote… und und und. Ich könnte mindestens eine Trilogie draus machen, aber ich weiß nicht, wer das dann lesen soll.

Dass solche Benachteiligungen benannt werden, ist der erste Schritt. Was denkst du, wie leicht oder beschwerlich wird es denn aber, daran auch was zu ändern?
REBEKKA ENDLER Das kommt sehr darauf an, wohin wir schauen. Oftmals steckt hinter einem vermeintlichen Designproblem, in Wahrheit ein politisches. Unisex-Pissoirs, auf allen öffentlichen Toiletten verbauen – ungeachtet, ob diese einer binären Aufteilung folgen, oder nicht – wären z.B. eine “einfache” Designlösung. Solche Entwürfe gibt es, bloß mangelt es am politischen Willen, das überhaupt zu diskutieren, wir sind da zu sehr in unserer eigenen Kulturpraxis zu gefangen. In anderen Bereichen, wie der Fahrzeugsicherheit ist es so, dass geltende Gesetze und Richtlinien einfach konsequent umgesetzt und kontrolliert werden müssten, dann wären wir schon ein gutes Stück weiter in Sachen Gleichberechtigung. Wiederum andere Lücken im Design schließen sich gerade, weil Crowdfunding über Soziale Medien kleinen Startups ermöglichen Geld für passenderes Design aufzutreiben, das Bedürfnisse jenseits der weißen, ablebodied, cis-männlichen Norm bedient. Es passiert also etwas. Gleichzeitig zeigt ein Blick in die Vergangenheit, dass es immer schon gute Ideen und Lösungen gegen patriarchales Design gab, diese es jedoch immer schon auch schwer hatten gegen die patriarchale Macht zu bestehen.

Die Diskurse um Feminismus, Patriarchat, Diversität, an denen das Buch ja teilhat – sind sehr in Bewegung. Teilweise fiel mir auf, dass du sehr nah dran bist am aktuellen Stand, Du benutzt beispielsweise den Doppelpunkt statt des Sternchens zum Gendern. Haben sich in der Zeit, als du geschrieben hast, noch Sachen oder Diskussionen gewandelt? Anders gefragt: Wie sehr im Wandel oder zementiert ist diese sichtbar gemachte Welt des Patriarchats?
REBEKKA ENDLER Gerade die Sache mit dem Doppelpunkt statt des Sternchens bereitet mir immer noch Kopfzerbrechen und ich bin mir nicht sicher, da die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Es war für den Moment eine informierte Entscheidung, aber es könnte gut sein, dass ich in einer der zukünftigen Auflagen doch zurück zum Sternchen finde, wenn ich sicher sein kann, dass die gängigen Lesehilfen damit klar kommen. Mir ist wichtig, die Flexibilität und den Wandel, den ich in der Welt sehen will, auch in meinem eigenen Kopf möglich zu machen. Das ist anstrengend, aber innerhalb des Patriarchats kein Arschloch sein zu wollen, ist halt anstrengend. Wäre es leicht, gäbe es nicht so viele davon. Auch abseits von Sprache, Fortschritt ist an vielen Ecken spürbar, dennoch hat die Pandemie gezeigt, dass es keinen Grund zur Euphorie gibt, denn für jeden Fortschritt lassen sich im Moment ganz leicht mindestens zwei Rückschritte in Sachen Gleichberechtigung finden. Besonders die Forschungsgebiete, wie zum Beispiel Gender- und Queerstudies, oder im Gesundheitswesen in denen traditionell eher von nicht cis-männlichen Personen geforscht wird, haben in der Pandemie deutlich weniger wissenschaftlichen Output geschaffen, weil die Forschenden stattdessen mit Care-Arbeit beschäftigt waren. Das ist sowohl für die individuelle Biographie bedauerlich, als auch für das ganze Forschungsfeld.

Was können Ableitungen sein, kann man zum Beispiel schon als Konsument:in „das Patriarchat der Dinge“ abstrafen – oder muss man eher den Aktivismus suchen?
REBEKKA ENDLER Bei vielen Dingen ist es im Moment noch so, dass ich als Konsument:in, Patient:in, Bürger:in gewissermaßen Spezialwissen brauche, um fundierte Kritik zu üben und zu sagen: Das passt mir nicht aus den und den Gründen. Ich fordere dies und das. Das ist sehr viel von Privatpersonen verlangt. Der Staat hat dafür Sorge zu tragen, dass keine Diskriminierung auf Grundlage des Geschlechts stattfindet, wie es das Grundgesetz vorgibt. Und bis das nicht durchgesetzt ist, bleibt nur der Aktivismus.

Denkst du heute etwas anderes, wenn du bei der Buchmesse  – so mal wieder eine abgehalten werden kann – in einer langen Schlange zum Damenklo stehen musst? Was kann das Wissen um den Kontext in einem auslösen?
REBEKKA ENDLER Absolut. Recherche und Schreiben waren so etwas wie eine sehr intensive Schrunden- und Hornhautbehandlung, die mich wahrscheinlich noch sehr lange begleiten wird und meine Perspektive auf viele Dinge verändert hat.

Was machst du sonst gerade? Wird es Veranstaltungen geben zum Buch, hast du schon neue Projekte?
REBEKKA ENDLER Gerade freue ich mich sehr darüber, dass einige der Themen aus dem Buch ein Eigenleben entwickelt haben und in der Öffentlichkeit auch ohne mich diskutiert werden. Im Spätsommer und Herbst sind dann auch Lesungen geplant, wäre schön, wenn das klappt, denn Menschen zu sehen, fehlt mir extrem und online Lesungen finde ich persönlich nicht so spannend. Im Moment mache ich wieder mehr Radio, im Sommer produzieren meine Kollegin Vera Pache und ich endlich die erste Staffel unseres Kunstgeschichten-Podcasts „Schimmer (Kunstgeschichten für Menschen, die keine Ahnung von Kunst haben)“ und an meinen ersten Roman, ganz ohne Quellenverzeichnis, schreibe ich auch gerade, wenn ich Zeit habe.

Das Interview führte: Linus Volkmann

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