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Waldo Riedl (domicil, Dortmund): „Man möchte eigentlich nur Bands auf die Bühne bringen“

domicil, Aussenansicht bei Nacht (© domicil gGmbH)

Wer heute vom Dortmunder Hauptbahnhof ein paar Schritte in die Innenstadt geht, landet schnell vor einem ehemaligen Kino. Seit 2005 ist hier das domicil zu Hause: Jazzclub, Konzertort, Kulturzentrum, Gastronomie und Plattform für lokale wie internationale Musik. Rund 300 Veranstaltungen finden jedes Jahr statt. Dass der Ort heute so selbstverständlich wirkt, ist allerdings das Ergebnis einer fast sechzigjährigen Geschichte, in der Improvisation nicht nur auf der Bühne gefragt war.

Text: Thomas Venker / Fotos: Günther Maiss, domicil gGmbH, Stephan Fröhlich, Andreas Buck, Waldo Riedl

Sandra Scholtz (li) & Waldo Riedl (re) (Photo: Andreas Buck)

Eröffnet hat das domicil am 14. März 1969 auf der anderen Seite des Hauptbahnhofs, im Keller einer Kita im Dortmunder Norden. Damals, erzählt Waldo Riedl, sei Jazz noch keine Kultur gewesen – jedenfalls nicht im Sinne einer institutionell geförderten freien Kulturszene. Riedl ist Diplomingenieur der Raumplanung, war selbst Musiker und Performancekünstler und verantwortet heute Programm und Betrieb des domicil. Wir sitzen in seinen Büroräumen, draußen drückt an diesem Augusttag die Hitze mit 35 Grad in die Stadt.

Die Stadt hatte den Keller dem gerade gegründeten domicil Dortmund e.V. zunächst kostenlos überlassen. Keine Miete, keine Betriebskosten. Erst Ende der 90er-Jahre wunderte sich die städtische Immobilienwirtschaft über den hohen Wasser- und Stromverbrauch. „Plötzlich hieß es: Aha, domicil, was macht ihr da im Keller?“ – und plötzlich gab es trotz der geltenden Nutzungsvereinbarung die Absicht, Miete und Betriebskosten in nennenswerter Höhe zu kassieren.
Das eigentlich Problem war aber, dass die räumlichen und infrastrukturellen Bedingungen spätestens ab Mitte der 1990er Jahre schwindendende Akzeptanz in den eigenen Reihen fanden. Der Keller war undicht, es gab für Frauen und Männer lediglich jeweils nur eine Toilette – die Künstler:innen-Garderobe hatte weder Waschbecken noch Klo. Und wenn geraucht wurde, was damals quasi ständig und exzessiv der Fall war, dann wurde die Luft zum massiven Problem. Aber gegen all diese Zustände (oder vielleicht genau wegen ihnen) seien dort großartige Konzerte gelaufen, merkt Riedl an. „Fast alle Großen waren da.“ Nur die Infrastruktur habe eben mit der musikalischen Bedeutung nie Schritt gehalten.

domicil, Saal, oben (Photo: Stefan Froehlich)

Der Umzug wurde schließlich durch Konkurrenz beschleunigt. Als ein paar Straßen weiter das Konzerthaus eröffnete, verlor das domicil einen Teil seiner Laufkundschaft. Wer am Wochenende einfach Jazz hören wollte, konnte nun dort landen – mit Latte macchiato und frischer Luft. „Wir merkten: Wenn wir nichts tun, sitzen wir irgendwann allein im Keller.“

Die Suche nach einem neuen Ort führte in ein ehemaliges Innenstadt-Kino. Schon vor dem Umbau hatte das domicil dort Festivals veranstaltet; Esbjörn Svensson und Toots Thielemans waren unter anderem aufgetreten, teilweise in Zusammenarbeit mit dem WDR. Das Publikum mochte den Saal, die domicil-Leute ebenfalls. Also fuhr Riedl nach Köln zur Eigentümergemeinschaft und sagte: „Wir wollen das Kino haben.“

