Interview mit Inke Arns & Thibaut de Ruyter zur Ausstellung „INDUSTRIAL – Seidenstraßen 3000“

„Manchmal wird Kunst politisch, ohne politisch sein zu wollen“

Inke Arns & Thibaut de Ruyter vor „Shanzhai Archeology“ von DISNOVATION.ORG (Videostill: Roman Szczesny)

 

Industrie war in Dortmund lange schwer zu übersehen. Sie rauchte, qualmte, stand mitten in der Stadt. Zechen wie Minister Stein prägten das Bild einer Stadt, deren ökonomische Existenz unmittelbar aus dem Boden kam. 1987 schloss die letzte Dortmunder Zeche – und mit ihr verschwand auch ein bestimmtes Bild von Industrie. Was davon übrig blieb, wird heute häufig für Kultur genutzt: Museen, Denkmäler, Veranstaltungsorte. Die alte Industriearchitektur wurde zum Rohstoff einer postindustriellen Stadt.

Die Industrie selbst ist allerdings nicht verschwunden. Sie hat nur den Ort gewechselt – und damit auch ihre Sichtbarkeit. Am Stadtrand sind die neuen Produktions- und Distributionslandschaften weniger spektakulär als ein rauchender Schlot, in ihrer Flächenpräsenz aber keineswegs bescheidener. IKEA etwa betreibt an der Ellinghauser Straße 213 in Dortmund-Ellinghausen sein großes deutsches und europäisches Zentral- und Logistikzentrum. Wo früher die Zeche als sichtbares Zentrum einer lokalen Ökonomie stand, liegt heute ein global vernetzter Warenumschlagplatz.

Im Dortmunder U (von dessen Dachterrasse man das IKEA Areal sehr gut sehen kann), selbst eine ehemalige Brauerei und damit ein Musterfall jener kulturellen Umnutzung industrieller Architektur, nehmen Inke Arns und Thibaut de Ruyter diese Verschiebung zum Ausgangspunkt ihrer Ausstellung. „INDUSTRIAL – Seidenstraßen 3000“ ist der dritte Teil ihrer gemeinsamen „INDUSTRIAL“-Trilogie.
Der Titel ist weniger nostalgisch gesetzt, als er zunächst klingt: Die historische Seidenstraße interessiert hier nicht als romantische Route für Seide, Gewürze und Fernweh, sondern als frühes Modell für eine Gegenwart, in der Waren, Kapital, Technologien und Menschen über Kontinente hinweg zirkulieren. Die Ausstellung folgt diesen Bewegungen. Pipelines treffen auf Textilfabriken, Distributionszentren auf Handelsengstellen, Mobiltelefone auf Gefängnisse. Globalisierung wird als System konkreter Infrastrukturen, Dinge und Körper präsentiert. Es sind Menschen, die produzieren, transportieren und kontrollieren, was auf der anderen Seite der Lieferkette häufig nur noch als Paket, Etikett oder abstrakte Ware auftaucht.

Linus Volkmann und Thomas Venker sprachen mit Inke Arns und Thibaut de Ruyter darüber, wie Kunst diese globalen Netzwerke sichtbar machen kann – und was es bedeutet, wenn sich das Zentrum der industriellen Welt längst an Orte verschoben hat, die von Dortmund aus betrachtet am anderen Ende der Welt liegen.

 

Inke, Thibaut, was verbirgt sich hinter dem dreiteiligen Titel „INDUSTRIAL: Seidenstraßen 3000“?

Inke Arns: Die Ausstellung ist der dritte Teil einer Trilogie, die Thibaut und ich gemeinsam entwickelt haben. Das erste Projekt war „INDUSTRIAL on Tour“, eine Reise durch fünf polnische Industriestädte, ungefähr 2011. Das zweite war „INDUSTRIAL (Research)“ hier im Dortmunder U. Dafür haben wir Recherchematerialien ausgestellt, die sich mit den Auswirkungen der Industrie auf Kultur im weitesten Sinne beschäftigten: auf Musik, Literatur und bildende Kunst. Jetzt sind wir beim dritten Teil angekommen. Der große Titel „INDUSTRIAL“ bleibt, aber der Blick richtet sich auf neue industrielle Realitäten und auf die sogenannten neuen Seidenstraßen.

