Ronald M. Schernikau „schreiben schwulsein kommunistsein“

Ronald M Schernikau (Credit: Frank Feiertag)
2009 schrieb ich zur Veröffentlichung des gleichnamigen Schernikau-Sammelbandes ein Lied namens „Königin im Dreck“. 2025 war ich Teil einer konzertanten Schernikau-Lesung. Auch die nannten wir „Königin im Dreck“.
Was hat es mit dem Bild der Königin im Dreck auf sich? Oder erst mal: Wer ist überhaupt Ronald M. Schernikau? Im eigenen Steckbrief beschreibt er sich mit den Stichworten „schreiben schwulsein kommunistsein, Glaube Liebe Hoffnung, kindlich tuntig selbstbewusst.“
1960 wurde Schernikau als Sohn einer Krankenschwester in Magdeburg geboren. 1966 ging seine Mutter mit ihm in die BRD. 1989 wurde er wieder DDR-Bürger. 1991 starb er an Aids. Seinen ersten und einzigen Bestseller, die „Kleinstadtnovelle“, schrieb Schernikau noch als Schüler. Sein Hauptwerk, „Legende“, erschien posthum 1999 ohne größere Resonanz.
2009 veröffentlichte Matthias Frings die Biographie „Der Letzte Kommunist“ und löste damit eine kleine Schernikau-Renaissance aus, die zwar nie riesige Wellen schlug, aber auch nie ganz abebbte. In ihrer ersten Phase war sie ganz geprägt von der Faszination für den Popstar-Look und das abenteuerliche Leben des Helden. Die Mutter, die glühende DDR-Bürgerin war und doch mit dem Sohn nach Hannover floh, weil dort der Vater lebte. Der Vater, der heimlich schon eine Familie hatte und sich als Nazi herausstellte. Die Leidenschaft, mit der die Mutter dann in ihrem Sohn das Andenken an die geliebte, verlorene Heimat wachhielt. Das wilde Tuntenleben in Westberlin. Und schließlich das finale Drama: Die DDR, das Land seiner Träume, das in dem Moment, wo er es endlich erreicht, verschwindet – und sein eigener früher Tod kurz darauf. Das alles fesselte verständlicherweise das Interesse der Wiederentdecker.
Der biographische Zugang führte zu einer Legion von Schernikau-Darstellern mit angepapptem Schnurrbart und zu einer gewissen Vernebensächlichung seiner Texte. Gleichzeitig stellte er aber sicher, dass deren zwei wichtigste Themen vorkamen: Homosexualität und Kommunismus. Über die seltsame Unvereinbarkeit beider Bereiche sagte Schernikau:
„am anfang, wenn man schwul wird, denkt man, alle schwulen sind nett. das hab ich ziemlich lange gedacht. Ich hatte zum beispiel immer den drang, den leuten in der schwulengruppe in hannover von meinen erlebnissen bei der sdaj zu erzählen und war immer ganz erstaunt, wenn die das nicht interessiert hat. das ging mir übrigens auch umgekehrt so. ich dachte auch am anfang, alle kommunisten sind nett, und war immer ganz erstaunt, wenn die mit meinem schwulsein nichts anfangen konnten. und die schwulen und die kommunisten kannten einander nie. die haben sich nie gesehen. an meinem achtzehnten geburtstag hab ich eine große fete gegeben, und da hab ich die alle zusammen eingeladen, die leute von der schule (…), die kommunisten und die schwulen. und mittendrin meine mutter. das war ganz wunderbar. aber es war eben auch ein zeichen dafür, dass das eigentlich nicht zusammenzubringen ist. ich habs zusammen gebracht. für mich war das gar nicht so schlimm. nur: objektiv war es nicht zusammen.“
Tragischerweise konnte man in den letzten zehn Jahren beobachten, dass sich der Graben, der Schernikaus Lebenswelt teilte, im Umgang mit seinem Werk erneut auftut. Es gab an einigen Bühnen Inszenierungen der „Kleinstadtnovelle“, die die schwule Coming-of-Age-Story darin isolierten und als Backdrop für öde, vage patriarchatskritische Party-Performances nutzten. Dass es sich bei der Hauptfigur auch um einen theoretisch ausgebildeten Marxisten handelt, dessen schulpolitischer Gestaltungswille viel stärker aneckt als die Antihaltung seiner verkifften Mitschüler, fiel unter den Tisch.
