Thorsten Puttenat – Interview

Putte: “Mir ist es wichtig zu wissen, wie die Leute ticken. Nicht nur jene, die sich in meiner Blase tummeln. Das ist das Spannende an der Demokratie: Dieser vielseitige Pluralismus, den es auszuhandeln gilt.”

Thorsten Puttenat

Ich kenne Thorsten Puttenat schon lange unter dem Spitznamen Putte und als sympathischen Tausendsassa der Stuttgarter Musikszene, in die er sich mit seinem eigenen Projekt Putte & Edgar sowie Filmarbeiten aktiv seit den 90er Jahren einbringt. Seit einigen Monaten sitzt er nun zudem ehrenamtlich für die Stadtisten im Stuttgarter Stadtrat und unterhält auch die Funktion des Co-Fraktionsvorsitzenden der PULS-Fraktion. Anlass genug für ein Gespräch über seine Erfahrungen mit dem Politikbetrieb. 

Putte, ich darf doch trotz deiner neuen Rolle als Stadtrat weiterhin Putte sagen, oder?
Aber ja doch.

Seit einigen Jahren haben sich deine Posts in den Sozialen Medien dann politisiert, oder vielleicht ist es auch nur mir stärker aufgefallen. Insofern zunächst einmal die Frage: Seit wann bist du politisch aktiv und kannst du festmachen, welche Themen dich dazu veranlasst haben da zunächst hörbar und dann aktiv zu werden?
Ich engagiere mich für unsere Stadt seit Ende 2009. Damals begannen die Proteste um den Stuttgarter Hauptbahnhof. Das hat mich endgültig politisiert. Es ging mir aber nicht wirklich nur um einen Bahnhof, sondern um die Einmischung in das Geschehen in der Stadt: Wer entscheidet dort wie und was, inwiefern werden die Bürger:innen miteinbezogen, welche Rolle spielt die Politik generell, welche die Medien, Bürgerbewegungen … all das. Damals begann ich dann, mit anderen Initiativen zu gründen und wurde zu einer Art „Stadtaktivist“.

Seit vergangenem Jahr bist du nun Stadtrat für die STAdTISTEN in Stuttgart – und zudem Co-Fraktionsvorsitzender der Fraktionsgemeinschaft PULS. Wie hat sich denn der dein erster Wahlkampf angefühlt?
Es war mein zweiter. Ich trat zwar 2014 nicht selbst an, machte mich aber für die anderen Stadtist:innen stark, die man wählen konnte. Auch 2019 hatten wir gute Leute auf unserer Wahlliste und ein sehr aktives Wahlkampfteam. So macht das Freude. Aber natürlich war das auch superanstrengend, sowas läuft über viele Monate. Ideenfindungen, basisdemokratische Auseinandersetzungen, viel Orga. Ein Kraftakt, der zudem viel Geld kostet, von dem wir wenig hatten.

Hattest du damit gerechnet, dass es zum Einzug in den Stadtrat reichen kann?
Ich witterte zumindest die Chance, da ich in Stuttgart nicht ganz unbekannt bin.

Wie bewertet du deine Erfahrungen bislang? Ist der Politikbetrieb auf dieser Ebene so, wie du ihn dir vorgestellt hast? Und wie ist er überhaupt so?
Ich kannte diesen Betrieb ja schon einigermaßen, da die Stadtisten in den Jahren zuvor bereits einen Stadtrat stellten. Jetzt habe ich deutlich mehr Einblick, bin mittendrin. Das ist schon äußerst spannend und reizvoll. Mein erstes Fazit lautet: Politik und deren Umsetzungen funktionieren sehr, sehr langsam. Da braucht’s viel Geduld und Ausdauer. Nicht schön, aber so ist es. Schlussendlich sitzen da 60 Leute, die über die Politik der Stadt entscheiden. Da wird gehandelt und gefeilscht, es dreht sich vieles um Profilierung. Wichtig dabei ist mir, der PULS-Fraktion und den Stadtisten, dass es um die Sache geht, konstruktiv ist und Stuttgart gut tut. Letzteres ist natürlich immer eine Frage der eigenen Haltung und Perspektive.