Thibaut de Ruyter: Bei „INDUSTRIAL (Research)“ war wichtig, dass wir uns im U-Turm befinden, einer ehemaligen Brauerei, die zum Kunst- und Kulturzentrum umgewandelt wurde. Das war in den Nullerjahren ein typisches Modell: in Dortmund, Berlin, Brüssel und an vielen anderen Orten. Wunderschöne alte Industriegebäude wurden zu Kulturzentren.
Die neuen Industrien, besonders im Ruhrgebiet, sehen anders aus. Das sind Logistikindustrien, riesige Hallen am Stadtrand, kaum sichtbar. Sie haben keine alten Kamine mehr, an denen man sofort erkennt: Hier passiert etwas. Ein Ziel von „Seidenstraßen 3000“ ist, diese Orte sichtbar zu machen – nicht nur als lokale Geschichte, sondern als Teil eines Netzwerks, das in Asien beginnt und in Europa endet.

Warum nennt ihr diese Netzwerke „Seidenstraßen 3000“? Der Begriff hat zunächst eine sehr historische Konnotation.

Thibaut de Ruyter (Videostill: Roman Szczesny)

Thibaut de Ruyter: Bei „Seidenstraßen“ gibt es sofort diese Erwartung von Exotizismus und Orientalismus. Das ist nicht das Thema der Ausstellung. Deshalb steht da die 3000. Wir zeigen die Seidenstraßen der Zukunft, die trotzdem heute schon funktionieren. Wir erzählen, wie Produkte aus Asien im Ruhrgebiet ankommen und wie sich dadurch die industrielle Landschaft verändert.

Inke Arns: Eigentlich sind die Seidenstraßen in jedermanns und jederfraus Tasche. Mobiltelefone, Klamotten, vieles von dem, was wir täglich benutzen oder tragen, wird in Asien oder China produziert. Das Thema ist uns also sehr nah und im Ruhrgebiet wahnsinnig präsent, ohne besonders sichtbar zu sein.
Ein Ausgangspunkt war das große IKEA-Distributionszentrum im Norden Dortmunds, das man vom Dach des U-Turms gut sehen kann. Das ist kein Laden, in den man hineingeht, sondern ein riesiges Hochlager, von dem aus die IKEA-Filialen in Westeuropa beliefert werden. Wenn man es sich auf Google Earth anschaut, ist es mindestens so groß wie die Dortmunder Innenstadt. Davor stehen sehr viele Lkw und nur wenige Pkw. Dort arbeiten, glaube ich, 1.300 oder 1.500 Menschen, weil das Distributionszentrum hochautomatisiert ist.
Der zweite Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass das Ruhrgebiet und besonders Duisburg zu den Endpunkten der neuen Seidenstraßen gehören. Die Belt and Road Initiative ist ein riesiges Infrastrukturprojekt, das China seit 2013 weltweit ausbaut. Häfen werden gekauft, Autobahnen gebaut, Staaten nehmen Kredite auf. Wir müssen realisieren: Das Herz der Welt liegt heutzutage woanders. Wir befinden uns hier an einem Ende dieser großen Netzwerke.

War von Beginn an klar, dass die Ausstellung nicht nur Gebäude, Maschinen und Waren, sondern vor allem die Menschen zeigen sollte?