Was folgte, war viel Arbeit und Finanzierungsdruck: Miete, Umbaukosten, Architekt, Wirtschaftlichkeitsberechnungen und Förderanträge. Rund zwei Millionen Euro kamen am Ende zusammen. Der größte Teil der Umbaufinanzierung stammte aus der Städtebauförderung des Landes, dazu kamen Mittel der Stadt, Spenden und weitere Quellen. Aus dem Kellerclub war ein professionelles Kulturzentrum geworden.

domicil, Eingang, Bar Panorama (Photo: Stephan Froehlich)

Geblieben ist trotzdem viel von der ursprünglichen Struktur. Hinter der gemeinnützigen Betriebs-GmbH existiert weiterhin der Verein, der Nachwuchsarbeit, Kinder- und Jugendkonzerte, Workshops und kulturelle Bildung organisiert. Vereinsmitglieder:innen übernehmen weiterhin Kasse und Einlass im regulären Konzertbetrieb und helfen bei Instandhaltung und Entrümpelungsaktionen. Unter ihnen sind Architekt:innen, Elektriker:innen, Schlosser:innen und andere handwerklich Begabte. Die Altersspanne reicht von Ende 20 bis über 80.
Dass aus dem komplett ehrenamtlichen Verein irgendwann ein professioneller Betrieb werden musste, war zunächst umstritten. Als in den 90er-Jahren die ersten beiden halben Stellen eingerichtet wurden, traten Mitglieder:innen aus Protest aus: Bezahlte Arbeit, so die Befürchtung, untergrabe das Ehrenamt. Mit dem Umzug war diese Diskussion praktisch entschieden. Ein Haus dieser Größenordnung, mit eigener Gastronomie und zeitweise 20, 30 oder 40 Angestellten, lässt sich nicht allein ehrenamtlich betreiben.

Riedl selbst kam eher zufällig vom Künstlerleben zum Kulturmanager-Job. Zusammen mit Jens Brand hatte er Musik und Performance gemacht. Brand kam aus der bildenden Kunst mit Musikaffinität, Riedl aus der Musik mit Kunstaffinität. Eigentlich wollten sie Jazz spielen – Brand Altsaxofon, Riedl Tasten. Nur entwickelte sich alles regelmäßig in andere Richtungen. Die Performances führten in die USA und nach Osteuropa. Mit dem mex-Verein veranstalteten sie intermediale und experimentelle Musikprojekte im alten Kohlenkeller des Künstlerhauses, illegal, mit Kohlenstaub an den Wänden. Paul Panhuysen und Phill Niblock waren zu Gast. „Das war eine geile Zeit“, erinnert er mit leuchtenden Augen.
Der Schritt in die institutionelle Kulturarbeit kam dann über eine Mischung aus Lebensentscheidung und Gelegenheit. Riedl wurde Vater, sein Vorgänger wollte kürzertreten. „Ich hatte noch nie eine Band gebucht“, sagt er. „Ich sagte: Ich probiere es mal.“ Ein Jahr später kamen erstmals Fördermittel der Stadt, zwei halbe Stellen wurden eingerichtet – irgendwann war klar: Aus dem Ausprobieren war ein Beruf geworden.

Vielleicht erklärt diese Biografie auch, warum das domicil Jazz weniger als fest umrissene Stilrichtung behandelt denn als offene Praxis. Das Programm reicht von Free Jazz und improvisierter Musik über türkische Musik bis zu Fusion, Jazz-Rock und den größeren Namen des Modern Jazz. Dazu kommen Sessions, Bildungsangebote und Formate, die lokale Szenen miteinander verbinden.