Auf der anderen Seite konnte man von Kommunisten organisierte Leseabende in grellen Räumen besuchen, um dort in düsterem Einverständnis zu nicken, wenn die berühmte Stelle kam, in der der Autor den Kongressteilnehmern des Schriftstellerverbands der DDR prophetisch zuruft, dass sie noch nichts von dem „Maß an Unterwerfung“ wissen, „das der Westen jedem einzelnen seiner Bewohner abverlangt“. Hier wurde dann natürlich alles, was Sex und Spaß betrifft, ausgespart.
„darf man ein vergnügen besitzen inmitten einer kackwelt?“
Nun ist es ja grundsätzlich legitim, mit einem Werk selektiv umzugehen. In diesem Fall aber verfehlt die Halbierung des Gegenstandsbereichs das zentrale Anliegen. In der „Legende“ heißt es über die „Legende“: „dieses ganze lange buch ist eine große abhandlung über die rolle des vergnügens in unserem leben. darf man ein vergnügen besitzen inmitten einer kackwelt?“
Das ganze Schreiben Schernikaus ist der Kraftakt der Bejahung dieser Frage. An anderer Stelle wird sie so formuliert: „Wie verhält sich eine Königin im Dreck?“. Und in dieser Figur, der Königin im Dreck, kristallisiert sich ein für Schernikau maßgebliches Verfahren, das ich kommunistischen Camp nennen will. Camp verstehe ich als bewusste Affirmation von Kitsch. Kitsch als das, was den Bürger in der Ästhetik an den Adel erinnert: alles Übertriebene, Schwelgerische, Schwule. Susann Sonntag stellt die schwule Affinität zur Adelspose als ästhetizistischen Antimoralismus dar. Aber der aristokratisch tuende Schwule positioniert sich nicht einfach gegen Moral, sondern gegen eine gegen ihn gerichtete Moral. Hubert Fichte fasst das an einer Stelle seines Romans „Versuch über die Pubertät“ sehr drastisch in Worte:
„Alex W. Kraetschmar ist geschmacklos. Es ist geschmacklos, dem Geliebten nach Lockstedt zum Geburtstag einen Strauß roter Rosen zu schicken – und gefährlich. Geschmacklos – das Parfüm Soir de Paris. Geschmacklos – »das Aristokratische« (…) Sentimentalität gilt bei Bürgerlich-Liberalen und bei den Kritikern als das Vortäuschen falscher Gefühle durch Surrogate (…) Geschmacklos sein heißt, sich dem bürgerlich gewordenen oder antibürgerlich gewordenen magischen Kodex nicht unterwerfen. Geschmacklosigkeit ist eine Gegensprache wie Krankheit oder Kriminalität (…) Die Geschmacklosigkeit ist die letzte falsche Sprache vor der Vernichtung.“
Wichtig ist hier auch der Hinweis auf die bürgerlich-antibürgerliche Allianz gegen den Kitsch. Von links wird er als lügenhafte Versüßung der harten Wirklichkeit dämonisiert. Bei Schernikau wird diese Lüge utopische Vorwegnahme:
„kommunistische kunst, ich versuche die dinge zu planen. ich möchte gerne, dass das und das am ende steht, als haltung, als ausblick auf leben, als sinnvolle lebensmethode. und das bedeutet, daß ich lüge. das bedeutet, dass ich etwas über die situation hier behaupte, auch wenn ich glaube, daß es nicht richtig ist. noch!“
Die Lüge ist bei Schernikau eng verbunden mit dem Begriff des Ideals: „es gibt eine einfache probe. frage jemanden nach seinem ideal und frage ihn nach der wirklichkeit. wenn er beginnt, sein ideal zu besingen, geht es los. wenn er über die wirklichkeit lamentiert, vergiß ihn.“
