Kolumnen Rückblick

WE BETTER TALK THIS OVER: STAFFEL 2

 

Alben helfen, sich zu sortieren. Oft hör ich eine Platte immer und immer wieder, lerne dabei nicht nur den Kern der jeweiligen Musik kennen, sondern stoße auch auf größere Fragen. So war es auch mit „Only God Was Above Us“ von Vampire Weekend, das (ziemlich sicher) mein bisheriges Lieblingsalbum der aktuellen Dekade ist und auch allgemein als Triumph anerkannt wurde.

Die New Yorker Indie-Band Vampire Weekend – bekannt für aufgeladene Albumkonzepte, ihr adrettes Image, das Integrieren von Afrobeat und Kammermusik – hat damit ein apokalyptisches Meisterwerk voller untypisch verzerrter U-Bahn-Klänge an den Tag gelegt. Knisternde Hip-Hop-Beats, galoppierendes Punk-Geballer, aufgeweckte Jazz-Kontrabässe prallen aneinander ab und enden letztlich in Dissonanz; damit stellt sich die Platte in eine Reihe mit ähnlich kaputten Klassikern wie „Yankee Hotel Foxtrot“ von Wilco. Das Sound-Motto? Ständige Risse in der Fassade. Und thematisch? Geht’s auf „Only God Was Above Us“ um die Frage, wo Dinge herkommen und was letztlich von ihnen übrig bleibt. Besonders deutlich wird das im vielleicht größten Highlight des Albums, „Classical“, in dem Frontmann Ezra Koenig ganz essenzielle Fragen stellt. „It’s clear something’s gonna change, and when it does, which classical remains?“ Mal frei übersetzt: Wenn die Dinge sich verändern – und das werden sie hundertprozentig –, was gilt dann noch als essenziell? Oder anders: Was werden die Klassiker sein?

Schnitt!

Weihnachten 2012, ich war 12 Jahre alt; ein Kind des Jahres 2000 muss nur selten rechnen. Der zweite Weihnachtstag war meistens der, sagen wir, am wenigsten spannende: Brunch bei Opa Hans (sorry). Hätte ja keiner damit rechnen können, dass ein Geschenk des besagten Großvaters – jedem war klar, dass meine Mutter ihm mindestens einen Tipp gegeben hatte – einen so nachhaltigen Eindruck auf mich haben würde…

Ab einem gewissen Zeitpunkt interessierte mich vor allem (oder eigentlich nur): Popmusik; besonders die mit lauten Gitarren, also ja, Rockmusik. Ich bekam also eine CD, „Bon Jovi – Greatest Hits“ – seid unbesorgt, die mein ich damit nicht – und ein Buch: „Rolling Stone – Die 500 besten Alben aller Zeiten“. Initiiert vom bekanntesten Musikmagazin der Welt wurde hier eine Jury aus Musizierenden, Business-Leuten und – das war besonders einschneidend für mich – Kritiker*innen gefragt, was denn eigentlich die besten Alben aller Zeiten seien. Die Idee einer solchen Liste fand ich sofort faszinierend. Gewisse Platten werden gemeinhin als herausragend, essenziell, einflussreich angesehen? Es gibt also Leute, die das gemeinsam entscheiden? Und damit sowas wie einen Kanon erschaffen? Ich war angesteckt, schleppte das Buch wie eine Bibel herum, konnte irgendwann die oberen Platzierungen und teilweise auch die
dazugehörigen Texte auswendig.

Sofort schaute ich nach, ob Bon Jovi in meinem neuen Lieblingsbuch. vertreten waren. Das waren sie natürlich nicht. Wenn die Band hier nicht drin steht, dann kann sie nicht so toll sein, dachte ich – und hörte mir die CD erst nach mehreren Wochen an… In diesem Moment wurde eine Art Schalter in mir umgelegt. Ich wurde ein Kind des Rock-Kanons, entwickelte meinen Musikgeschmack vor allem in den darauffolgenden zwei bis drei Jahren in dessen Schatten. Bis heute beschäftige ich mich am liebsten mit jenen Acts, die vom popmusikalischen Kanon zu essenziellen Legenden ernannt wurden. Sie bieten am meisten Denk- und Lesestoff, symbolisieren eine geradezu fiktionale Vergangenheit für mich, haben oft weitreichende Diskographien mit Höhen und Tiefen.

