Die schöne Geschichte für vorm Kamin

Magd sein bei Radiohead  

Popmusik schreibt Geschichte. Sie erzählt uns von Hits, von Träumen, Utopien, Sex und von Annenmaykantereit. All das in einer intellektuellen wie eseligen Sprache zu überliefern, übernahmen früher blasse Autoren mit Parkas und dicke Brillen. Mittlerweile gilt diese Spezis als ausgestorben. Obwohl, ein Musikjournalist hat davon noch nichts mitbekommen…
Begleitet Linus Volkmann auf einem Abenteuer in Pop, das seinesgleichen sucht.

Radiohead. Wer kennt sie nicht? Hier ein aktuelles Foto der Gruppe.

Ich laufe ziellos durch verwinkelte Gänge. Wo kriegt man in diesem Backstage-Bereich der hässlichen Mehrzweckhalle bloß Netz?

Da beim Feuerlöscher vielleicht?

Auch nicht.

Ich muss doch dringend meine Story bei Instagram hochladen. In einer halben Stunde ist das Netz voll mit holprigen, zufälligen Videoschnipseln von dem Radiohead-Konzert gerade eben. Dann ist mein verwackelter Kram hier wertlos, keine Studienräte befriedigen sich dazu mit einem guten Glas Cognac in den Kamin – oder wie die Mediennutzung von Radiohead-Fans halt sonst so ist.

Jetzt muss man jedenfalls schnell sein.

Ich drücke die Klinke einer weiteren schweren Brandschutztür runter. Sie öffnet sich, ah, einer der Dressing-Rooms. Auf der Bank sitzt Thom Yorke, Sänger von Radiohead. Er hält sich den Bauch, am Boden eine Lache aus Blut. Ach, du Scheiße. Allerdings immerhin zwei Balken Empfang hier.

York stöhnt.

Was ist schon bisschen Smartphone-Empfang gegen ein Menschenleben? Das ist mir natürlich klar – ich bin ja Sternzeichen Wassermann.

„Somebody shot me!“ murmelt der britische Sänger. Ich stehe etwas verlegen da, was antwortet man in so einer Situation?

Ich nicke einfach. Er nickt zurück.

Cool.

„Ja, sorry you are dying, Mister Yorke.“

“I’m Colin Greenwood.”

Colin wer?

Vermutlich sieht er mir meine Irritation an.

„Colin Greenwood, the bass player.”

Ich raff’s immer noch nicht.

„The bass player of Radiohead…”, er beginnt zu husten.

Ach so. Stimmt! Das hier ist gar nicht Thom Yorke, das ist der Bassist.

Da bin ich aber erleichtert.

Allerdings mittlerweile schon wieder keinen Empfang mehr bei den mobilen Daten.

Wie hatte es bloß soweit kommen können?

***

Es begann vor ein paar Monaten. Mit ein paar anderen übriggebliebenen Redakteuren sitze ich im Konferenzraum. Wir waren mal ein Musikmagazin.

Der Markt und die Kids haben uns die letzten Jahre allerdings unmissverständlich klar gemacht, dass wir nicht mehr gebraucht werden.

Ein Wink des gereizten Verlegers und wir müssen ins Schwert gehen. Umso gruseliger daher, als jener plötzlich in der Tür steht. Er kaut auf einem Streichholz, trägt Hosenträger, hochgestellten Kragen und ein Hütchen wie Pete Doherty in den Nuller Jahren.

Absolut lächerlich, aber wem soll man sowas hier noch zuraunen? Die Kollegen haben den Blick gesenkt. Sie erwarten das Schlimmste – oder neue Ideen vom Marketing. Obwohl… das ist ja immer das Schlimmste.

Angeblich soll sich unser Verleger regelmäßig mit Trude Springer zum Petting treffen.
Kenne mich mit der Springer AG nicht so aus, aber ist die nicht schon tot? Na, geht mich ja auch gar nichts an.

