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„Scham ist ein Mittel der Macht“ – Das Sophia Süßmilch Interview

Sophia Süßmilch ist Malerin und Performancekünstlerin. Ihre Arbeiten beschäftigen sich auf humorvolle und verstörende Weise mit Weiblichkeit, Körpern, Scham und Offenheit. Einen Einblick kann man sich monatlich in der titanic oder auf ihrem Instagram-Account verschaffen. Jasper Nicolaisen hat sie in ihrem Atelier in Berlin zum Gespräch getroffen.

Der Anlass unseres Interviews ist der Mini-Shitstorm, der sich jüngst über dich ergossen hat. Eine ziemlich absurde Anzahl von Menschen hat sich online über eins deiner Werke aufgeregt, und zwar vor allem mit dem erbosten Hinweis, man solle doch für „so was“ kein Essen verschwenden. Kannst du kurz erzählen, um welches Werk es ging und was der Aufreger eigentlich war?
SOPHIA SÜSSMILCH Es ging um eine Arbeit mit meiner Mutter. Sie heißt „Everything is Beautiful and Nothing is Broken“. Früher hat man ja angeblich Geschirr in Butter transportiert, damit es nicht zerbricht. Ich sitze also mit meiner Mutter in einem Berg vermeintlicher Butter. Außen sind Blumen drangesteckt. Die Butter war in Wirklichkeit Margarine, weil es natürlich viel zu teuer ist, Butter herzunehmen. Aber ich finde, zu postulieren, dass es Butter ist, das hat etwas viel Schöneres. Und da sind die Leute abgegangen mit der Lebensmittelverschwendung. Es ist aber nicht das erste Mal, dass mir so was passiert. „Was ist mit dem Baguette danach passiert?“ „Ist das ein echter Fuchspelz-Mantel?“ Ich denke mir dann so: I’m not gonna save the world. Ich finde das komplett lächerlich. Die Leute sollen sich doch bitte bei Nestlé aufregen, nicht bei mir.

Aber warum hängen sich die Leute ausgerechnet an dem Essen auf?
Ja, man könnte unter der Prämisse jeden, der nicht komplett vegan lebt, im Internet beschimpfen. Ich glaube, die finden das einfach schlecht und können nicht verstehen, warum das Kunst ist. Und dann regen sie sich halt über so was auf. Ich bin ja schon relativ abgebrüht, weil ich schon schlimmere Shitstorms hatte.  „This is bad, you’re not an artist, you’re bad, you’re ugly.“  Leute haben angefangen, mich auf Insta zu stalken und dort alles zu kommentieren. Ein Typ hat angefangen, Zeichnungen von mir selbst nachzuzeichnen, um mir zu beweisen, dass ich schlecht zeichne. Natürlich waren seine Zeichnungen dann schlecht, aber obwohl man keine Ahnung von Kunst hat, erlaubt man sich so was. Kurzzeitig habe ich alles auf privat geschaltet. Eine hat mir persönlich geschrieben: „Why don’t you do a performance with a toaster in the shower?“ Ich habe dann zurückgeschrieben: „Why did you say this? I’m a person.“ Auf ihrem Profilbild sah die total hippiemäßig aus mit ihrem Kind, und dann so was. Ich weiß nicht, was das ist.