Thibaut de Ruyter: Das war für uns sofort extrem wichtig. Wir wollten endlich auch die Arbeiter:innen hören, die diese Dinge produzieren. Die Logistikzentren sind unsichtbar, und die Menschen, die darin arbeiten, sind noch unsichtbarer.
Diese Klamotten, über die wir sprechen, werden immer noch von Leuten mit den Händen gemacht. Für uns erscheint ein Label wie „Made in Taiwan“, „Made in Malaysia“ oder „Made in China“ als pure Abstraktion. Deshalb wollten wir nicht nur eine Ausstellung machen, in der man Maschinen und Fabriken sieht. In vielen Arbeiten sieht oder hört man die Menschen oder erfährt etwas über den Alltag von Leuten, die normalerweise unsichtbar bleiben.
Das waren grob unsere Kriterien: Eine Arbeit zeigt einen bestimmten Ort und eine bestimmte Ware, vielleicht auch eine Massenware, aber man sieht oder hört zugleich die Menschen, die dahinterstehen.

Inke Arns: Bei Ali Kazma sieht man Menschen, die Pipelines kontrollieren. Zauri Matikashvili hat seine private Seidenstraße zwischen Georgien, Deutschland und den Niederlanden aufgebaut. Wang Bing zeigt Arbeiter:innen an Nähmaschinen in einer chinesischen Textilfabrik, in einem Ort, der sich auf Kinder- und Babykleidung spezialisiert hat. Bei Cao Fei sieht man Menschen in einer chinesischen Leuchtmittelfabrik von Osram.

Man schaut in der Ausstellung immer wieder Menschen bei der Arbeit zu. Wenn irgendwo „Made in China“ steht, macht man sich viel zu selten klar, dass Menschen diese Dinge produziert haben.
Cao Feis Arbeit „Whose Utopia“ geht noch einen Schritt weiter und fragt nach den Träumen der Arbeiter:innen. Wie ist das Video entstanden?

Inke Arns: Die Arbeit stammt von 2006. Cao Fei hatte eine Residency in einer Osram-Fabrik in China und begann dort, mit den Arbeiterinnen und Arbeitern zu arbeiten. Sie fragte: Wenn du hier den ganzen Tag arbeitest, hast du eigentlich auch Träume? Wovon träumst du? Was ist deine Utopie?
Die Leute erzählten ihr, dass sie davon träumen, Balletttänzerin oder Musiker zu sein, Tai-Chi zu machen und richtig gut darin zu werden. Cao Fei hat diese Träume gemeinsam mit ihnen als kleine Performances in der laufenden Fabrik umgesetzt. Die Arbeiter:innen treten also aus den ihnen zugewiesenen Rollen heraus, während die Produktion um sie herum weiterläuft.

Thibaut de Ruyter: Wichtig ist auch, dass es Osram ist. Osram war ursprünglich eine deutsche Marke mit Fabriken in Berlin; der Name setzt sich aus Osmium und Wolfram zusammen, den beiden Elementen, die für die Glühbirne benutzt wurden. Die Firma existiert weiterhin, aber was Osram heute noch mit Deutschland zu tun hat, ist eine große Frage. Wir haben also nicht einfach nur „Made in China“, sondern: Made in China under a German brand. Das macht die Arbeit für die Ausstellung besonders relevant.

In der Ausstellung zeigt DISNOVATION.ORG einen ziemlich grellen Handystand. Was wird dort angeboten?

Thibaut de Ruyter: Wir verkaufen die einfach. (lacht)

Inke Arns: DISNOVATION.ORG präsentiert die „Shanzhai Archeology“, eine Medienarchäologie unglaublicher Produkte. Es geht um Mobiltelefone, aber nicht um Fälschungen, Fakes oder Raubkopien. Das sind eigenständige Erfindungen des chinesischen Marktes, die es bei uns gar nicht gibt.
Deshalb haben die Künstler:innen bei Reisen über Landesgrenzen manchmal Probleme, weil der Zoll aufmerksam wird und fragt: Was ist denn das? Dazu gehören etwa extrem kleine „Prisoner Phones“, die so winzig sind, damit man sie gut ins Gefängnis schmuggeln kann. Und natürlich das iPhone 3000. Es sind sehr schräge Produkte.

Die Ausstellung versammelt 23 Künstler:innen aus 16 Ländern. Nach welchem Prinzip habt ihr die Orte auf der Weltkarte ausgewählt?