Das Ideal, könnte man sagen, ist nichts anderes als die Lüge mit dem Auftrag, sie wahr werden zu lassen. Ästhetische Beschönigung ist also nicht Opium des Volkes, sondern – zumindest potenziell – etwas Aktivierendes, etwas, das zur Verbesserung der Welt anstiften kann. Schernikau findet dementsprechend emanzipatorisches Potenzial im DDR-Schlager, dem er eine lange liebevolle Abhandlung widmet, in der Pop Art Andy Warhols, überhaupt im Pop:
„346 POP ALS KONTEXT: DAMALS UND HEUTE | hier wird wohl von seiten der alternativlinge ein kulturbegriff herhalten müssen, der discosendungen und schlager für unrettbar reaktionär hält. sollte das so sein, finde ich diesen kulturbegriff absurd. das ungeheure sichsehnen nach glück, das in jeder noch so dummen disconummer enthalten ist, sollte grund genug sein, mit den beteiligten […] die sachen konkreter, phantasievoller und realistischer zu machen. wo sie selbst uns erreichen wollen, sollten wir eine ihrer platten auflegen, uns noch mal fragen, was mit uns dabei passiert und ihnen die hand geben“
Umgekehrt gilt Schernikaus ganzer Argwohn dem ästhetischen Programm der Ehrlichkeit, dem Sozialrealismus. Die wahrheitsgetreue Reproduktion des Elends animiert nicht zu dessen Abschaffung, sondern deprimiert. Die Verbissenheit in die Verhältnisse verhindert das Denken über sie hinaus:
„so ist das leben | ich hasse bücher, bei denen ich immer nicken muß und sagen: so ist das leben. so ist das leben, na und? so ist das leben, das heißt vor allem: so und nicht anders. gertrude stein wußte, warum sie bei ernest hemingway bedächtig den kopf zu schütteln hatte.“
„eine rose ist eine rose ist eine rose | von gertrude stein stammt der satz: eine rose ist eine rose ist eine rose, der satz ist berühmt. der satz ist berühmt, und er wird ausnahmslos gelesen als: eine rose ist eine rose, nichts weiter als eine rose und immer bloß eine rose. diese lesart ist falsch. der satz lautet: eine rose ist eine rose, außerdem noch eine rose, zusätzlich eine rose und vielleicht sogar eine rose. eine rose ist immer anders.
wer die welt für unveränderbar hält, ist den rosen verloren.“
Schernikaus Angriff auf ästhetische Tristesse steckt hier nicht nur in der Grundaussage, sondern auch in der Art ihrer Entfaltung, in den für ihn typischen übermütigen Gedankensprüngen. Von einer Kritik an realistischer Literatur kommt er zu einer Revision der angeblich gängigen Lesart eines berühmten modernistischen Sprachspiels und von dort in einer ebenso bezaubernden wie kalenderspruchhaften Punchline zur Veränderbarkeit der Welt.
Die Rose ist ein Leitmotiv der Camp Sensibility. Die Drag Queen deren ultimative Personifikation. Und natürlich ist die Königin im Dreck eine Drag Queen. Als solche ist ihr Adel trotziger Stolz gegen das bürgerlich-homophobe Ressentiment. Gleichzeitig ist sie die ideelle Gesamtkommunistin auf verlorenem Posten. Ihre Geheimwaffen sind „stöckelschuhe. kunst, verstand, gefühl, erkenntnis. hilfe und beistand“ und ein großes Herz für „failed seriousness“ (Sonntag).
