Montag, 22.10.2018
Ein Plädoyer für mehr Reflexion unserer Erwartungshaltungen an Musiker_inenn von Silvia Silko.

Social Media Kills The Musicstar – macht der Social Media Zwang die Musiker_innen krank?

East-India-Youth-East India Youth – ständig müde, permanent unter Druck

“Mein Künstlername war der von mir meist genutzte Hashtag”, erzählt mir William Doyle (alias East India Youth). Mit diesem habe er seine Konzerte „wahnsinnig unmittelbar” und komprimiert zusammengefasst. Er lacht kurz bevor er hinzufügt: “Dass die direkte Reaktion des Publikums während ich auf der Bühne stehe viel unmittelbarer und vor allem ungefilterter ist, habe ich dabei manchmal ein bisschen vergessen.”

Doyle wirkt aufgeräumt bei diesem Rückblick auf seinen bisherigen Karrierehöhepunkt bei seinem Vortrag auf dem Sørveiv-Festival in Kristiansand. Er wollte schon immer Musiker werden. Genaugenommen seit er mit 12 Jahren in seiner britischen Heimat Bournemouth mit ein paar anderen Kids seine erste Indieband-Versuche unternommen hat. Als er 2014, mittlerweile in London lebend, sein Debüt “Total Strife Forever” veröffentlicht, bedeutet das den Durchbruch. Er unterschreibt bei XL Recordings, wurde für den Mercury Music Preis in der Kategorie “Album Of The Year” nominiert und absolvierte in der Folge ausgiebige Touren – während derer er kontinuierlich an seiner zweiten Platte “Cuture Of Volume” arbeiten musste.

“Das klingt alles genau so, wie man es sich als Newcomer wünscht, oder?“, merkt er lachend an. „Aber es war furchtbar! Ehrlich gesagt: Ich war ständig müde, stand permanent unter Druck, habe viel getrunken, schlecht gegessen. Durch den ganzen Druck konnte ich nicht an meiner Musik arbeiten und war frustriert.” Den Zwang, dabei permanent sichtbar zu sein, beschreibt Doyle als grauenhaft “Ich war wirklich süchtig nach der Anerkennung aus dem Netz. Ich bin von der Bühne gegangen und mein erster Griff galt dem Handy. Vor dem Schlafengehen, nach dem Aufstehen: Griff zum Handy.”
Sein Leben wurde dominiert vom Gefühl, zu jeder Zeit “upgedatet” sein zu müssen, anderen sein Leben in allen Facetten darstellen zu müssen, nichts auszulassen. Und so dauerte es nicht lange, bis Doyle die Gewissheit überkommt, dass für ihn eine erfolgreiche Karriere als Musiker nur mit vielen Entsagungen an seine Persönlichkeit einhergehen kann – Doyle gab ein gutes halbes Jahr nach der Veröffentlichung seines zweiten Albums “Cuture Of Volume” Anfang 2016 bekannt, dass er auf unbestimmte Zeit Pause von dem Projekt East India Youth machen würde. Er distanzierte sich von allem, was ihn in den zwei Jahren krank gemacht hatte, legte das Handy weg, fror seine Social Media Zugänge ein, verließ die Metropole London und stoppte das unerlässliche Touren – er kam zu sich. “Es war das Heilsamste, was ich als Künstler tun konnte”, attestiert er rückblickend und betont, dass das gesamte Business und seine Rolle darin an seinem wüsten Seelenleben schuld waren – nicht nur das Beziehungsgeflecht zwischen seinem Künstlerischen Ich und der Social Media Welt, wobei letzteres „durchaus entscheidend zu meinem schlechten Zustand beigetragen hat.”

East India Youth hat William Doyle bisher nicht mehr reaktiviert, doch produziert er mittlerweile unter seinem bürgerlichen Namen Musik – in seinem eigenen Tempo.


Friede, Freude, Burnout

Borgstedt-CoverSocial Media hat das Potential Menschen krank zu machen. Menschen die dank ihres Jobs sowieso im Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit stehen umso mehr. Gerade im Abgleich mit den Pre-Internet- und vor allem Pre-Smartphone-Zeiten zeigt sich wie eklatant das Verhältnis von Fan und Künstler umgeschrieben wurde. Noch 2007 spricht Silke Borgstedt in ihrem Buch “Der Musik-Star” von dem Star als ungreifbares Ideal, als Koryphäe, die wir als Fans niemals erreichen werden – wessen wir Fans uns bewusst sind. Es herrscht ein stetiges “Informations-Defizit” (Borgstedt, Seite 53) zwischen dem Fan und seinem geliebten Star. Man könnte sagen, dass die Fan-Liebe aufgrund dieser Unerreichbarkeit erst zu dem wird, was sie ist.