Inke Arns (Videostill: Roman Szczesny)

Inke Arns: Wir haben die Orte eingezeichnet, an denen die Arbeiten entstanden sind oder mit denen sich die Künstler:innen beschäftigen. Wir wollten sie nicht nach Nationalität oder Staatsbürgerschaft verorten.
Michael Loeken und Ulrike Franke haben zum Beispiel in Dortmund den Abbau der Kokerei Kaiserstuhl gefilmt. Gleichzeitig wurde diese Kokerei 2006 in China wieder aufgebaut, also haben sie an beiden Orten gedreht. Beide erscheinen auf der Karte. Ida Kammerloch hat in Manzhouli gefilmt, einer chinesischen Stadt direkt an der chinesisch-russischen Grenze. Deshalb bekommt sie dort einen Punkt.
Uns war außerdem wichtig, Künstler:innen entlang der sogenannten Seidenstraßen einzuladen, auch in Zentralasien. Diese Region ist auf unseren Landkarten oft ein schwarzes Loch oder ein weißer Fleck.

Thibaut de Ruyter: Wir haben auf der Karte keine durchgehende Linie gezeichnet, sondern Punkte, Punkte, Punkte. Trotzdem ähnelt das der historischen Seidenstraße. Waren bewegen sich weiterhin durch Zentralasien und den Kaukasus nach Europa. Die geografische Verteilung der Arbeiten entspricht beinahe den historischen Seidenstraßen. Das ist teilweise Zufall, gehört aber auch zu dem, was zwischen Europa, Asien, Zentralasien und dem Kaukasus passiert.

Wo bleiben trotz dieser Karte blinde Flecken?

Thibaut de Ruyter: Turkmenistan ist eines der deutlichsten Beispiele. Es liegt zwischen dem Kaspischen Meer und Usbekistan und gehört zu den härtesten Diktaturen der Welt. Es gibt praktisch keinen körperlichen Zugang und wahrscheinlich auch kaum künstlerische Arbeiten über die neuen staatlichen Infrastrukturen dort.
Gleichzeitig wird eine Mega-Autobahn gebaut, weil durch die aktuellen Konflikte immer neue Seidenstraßen entstehen. Bestimmte Wege sind plötzlich nicht mehr möglich, also werden andere geöffnet. Turkmenistan wäre für die Ausstellung sehr interessant gewesen, aber das Land ist mehr als geschlossen.

Auch Unternehmen aus Logistik und Industrie dürften wenig Interesse daran haben, Firmengeheimnisse oder Arbeitsbedingungen ausstellen zu lassen. Wie kommen Künstler:innen überhaupt in solche Räume?

Thibaut de Ruyter: Das müsstest du eigentlich die Künstler:innen fragen. Ich bin selbst manchmal erstaunt, wie sie Zugang zu Dingen bekommen, die man normalerweise so gut wie möglich verstecken will.
Ali Kazma hat es geschafft, bei Borusan zu drehen, einer der größten Pipeline-Kompanien der Welt. Pipelines sind vitale Infrastruktur. Er dokumentiert seit 15 oder 20 Jahren Arbeitswelten und wird inzwischen manchmal von Unternehmen beauftragt, einen künstlerischen Blick auf ihre Produktion zu entwickeln – eher Kunst als klassische Dokumentation.
Wir haben allerdings keine Arbeit über Foxconn. Ich denke, wahrscheinlich hat noch kein:e Künstler:in dort Zugang bekommen.

Inke Arns: Auch bei Wang Bing müsste man fragen, wie er in diese chinesische Textilfabrik hineingekommen ist. Ich bin dankbar, dass er es geschafft hat. Cao Fei erhielt ihren Zugang zur Osram-Fabrik durch ein Stipendium. Vermutlich hatte die Fabrik selbst ein Interesse daran. Die Bedingungen des Zugangs sind immer eine sehr spannende Frage.