Wie sehr der Standort das Programm bestimmt, zeigt sich allerdings auch an der sozialen Struktur Dortmunds. Die Stadt ist kleiner als Köln, ihre Geschichte und Bevölkerungsstruktur sind anders, die soziale Lage vieler Menschen schwieriger. Die Jazzszene selbst ist überschaubar. Viele Musiker:innen, die in Dortmund ausgebildet wurden oder dort ihre ersten Schritte machten, ziehen nach dem Studium weiter. „Wenn alle, die wir in den vergangenen 30 Jahren großgezogen haben, hiergeblieben wären, hätten wir eine große kreative Szene“, sagt Riedl.

domicil, The Dorf (Photo: Guenter Maiss)

Das domicil versucht gegenzusteuern: mit Sessions, Projekten, der Jazz-Akademie und Formationen wie The Dorf. Leute ans Spielen bringen, sie zusammenbringen, Möglichkeiten schaffen. Gute Musiker:innen gebe es, auch junge Kollektive entstünden. Aber nicht genug, um von einem eindeutigen „Dortmund-Sound“ zu sprechen. Auch beim Publikum ist die Sache komplizierter, als es die Lage mitten in der Innenstadt vermuten lässt. Etwa die Hälfte kommt aus Dortmund, die andere aus dem weiteren Ruhrgebiet und dem Umland – Bochum, Essen, Duisburg, Münster, Paderborn und das Sauerland gehören zum Einzugsgebiet.

Und wie neugierig ist das Dortmunder Publikum? Riedl formuliert vorsichtig: „Ohne ihm zu nahe treten zu wollen: nicht allzu neugierig.“ Viele kämen erst, wenn ein Name bereits anderswo angekommen sei. Wenn er beim Winter Jazzfest in New York eine Band entdecke, müsse deren zweites Europakonzert nicht gleich in Dortmund stattfinden. Lieber warte er die nächste Tour ab. „Ich habe nichts davon, sagen zu können: Die haben ganz früh bei uns gespielt, wenn nur zehn Leute da waren. Ich muss nicht immer der Erste sein.“

domicil, Saal, Konzert (Photo: Guenter Maiss)

Zuverlässig funktionieren Fusion und Jazz-Rock aus den 70er- und 80er-Jahren, alles, was groovt, und natürlich die größeren Namen des Modern Jazz. Schwieriger ist die mittlere Ebene: Musiker:nnen, die in der Szene bekannt sind, aber noch nicht so bekannt, dass automatisch alle kommen.
An den Generationen lässt sich dieses Problem besonders schön ablesen. Wenn John Scofield spielt, ist das Publikum ungefähr so alt wie Scofield selbst. Ein paar junge Gitarrist:innen sitzen dazwischen, ansonsten dominieren die Silberlocken. Bei Snarky Puppy war es genau andersherum. Als das domicil die Band erstmals buchte, noch ohne Agentur, fragten die älteren Jazzleute: „Wer ist das? Noch nie gehört.“ Im Publikum war kaum jemand über 30. Zweimal ausverkauft. Bei Kamasi Washington funktionierte das Prinzip ähnlich.

Riedls Aufgabe ist deshalb auch eine Art Übersetzungsarbeit zwischen Generationen. Was hören die Leute gerade, welches Bild von Jazz haben sie im Kopf? Und welche Verbindung lässt sich von dort zu etwas anderem herstellen? „Wenn du Kamasi magst, könnte dir auch diese andere Band gefallen.“ Ein bisschen wie bei Amazon: „Du hast das gekauft, das könnte dir auch gefallen.“ Nur hoffentlich mit besseren Absichten.
Ein jüngeres Publikum zu erreichen, bedeutet für das domicil auch, sich stärker zur Universität hin zu öffnen. Dortmund hat zwei große Hochschulen, trotzdem waren Studierende lange kaum im Club präsent. Die TU liegt außerhalb des Zentrums; eine ausgeprägte studentische Kneipen- und Clubkultur entstand entsprechend nicht. Viele wohnen außerhalb, kommen mit dem Auto und fahren wieder nach Hause. Das verändert sich langsam. Die TU nutzt Räume in der Innenstadt, im Dortmunder U gibt es eine Uni-Etage, Studentenwohnheime sind hinzugekommen. Das domicil hat inzwischen einen Kooperationsvertrag mit der Universität. Mit dem Musikjournalismus funktioniert die Zusammenarbeit besonders gut: Artist Talks, Präsentationen und Veranstaltungen finden im Club statt, Riedl geht regelmäßig in die Hochschule. Auch das Jazzfestival der TU ist aus einem Hörsaalgebäude zurück ins domicil gezogen.

