Nirosta Steel

Steven Hall aka Nirosta Steel wirft alles gegen die Wand und schaut, was kleben bleibt

Brooklyn, New York, the old cars of …. (Photo: Thomas Venker)

Das Tollste an Popgeschichte, an der ja vieles sehr toll ist: sie scheint unendlich. Als ob sie je vollständig greifbar wäre… Never! Immer wieder lernt man Neues kennen – auch wenn’s eigentlich alt ist –, stößt auf bisher Verborgenes, füllt Wissenslücken. Kaum etwas macht so viel Spaß wie das Vorknüpfen einer Diskographie, zu der man noch keinen Zugang hatte; wenn sich plötzlich eine brandneue Welt aufmacht, die es nun zu erforschen gilt. Alles wirkt frisch, gleichzeitig lässt sich die Musik retrospektiv im Kontext der Vergangenheit einordnen. Lieb ich.

 

Das Ding ist: Beginnt man eine intensive Phase mit irgendeinem Vintage-Act und setzt sich fortan mit dessen Gesamtwerk auseinander, tut man das meistens allein; wir alle beschäftigen uns zwar ständig mit alter Popkultur, aber nunmal seltenst mit der gleichen. Ja, ein Deep Dive in die Tiefen von Künstler*in XY ist ein spaßiges, wenn auch einsames Unterfangen. Bei aktuellen Veröffentlichungen ist das eben anders: Erscheint ein neues Album und erhält erste Aufmerksamkeit, stürzen wir uns gemeinsam darauf, reden simultan darüber, befeuern die Hype-Maschine. Das ist bei alter Musik nicht so. Eine Auseinandersetzung damit ist (im Normalfall) isolierter.

Um es kurz zu machen: Nirosta Steel und dessen gefeierte LP „My Skyscraper“, die Ende Juni über das mysteriöse Label Ulyssa veröffentlicht wurde und dann ordentlich Online-Aufmerksamkeit kreierte, bildet in dieser Hinsicht eine erfrischende Ausnahme. Obwohl die Platte zu großen Teilen aus Archivmaterial besteht – also aus alter Musik –, lernen wir die Kunst von Nirosta Steel sowie den rätselhaften Mann dahinter zeitgleich und gemeinschaftlich kennen. Weil Steven Hall (so sein eigentlicher Name) zuvor unbekannt war, haben wir nun die Möglichkeit, uns anhand dieses großartigen Albums ein Bild von ihm zu machen. Alle zusammen. Hall hat keinen großen Gesamtkatalog, nein, abgesehen von wenigen Live-Aufnahmen und Kollaborationsprojekten existiert eigentlich nur „My Skyscraper“ – ein Meisterwerk, dessen Titel sich entgegen diverser Vermutungen nicht auf Halls Genital bezieht, sondern wohl eher auf sein Lebenswerk. Im Sinne von: Das bin ich. Das ist, was ich so kann. Mein Opus magnum.

Hier die Fakten: Steven Hall wurde in Schottland geboren, zog irgendwann in die USA, nachdem er seine verwitwete Mutter ermutigte, neu zu heiraten. Er studierte Poesie mit Allen Ginsberg, fand mit Chögyam Trungpa zum Buddhismus und in Arthur Russell einen künstlerischen Bruder im Geiste; die beiden wurden enge Kollaborateure (dazu später mehr). Der große Erfolg setzte allerdings nie sein… Eine Zeit lang lebte er in Hongkong, heute mit seinem Lebensgefährten – ein Anwalt – in der Nähe von Chicago. Der mittlerweile 69-Jährige jobbte bis vor kurzem noch als Uber-Fahrer, bis das Label Ulyssa auf seine unveröffentlichten Aufnahmen stieß, daraus die Compilation „My Skyscraper“ zusammenstellte und Steven Hall aka Nirosta Steel über Nacht zum Kritiker:innenliebling verwandelte. Eine ultrapositive Pitchfork-Rezension gab seiner wachsenden Popularität den Rest. Der Konsens: Auf diese Musiksammlung haben wir alle gewartet, obwohl wir’s nichtmal wussten.

Was derart viele Musikfans an „My Skyscraper“ reizt, liegt auf der Hand: Man hat es hier mit großen Teilen des Lebenswerks eines hochspannenden Übertalents zu tun, der uns bis dato unbekannt war – und den wir jetzt lieben wollen. Die schiere Menge an Aufnahmen ist (im bestmöglichen Sinne) überwältigend, so enthält die Platte verschiedenstes Material, das den Zeitraum von 1984 bis 2025 umfasst und zu verschiedensten Punkten innerhalb dieser 40-jährigen Spanne aufgenommen wurde. „My Skyscraper“ ist herrlich-wirr: Manchmal bekommen wir Funk-Pop zu hören, der tatsächlich aus den Achtzigern stammt, an anderen Stelle klingt die Musik eher wie eine vernebelte Erinnerung daran. Steven Hall spielt hier mit unserer Idee vom Aufgreifen alter Musik, wirft alles gegen die Wand und schaut, was kleben bleibt. Doch „My Skyscraper“ ist mehr als ein Mixtape oder eine Compilation – es ist ein chaotisches Doppelalbum in der Tradition des Weißen Albums von The Beatles.