Die Ausstellung berührt Macht, Ausbeutung, ökologische Folgen und die Kontrolle von Bildern. Wo verläuft für euch die Grenze zwischen künstlerischer und politischer Ausstellung?

Inke Arns: Für mich liegt der Fokus auf den neuen Realitäten. Als wir anfingen, über das Thema nachzudenken, wurde ich manchmal gefragt: „Bist du jetzt für oder gegen China?“ Darum geht es überhaupt nicht. Ich wurde fast dazu genötigt, zu sagen, dass ich kritisch gegenüber China bin. Aber das ist nicht das Thema der Ausstellung.
Uns interessieren Realitäten, die überall zu sehen sind – manchmal besser, manchmal weniger gut. Wir richten den Blick auf die Menschen, die Produkte produzieren, auf die Produkte selbst und auf die Orte, an denen sie entstehen.

Thibaut de Ruyter: Politische Kunst ist sowieso ein schwieriger Begriff. Eine Künstlerin in der Ausstellung wurde verhaftet, und ihre Arbeit ist wahrscheinlich the least political artwork, das man hier sehen kann.
Umida Akhmedova kommt aus Usbekistan. Vor ungefähr 15 Jahren wollte die Schweizer Botschaft dort als Geschenk ein schönes Fotobuch mit einer usbekischen Fotografin produzieren. Umida fotografierte dafür den Alltag: Kinder, die auf der Straße Fußball spielen, Leute auf einem etwas kaputten Fahrrad, eine Braut, die bei einer Hochzeit weint. Sehr zurückhaltende, alltägliche Bilder.
Als die Botschaft das Buch veröffentlichte, leitete der usbekische Staat einen Prozess wegen Diffamierung ein. Jedes Bild wurde genau beanstandet: Ein Kind spielt ohne Schuhe Fußball – das könne nicht sein, weil Kinder in Usbekistan Schuhe hätten. Eine Braut weint – eine Braut weine nicht bei einer usbekischen Hochzeit. Das Buch wurde vernichtet, Umida kam für einige Tage ins Gefängnis, und es gab einen riesigen Prozess.
Jetzt sind diese Fotos in der Ausstellung zu sehen. Sie zeigen das tägliche Leben in Usbekistan, nicht den Orientalismus oder Exotizismus, den man von den Seidenstraßen erwartet. Manchmal wird Kunst politisch, ohne politisch sein zu wollen.

Inke Arns: Der Staat war in diesem Fall vielleicht der aufmerksamste Kunstkritiker. Er hat jedenfalls sehr genau hingeguckt. (lacht)

Während eurer Vorbereitung wurden Lieferketten, Handelskonflikte und geopolitische Engstellen immer präsenter in der Weltpolitik. Hat das den Blick auf die Ausstellung verändert?

Inke Arns: Mein Text in der Publikation trägt den etwas genervten Titel „Lieferketten, so wichtig“. Durch Ereignisse rund um die Straße von Hormus und andere Konflikte wurde noch einmal sehr deutlich, was alles an sogenannten Chokepoints hängt. Ingo Günther thematisiert diese weltweiten Meeresengstellen auf seinen Globen. Dort werden Handelsrouten besonders verwundbar. Wenn eine solche Stelle gesperrt wird, kommt es zu Ausfällen, oder die Weltwirtschaft muss anders routen. Dann werden die Wege länger und teurer.
Das passierte parallel zur Entwicklung der Ausstellung, zieht sich aber durch die gesamte Geschichte der Seidenstraßen. Es gab nie nur eine Linie oder eine lineare Verbindung. Es waren immer Punkt-zu-Punkt-Verbindungen. Je nachdem, wo etwas offen oder geschlossen war, wurde umgeroutet. Es ist ein bisschen wie im Netz: Wenn ein Punkt ausfällt, nehmen die Informationen einen anderen Weg.

Kann Handel Konflikte noch eindämmen, oder ist er längst selbst zu einem zentralen Konfliktfeld geworden?