Eine andere Strategie heißt Community Stage. Hier lädt das domicil Initiativen aus der Dortmunder Stadtgesellschaft ein, die den Club mit ihren eigenen kulturellen Zusammenhängen bespielen. Die Global Sound Academy aus der türkischen Community präsentierte Musik und Instrumente und erklärte, wie türkische Musik funktioniert und wo man sie lernen kann. Dazu kamen ein Inklusionsprojekt des Vereins Gesamtkunstwerk, SLADO, Initiativen aus der Nordstadt wie Rekorder oder Blend Bazar mit einem Kunsthandwerksmarkt, Livemusik, migrantischem Kunsthandwerk und einem auffallend jungen, queeren Publikum.
Der Erfolg solcher Veranstaltungen lässt sich schwer in Ticketzahlen messen. Riedl interessiert deshalb zunehmend ein anderer Effekt: die Vernetzung der Initiativen untereinander. Rekorder, SLADO, die Inklusionsinitiative und Global Sound Academy, sie alle kannten sich zwar, hatten aber bis dahin kaum Berührungspunkte. Wenn das domicil dazu beiträgt, dass solche Gruppen sich näher kennenlernen, entsteht eine Form kultureller Wirkung, die in keiner Besucherstatistik auftaucht.

domicil, Charles Lloyd, 2016 (Photo: Guenther Maiss)

Jan Klare

Eine der sichtbarsten Folgen dieser Haltung ist The Dorf. Das Avantgarde-Improvisationsorchester entstand parallel zum Umzug ins neue Haus, um die regionale Szene einzubinden. Jan Klare, der bereits Erfahrungen mit einer Veranstaltungsreihe im domicil gesammelt hatte, brachte dafür die nötige Ambition und Energie mit. Aus den zunächst selbst finanzierten Anfängen wurde später eine vom Land geförderte Formation. Einmal im Monat gibt es eine offene Probe oder ein Werkstattkonzert, dazu kommen Festivalauftritte und zahlreiche Spin-offs. Ältere Improvisationsmusiker:innen treffen auf junge Leute von Folkwang, anderen Hochschulen und aus der regionalen Szene.
Klare selbst kommt aus der Gegend, hing als Jugendlicher allerdings eher in Dortmunder Discos wie dem Jara herum. Jazz kam erst später über Freund:innen. Mitte oder Ende der 90er-Jahre gewann er mit seiner Band „das böse ding“ einen Wettbewerb und durfte erstmals im domicil spielen – nachdem die Band dort zuvor immer wieder abgelehnt worden war.
Heute schätzt Klare am domicil den „entwickelten dezidierten Geschmack, was Musik, Inhalte angeht“, aber auch den schwierigen Spagat zwischen internationaler Bedeutung und familiärer Struktur. The Dorf beschreibt er mit einem Satz, den er von anderer Seite übernommen hat: „This is not a band, it’s a village.“ Laut, intensiv, dicht, zunächst komplett überfordernd. Nach dem dritten Konzert beginne man langsam zu verstehen, ab dem vierten sei man stolz, diese Band entdeckt zu haben.