Die Weitläufigkeit dieser Veröffentlichung – eine der besten des Jahres 2026 – ist durchaus zugänglich, weil es sich bei „My Skyscraper“ größtenteils um, ja: Feiermusik handelt. „Every night’s a party“, singt (ein deutlich jüngerer) Hall zu Beginn und zeigt uns im Laufe des Albums, wie unterschiedlich eine Party aussehen kann. Er ist sich für nichts zu schade, alles wird ausprobiert. Coole Leute packen nichts in Schubladen, sie lassen alles auf dem Schreibtisch liegen und wühlen herum. Irgendwas findet man immer. Die Party ist erst dann vorbei, geht man leer aus. Passiert aber nicht.

Man wühlt und kramt und irgendwann taucht ein Song wie „English Party“ auf: Es handelt sich um den geschmeidigen (!) Opener des Albums, der ursprünglich als Demo für Madonna geschrieben. Er klingt so, wie Sex sich anfühlt; eine befriedigendere Form von gedämpftem Kopfkissen-Disco wird man nirgends finden. „I like to party with all the boys“, singt der bereits als queeres Sexsymbol gefeierte Hall. „I‘m invincible when I‘m with my crowd“, heißt es dann. Ein subkultureller Community-Sinn ist auf dieser Platte unüberhörbar.

Die engste Verbindung besteht – wie schon angedeutet – zur bereits verstorbenen Avantgarde-Legende Arthur Russell, mit dem Hall auch für Disco-Projekt Loose Joints zusammenarbeitete (Anspieltipp: „Is It All Over My Face?“). In den ellenlangen, akustischen Free-Punk-Songs „Fresh Feeling“ und „Special Weakness“ – sie erinnern an Jonathan Richman, haben keinerlei Filter und bilden das Herzstück von „My Skyscraper“ – spielt der kultige Multiinstrumentalist Russell geradlinige Drums und liefert die perfekte Grundlage für Halls fast schon lineare Freestyle-Vocals: „What did I do today?“, singt Hall. Klingt erstmal salopp, so als ob er nicht wüsste, worüber er schreiben soll – bis es plötzlich nachvollziehbar, geradezu philosophisch wird: „I was holding on for something special, holding on for something new.“ Immer auf der Suche nach etwas Neuem, etwas Aufregendem. Am liebsten zusammen. Mit Russell, mit „all the boys“, mit uns.

„My Skyscraper“ symbolisiert die Offenheit der queeren Avantgarde-Szene im New York der 1980er Jahre. Das wird im „Einfach drauf los“-Vibe der Platte deutlich, im ständigen Herumprobieren: Manche Songs dienen eher als Klangcollagen und funktionieren nur im Kontext der gesamten Hörerfahrung – wie die geflüsterte Quasi-Dub-Nummer „Superboy“ –, und andere Songs sind kleine Meisterwerke für sich – wie der geisterhafte Nebelfunk von „My Name Is Night“ oder die frech-groovige Russell-Kollaboration „Go For The Night“. Es wird ständig zwischen beiden Modi gewechselt, den Sounderforschungen und den Popsongs; ein Highlight wie „First Love“ taucht gleich in mehreren Versionen auf.

Beim Hören dieser Platte ist man tatsächlich oft „Lost In Music“, wie eines der zentralen Stücke heißt. Ästhetisch ist „My Skyscraper“ nur schwer zu packen. Gedämpfter Disco? Ultrafreier Folk? Aneckender Falsett-Gesang auf Mandarin? Swag? Sex? Nachtleben? Nehm ich alles. Hört man zwischendurch mal nicht mehr zu, wird die Aufmerksamkeit schnell wieder erregt – nicht unbedingt, weil’s plötzlich besser ist, sondern schlichtweg anders. Also rattert man: Ist das immer noch der selbe Typ? Von wann ist diese Aufnahme denn nun? Warum ist das so schön? Wieso kannte ich das noch nicht? Hä?

Man wird hier mit einem begabten Künstler konfrontiert, der scheinbar alles kann – und gleichzeitig die Nonchalance besitzt, so viele Jahre auf seinen Moment zu warten. Man liebt ihn, obwohl man kaum etwas über ihn weiß – oder gerade deshalb. „My Skyscraper“ ist frei von Persönlichkeit und lebt gleichzeitig davon. Wir kennen Nirosta Steel nicht, wollen aber genau das: ihn verstehen. Diesen Wunsch erschafft dieses geniale Album, also hört man zu. Hall singt es selbst am besten: „It‘s a mystery, but a mystery we love“.

 

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