Kolumne

WE BETTER TALK THIS OVER #12: „FRIENDS“ VON THE BEACH BOYS (1968)

(Credit: Marcus Can’t Dance)

 

„WE BETTER TALK THIS OVER” IST DIE KAPUT-KOLUMNE VON LENNART BRAUWERS, IN DER UNTERBEWERTETE, OFT ÜBERSEHENE (ODER GAR VERHASSTE) ALBEN GEFEIERTER BERÜHMTHEITEN BESPROCHEN UND NEU EINGEORDNET WERDEN. SCHLIESSLICH KANN SICH DER BLICK AUF MUSIK VERÄNDERN, JE ÄLTER SIE WIRD. ALSO: EXTREM VIEL GROSSARTIGES FINDET ZU UNRECHT KAUM BEACHTUNG – DARÜBER SOLLTEN WIR NOCHMAL REDEN.

„Be here in the morning / Be here in the evening / Be here and make my life full“
(Lyrics aus „Be Here In The Mornin‘“, 1968)

Als ich begann, mich intensiver für den Rockkanon zu interessieren, gehörten The Beach Boys natürlich zum Pflichtprogramm. Die frühen Surf-Hits kannte man eh: „Surfin’ U.S.A.“ (1963), „I Get Around“ (1964), „Help Me, Rhonda“ (1965) – spaßige Adrenalinbomben mit grinsender Sonnenenergie. Doch plötzlich lernte ich, dass die drolligen Strandbuben angeblich ebenso herausragende Alben geschaffen hatten wie zwei der anderen Sixties-Leitfiguren, The Beatles und Bob Dylan, die ich bereits verehrte.

Schnell musste ich aber feststellen, dass die Beach Boys im Vergleich zu Dylan und den vier Liverpoolern vor allem eines waren: uncool. Während die Beatles auf mich clever wirkten, Stil hatten und eine Art unantastbares Musikerideal darstellten, erschienen mir die Beach Boys mit ihren gestreiften Kurzarmhemden albern und insgesamt eher unbeholfen. Cool war daran gar nichts – da war es mir auch egal, ob Brian Wilson als Genie galt. Als großer Oasis-Fan neigte ich (damals noch) dazu, Noel Gallagher zuzustimmen: „Findest du nicht auch, dass sie die überschätzteste Gruppe aller Zeiten sind? Ihr Erfolg beruht einzig und allein darauf, dass sie alphabetisch neben den Beatles stehen, und dass Paul McCartney sie mag. Das ist alles. Barbershop-Musik. Absoluter Müll.“ Ja, das dachte ich auch, als ich mir die angeblichen LP-Meisterwerke der Beach Boys anhörte – für mich klang das nach einfältigem Chorgesang, also, noch einmal: uncool.

Um es gleich vorwegzunehmen: Wirklich cool ist auch „Friends“ (1968) nicht – also jenes Album, um das es hier gehen soll. Nein, es ist mindestens genauso awkward wie viele andere Veröffentlichungen im Beach-Boys-Katalog. Man betrachte nur das grauenvolle Plattencover, das die Band auswählte – und zwar, nachdem Paul McCartney ihnen den Tipp gegeben hatte, mehr Wert auf das visuelle Design ihrer Alben zu legen. Oder man höre sich einen Song wie „When A Man Needs A Woman“ an, in dem Brian Wilson uns, ja: sexuell aufklären will: „A man needs a woman, like a woman needs a man / When the two get together, oh oh oh oh oh!“ Das passt zwar zur optimistischen Leichtigkeit, die auf „Friends“ herrscht, ist aber vor allem merkwürdig; insbesondere Brians lustvolle „Oh“-Geräusche sind eine stilistische Entscheidung, die es in sich hat. Das kommt derart absurd rüber, dass man es einfach lieben muss. Comedy-Gold – eben weil es so ungelenk ist.