„Volkmar! Wir haben eine Koop eingetütet mit einer Plattenfirma. Du machst eine große Reise – auf deren Kosten!“

Wow, er muss sich im Jahrzehnt geirrt haben. Eine bezahlte Reportagen-Reise, wann hat es das in der Kulturbranche zuletzt gegeben, denke ich.

„Wer hat denn etwas von einer Reportage gesagt?“

Interessant, der Chef liest also meine Gedanken. Das dürfte auf Dauer noch einige Probleme mit sich bringen.

Er leckt sich die Finger, ohne etwas gegessen zu haben und ergänzt: „Du begleitest eine bekannte Band auf ihrer Welttour.“

„Dann ist das doch eine Reportage?“ frage ich, meine melancholischen Journo-Knopfaugen mustern den Plutokraten sanft.

„Na, ja, wenn Du so willst. Wir brauchen am Ende allerdings keinen Text von dir und Du wirst von der Band zu Arbeitseinsätzen eingeteilt.“

Okay, das ist eher ungewöhnlich, dass man als Autor plötzlich zum Roadie wird. Hoffentlich wiegen die Sachen, die man bei so Großveranstaltungen schleppen muss, nicht allzu viel.

„Nicht Roadie“ – das Kapitalistenschwein liest schon wieder meine Gedanken – „im Business-Affairs-Meeting haben wir uns auf den Begriff Magd verständigt!“

Magd?
Nicht so toll, oder?
Obwohl eigentlich fast wie im Märchen. Die Magd mit dem Diktiergerät.

Dem Verleger ist mittlerweile langweilig, er möchte telefonieren oder in eine relevante Sitzung. Printredaktion, das ist mittlerweile ja eher wie Zivildienst, FsJ oder Ehrenamt.
Er formt mit Daumen und gekrümmtem Zeigefinger einer Hand einen Kreis, hält ihn mir vor die Nase, brüllt „REINGEGUCKT!“

Daraufhin schlägt seine Faust mit voller Wucht gegen meinen Oberarm.
Unangenehm, aber man muss auch seine Seite verstehen.

***

Wenige Tage drauf stehe ich an einer Autobahnraststätte und warte auf den Bus der Band, die mich hier abholen soll. Hoffentlich eine gute. Die meisten Musikgruppen, die sich überhaupt einen Bus leisten können, finde ich traditionsgemäß zum Kotzen. Zu Fuß gehen ist ihnen wohl nicht mehr gut genug? Sell out!

Ein Bus rauscht heran, auf der Seite steht „Frei.Wild“, ich renne eine recht lange Zeit winkend nebenher, bis ich endlich begreife, dass er gar nicht vor hat anzuhalten.

Noch mal Glück gehabt, denke ich, als ich außer Atem zurück zur Raststätte trotte. Allerdings nur bis ich erkenne, welcher Bus dort nun angehalten hat: Radiohead.

Ein Bühnenprogramm, mit dem ich einst unterwegs war, trug den Titel „Die Beatles sind Idioten – Radiohead auch“. Aber das dürften sie – wie allgemein das Publikum – nicht mitbekommen haben. Andererseits weiß man bei einer Band wie Radiohead, deren Sound so klingt, als würden Käferfressgeräusche digitalisiert, nicht, wo die so ihre Augen und Ohren hat.

Die Begrüßung fällt jedenfalls normal frostig aus. Mit mir sprechen ohnehin nur die anderen Mägde und Knechte. Einer hat gerade einen Baum gefällt, nachdem Sänger Thom Yorke dagegen pinkelte. Vermutlich so eine Art Tour-Ritual. Kapiert man sicher, wenn man länger mitfährt. Im Fußraum eines Neunsitzers mache ich es mir – gut, bequem wäre jetzt zu viel gesagt, aber was soll’s… Hauptsache es geht endlich los.