Inke Arns: Beim Handel sehe ich inzwischen vor allem den Aspekt der Abhängigkeit. Es ist nie gut, sich zu stark von einem Lieferanten oder einem Land abhängig zu machen, das bestimmte Rohstoffe liefert. Je nachdem, wer am anderen Ende der Lieferkette sitzt, kann derjenige sie auf- oder zudrehen. Das wird bei kritischen Rohstoffen oder Seltenen Erden besonders deutlich.
Ich beobachte das gerade beim Lithium, weil wir eine Ausstellung dazu planen. Lange wurde es an sehr weit entfernten Orten gewonnen. Inzwischen gibt es die Bewegung, die Extraktion nach Europa zurückzuholen, weil Europa unabhängiger von prekären oder instabilen Lieferketten werden will. Handel schafft Verbindungen, aber eben auch Abhängigkeiten.

Thibaut de Ruyter: Wenn „Handel“ auf Englisch „deal“ wäre, hätten wir immerhin schon den Titel für das vierte „INDUSTRIAL“-Kapitel: „The Art of the Deal“.

Inke Arns: Du musst aber erst das Buch lesen.

Thibaut de Ruyter: Ich denke, man muss es nicht lesen. Man kann ChatGPT nach einem Resümee fragen. (lacht)

Duisburg und Dortmund sind Endpunkte dieser neuen Seidenstraßen. Spielen sie am anderen Ende überhaupt eine Rolle, oder sind sie nur Stationen einer Lieferkette?

Thibaut de Ruyter: Keine Ahnung, ehrlich gesagt.

Inke Arns: Es sind Endpunkte der Lieferketten, aber ich glaube nicht, dass sie im chinesischen Diskurs eine große Rolle spielen. Genau das hat sich verändert. Früher dachten wir, wir wären das Zentrum der Welt. Inzwischen liegt dieses Zentrum längst anderswo. Das hat auch mit der Wirtschafts- und Industriepolitik in Deutschland und Europa zu tun. Ich sage nur: Solarindustrie. Die Musik spielt inzwischen woanders, und vielleicht sind wir nicht mehr so relevant.

Thibaut de Ruyter: Die Frage ist allerdings nicht neu. Für die europäische Textilindustrie des 19. Jahrhunderts gab es zwei wichtige Baumwollquellen: die USA und Usbekistan. Schon damals stellte sich die Frage, was passiert, wenn Baumwolle aus den USA plötzlich teurer wird und man stärker auf andere Lieferanten ausweicht.
In Manchester gibt es eine Straße, die tatsächlich Silk Road heißt, weil Manchester als Textilstadt im 19. Jahrhundert am anderen Ende dieser Verbindung lag. Die Seidenstraße war damals bereits eine industrielle Seidenstraße. Handel und die Abhängigkeit von weit entfernten Produktionsorten sind uralte Geschichten.

Wie übersetzt ihr diese gewaltigen Netzwerke in die räumliche Gestaltung der Ausstellung?

Thibaut de Ruyter: Es gibt zwei Hauptelemente. Ich wollte den Hallencharakter des U-Turms so gut wie möglich erhalten, weil das Gebäude eine Industriehalle beziehungsweise eine Brauerei war. Die Raumgrenzen bleiben offen, aber für die Videoprojektionen brauchen wir natürlich Flächen. Deshalb verwenden wir Glastransportgestelle als Readymades. Das sind diese industriellen Gestelle, die man manchmal auf der Straße sieht und mit denen große Glasplatten transportiert werden. Sie tragen in der Ausstellung unsere Projektionsflächen.
Dann brauchten wir Sitzgelegenheiten, weil einige Videos sehr lang sind – eine Arbeit dauert fast 15 Stunden. Also haben wir gefragt: Was ist das meistproduzierte Produkt der Welt ohne richtiges Trademark? Der Monobloc-Stuhl. Ein Schweizer Erfinder hatte die Idee, eine Form zu bauen, Kunststoff hineinzuschießen und zack: ein Stuhl.