Doch die Beach Boys sind so viel mehr als kauzige Grinsebacken.
Mein Musikkonsum verläuft eigentlich immer in Phasen – und mit Anfang zwanzig setzte endlich die erste Beach-Boys-Phase ein. Plötzlich liebte ich, dass ihre gesamte Diskographie – anders als die der Beatles – eben nicht perfekt ist, sondern Unreinheiten aufweist. Ich liebte die einzelnen Charaktere in dieser Band (außer Mike Love). Und, das war der endgültige Zugang für mich: Plötzlich liebte ich „Pet Sounds“, ihr bis in den Himmel gelobtes Meisterwerk aus dem vielleicht besten Popjahr überhaupt, 1966, in dem auch Dylan und die Beatles mit „Blonde on Blonde“ und „Revolver“ das Rockgenre ausdehnten. Kaum ein anderes Album der Musikgeschichte steht so sehr für’s Heranwachsen – sowohl als Band, da die Beach Boys hier ein neues Level erreichten, als auch als Mensch, weil die Texte den Eintritt ins Erwachsenenleben thematisieren. Das Herzzerreißende an „Pet Sounds“ ist jedoch, dass Brian Wilson – das (fast) alleinige Genie hinter dem Album – diesen Eintritt eben nicht schafft, also nicht erwachsen werden kann oder will, und infolgedessen eine sensible Introvertiertheit an den Tag legt, die ihresgleichen sucht. Im Highlight „I Just Wasn’t Made for These Times“ verdichtet sich all das in einer simplen Zeile, die den Vibe des Albums so direkt auf den Punkt bringt, dass es weh tut: „Sometimes I feel very sad.“ Ein Höhepunkt der Kunstform Musik.

Statt mit den anderen Beach Boys auf Tour zu gehen, blieb Brian Wilson im Studio und machte es zu seinem Instrument. Mit der Wrecking Crew – einem Los-Angeles-Kollektiv renommierter Sessionmusiker:innen – als Orchester schrieb er kleine, herzzerreißende Popsinfonien. Es ist ein Klischee, wenn auch ein wahres: „Pet Sounds“ hat verändert, wie ich Musik höre. Als Brian Wilson einmal gefragt wurde, worin genau sein Talent bestehe, antwortete er schlicht „music“. Seine Fähigkeiten lassen sich jedoch genauer fassen: Es ist das Zusammenspiel von Melodie und Harmonie, das er auf die Spitze getrieben hat („Jesus, that ear“, sagte Bob Dylan einmal). Nicht nur der Gesang, sondern jede einzelne Komponente landet exakt zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, sodass eine magische Form harmonischer und melodischer Bewegung entsteht – eine, die man kaum vollständig nachvollziehen oder erklären kann. Das hat wenig mit klassischer Rockmusik zu tun. Ich habe keinen Plan von Klassik, aber ich stelle mir vor, dass „Pet Sounds“ ähnlich funktioniert. Schon beim ersten Einsatz der Vocals kommen mir meist die Tränen: „Wouldn’t it be nice if we were older? Then we wouldn’t have to wait so long.“ Himmlisch. (Trotzdem ist auch dieses Albumcover, auf dem die Beach Boys Ziegen füttern, ziemlich hässlich; eigentlich ist nur das Cover von „Surf’s Up“ aus dem Jahr 1971 wirklich gelungen.)

Was als Nächstes geschah, hatte einen nachhaltigen Einfluss auf die folgenden Jahre der Beach Boys – und damit auch auf „Friends“ (dazu gleich mehr). Mit seinem ultraambitionierten Kunstpop-Projekt „Smile“ wollte Brian Wilson die ohnehin schon anspruchsvolle Komplexität von „Pet Sounds“ nochmal übertreffen und ein Werk schaffen, das ihn im Konkurrenzkampf mit den Beatles als Sieger positionieren würde. Anders als das tieftraurige, nach innen gerichtete „Pet Sounds“ sollte „Smile“ eine opernhafte Darstellung des amerikanischen Mythos werden – „an ever-shifting technicolor dream“, wie es in einer Retrospektive des Musikmagazins Pitchfork heißt. Das Projekt sollte fragmentierter und zugleich noch visionärer sein, in seiner Gesamtwirkung einem weitreichenden Filmepos aus lose verbundenen Szenen ähneln – und dennoch von einem zuckersüßen Popkern getragen werden. Auch hier verdichtet sich alles in einer einzigen Zeile, wenn inmitten des musikalischen Cartoons gesungen wird: „The children know the way.“ Das ist Brian Wilson – ein Genie, dessen Idealzustand die fröhliche Unschuld eines Kindes ist.