Du machst viele Bilder und Performances, wo du deinen Körper zeigst, wo es auch um Sexualität geht. Da hatte ich so was leider schon erwartet.
Das kam sogar aus Künstlerkreisen. Einer hat mal eine Insta-Story, wo ich nackt vor einer Leinwand getanzt habe, kommentiert mit „Bah, die Oide ist echt so grauslich und durchgeknallt!“ Ich glaube, er wollte das jemand anders schicken und hat es aus Versehen an mich gesendet. Das war der beste Freund eines Kurators, mit dem ich damals zusammengearbeitet habe, und das war echt schwierig, weil ich natürlich diesem Kurator nicht sagen konnte: Ey, ist das deine Sippe oder was? Da fühlt man sich plötzlich sehr ungeschützt. Das Schlimme war, sogar Freunde haben gesagt, wenn man nackt im Internet ist, weiß man doch, was dann passieren kann. Das sind halt Deppen! Aber es macht ja trotzdem was mit mir.
Es gibt ein Video, das heißt „Stillleben mit Wassermelone und Sexualität“. Ich bin nackt und gehe seitlich in die Wassermelonen rein und einfach wieder raus. Dabei sieht man meine Vulvalippen sehr. Ein Typ hat mit dann geschrieben, ob es okay wäre, wenn er den Film zu seinem xhamster-Profil hinzufügt. Natürlich nicht, aber er fand es dann voll geil, dass ich mich beschwere, wie er mich sexualisiert. Der schreibt mir jetzt ständig mit neuen Profilen „Everyone can see your very long lips“ und so was. Da will ich dann am liebsten einen Anwalt einschalten. Andererseits: Ich weiß, wie ich aussehe, er probiert mich damit zu verletzen, aber es gibt nichts, womit er mich verletzen kann. Das ist das Gute daran, dass die ganze Welt mich schon nackt im Internet gesehen hat. Dadurch bin ich sehr unverletzlich. Er kann es tausend mal schreiben. Ich denke nur, krass, was glaubst du, wer du bist?

Du hast jetzt schon mehrmals angesprochen, dass dich so was nicht kalt lässt. Möchtest du überhaupt davon erzählen, wie dich das betrifft?
Das finde ich okay und wichtig, ja.

Wie schlägt sich das denn bei dir nieder?
Bei dem Freund des Kurators zum Beispiel hatte ich dann kurz das Gefühl, eine lächerliche Person zu sein. Ein Gefühl der Verunsicherung. Bin ich vielleicht wirklich total lächerlich in dem, was ich mache? Das ist Patriarchat. Scham ist ein Machtmittel, das auch Gesellschaften kontrolliert, das eine Funktionalität hat. Ich will mich aber nicht beschämen lassen. Ich bin froh, wie gut ich das inzwischen abwehren kann.

Ich finde viele von deinen Sachen auch lustig – aber nicht nur. Es scheint mir oft eine interessante Mischung aus: Schau mal, das ist ja witzig, aber auch: ich bin stark und mutig. Findest du das richtig beschrieben?
Nee. Bei mir geht es nicht um Mut. Ich habe zum Beispiel Probleme, in die Sauna zu gehen. Das bin aber ich, privat. Sobald es in einen künstlerischen Kontext geht, kann man mich nackt hinstellen vor 10 000 Leuten. Das ist ein bisschen wie dissoziieren vom eigenen Körper. Ich benutze ihn als Werkzeug. Ganz in mir sein, das ist was anderes, das nutze ich aber nur privat. Vielleicht wäre es ein Ziel, irgendwann ganz als Ich vor 10 000 Leuten stehen zu können. Aber dann bin ich halt auch verwundbar. So lange mein Tool da ist, bin ich nicht verwundbar. Diese Tool behandle ich natürlich aber auch sehr liebevoll. Mein Körper macht ja was für mich. Ältere Freundinnen sagen mir oft, es ist ihnen inzwischen scheißegal, wie sie aussehen, Hauptsache, es funktioniert noch alles. Wahrscheinlich kommt man immer mehr da hin.

Bekommst du auch positive Rückmeldungen, von Leuten, die sich gestärkt fühlen?
Ja, viele. Absolut. Ich freue mich auch immer, wenn mit bei Instagram jemand schreibt, warum das wichtig für sie ist. Meistens sind es halt Frauen natürlich. Was mit wichtig ist an der Arbeit ist, dass es um Spaß geht. Um kindliches Spielen. Das ist glaube ich genau das, was viele gar nicht aushalten. Wenn es wie in den 70ern wäre und ich quäle mich, wie es Frauen halt dürfen, dann wäre es okay. Ich mache ja nichts Besonderes. Ich mache ja wirklich Quatsch.

Das ärgert dann viele Männer? Die hat Spaß, die spielt ja nur?
Das ist ein ganz großer Antrieb zu sagen, dass das keine Kunst ist.

Dann ist es keine Kunst! Wenn die sich das rausnimmt, nur zu spielen.
Genau.