Wer weiß, wie vielen Seelen The National schon über Liebeskummer hinweggeholfen haben? Frontmann Matt Berningers Texte sind gerade wegen der Wut des Autors, der offenen Zurschaustellung seines Schmerzes und der in ihnen stets präsenten Melancholie so intensiv. Aber auch wenn The National beziehungsweise Matt Berninger mir mit ihrer Musik besser über meine letzte Trennung hinweggeholfen haben als so mancher Freund, werde ich mich ziemlich sicher niemals mit ihm auf ein Bier treffen, um über meinen Liebeskummer zu sinnieren. Und das ist auch gut so, so bleibt die abstrakte Enthobenheit zu – seinem und meinem – Alltag gewahrt, die private Person hinter meiner Projektionsfläche “Matt Berninger” bleibt ein wenig geschützt. Es macht auch nichts, dass ich ihm nicht real zuprosten werde und er über meinen Lieblingswitz lacht, mir als Fan reicht die Vorstellung, dass jemand der mich und mein gebrochenes Herz so gut versteht, sicherlich auch super mit mir in einer Bar abhängen und meinen Lieblingswitz gut finden würde. Der Glaube daran ist entscheidend und macht zusammen mit der Ungewissheit, dass es auch anders sein könnte, die Magie aus.

Der unüberwindbare, anonyme Graben zwischen den Fans und den KünstlerInnen ist wichtig, wie Borgstedt festsetzt: “Die Dichotomie von ‘öffentlicher’ und ‘privater’ Identität lässt sich daher nicht auflösen, sondern ist im Gegenteil konstitutiver Bestandteil des Starphänomens.”

Paparazzi des eigenen Privatlebens

Mit jedem neuen Medium wurde die Distanz zwischen KünstlerInnen und Fans im Laufe der letzten Jahrzehnte schmaler. Während man zu Zeiten der The Beatles noch angewiesen auf Radio, Magazine und Fernsehen war, um etwas über die Künstler_innen zu erfahren, liefern diese heutezutage direkt und in hoher Taktung an.
An den Grundsätzen des Showbusiness hat sich seit den 1960er Jahren nichts verändert: Es gibt immer noch die, die im Rampenlicht stehen und geliebt werden wollen und die, die in dieses Licht schauen und uneingeschränkt lieben wollen. Nur haben sich sämtliche Kanäle, Dimensionen und Schwellen um dieses Faszinosum verändert. Der Fan erhält seine Informationen nicht mehr als passive/r Zuschauer_in oder Leser_in, sondern nutzt selbst eben jene Möglichkeiten, die auch die Musiker_in für seine Sichtbarkeit nutzt. Somit steht er auf der vermeintlich selben Ebene wie diese – und könnte es theoretisch auch jederzeit zum Starstatus schaffen. Klar bietet das Möglichkeiten: Gute Bands und Musiker_innen bekommen viel schneller sehr viel mehr Aufmerksamkeit. Die Fat Cats eines Major-Labels haben nicht mehr ganz so viel Macht, die nächsten Trends zu bestimmen. Musiker_innen sind autonomer und können (vermeintlich) schneller reagieren, sie können mit ihren Fans direkt kommunizieren. Man könnte sagen: alle sind sich in dieser Welt ein Stückchen näher gekommen – Friede, Freude, Burnout.