250 Auftritte hat The Dorf inzwischen im domicil gespielt. Zu viele, um eine einzige legendäre Nacht herauszugreifen. Riedl dagegen kann sich an eine erinnern: Henry Threadgill und Very Very Circus, ein Doppelquartett, noch im alten Keller. Die Band war eigentlich viel zu groß für die kleine Bühne, Threadgill galt als schwierig. Riedl sollte ihn im Hotel abholen und fuhr damals eine blaue Ente. Alle hatten gesagt: „In die Ente steigt der nicht ein.“ Threadgill kam trotzdem. Mit Köfferchen und Altsaxofon. Als er die Ente sah, rief er: „Deaux CV! Deaux CV! Wow!“ Dann wollte er, dass das Faltdach geöffnet wird. Mit seinem Hut schaute er oben aus dem Auto, schaukelte mit und forderte Riedl auf, weiterzufahren: „Yeah, go, go, go!“ Mehrfach, glaubt Riedl, seien sie um den Wallring gefahren.
Im Keller erwartete Riedl anschließend das technische Desaster: acht Musiker:innen auf einer viel zu kleinen Bühne, kaum Monitore, alles eng. Stattdessen wurde es ein „brutal geiles Konzert“. Threadgill, der vermeintlich schwierige Gast, erwies sich als wunderbar. Es gibt sogar einen Mitschnitt.

domicil, Saal, Robert Glasper (Photo: Guenther Maiss)

Solche Geschichten erzählen vielleicht mehr über das domicil als jede Aufzählung von Förderprogrammen und Auszeichnungen. Trotzdem sind die harten Zahlen entscheidend. Rund 300 Veranstaltungen im Jahr finanzieren sich nicht von selbst. Das domicil erhält eine Grundförderung als Kulturzentrum vom Kulturbüro der Stadt Dortmund. Diese beinhaltet vor allem Zuschüsse zu den Infrastrukturkosten wie Miet- und Betriebskosten und Personalkosten im Kulturbetrieb. Darüber hinaus gibt es einen kleineren Anteil mit rund 50.000 € zur Deckung laufender Programm- und Veranstaltungskosten wie Gagen, Öffentlichkeitsarbeit und Produktionskosten von Hotel über GEMA bis Technik und Klavierstimmer.
Neben den Eintrittseinnahmen im Kulturbetrieb bilden ein weiteres wichtiges Standbein die Deckungsbeiträge aus dem wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb: Gastronomie, Vermietungen, Firmenveranstaltungen, Weihnachtsfeiern oder Veranstaltungen anderer Konzertveranstalter. Dazu kommen Projektförderungen, Stiftungen, Sponsoring und Spenden. Die hohe Eigenmittelquote ist Stärke und Risiko zugleich. Die Gastronomie muss laufen, am Samstag muss die Party stattfinden. Preisgelder wie der APPLAUS werden deshalb nicht für das laufende Jahr eingeplant. Wenn sie kommen, fließen sie in die Zukunft.

Dass das domicil inzwischen insgesamt elfmal mit dem bundesweiten APPLAUS-Award ausgezeichnet wurde und beim APPLAUS 2025 den Hauptpreis in der Kategorie „Beste Livemusikprogramme“ erhielt, ist deshalb mehr als eine Trophäe. Der Preis war mit 40.000 Euro dotiert; bereits 2021 hatte das Haus in der höchsten Kategorie für ein kuratiertes Programm 50.000 Euro erhalten. Der Preis bestätigt damit eine Arbeit, deren Alltag ansonsten vor allem aus Organisation, Finanzierung und dem Versuch besteht, jeden Abend tatsächlich Musik auf eine Bühne zu bekommen.

Dass die Musikerin Angelika Niescier die Laudatio auf das domicil hielt, war dabei besonders passend. Sie kennt den Club nicht aus der Distanz einer Jury, sondern von der Bühne. Nur wenige Wochen zuvor hatte sie dort mit ihrem transatlantischen Trio Beyond Dragons gespielt. Ihre Laudatio war entsprechend eher Anerkennung aus der musikalischen Praxis als kulturpolitische Sonntagsrede.