„einhunderttausendmal mehr als die erfindung des komputers bewundere ich die des strickens. ein komputer stützt sich auf die riesigen erfahrungen der vorangegangenen, aber daß man einem schaf die haare abmachen kann, sie zu fäden knirpseln und mit zwei holzstöckchen zu einem gebilde weben das wärmt: das finde ich unendlich faszinierend. – und ganz auf dieselbe weise bewundere ich auch mich selber, der ich tagaus tagein den kommunismus in westberlin einzuführen versuche, auf das unerklärbarste niemals entmutigt, durch keinerlei wirklichkeit überzeugt.“
Hier wird die Standhaftigkeit des Parteisoldaten ganz im schnippischen Habitus der Diva präsentiert. Das richtige Leben im Falschen ist für Schernikau möglich, und zwar als Vorwegnahme des Glücks im Streit um seine Verallgemeinerung. Für die Drag Queen liegt das auf der Hand. Das Ausleben der Lust ist gleichzeitig Mittel und Zweck ihres Kampfes. Schernikau dehnt das Prinzip auf die Drecksarbeit des Parteikommunisten aus:
„schönheit | das entscheidende ist, daß ich mich anstrenge, etwas schön zu machen. ich lerne, ich kriege aufgaben, ich mache. so. wenn ich nicht hingehe, fehlt mir was. ich verteidige sie, wenn mich jemand fragt. eine vorstellung von einer partei, die in meinem kopf mir die aufgaben stellt. dh ich stelle mir die aufgaben durch die vorstellung, die ich mir gemacht habe von der partei. ich mache mich so, wie ich gerne sein möchte. ich möchte gerne optimistisch sein. is doch n dufter antrieb, oder? vielleicht ist die lage gar nicht so schlimm, wie ich denke. vorfreude ist ja die schönste freude.“
Vergnügen und Arbeit stehen nicht im Widerspruch. Die Arbeit an der Möglichkeit des Vergnügens für alle ist selbst Vergnügen. Aber auch vom alten protestantischen Motto „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ finden sich Spuren bei Schernikau, wenn auch in flamboyant auftrumpfender Form:
„wer war besser, heiner müller oder marilyn monroe? das beschäftigt mich. was will ich sein, ich will alles sein. ich will die welt für mich. ich habe für die welt getan. nun soll die welt für mich tun“
Die Idee, dass Codes royalen Überflusses im Sinne seiner Demokratisierung progressiv genutzt werden können, kam auch im Realsozialismus auf, als es mal kurz gut lief. So etwa, wenn nach dem Krieg in Ostberlin bauliche Vorzeigeprojekte „Paläste für Arbeiter“ genannt wurden. Peter Hacks vollzog in seiner Schrift „das Poetische“ von 1972 die positive Wendung des Dekadenten unter postrevolutionärer Perspektive an der – mit dem Camp eng verwandten – Kategorie des Pomp:
„Als Sinnbild des Theaters figuriert, noch immer, der König mit seinem Purpurmantel und seiner goldenen Pappkrone […]. Pomp ist verächtlich geworden, weil er in der verdinglichten, entseelten Welt des Bürgertums nur mehr als leeres Gepränge vorkam. Aber es spricht doch, so weit ich sehe, nichts dagegen, Großes groß auszudrücken. Theater als Pomp, das ist, historisch betrachtet, Selbstbewusstsein einer Klasse. Ästhetisch verstanden, ist es Feier der menschlichen Möglichkeiten, Vorzeigen erlangter und erlangbarer Reichtümer, der Stolz des Menschen auf sich selbst.“
Montagen und Miniaturen eines brüchtigen Optimismus
Bedingung der programmatischen Festlichkeit war für Schernikau wie für Hacks der Glaube an die DDR. „Die Dummheit der Kommunisten ist kein Argument gegen den Kommunismus“ lautet ein beliebter Ausspruch Schernikaus. Die Mängel der DDR waren für ihn auch kein Argument gegen die DDR, sondern lediglich Anlass, sie umso energischer durch ihre Glorifizierung zu beschämen. Es gibt allerdings einen himmelweiten Abstand zwischen seiner Haltung und dem ausgeruhten Klassizismus von Hacks, der die großen Probleme für erledigt erklärt und die übriggebliebenen, vergleichsweise läppischen, nonchalant durchformt.