Dank Social Media und seinen unendlichen Möglichkeiten der Selbstinszenierung, Selbstvermarktung und auch Distribution des eigenen künstlerischen Katalogs ist eben auch die Bürde für jede/n einzelne/n Künstler_in angestiegen. Es ist nun nicht mehr nur die Künstler_in die Ware, sondern auch ihr oder sein Privatleben, die Outfits, die Essgewohnheiten, die Freund_innen, das Ausgehverhalten…
Das alles war zwar schon früher spannend und man freute sich, wenn es einen Schnappschuss vom der Künstler_in der eigenen Begierde beim Müllwegbringen in Schlappen gab. Heute wird aber ständig alles offen gelegt. Diese ewige Sichtbarkeit und das Erscheinen auf Bildschirmen wird jedoch nicht nur von den Megastars erwartet – die es sich vielleicht sogar leisten könnten, jemanden für diese Art der Kommunikation zu bezahlen – sondern von jede/m, der es zu was bringen will. Das Bigotte daran: Die Künstler_in muss dies auch noch selbst leisten, muss sich auch auf Instagram lustig, geistreich, kreativ zeigen und den Fans nahe sein, sie müssen sozusagen selbst der Paparazzi des eigenen Privatlebens werden. Sind sie dazu nicht bereit, ist mit Einbußen an der Fanfront und bei den Labelkassen zu rechnen. Natürlich kann auch auf diesem Kanal inszeniert werden, aber nur bis zu einem gewissen Grad, so wird beispielsweise intensiv darüber diskutiert, ob es okay ist, dass Beyoncé auf Instagram nur anhand professioneller Fotografen-Bilder in Erscheinung tritt.

Second Life

Social Media Kanäle wie Instagram sollen hier keineswegs verteufelt werden. Sie wären nicht so erfolgreich, wenn sie nicht Grundbedürfnisse menschlichen Narzismusses bedienen würden. Aber anders als Sascha Kösch noch in der De:Bug vor zehn Jahren (Web 2.0. Identitätskrisen-Kompatibilitäts-Check. In: De:Bug. Magazin für elektronische Lebensaspekte, Heft 120. 03/2008) behauptete, kreiert Social Media nicht zusätzlich zu unserem ‘echten Leben’ “weitere” Identitäten – sondern formt unsere einzige Identität. Die Idee des Second Life, einer versteckten, digitalen weiteren Identität, die nichts mit unserem realen Alltag zu tun hat, ist längst überholt. Unsere Online-Präsenz hat einen ähnlichen Stellenwert wie unsere physische Erscheinung im alltäglichen Leben. Deshalb sind auch Hass-Kommentare in Facebook-Diskussionen strafbar und deshalb werden Bewerber_innen auf einen Job vom potentiellen Arbeitgeber gegoogelt. Uns gibt es nur einmal – und in diesem einen Mal vereint sich die digitale mit der analogen Seite unseres Daseins. Ob es uns gefällt oder nicht: In unserer westlichen, kapitalistisch-aufgeklärten Welt gibt es kein Offline-Leben im Online-Leben. Natürlich ist das Reallife notwendig und das Internetlife nur hinreichend. Dennoch sind wir vom Internet in sämtlichen Lebensbereichen umgeben – Tendenz steigend – und sich dem zu entziehen, ist schier unmöglich. Auch wenn man sich als Künstler_in und/oder Privatperson der Nutzung von Social Media abwendet, ist das bereits eine Haltung, die mindestens gerechtfertigt werden muss. Von Personen öffentlichen Lebens noch viel mehr als von Privatpersonen.

All das entwickelt einen immensen Druck, der auf Musiker_innen lastet. Mittlerweile wird ihrer Gesundheit mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Studien wie “Can Music Make You Sick?” der University Of Westminster (2016) skizzieren bereits das psychische Krankheitsbild und die Gefahren, die für Musiker_innen lauern. Teil des Problems ist die Industrie, die weiterhin glaubt, dass es okay sei, für Ticketverkäufe und Klicks unerschrocken das Privatleben ihrer Künstler_innen zur Schau zu stellen. Genau wie wir Fans erwarten, dass sein Lieblingsstar sich ihm offenbaren muss. Ganz so als gehöre sie oder er ihm, nur weil er auf seinem Spotify-Account für 10 Euro im Monat fünf mal die Musik angehört hat. Der Umgang und vor allem das Bewusstsein für Social Media Nutzung ist immer noch erschreckend naiv bei Musikproduzent_innen, Labels und Vertrieben und Musikhörer_innen.

Das hier ist kein Appell dazu, seine Social Media Nutzung einzustellen. Das wäre nicht nur weltfremd, sondern geradezu unmöglich. Es geht nicht ums ob, sondern um das wie. Als The Buggles 1980 von ihrer Angst sangen, dass das Medium Video den Radiostar töten würde, war diese noch unbegründet. Lasst uns nun dafür sorgen, dass Social Media nicht zur ernsthaften nächsten Gefahr wird.

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