Inke Arns: Es ist das meistverkaufte Möbelstück der Welt. Es gibt, glaube ich, über eine Milliarde davon. Wir haben unsere Stühle aber nicht gekauft, sondern bewusst bei einem Open-Air-Kino in Bochum ausgeliehen. Wir wollten nicht noch mehr Plastik produzieren.

Thibaut de Ruyter: Lustigerweise tauchen diese Stühle auch in mehreren Arbeiten auf. Bei Umida Akhmedova, bei Zauri Matikashvili und in einigen Videos sitzt plötzlich irgendwo ein Arbeiter auf einem Monobloc. Die Seidenstraße befindet sich dann tatsächlich direkt unter dem Hintern.

Zur Ausstellung gehört auch ein Rundgang durch den Dortmunder Hafen. Was lässt sich dort entdecken?

Inke Arns: Ein Hafen ist für Logistik natürlich zentral. Ich möchte selbst mehr darüber lernen, welche Umschlagplätze es dort gibt. Witzigerweise heißt der Biergarten im Hafen „Umschlagplatz“. Gegenüber sitzt eine Firma namens Deufol, die Transportkisten aus Holz in allen möglichen Dimensionen herstellt.
Vor einigen Jahren wurde das dritte Containerterminal eröffnet, da war die ganze Stadt in Aufregung. Bei dem Rundgang geht es um diese unsichtbare Logistik, aber auch um die koloniale Geschichte des Kanalhafens.

Was kann Kunst über all diese Prozesse vermitteln, was eine klassische Analyse mit Daten, Fakten und Fußnoten nicht leisten kann?

Thibaut de Ruyter: Supereinfach: Sie kann diese Menschen und diese Orte sichtbar machen. Wir haben in der Publikation zwei sehr vernünftige und informierte Essays von Alex Ulko und Mi You, mit richtigen Daten, Fußnoten und allem. Darin wird die Geschichte erzählt. Aber am Ende machen Zahlen allein die Menschen nicht sichtbar.
Die Ausstellung zeigt auch das riesige IKEA-Lager in Dortmund. Man muss auf das Dach des U-Turms gehen, um es überhaupt richtig zu erkennen. Diesen Gebäuden kann man sich kaum annähern, sie sind von Bäumen umgeben, und viele Leute wissen nicht, was dort eigentlich passiert.
Sichtbarkeit bedeutet für mich aber nicht, Arbeiter:innen einfach nur anonym beim Verlassen einer Fabrik zu zeigen, wie im frühen Film der Brüder Lumière. Dort weiß man nicht, wer diese Menschen sind, was sie gemacht haben oder wie ihre Biografien aussehen. In unserer Ausstellung kommen sie in den Erzählungen vor. Zauri Matikashvili, Ida Kammerloch oder Stanislaw Mucha werden nicht nur als Figuren in einer Logistikkette sichtbar. Ihre Erinnerungen, Geschichten und Biografien werden erzählt. Die Leute sprechen. Sie bleiben nicht anonym.

Inke Arns: Die Ausstellung macht das, was man normalerweise unter dem abstrakten Begriff Globalisierung versteht, fassbar. Sie zeigt, dass Globalisierung etwas ganz Praktisches ist und in meiner unmittelbaren Nähe stattfindet. Das passiert nicht irgendwo weit weg, sondern hier vor Ort. Wenn ich raustrete, bin ich da drin.
Kunst kann dafür einen Denkraum öffnen. Die Seidenstraßen sind nicht nur Linien auf einer Karte, und Globalisierung ist kein abstraktes System, das mit unserem Alltag nichts zu tun hat. Wir tragen ihre Produkte, wir benutzen sie, wir sitzen darauf. Wir sind alle Teil davon.

 

Die Ausstellung „INDUSTRIAL – Seidenstraßen 3000“ ist bis zum 10. Januar 2027 in der Kunsthalle Dortmund zu sehen. 

 

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