Unser Tross besteht aus diversen Trucks für Bühnenaufbauten, Bussen für die Mitarbeiter, bescheidenen Mega-Limousinen für die auf dem Boden gebliebene Supergroup. Die Live-Konzerte, die ich nun erleben soll, sind dann wirklich gigantisch.
Also gigantische Scheiße natürlich.

Es wird ein ewiges Rätsel des prätentiösen Pops bleiben, wie man mit dieser demolierten Katzenmusik zu Weltstars werden konnte. Das einzige Stück, was ich von ihnen kenne, spielen sie natürlich nie. Streng genommen ist es aber auch gar nicht von ihnen sondern von Oasis – und eigentlich auch Mist.
Doch für das Thema Musik hat mich bei diesem Job wohlweislich ja auch niemand gebucht.

Die meiste Zeit sitze ich in einem fensterlosen Raum und mische Lacke zusammen. Keine Ahnung, was damit geschieht. Wirklich nicht. Die Leute, die mir die Dosen und Eimer bringen, wissen es genauso wenig. Es ist halt ähnlich wie mit der Musik von Radiohead. Man denkt, okay, sie werden sich schon irgendwas dabei gedacht haben. Oder eher, man hofft, dass es so ist.

Anfänglich habe ich ja auch immer noch beim Merchandise-Stand aushelfen dürfen. Richtig im Vorraum der Halle, die edlen Stoffe der Radiohead-Shirts berühren, schwere LPs gegen das Licht halten, mit den erloschenen Anhängern der Gruppe um’s Wechselgeld zanken.
Doch damit war schnell vorbei. Angeblich hätte ich in jede dritte CD reingespuckt.
Ja, gut… Ich bin jetzt natürlich auch kein ausgebildeter Verkäufer. Woher soll man all die Feinheiten des Einzelhandels denn kennen?
Jetzt mit den Lacken ist eh cool.

Vom ewigen Mixgetränke zubereiten habe ich bei sowas eine ruhige Hand. Das weiß auch der Tourmanager zu schätzen und hat mir einen Kassettenrekorder zugeteilt. Richtig süß! Er ist verplombt und spielt ausschließlich Radiohead – aus ihrer experimentellen Phase. Falls es überhaupt je eine andere gab.

Nach einem Jahr sollte ich mich daran gewöhnt haben, möchte man meinen. Aber ich habe über dunkle Kanäle und für eine Monatsration Zigaretten eine andere Kassette besorgt. Den Player kurzgeschlossen, endlich mal wieder normale Mucke pumpen. Also diesen zurückgebliebenen Ballermannkram, diese besoffenen Kinderlieder, die ich den einstigen Lesern (R.i.P.) meiner Musikartikel immer als wertige Veröffentlichungen im Independent-Sektor verkauft hatte. Aufatmen. Durchatmen. Shalalala. Oi, oi, oi!
Doch was ist das?
Plötzlich kommt mir diese Musik völlig Banane vor. Nachvollziehbare Abläufe, Schönklang, Refrains, Melodien? Es geht einfach nicht mehr in meinen Kopf. Wie hatte ich nur so lange so dumme Musik feiern können?

Auch das noch!

Hilfe, was mach ich bloß? Mein asoziales Image ist ruiniert. Ich versuche mich zu beruhigen. Probiere es noch mal mit der Mix-Kassette aus meinem alten Leben. Nichts! Und noch mal. Doch vergebens, es ist einfach nichts übrig von der einstigen Begeisterung für „Schnappi, das kleine Krokodil“ im Eurodance-Mix.

Ein Imagewechsel scheint mir unvermeidlich.
Alter, was das alleine kostet! Doch was bleibt mir übrig? Höre ich nun Bierzelt-Antifa-Hits von Bands wie Feine Sahne Fischfilet weine ich Blut.

***

Tja, es hat sich also viel verändert. Zeit verging. Und nun bin ich mehr und mehr doch auch bei den abendlichen Konzerten unseres spirituellen Führers Thom Yorke anwesend.
Ich ertappe mich, jedes Stück mitsingen zu können, mitzusingen. Auch die, bei denen die Vocals eigentlich nur so aus Fax- beziehungsweise Modemgeräuschen bestehen.