Auch lokal wird der Preis wahrgenommen. Nach dem Hauptpreis kamen Glückwünsche aus Politik und Verwaltung, sogar handgetippte Briefe. Ein gewisser Dortmunder Stolz ist spürbar. Mit dabei oft auch anekdotisch-positives Feedback von Menschen, die häufig mittlerweile auch auf Vorstands- und Entscheidungsebenen unterwegs sind, die aber in jungen Jahren ihre Freizeit wohl häufig im alten domicil-Keller verbracht haben: „Wissen Sie was? Ich habe in den 70er Jahren im domicil so viele tolle Konzerte gehört und meine Frau dort kennengelernt. Da wurde noch geraucht!“

domicil, Saal, Lichteffekt (Photo: Stefan Froehlich)

Der Club ist damit selbst Teil der Dortmunder Erinnerung geworden. Und gleichzeitig bleibt er mit den ganz praktischen Problemen der Gegenwart konfrontiert. Mieten, Hotel- und Veranstaltungskosten steigen, eine Indexmiete ist nach Corona deutlich teurer geworden, Wartungsverträge und externe Techniker:innen ebenfalls. Die Tagessätze für externe Veranstaltungstechniker für Licht und Ton haben sich seit der Pandemie fast verdreifacht.
Bei den Künstler:innen will Riedl trotzdem nicht sparen. Seine Gagenpolitik sei schon lange vor der aktuellen Diskussion um Mindesthonorare darauf ausgerichtet gewesen, Bands ordentlich zu bezahlen. Wenn es möglich ist, hält das domicil die 300 Euro Mindestgage für ausgebildete Musiker ein, dazu kommt ein Reisekostenzuschuss. Im Zweifel werde lieber ein Konzert weniger gemacht oder eine Vermietung mehr. „Wir sind nicht als gemeinnützige Organisation angetreten, um Musiker:innen auszubeuten. Sie sollen für ihre Kunst angemessen honoriert werden. Das gehört sich einfach.“

Was ihn dagegen zunehmend an die Grenze bringt, ist die Bürokratie: Arbeitssicherheit, Betriebsarzt, Gefährdungsbeurteilungen, Leiterberechtigungsschein, der falsche Schreibtischstuhl – aktenordnerweise Papier. Vieles davon habe seine Berechtigung, sagt Riedl, aber insgesamt sei es ausgeartet. Und dann kommt der Satz, der vielleicht am unmittelbarsten beschreibt, warum er das alles trotzdem noch macht: „Man möchte eigentlich nur Bands auf die Bühne bringen.“

domicil, Fassadentransparent (Foto: Andreas Buck)

 

Der APPLAUS-Award macht die Vielfalt der Club- und Livemusikkultur sichtbar und würdigt die Menschen, die sie mit ihrer Arbeit und ihrem Engagement prägen. Ausgezeichnet werden herausragende Livemusikspielstätten und Konzertreihen in sechs Kategorien mit bis zu 40.000 Euro Preisgeld. Fachjurys berücksichtigen bei der Bewertung auch zentrale Aspekte einer zukunftsfähigen Club- und Veranstaltungskultur, wie Engagement in den Bereichen Awareness, Inklusion und Nachhaltigkeit.

Mit einem Gesamtpreisgeld von rund 1,5 Millionen Euro zählt der APPLAUS-Award zu den höchstdotierten Bundeskulturpreisen. Der APPLAUS-Award wird aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) finanziert und seit 2013 von der Initiative Musik, der zentralen Fördereinrichtung des Bundes für die Popularmusik- und Jazzszene, umgesetzt. Die 13. Verleihung findet am 24. November 2026 im Waschhaus Potsdam (Brandenburg) statt; der Austragungsort wechselt jährlich.

KAPUT – Magazin für Insolvenz & Pop freut sich, den APPLAUS 2026 als Medienpartner der Initiative Musik zu begleiten und damit die Orte, Menschen und Strukturen sichtbar zu machen, die die Livemusikkultur in Deutschland prägen.

APPLAUS 2026
24. November 2026
Waschhaus Potsdam, Brandenburg
13. Verleihung des Bundeskulturpreises für Livemusikspielstätten und Konzertreihen
Moderation: Kathrin Wosch

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