Ich will nicht zu tief in die äußerst komplizierte Geschichte rund um „Smile“ einsteigen, wichtig ist nur: Brian Wilsons psychische Probleme nahmen Überhand. Er richtete eines seiner Zimmer mit einem arabischen Zelt ein – welches als Hotbox zum Kiffen dienen sollte –, verlangte einen gigantischen Sandkasten und stellte dort seinen Flügel hinein, außerdem brachte er seine Session-Musiker dazu, Feuerwehrhelme zu tragen, und ja – Drogen spielten ebenfalls eine Rolle, sehr viele Drogen. Jedenfalls wurde „Smile“ für 1967 angekündigt, und die allgemeine Vorfreude stieg. Doch für einige der übrigen Beach Boys war die Musik viel zu experimentell. Neben bandinternen Streitereien kam es außerdem zu Problemen mit dem Label – ganz zu schweigen davon, dass Brian Wilson Schwierigkeiten hatte, die Aufnahmen fertigzustellen. Die Konsequenz: Das „Smile“-Projekt wurde aufgegeben, das Album erschien zunächst nicht – erst 2011 wurden die gesamten Originalaufnahmen veröffentlicht (nachdem einzelne Recordings bereits auf Beach-Boys-Platten wie „20/20“ und „Surf’s Up“ eingestreut wurden und Brian Wilson im Jahr 2004 eine neu aufgenommene Rekonstruktion des Album herausbrachte). Die Beatles hingegen veröffentlichten 1967 „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ und gingen damit als klare Gewinner hervor.

Was haben die rätselhaft agierenden Beach Boys also als Nächstes gemacht? Genau: Sie haben ein paar – sagen wir – schnell eingespielte Quickie-Alben veröffentlicht, um das gewaltige Loch zu füllen, das das Nicht-Erscheinen von „Smile“ hinterlassen hatte. 1967/68 erschien dementsprechend eine Art Trilogie aus kleineren, rasch aufeinanderfolgenden Alben, die im Schatten des unveröffentlichten Meisterwerks „Smile“ entstanden und allesamt eine eigene Betrachtung in dieser Kolumne verdient hätten. (Mit dem uncharmanten „20/20“, das 1969 ohne nennenswerte Beiträge von Brian Wilson veröffentlicht wurde, fand diese Welle an Qualitätsalben für einen kurzen Moment ihr Ende, ehe die schnell folgenden „Sunflower“ und vor allem „Surf’s Up“ wieder zu den besten Beach-Boys-Werken gehörten.)

Alle drei Alben sind unterschiedlich, alle drei sind großartig: Das minimalistische, oft geisterhafte „Smiley Smile“ lässt sich als stark reduzierte Kiffer-Version des ursprünglichen „Smile“-Projekts beschreiben und überzeugt mit eigenwilligen Psychedelic-Effekten sowie einem nahezu paralysierenden Gesamteindruck. Das geradlinigere, nur drei Monate später erschienene „Wild Honey“ hingegen ist eher als charmanter Back-to-Basics-Schritt zu verstehen und zeigt The Beach Boys als kratzige R&B-Band im Stil damaliger Motown- und Stax-Veröffentlichungen. Und schließlich gibt es noch „Friends“, das beste Album dieser bewusst unambitionierten Post-„Smile“-Trilogie. (Ein halbgarer Vergleich mit Filmregisseur Martin Scorsese liegt nahe: In den Achtzigern wollte dieser eigentlich sein religiöses Epos „The Last Temptation of Christ“ realisieren, erhielt dazu jedoch erst gegen Ende des Jahrzehnts die Gelegenheit und veröffentlichte stattdessen die sympathischen, kleineren Werke „The King of Comedy“, „After Hours“ und „The Colour of Money“. In diesem Vergleich ist „The Last Temptation of Christ“ sowas wie Scorseses „Smile“.)

Alle drei Alben kommen der Essenz dieser Kolumne äußerst nahe, weil sie selbst intensiven Musikfans weitgehend unbekannt geblieben sind – obwohl sie im Anschluss an eines der gefeiertsten Musikalben aller Zeiten („Pet Sounds“) veröffentlicht wurden. Besonders gilt das für „Friends“: Zwar hat die Platte über die Jahre ihre Anhängerschaft gefunden – so wie es für alle Musiklegenden absolute Hardcore-Fans gibt –, doch insgesamt gilt sie noch immer als unterschätzt. Dass dieser Geheimtipp von einer Band stammt, deren Namen so gut wie jeder kennt, macht ihn umso reizvoller.