Iiiihhh—wääähhh—-kkrrrkk—tüüü

Was ein Ohrwurm, oder?
Radiohead sind echt die Allergrößten. Ob der Verleger, der mich derzeit auf diese Reise schickte, genau diesen Sinneswandel hervorrufen wollte? Vielleicht war das die Geschichte, die ich für das Magazin schreiben sollte?
Pulitzer-Preis-Move. Ein Wahnsinn das alles!
Ob dem allerdings wirklich eine Absicht zugrunde liegt, ich werde es wohl nie erfahren. Jener Verleger mit dem dummen Hut starb auf einer Safari. Im Kampf mit einem Wilddieb (oder Wildhüter?). Trude Springer trägt seitdem jedenfalls schwarz.

Nun ja.
Ich habe jetzt eh Radiohead.

Und das schreibe ich zum Beispiel auch gern an die Social Media Wall von anderen Bands, am liebsten bei Coldplay. Wie alle in unserer Sekte, habe auch ich das Gefühl, der gemüsige Chris Martin, Sänger jener Band, habe den Style nur von unserem Messias gebitet – also geklaut.


Doch statt daraus nun auch einen unhörbaren Klumpen protoreligiösen Meta-Quatsch zu zimmern, reibt sich Chris Martin, dieses zerrupfte Schwein mit den aufgerissenen Augen, an den Radiostationen.

Und die ziehen seine Bettvorleger-Musik mittlerweile tatsächlich Radiohead vor. Ich sag mal so, Stalin hatte schon für weniger ganze Völker ausgelöscht.
Dementsprechend schroff auch meine Kommentare bei Coldplay-dotcom.

Ok Computer!

***

Robin Greenwood röchelt. Ich glaube, er versucht mir etwas zu sagen:
„Colin, my name is Colin, you prick!“

Klar, Colin heißt der Typ, der in meinen Armen stark blutet und den ich beim Hochladen der aktuellen Konzertclips gefunden habe. Kann auch er Gedanken lesen?

Ich nehme seine Hand, erkläre ihm, dass alles gar nicht so schlimm ist.
Er ist doch nur der Bassist.
Die Band wird auf jeden Fall weitermachen können. Auch nach seinem Tod.
Er wirkt nicht wirklich erleichtert. Ja, sorry, außer Thom Yorke kenne ich niemand namentlich – und immerhin bin ich der größte Fan der Band.

„Chris Martin from Coldplay”, meldet sich der angeschossene Musiker, er klingt allgemein recht kraftlos. Vermutlich ob der großen Wunde im Bauch. Aber andererseits bin ich ja auch kein Arzt.
Und überhaupt, was labert er?

“No, you are Dingswood von Radiohead”, korrigiere ich.

„I meant the guy who shot me! Chris Martin“

Ach so. Okay.

Einige meiner Hass-Nachrichten an Coldplay habe ich vielleicht über den offiziellen Radiohead-Account geschickt. Es schmeichelt mir ein wenig, dass die Zeilen so krass waren, dass Chris Martin dafür getötet hat. Für Colin Green hier tut es mir indes natürlich total leid.

Er schaut mich flehend an. Was erwartet er bloß?
Soll ich diesen Kriminilfall jetzt lösen, oder was?
Naja, vielleicht ja wirklich mal eine schöne Abwechslung.

Ich gebe Colin Greenwood einen langen zärtlichen Kuss, dann schließe ich seine Augen.

Mittlerweile wieder zwei Balken Empfang. Doch statt meine aktuellen Konzertschnipsel hochzuladen, gebe ich ein in die google-Suche: „Privatadresse Chris Martin von Coldplay“

Ich kümmere mich um alles, Radiohead-Leute. Ich kümmere mich, es wird alles gut.

Erste Reihe Radiohead live. Die sogenannten Paranoid-Android-Ultras.

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