Schernikaus Optimismus ist wesentlich gespannter und brüchiger. Das zeigt sich schon im Bruchstückhaften der Form. Den weitaus größten Teil seines Werks bilden Montagen und Miniaturen. Seine Sätze sind kurz und von vertrackter Einfachheit. Die Sprache speist sich aus sehr unterschiedlichen Quellen, die aber zu einem sehr eigenen Stil zusammenfließen. Zum einen eine naive kindliche Alltagssprache. Dann ein hoher, archaischer, biblischer Ton. Und zuletzt eine an Wittgensteins Idealsprache erinnernde Überexaktheit, die etwa Wortdopplungen nicht vermeidet, wenn sie sich logisch ergeben. Die Register existieren getrennt voneinander, aber auch, wie hier, gemischt:
die menschen | „und in dem eis die menschen findens warm. und in dem eis die menschen leben wie sonst. sie sind das eis um sich gewöhnt. weil dieses eis gewöhnlich ist, gibt es es nicht. ein eis, das es immer gibt, gibt es nicht. und niemand hat das eis gemacht. und niemand ist an dieser welt schuld. und niemand weiß von diesem eis. eine schneekönigin ist jemand, der zurecht kommt.“
Auch die eher kryptischen, düsteren Passagen kippen nie in völlige Verzweiflung. Die folgende Stelle beschwört aus einer Stimmung von Vereinsamung und Vereinzelung heraus das verlorene real existierende Paradies. Doch das fast manisch Systematische hat etwas buchstäblich Aufbauendes, wie ein aus einer einzigen geometrischen Form entwickeltes konstruktivistisches Gemälde. Gleichzeitig gibt es auch hier das Kindliche, das Staunen im Blick auf die wie zum ersten Mal betrachteten Dinge.
die kästen | und wenn die kästen hohl sind. und wenn die kästen groß sind. und wenn in den kästen menschen sind. und wenn in einem kasten viele menschen sind. und wenn die menschen einzeln sind. und wenn ich auch in einem kasten bin. und wenn die kästen klein sind von oben. und wenn die kästen zusammen sind von oben. und wenn die menschen einzeln sind von oben und zusammen. dann vielleicht bin ich einer von ihnen. dann vielleicht sind die kästen aus bausteinen. dann vielleicht sind die bausteine größer als ich. dann ist vielleicht die welt kleiner und größer als ich.
in den anderen häusern die menschen wo ich nicht hin kann. in den anderen städten die häuser wo ich nicht hin kann. in dem anderen land.“
Eine der wenigen längeren zusammenhängenden Arbeiten nach seinem Debüt ist der Roman „so schön“. Die Schlusszene der als „utopischer Film“ ausgewiesenen Vierecksgeschichte beschreibt zugleich ganz realistisch und ganz phantastisch, wie die Welten, unter deren Trennung der Dichter sein Leben lang litt, zusammenfinden. Sie spielt auf einer Friedensdemo, an der sowohl Kommunisten als auch Schwule teilnehmen:
„die beiden aus helmuts wohngemeinschaft sehen einander kurz an, dann tanzen sie. franz besucht einen losverkäufer. knut fordert die frau auf, die eben liebe kann so weh tun gesungen hat. michael sucht sich durch ein labyrinth mit spiegeln und braucht zeit. helmut vergnügt sich solange. paul mag die weichen, jüngeren typen, sieht welche was schießen. als sie eine weile gegangen sind, entdecken sie, daß die ganzen wege wieder zusammenführen.
jeder der dazukommt lacht erstmal und ist ein bißchen erleichtert. nicht jeder fällt jedem in die arme, aber alle ziehn alle mit. ein paar haben den stand der partei genommen und tragen ihn dazu. der lange weiße kunstpelzmantel von franz ist immer noch ein bißchen lang. helmut hat immer noch lachfalten um die augen. gera trägt immer noch bloß jeans. es ist die sonne rausgekommen und welche sind dazu. ich möchte, daß rummel ist. ich weiß das ist sentimental. aber so schön.“
Die Welt, in der Schernikau schrieb, ist versunken. Seine DDR ist untergegangen. Es gibt neben schlechten auch gute Gründe, das nicht zu bedauern. Keine Gründe fallen mir für die Annahme ein, die Welt sei nach dreieinhalb Dekaden konkurrenzlosem Kapitalismus in einem Zustand, der keines radikalen Gegenentwurfs mehr bedarf. Schernikaus Texte haben ihren Bezugsrahmen überlebt und sind merkwürdig gut gealtert (was man gut merkt, wenn man sie einem jungen unbelasteten Publikum vorliest). Das mag daran liegen, dass er die konkreten geschichtlichen Phänomene nie schärfer stellen wollte, als zu ihrer Überspringung notwendig. Oder daran, dass sich die Frage, wie man in einer Welt leben kann, „in der Bejahung immer nur die Bejahung des Reaktionären zu sein scheint“, heute wieder aufs Lästigste stellt. Kaum jemand hat darauf herzlicher und lustiger zu antworten versucht als Schernikau.