So aufwühlend eine erste Amtszeit so schon ist, unter den aktuellen Corona Bedingungen ist ja alles anders als als gewohnt. Würdest du sagen, dass ihr unter Beachtung aller notwendigen Auflagen und durch digitale Ersatzräume in der Lage seid, den politischen Auftrag trotzdem annähernd normal umzusetzen oder bleiben da Anlage auf der Strecke und verpuffen die gerade am Anfang sicherlich hoch gesteckten Selbsterwartungen?
Kaum hatten wir unsere Fraktion gegründet, gingen auch schon die Haushaltsberatungen los, quasi die Königsdisziplin. Über 800 Anträge mussten binnen weniger Wochen abgestimmt werden, da geht’s um sehr viel Geld in sämtlichen Sparten städtischen Lebens. Das war ein heftiger, lehrreicher Crashkurs für uns Neulinge. Kurz danach kam dieses vermaledeite Virus. Und ja, das schränkt das den Betrieb ein. Dazu kommt, dass wir als Stadt in Sachen Digitalisierung 20 Jahre zurückhängen. Sieht in anderen Kommunen allerdings auch nicht besser aus. So eine Stadtverwaltung (in Stuttgart beschäftigt sie knapp 16.000 Leute) ist ein schwerer, langsamer Tanker. Das hat zudem viel mit Sicherheit zu tun: So wird Stuttgart beispielsweise 40 Mal am Tag digital angegriffen. Es nimmt also nicht Wunder, dass die Gesetze so sind, dass alles so save wie nur möglich gestaltet werden muss. Das bremst aus, sehr sogar. Bis heute tagen nur sehr wenige Ausschüsse online. Es wird langsam besser, aber auch das dauert und stößt uns vor den Kopf.

Du kommunizierst sehr offen und direkt im Netz, gibst Einblicke in den politischen Alltag, lieferst Hintergrundgeschichten und stellst dich angenehm selbstkritisch dem Dialog. Wie kommt das bei den anderen Stadtrat:innen an? Wirst du da viel drauf angesprochen?
Manche kommentieren mit, einige von Ihnen lesen zumindest mit und sprechen mich manchmal auf die zuweilen ausufernden Diskussionen an, die auf meiner Pinnwand aufbranden. Aber am Ende ist das nur Facebook. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Mir kommt es so vor, als ob dieser Dialog nicht nur dein Versuch von transparenter Politik ist, sondern auch eine ernstgemeinte Suche nach Stimmungen,Meinungen und durchaus auch Ratschlägen. Würdest du mir da zustimmen?
Durchaus. Mir ist es wichtig zu wissen, wie die Leute ticken. Nicht nur jene, die sich in meiner Blase tummeln. Das ist das Spannende an der Demokratie: Dieser vielseitige Pluralismus, den es auszuhandeln gilt. Da hilft mir Facebook besser zu verstehen, wie die Lage ist. Außerdem sind diese vielfältigen Meinungen hilfreich, um an meiner eigenen zu feilen. Im Schwarm tummeln sich zudem oft gute Ideen, das kann sehr inspirierend einwirken.

Was mich zur Frage der Kompetenz bringt. Die Arbeit an Politiker:in verlangt einem ja ab sich sehr schnell in sehr viele Themenfelder nicht nur einarbeiten zu können, sondern auch mit besten Gewissen Entscheidungen treffen zu können im Wohle der Gemeinschaft. Wie leicht / wie schwer ist dieser Prozess denn?
Ich sitze zum Beispiel in 19 verschiedenen Gremien: Ausschüsse, Beiräte, Aufsichtsräte, Arbeitskreise. Das geht vom Thema Wohnen, Kultur, Wirtschaft, Spielplätze, Menschen mit Behinderungen, bis hin zum Aufsichtsrat von Stuttgart Marketing. Sehr weite Themenfelder. Und sind wir doch ehrlich: Ich bin Musiker und kam da quasi als Laie rein. Das ist schon sehr, sehr fordernd, zuweilen auch überfordernd. Aber hey, man wächst rein. Und da ich gerne lerne, ist das alles ziemlich auf- und anregend. Gefällt mir.