Welche Künstler*innen wichtig sind, darüber wollte ich alles wissen, und vor allem auch: Welche ihrer Alben sind die essenziellen? Der breitgefächerte Popkanon, der natürlich über den Rolling Stone und Musikmagazine im Allgemeinen hinausgeht – siehe DAS INTERNET –, diente also gewissermaßen als Kaufanleitung, die am Anfang durchaus hilfreich war – und an die ich mich (zu Beginn) gerne hielt.

Um auf das Anfangsbeispiel zurückzukommen: Eine Band wie Vampire Weekend hat eine perfekte Diskographie, hier erscheint jedes Album sofort als relevant… Doch bei Acts wie Neil Young, David Bowie oder Bob Dylan war der jeweilige Katalog so gigantisch, dass ein eingrenzender Überblick notwendig erschien. Dylans „Street-Legal“? Unwichtig. „Lucky Town“ von Bruce Springsteen? Schrott. „Beatles for Sale“? Nicht so gut wie der Rest.

Bis die Frage im Raum stand: Stimmt das überhaupt? Es könnte ja sein, dass ich das völlig anders sehe als der von mir so angehimmelte Pop-Kanon, also sollte ich mir diese vermeintlichen Quatsch-Alben doch nochmal anhören! Es entstand eine Faszination für jene Platten gefeierter Berühmtheiten, die zu Unrecht übersehen oder gar gehasst werden. Ich stellte fest, dass sie viel Spannendes über die jeweiligen Acts aussagen, sich wie Geheimtipps anfühlen, obwohl sie von weltbekannten Musiker*innen stammen. Das Ziel wurde, diese unterbewerteten Perlen neu zu besprechen und einzuordnen, sie auf spielerische Weise in einen größeren Kontext zu setzen; schließlich kann sich der Blick auf Musik verändern, je älter sie wird. Das Resultat war „We Better Talk This Over“, ein arroganter Versuch der Geschichtskorrektur – mit der zugrundeliegenden Ansicht, dass solch angebliche Fehltritte mindestens genauso viel Freude bereiten, wie irgendwelche glattgebügelte Epen.

In Zeiten von Streaming und den dazugehörigen Algorithmen, die unsere Popmusikgeschichte zu einem wertlosen Beschallungsbrei machen – ganz zu schweigen von Künstlicher Intelligenz –, ist es essenziell, Musik zu kontextualisieren und sich nochmal anzuschauen, wie unsere Popgeschichte bis hierhin geschrieben wurde, welche Kriterien dabei eine Rolle gespielt haben, was dabei vergessen oder verdrängt wurde – und wie man diese Wertungen nochmal überdenken könnte. Dass ich mit meinen 25 Jahren nur ein paar dieser Albumveröffentlichungen mitbekommen habe, sollte im besten Fall zu frischen Erkenntnissen führen.

Ich kämpfe hier also gegen bestimmte Musikjournalist*innen der Vergangenheit, klar, doch das Ganze ist eher als Dialog zu verstehen, als Huldigung von Popkritik im Allgemeinen, als Wertschätzung all jener, die das bis hierhin gemacht haben und in Zukunft machen werden. Durch fundierte Kritik wird Kunst erst zu Kunst, da bin ich mir sicher. Dass die hier besprochenen Alben verrissen wurden, war wichtig, und dass sie nun in ein positives Licht gerückt werden, ist ebenfalls wichtig – und letztlich demokratisch.

Kommen wir noch ein letztes Mal auf Vampire Weekend und ihr Meisterwerk „Only God Was Above Us“ zurück. Das Album endet mit der fast 8-minütigen, stetig zerfallenden und in seiner Wortmalerei fast Dylan-esquen Hymne „Hope“. Frontmann Ezra Koenig lernt hier – anders als der Titel vermuten lässt –, dass bestimmte Dinge eben nicht veränderbar sind. „My enemy’s invincible, I had to let it go“, singt er und meint mit der Erwähnung eines unbesiegbaren Feindes natürlich nicht die Meinung anderer Menschen, sondern das, was wirklich niemand stoppen kann: Zeit… Sie bleibt nie stehen, läuft ständig weiter. Die Dinge werden sich wandeln, so viel ist sicher. Niemand weiß, was dann übrig bleibt. Dass es einen Kanon gibt, ist also gut und richtig – so lange er sich verändert.

Die zweite Staffel meiner Kaput-Kolumne „We Better Talk This Over“ ist hiermit abgeschlossen – sieben unterbewertete Alben (aus sieben verschiedenen Jahrzehnten), sieben ausschweifende Artikel zur Rettung dieser Randnotizen und Hassobjekte.

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