Geht es für dich auch um Humor?
Absolut. Ich glaube, dass ich Körpererfahrungen gemacht habe, wie sie viele Frauen machen. Mit Diäten und Beschämungen. Ich habe ja schon sehr große Brüste. Ich kann die Feuerzeuge gar nicht zählen, die mir da schon dazwischengesteckt wurden. In den 90ern war das aber noch so ein bisschen normaler. Man hat halt gelacht. Natürlich ist Humor in der Malerei für mich auch ein eskapistisches Mittel, um einen Denkraum zu eröffnen, ein Aufatmen aus Diskursen. Wenn du lachst, hast du mehr Möglichkeiten und mehr Energie. Manchmal denke ich, es ist vielleicht feige und ich nehme mich nicht ernst in den Arbeiten. Neuerdings habe ich den Gedanken, dass ich nicht immer nur funny shit machen sollte. Aber ich habe andererseits auch Videoarbeiten mit einem sehr viel ernsteren Ansatz. Für mich geht es auch im Moment des Machens um den Energiegewinn. Tatsächlich auch mit anderen Leuten. Das ist schön und macht Spaß. Ich kann Quatsch auch einfach  gut.

Wenn es viele, gerade männliche, Betrachter ärgert, findet ich den Quatsch schon auch politisch. Es steckt ja immer auch etwas anderes drin. Ich war zum Beispiel überrascht, dass du mehrere Arbeiten mit deiner Mutter zusammen gemacht hast. Habt ihr so ein gutes Verhältnis?
Wir haben schon eine enge Beziehung und war vielleicht früher schwierig, weil es auch dahin gekippt ist, dass ich für sie die Mutter- oder Schwesterrolle hatte. Innerhalb unseres Familiensystems ist das jetzt nicht so eine krasse Grenzüberschreitung, was in der Kunst passiert. Sie ist einfach sehr cool mit ihrem Körper und ihrem Auftreten. Wenn ich sie säuge oder sie mich, das ist halt dann Körper. Ich hatte da nie Berührungsängste, auch mit meinen Geschwistern nicht. Manche Freundinnen von mir haben ihre Brüder nie nackt gesehen. Das ist doch aber normal!

In manchen Familien sicher nicht. Aber wenn sich das für euch so okay anfühlt, ist doch gut.
Da sind bestimmt auch schwierige Sachen.

War deine Mutter ein Vorbild für dich? Für weniger Scham?
Ich selber habe schon Scham entwickelt, durch BRAVO lesen und die peer group. Meine Oma hat ein bisschen einen Knall gehabt, was Körper und Essen angeht. Meine Schwester war dann tatsächlich magersüchtig. Bei meiner Mama hieß es dann aber auch: Warum sperrst du die Badezimmertür zu? Und ich fand, ich bin 12, ich mache jetzt die Tür eben zu. Dann hat sie mich auch gelassen. Aber in der Pubertät hat sie schon oft meine Schamgrenze übertreten. Es ist alles immer so ein bisschen schwierig und tendenziell grenzenlos bei uns in der Familie.

Da ist der Kunstraum dann ja vielleicht ganz gut, um das noch mal anders ein …
Auszuleben! Vielleicht auch darzustellen.

Ich kann mir vorstellen, das ärgert auch viele Betrachter.
Meine Mutter?

Ja, da gibt es dann auch noch diesen Familienraum, der so scheinbar so ungehemmt ist. Da wird noch mal etwas ins Bild gesetzt, das vielen unangenehm ist, kann ich mir vorstellen. Was die sich wieder rausnimmt!
Weißt du was ich mir denke? Wenn ich ein Typ wäre und das mit meiner Mutter machen würde, wäre ich jetzt schon weltberühmt. Schau dir mal Jonathan Meese an. Der hat ja auch so ein Mutterding. Aber wir sind ja nur zwei Frauen. Wir können ja nicht wirklich Kunst machen. Alles, was die können, ist sich ausziehen. Nackt machen, Aufmerksamkeit erzeugen, das ist dann der Vorwurf. Der schöne Begriff attention whore.

Stimmt, wenn Typen das machen, ist es sofort was anderes!
Total. Anfangs habe ich übrigens mit meiner Mama gearbeitet, weil ich kein Geld für Schauspieler hatte. Ich wusste, mit der Mama kann ich viel machen, die will mich unterstützen und die hat auch Lust drauf. Mittlerweile ist es so, wenn ich sage, Mama, Berlin, Performance, wie sieht’s aus? Dann sagt sie so dramamäßig: Na gut, dann fahre ich halt nicht in den Urlaub, ich komme. Sie will mir schon sagen, dass das eine Bürde ist (lacht).