Kaput firmiert mit dem Untertitel „Magazin für Insolvenz & Pop“. Das legitimiert uns zu direkten Fragen, was den ökonomischen Hintergrund der Arbeits- und Lebensmodelle unserer Gesprächspartner:innen angeht. Wieviel verdient man denn als Stadtrat in Stuttgart? Empfindest du das für Aufwand und Verantwortung als angemessen?
Das ganze ist ein Ehrenamt. Dennoch muss ich für mich sagen, dass ich sehr zufrieden mit meiner Vergütung bin (Anmerkung der Redaktion: Die Tätigkeit wird mit einem Grundbetrag von 1650 EUR vergütet, dazu kommen noch Sitzungsgelder (70 pro Sitzung) – dieser Betrag ist voll steuerpflichtig und man muss sich davon noch selbst krankenversichern). Als Co-Fraktionsvorsitzender bekommt man ja noch mal was obendrauf (Anmerkung der Redaktion: man bekommt 125% zusätzlich). Und da ich jemand bin, der nicht viel Geld braucht, ist das für mich nicht wenig. Oh, und als selbstständiger Musiker zum ersten Mal auch eine gewisse Sicherheit, kommt da doch jeden Monat gesichert was aufs Konto. In solchen irren Zeiten ist das sehr viel wert und mehr als die halbe Miete.

Wie verhält es sich denn mit dem Zeitaufwand? Und lässt das Zeit für andere (notwenige) Jobs und Hobbys?
Es geht sehr viel Zeit für die Politik drauf. Sitzungen, Austausch mit der Fraktion, Recherchen, Unterlagen lesen, bilaterale Gespräche mit anderen im Rathaus führen, Kommunikation mit Inititiativen, Vereinen, etc. Telefonate mit der Verwaltung, und dann die ganze Nachdenkerei über all das. Aber die Zeit für anderes habe ich dennoch, da ich ja keinem „normalen“ Beruf nachgehe. Als Musiker war ich stets eine Art Zeitmillionär, und das kommt mir jetzt zugute. Es geht sich aus. Zumal mir die Musik ein hervorragender Ausgleich zur Politik bedeutet.

Zuletzt hast du das neue Album von Rocket Freudenthal produziert, mit denen du schon lange verbandelt bist. Zweigt man sich das dann ab? Oder produzierst du tatsächlich kontinuierlich andere?
Ich wollte nie andere Bands produzieren. (Allerdings auch nie Politiker werden) Alleine schon, weil ich ja meine eigenen Projekte habe. Durch Rocket Freudental hat sich das stark verändert: Als klar war, dass sie jemanden wollten, der das Album produziert, konnte ich nicht nein sagen. Bin schließlich Fan der ersten Stunde, die Jungs sind gute Freunde. Seitdem habe ich Blut geleckt und stehe drauf, Musik anderer Leute zu produzieren. Das hat auch damit zu tun, dass die Musikproduktion ein unglaublich faszinierendes und weites Feld ist. Für mich pure Leidenschaft. Fühle mich da wie ein Dauerstudent, der permanent dazulernt, besseren Sound zu produzieren. Das ist schon geil. Mittlerweile produziere ich weitere Bands, deren Musik mir sehr zusagt. Gut ist dass ich finanziell nicht davon abhängig bin und machen kann, was ich machen will. Das ist schön und bereichernd.

Putte & Edgar – live im Scala, Ludwigsburg, 2020 (Photo: Reiner Pfisterer)

Das Album taucht unter anderen auch in den 2020-Jahrescharts von Kaput-Autor Maurice Summen (Staatsakt, Fun In The Church) auf, es bekommt generell viel Aufmerksamkeit, zumal die Band ja alles andere als ein steter Aktivposten ist, sondern eher alle paar Jahre mal Funkzeichen sendet. Dementsprechend passend hört sich das Album schön anachronistisch an, irgendwo zwischen der verwegenen Indie-Lofi-Ästhetik der 1990er Jahre, als man Scheppern und Staub als positive Attribute zu setzen wusste, und einer persönlich-politischen Sloganhaftigkeit, die an die Goldenen Zitronen der Post-Mauerfall-Zeit erinnern. Wie bist du als Produzent mit Rocket Freudenthal an das Album herangegangen? Gab es Überlegungen moderner klingen zu wollen? Oder habt ihr zielstrebig dieses signifikant leicht nostalgische Soundparadigma wieder aufgesucht?
Robert Steng bastelt seine Sounds ja am Computer. Das Ding ist, dass er extrem rudimentär arbeitet. Er nimmt einen Sample, bastelt einen Beat, vielleicht noch einen Bass und ein, zwei weitere Klänge. Sehr spartanisch, das war’s. Um die eigentliche Klangqualität kümmert er sich einen Scheiß, und genau da komme ich ins Spiel. Ich schnappe mir seine Klangschnipsel, blase sie auf und bringe all das in ein Verhältnis. Und ja, wir wollten ein modernes Album machen, das dennoch den alten Trash der Band nicht missen lässt. Diese Mischung ist uns gelungen, meinen wir. Eine schöne Anekdote ist, wie André Möhls Gesangsaufnahmen entstanden, denn damit fing eigentlich alles an: Robert rief mich eines Tages an und fragte, ob ich denn ein Mikrofon hätte. Er hätte keines, sagte er. Ich fragte ihn, ob er mir mal alle Aufnahmen schicken können. Ich hörte sie mir an, und André und seine Texte waren bei jedem Stück drauf. Also fragte ich Robert, wie sie das denn aufgenommen hatten. Er sagte, dass sich André über sein Laptop lehnte und die Texte so einsang. Ich musste lange und laut lachen. Dann fing ich an, diese Gesangsaufnahmen zu bearbeiten. Und schnell stellte sich heraus, dass das total taugte. Jedes Wort, das man auf dem Album „Erdenmenschen, weggetreten“ hört, wurde in Roberts schäbiges Laptopmikrofon eingesungen. Alles First-Takes, diese Skizzen sind das Endprodukt.