1968 floppte „Friends“ kommerziell und ging größtenteils unter. Nicht einmal die Top 100 erreichte das Album, sodass auch Capitol Records, das Label der Beach Boys, an weiteren Erfolgen der Band zu zweifeln begann. Auch viele Fans glaubten nicht mehr daran, noch einmal einen – zumindest in ihren Augen – ebenbürtigen Nachfolger zu „Pet Sounds“ zu erleben. Ganz zu schweigen von den Kritiker:innen: Die Musikjournalistin Penny Valentine schrieb damals, die Band klinge nicht einmal ansatzweise mehr progressiv, sondern gelangweilt, und schlug vor, die Gruppe solle es einfach an den Nagel hängen; nichts an den Beach Boys sei noch brillant – eine farblose Band, die farblose Platten mache. Der legendäre Kritiker Robert Christgau bezeichnete „Friends“ als ihr schlechtestes Album, Autor Steven Gaines nannte es langweilig und emotionslos. Auch in späteren Retrospektiven kam „Friends“ meist eher schlecht weg; so heißt es etwa in der Online-Datenbank AllMusic, das Album sei eher unwichtig und substanzlos.

Anscheinend kann man Bescheidenheit leicht mit Substanzlosigkeit verwechseln… Ja, „Friends“ ist kurz, entstand ohne ausgeprägten Perfektionismus im Home-Studio von Brian Wilson und lebt von einer bewussten Entscheidung zur Simplizität. Die Platte ist ganz bei sich und zufrieden damit, das zu sein, was sie ist. Im letzten Song „Transcendental Meditation“ – einer leichtfüßigen Ode an diese Form des meditativen Yoga – beschreibt Brian Wilson das Album selbst am treffendsten (wenn auch unbeabsichtigt): „It’s cool“, singt er. Stimmt. „Friends“ ist nicht weltverändernd, nicht augenöffnend, sondern einfach nur cool; obwohl es das – ganz im Stile der Beach Boys – natürlich so gar nicht ist.

„As I sit and close my eyes, there’s peace in my mind“, heißt es gleich zu Beginn der Platte, die von einer ruhigen, harmonischen Atmosphäre lebt. Genau diese Stimmung – Augen schließen, glücklich sein – möchte das Album auf uns übertragen: „And I’m hoping that you’ll find it too“. Das ist die Mission von „Friends“: uns in ein ähnliches Mindset aus Zufriedenheit und Entspannung zu versetzen. Normalerweise gehöre ich nicht zu denjenigen, die bestimmte Alben mit Jahres- oder Tageszeiten verbinden, doch „Friends“ höre ich besonders gern am Morgen. Denn die Platte propagiert etwas, das mir äußerst sympathisch ist: Schon das Aufstehen am Morgen ist eine Errungenschaft, die man nicht unterschätzen sollte. Im leicht ulkigen Song „Wake The World“, in dem es um kaum mehr als den Wechsel von Tag zu Nacht (und wieder zurück) geht, genügt dieses einfache Konzept völlig aus. Der Fade-out setzt bereits nach etwa 80 Sekunden ein, während noch gesungen wird – als würden einem dabei schon wieder die Augen zufallen.

Die chillige Ästhetik von „Friends“ geht maßgeblich auf Brian Wilson zurück, der den Entstehungsprozess des Albums anführte – etwas, das in dieser Form erst wieder auf dem ebenfalls unterschätzten „The Beach Boys Love You“ (1977) der Fall sein sollte. Wilson bezeichnete „Friends“ einmal als sein inoffizielles zweites Soloalbum und betrachtete es entsprechend als den wahren Nachfolger von „Pet Sounds“. Seitdem hat sich einiges verschoben: Während im Opener von „Pet Sounds“ noch eine andere Realität herbeigesehnt wird („Wouldn’t It Be Nice“), wirkt Wilsons Welt auf „Friends“ bereits versöhnt und, ja, „nice“. Der erste Instrumentaltrack auf „Pet Sounds“, „Let’s Go Away for Awhile“, fängt ein Gefühl des Aufbruchs ein, während das Pendant auf „Friends“, „Passing By“, eher eine gelassene Passivität ausstrahlt. Brian Wilson erklärte einmal, „Friends“ komme seiner Vorstellung eines guten Lebens besonders nahe: „Es ist einfach, und ich kann es jederzeit hören, ohne erst in eine bestimmte Stimmung kommen zu müssen.“ Er betonte immer wieder seine Wertschätzung für das Album: „‘Pet Sound’s ist mit Abstand unser bestes Album. Doch am liebsten mag ich ‘Friends’.“ Der größte Fan der Platte war also – neben mir – Brian Wilson selbst. Wenn euch das noch nicht überzeugt hat, dem Album eine Chance zu geben, weiß ich auch nicht weiter. (Auch wenn Brian Wilson nicht immer den besten Geschmack aufweist; sein Lieblingsfilm ist bekanntermaßen die superdumme Komödie „Norbit“ mit Eddie Murphy…)