Hat sie selber einen künstlerischen Background?
Nein, sie hat in der achten Klasse die Schule abgebrochen und ist zu Osho gegangen. Und dann mit 17 schwanger geworden. Sie würde glaube ich gerne. Sie fotografiert gerne. Hat viel mit uns gebastelt und gemalt als Kinder. Sie ist krass kreativ veranlagt, musste aber, als mein Vater gestorben ist, als ich 15 war, mit den fünf Kindern seine Firma aus dem Nichts heraus übernehmen.

Was ist das für eine Firma?
Hausmeisterei, Boden legen und Wohnungen renovieren. Das macht sie alles. Sie ist fantastisch. Installationssachen und Elektrizität macht sie nicht, weil das halt abgenommen werden muss, wegen der Haftung. Aber sie kann es auch.

Wer den Beitrag vom BR über Süßmilchs Kunst auf YouTube sehen will, muss in einem Online-Verfahren erst sein Alter belegen.

Was wünschst du dir für die Zukunft? Wie soll es weitergehen mit den Reaktionen der Welt auf deine Kunst?
Ich will, dass es alle kaufen und dass ich ganz reich werde. Ich will Anerkennung und Preise bekommen. Im Zweifel würde ich mich aber immer für die Anerkennung entscheiden und nicht für das Geld.

Von wem willst du gerne anerkannt sein?
Von den ganzen Leuten, die ich nicht mag (lacht). So ist das in der Kunst! Künstlerin sein ist doch irgendwie das ständige Trauma-Wiedergutmachen, dass man nie Klassensprecherin war. Natürlich will man so von den höchsten Höhen der Kunstwelt Anerkennung. Ich würde manchen Leuten gerne eins auswischen und dann ihre Reaktion sehen. Das sind halt so Rachegedanken.

Trotzdem bleibst du ja online präsent. Man kann als Künstlerin nicht sagen, sorry, ich mache da nicht mehr mit?
Nö. Bei mir hätte nichts funktioniert ohne Insta. Sichtbarkeit, nicht angewiesen sein auf Galerien.

Und du scheinst Bock zu haben, diese Dinge zu machen, die so konfrontativ sind. Überrascht es dich ehrlich, wenn Leute das krass finden, was du machst?
Ich finde es nicht konfrontativ, was ich mache. Für mich ist es in erster Linie lustig, Slapstick.  Das ist das Spiel der Gesellschaft und mir, dass ich sage: ich finde es weder konfrontativ noch provokativ. Es ist ja nicht in meinem Kopf, dass ich sage: was könnte ich jetzt wieder Provozierendes machen. Dann würde ich andere Sachen machen.

Was denn?
CSU wählen. Ich könnte ja sonst welche Aussagen treffen. Immer in eine Kerbe hauen.

Hat das was Trotziges? Moment, das sollte doch nicht provozierend sein, wenn ich hier mit meinem Körper spiele, was ist bitte daran falsch?
Ich bin da. Ich bin einfach da. Klar, kann man sagen, das ist Trotz. Als Frau musst du ja immer auch mit deinem Blick durch die Welt trotzig sein. Weil du deinen Blick ja zu senken hast. Trotz ist bestimmt auch dabei. Hauptsächlich will einfach nicht mehr eine Performance machen, wo ich drei Stunden die Luft anhalte. Ich will was machen, wo ich mich drei Stunden massieren lasse. Man darf reinkommen und mit mir reden, aber nur, wenn man mir etwas Gutes tut.

Was wahrscheinlich wieder eine unendliche Provokation wäre: die lässt es sich einfach gut gehen und strengt sich gar nicht an!
Die intellektuellen Boys, aus der Klasse, wo ich studiert habe, die waren immer so: Ist ja völlig durchschaubar, was du da machst. Mir geht es aber auch nicht um Undurchschaubarkeit oder irgendwas Mystisches.

Viel so Männerkunst ist jetzt aber auch nicht gerade tiefsinnig.
Nein, wirklich nicht.

Das Interview führte Jasper Nicolaisen

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