Neulich sah ich einen Post, dass du auch mit Putte & Edgar noch auftrittst. Kannst du problemlos zwischen den Rollen wechseln? Oder spürt der Musiker Putte auf der Bühne, dass da auch der Politiker Thorsten Puttenat gesehen wird?
Ach, darüber mache ich mir keine Gedanken. Die Leute haben mich schließlich für das gewählt, was ich bin und zuvor war. Wäre ja bitter und unglaubwürdig, würde ich deshalb zu einem anderen Typen mutieren. Das mit Edgar ist für mich mit das Beste, was ich im Leben habe. Wir sind nun im 22. Jahr, das bereitet mir irre Freude.

Aktuell wurde in Stuttgart der neue Bürgermeister gewählt? Wie hast du den doch sehr aufgewühlten Wahlkampf erlebt?
Das war eine fürchterliche Wahl. Bin heilfroh, dass sie vorbei ist. Mit dem Ergebnis bin ich nicht zufrieden, und es wurde viel mit Schlamm geworfen. Kein Wunder, dass die Leute kaum Bock auf Politik haben und die Wahlbeteiligungen dermaßen mau sind. Nicht schön, wie und was da lief. Aber damit gilt es nun konstruktiv umzugehen.

Wie bewertest du das Ergebnis?
Jetzt ist es, wie es ist. Man wird mit Frank Nopper zusammenarbeiten können, davon gehe ich aus. Das Gute ist, dass ein Oberbürgermeister weit weniger Einfluss hat, als viele glauben. Er hat am Ende auch nur eine einzige Stimme von 61. Stuttgart wird nicht untergehen.

Thorsten Puttenat (Photo: Reiner Pfisterer)

Letzte Frage: Nach der Wahl ist vor der Wahl. Ein großer Hemmfaktor für Politiker:innen ist ja die Angst nicht wiedergewählt zu werden, wenn man Entscheidung a) trifft oder Handlung b) macht. Spürst du den kalten Schweiß solcher Gedanken?
Nein, den spüre ich nicht. Was ich mache, mache ich aus Überzeugung – ohne mich deshalb zu sehr unter Druck zu setzen. Wenn’s am Ende fünf Jahre waren und nicht mehr, ist das auch okay. Aber Freude bereitet mir das sehr, ist’s doch schließlich eine sinnstiftende, motivierende Aufgabe. Und am Ende kommt’s wie es kommt, und sollte ich wieder antreten, werde ich entweder wieder gewählt, oder eben nicht. So ist das in der Demokratie. Aber auch hier habe ich Blut geleckt und großen Bock drauf.

Eine Frage habe ich doch noch: Wie schätzst du die Auswirkungen von Corona auf die Bundestagswahl 2021 ein? Und wagst du eine Prognose?
Ich denke, es ist zu früh, um hier eine Prognose zu wagen. Viele sind mit der Arbeit der Regierung in Sachen Pandemie einigermaßen zufrieden, mir geht das auch so. Es werden Fehler gemacht, aber das ist ja klar: In einer solchen Situation waren wir alle noch nie. Wünschen würde ich mir natürlich, dass die extremen Ränder im politischen Spektrum wenig Zulauf bekommen. Spannende Zeiten, da kommt noch einiges auf uns zu. Dieses Virus verändert uns und damit die Gesellschaft. Hoffentlich auch im Guten, so beschissen das auch alles gerade ist. Weiter geht‘s.

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