Während die emotional direkten Lyrics auf „Pet Sounds“ von Brian Wilsons (noch immer unterschätztem) Textkollaborateur Tony Asher stammen und die kaleidoskopisch-komplexen Texte auf „Smile“ vom genialen Multitalent Van Dyke Parks verfasst wurden, schrieb Brian Wilson die Lyrics für „Friends“ größtenteils selbst. Auch wenn er oft betont hat, dass andere mit Worten geschickter seien als er, lebt „Friends“ von einer stumpfen Poesie, die ich nicht missen möchte. Besonders deutlich wird das im fantastisch betitelten Bossa-Nova-Stück „Busy Doin’ Nothin’“: Wilsons Text ist hier derart plump und unbeholfen, dass man tatsächlich den Eindruck bekommt, er habe beim Schreiben genau das getan – nichts. Der erste Refrain besteht schlicht aus einer Wegbeschreibung zu seinem Haus:

„Take all the time you need, it’s a lovely night
If you decide to come, you’re going to do it right
Drive for a couple miles, you’ll see a sign, and turn left for a couple blocks, next is mine
You’ll turn left on a little road, it’s a bumpy one
You’ll see a white fence, move the gate and drive through on the left side
Come right in and you’ll find me in my house somewhere
Keeping busy while I wait“

Später folgt ein weiterer Refrain, in dem Brian Wilson uns davon erzählt, wie er einen Kumpel anrufen will, leider aber die Telefonnummer vergessen hat – das ist zu goldig, um nicht ebenfalls in Gänze zitiert zu werden:

„I wrote a number down
But I lost it, so I searched through my pocket book
I couldn’t find it, so I sat and concentrated on the number
And slowly it came to me
So I dialed it and I let it ring a few times
There was no answer, so I let it ring a little more
Still no answer, so I hung up the telephone
Got some paper, and sharpened up a pencil
And wrote a letter to my friend“

Mich macht es extrem glücklich, dass jemand (wie Brian fucking Wilson!!!) es für sinnvoll gehalten hat, einen Song über solch alltägliche Dinge zu schreiben. Gleichzeitig beeindruckt mich, wie genial die Komposition von „Busy Doing Nothin“ trotz der herrlich dämlichen Lyrics ist: In den Strophen bewegen sich die Basstöne größtenteils chromatisch nach unten – also in absteigenden Halbtonschritten –, während Brian Wilson dazu Akkorde wählt, für die sich nur wenige Songwriter entscheiden würden; dennoch wirken die darüber liegenden Gesangsmelodien natürlich und organisch. Anders als „Pet Sounds“ und „Smile“ erheben die Songs auf „Friends“ jedoch gar nicht erst den Anspruch, besonders genial zu sein. Das sind sie aber – und zugleich wirken sie, als könne Brian Wilson sie mühelos aus dem Ärmel schütteln.

Doch auf „Friends“ geht es um mehr als Brian Wilson. Nicht nur, weil der mehrstimmige Beach-Boys-Gesang auch hier bezaubert und den einmaligen Sound dieser Band ausmacht, sondern weil es ganz explizit um die Wertschätzung anderer Menschen geht – um die Dankbarkeit, die man für ihre Existenz verspürt, und für die man sich revanchieren will: „These feelings in my heart, I know, are meant for you“, heißt es im 40-sekündigen Opener „Meant For You“. Noch deutlicher wird das im anschließenden Titeltrack des Albums, dem putzigen Pop-Waltzer „Friends“: „We’ve been friends now for so many years / We’ve been together through the good times and the tears / Turned each other on to the good things that life has to give.“ Zu einer so plumpen und gleichzeitig warmen Anerkennung von Freundschaft waren eben nur die Beach Boys im Stande, auf ihren vorherigen Platten war sowas allerdings kaum vertreten. Brian Wilson, der hauptsächlich für die Lyrics im Song „Friends“ verantwortlich war, blickt in der Retrospektive auf eine schlechte Phase zurück – wir erinnern uns an das „Smile“-Debakel – und scheint sich bei seinen Liebsten (und/oder Bandkollegen) zu bedanken: „Days I was down, you would help me get out of my hole.“

Dass „Friends“ als Album von einer kommunaleren Grundstimmung lebt, findet auch Beach-Boys-Mitglied Al Jardine: „Es geht darum, in schwierigen Zeiten zusammenzukommen.“ Dieses Gefühl der Wertschätzung spiegelt sich nicht nur in den Lyrics wider, sondern auch darin, dass neben Brian Wilson zunehmend die anderen Gruppenmitglieder ihr Talent präsentieren konnten. Brian bleibt hier zwar weiterhin der kreative Leiter, doch „Friends“ markiert zugleich den Beginn einer Phase, in der seine dominante Rolle wieder abnimmt.
Oft stehe ich dem Moment skeptisch gegenüber, wenn in etablierten Bands plötzlich weitere Mitglieder beginnen, Songs beizusteuern – auf „Friends“ jedoch funktioniert das ausgesprochen gut. Besonders gilt das für Dennis Wilson, den wohl coolsten Beach Boy (und vielleicht sogar den einzigen, der dieses Adjektiv verdient). Zwar hatte er zuvor bereits einzelne Stücke gesungen – vor allem seine geisterhafte Stimmperformance im Song „In the Back of My Mind“ (1965) ist hervorzuheben –, doch auf „Friends“ tritt er erstmals als feinfühliger Songwriter hervor. „He lived hard and rough, but his music was as sensitive as anyone‘s“, erklärte Brian Wilson einst.

Mit Track Nummer 8, der Dennis-Komposition „Little Bird“, wird „Friends“ von einem sehr guten zu einem großartigen Album. Der Song ist auf subtile Weise mysteriös und lebt von einer schaurigen Gesangsmelodie sowie dezenten Klangtupfern aus Cello, Banjo und blechernen Bläsern, ehe „Little Bird“ nach etwas mehr als anderthalb Minuten einen unerwarteten Harmoniewechsel in Richtung Sonnenaufgang vollzieht – unglaublich, wie viel in diesen zwei Minuten geschieht. Doch das wirklich Herausragende sind die Lyrics zwischen Poesie und Alltag, beigesteuert vom Dichter Steve Kalinich, die perfekt zur Gesamtstimmung von „Friends“ passen: „At dawn, the bird’s still gone / Guess I’ll go mow the lawn / What a day, what a day, oh, what a beautiful day this is“. Der besungene Vogel – ein paar Zeilen zuvor versichert er unserem Protagonisten, er müsse sich um nichts sorgen – ist verschwunden. Doch statt sich darüber aufzuregen, wird der Rasen gemäht und sich über das schöne Wetter gefreut. Es bringt schließlich nichts, Trübsal zu blasen: Ich muss nur weitersingen, dann wird der Vogel schon zurückkommen.

Direkt im Anschluss folgt „Be Still“, eine weitere Dennis-Komposition. Der unterschätzteste Beach Boy singt mit seiner gehauchten, rauchigen Stimme lediglich über schlichte Orgelakkorde – beigesteuert von seinem großen Bruder Brian Wilson. So treffen hier Coolness und Genie aufeinander, während mit Leichtigkeit durch sich stetig modulierende Melodien und Harmonien geschwebt wird. „Your life is beautiful, a seed becomes a tree“, heißt es voller Zuversicht. Etwas später folgt die vielleicht wichtigste Zeile des gesamten Albums: „Take that simple path, and love will set you free“. Die Kernessenz von „Friends“ – also die Einfachheit – wird hier also ganz bewusst propagiert: Bleib einfach gestrickt, und alles wird gut.

Doch diese Art von (vermeintlichem) Hippie-Gesülze war im Jahr 1968 längst wieder out. Der Summer of Love war vorbei, Charles Manson nicht mehr fern. Und der allgemeine Zeitgeist? Geprägt von gesellschaftlichen Turbulenzen: Bürgerrechtsproteste, eine immer lauter werdende Ablehnung des Vietnamkriegs, die tragische Ermordung von Martin Luther King. Während die Beatles eben diese chaotischen Unruhen auf ihrem allumfassenden Meisterwerk „The Beatles“ – besser bekannt als „The White Album“ – einfingen und reflektierten, dabei clever und hochrelevant wirkten, blickten die Beach Boys lächelnd in die Zukunft: „Say hello to another fine morning“. Gegen das „White Album“ – sowie gegen „Pet Sounds“ und „Smile“ – wirkt das zunächst fast lächerlich, und mit Blick auf den damaligen Zeitgeist eher unpassend. Die Welt steht in Flammen, Hendrix & Co. reagieren mit brachialer Wut darauf, doch die naiven Beach Boys singen von Neuanfängen, Geburten und sanften Morgenstunden – wie ignorant. Bis man plötzlich denkt: So möchte ich auch sein! „The sky grows brighter, every minute of the sunrise.“
Einmal Strandbube, immer Strandbube.

 

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