Samstag, 15.12.2018
Übergang als zentrales Gestaltungsprinzip – Die Konzertreihe 4fakultät

“Wir wollen das Format und auch uns als Kuratoren weiter herausfordern”

Die Konzertreihe 4fakultät erklärt den Übergang, die improvisierte musikalische Mischform zu ihrem zentralen Gestaltungsprinzip.

Viermal im Jahr begegnen sich im Rahmen der Konzertreihe 4fakultät vier unterschiedliche Musikstile vertretende Acts auf einer gemeinsamen Bühne – reihum präsentieren diese jeweils ihr eigenes Solo-Set und improvisieren anschließend mit dem nachfolgenden Act. Im Wechselspiel von Solo-Parts und improvisierten Momenten entsteht ein Konzert ohne Pausen – die Dauer der Improvisation zwischen zwei Acts ist dabei nicht festgeschrieben. Im Raum des Nicht-Geplanten entstehen unkonventionelle Instrumenten- und Sound-Kombinationen, teils auch ein radikales Gegeneinander der Stile. „It’s been a leap of faith!“, so beschreibt der Drummer Andrea Belfi nach seinem 4fakultät-Konzert die Erfahrung mit dem eigenwilligen Format.

Am 24. November feiert die Konzertreihe ihr dreijähriges Bestehen. Zur 10. Ausgabe sind bei 4fakultät die Moskauer Musikerin KATE NV, das skandinavische Jazz-Duo SHITNEY, der Jazz-Drummer JBXDR und der Elektronik-Pionier A.K.Klosowski eingeladen.
Jonas Eickhoff traf die künstlerischen Leiter Konstantin Bessonov, Simon Roessler und Mark Matthes im Vorfeld des Konzerts zu einem Gespräch über die Hamburger Musikszene, die Idee des Formats und über Improvisation. Photos: Phil Struck.

 

Photo: Phil Struck.

Entwickelt und erstmals umgesetzt wurde 4fakultät von euch drei Kuratoren. Das erste Konzert fand 2016 in einem weißen Galerieraum im Künstlerhaus Faktor an der Hamburger Sternbrücke statt. Vom ersten bis zum zehnten Konzert: Was hat sich aus eurer Sicht verändert?
Konstantin Bessonov: Obwohl es noch immer ein junges Format und ein kleines Juwel im Underground der Stadt ist, trauen wir uns von Mal zu Mal mehr zu. Jetzt gehen wir auf die großen Namen der Musikszene zu und sagen: “Wir haben hier dieses außergewöhnliche Konzert. Du kannst wie gewohnt deine Musik spielen und bekommst dazu die Möglichkeit live mit anderen MusikerInnen etwas Neues auszutesten. Das gibt es nur bei uns. Hast du Lust darauf?”
Immer wieder hören wir dann: “Das habe ich so noch nie gemacht. Ich weiß nicht, ob ich das schaffe.” Dann erwidern wir: “Na klar, die und der haben auch schon bei uns gespielt.” Und am Ende sind alle dankbar für und begeistert von dieser besonderen Gelegenheit.
Simon Roessler: Alles ist im Detail verbessert und verfeinert worden, aber die Grundidee hat sich seit dem ersten Konzert bewährt. Nach fast drei Jahren hat sich das Format etabliert.
Mark Matthes: Das Publikum bestand am Anfang hauptsächlich aus der experimentellen Musikszene und setzt sich nun aus vielen verschiedenen Kreisen zusammen. Auch weil die MusikerInnen international eingeladen werden, ist jedes Mal eine Neugierde und Lust an der musikalischen Überraschung zu spüren.

Was waren in den drei Jahren eure persönlichen Superlative?
Mark Matthes: Abgesehen von den ersten zwei faszinierenden Konzerten, die unsere Motivation geweckt haben 4fakultät intensiv weiterzuführen und zu verfeinern, gab es immer wieder Momente, in denen das Zusammenspiel außergewöhnlich spannend war. Durch glückliche Missverständnisse spielten zum Beispiel Jennifer Bennett (E-Bass und Stimme) und Jawad Salkhordeh (persische Tonbak und Daf) einen besonders langen Übergang und der Schlagzeuger Dirk Dhonau nutzte die Gelegenheit und improvisierte mit dem Duo, obwohl unser vorab ausgearbeiteter Ablaufplan das gar nicht vorsah. Der Ablauf bleibt also letztlich immer unberechenbar und das ist gut so.
Konstantin Bessonov: Immer wieder halte ich bei den improvisierten Parts inne und frage mich: “Lassen sich die MusikerInnen jetzt tatsächlich aufeinander ein? Geht unser Konzept ein weiteres Mal auf? Was hören wir jetzt?” Und bin immer wieder erstaunt, wenn die Acts ihr gewohntes Spielfeld verlassen und sich live auf die anderen Stile einlassen. Andrea Belfi und Bear Bones, Lay Low beim letzten Konzert waren eine elektrisierende Symbiose aus treibendem Schlagzeug und atmosphärischen Soundflächen, die sich live Stück für Stück einander angenähert und dann wieder separiert haben. Da hat unser Format absolut funktioniert.
Simon Roessler: Jeder Übergang auf jedem Konzert! Okay, das Übergangs-Trio von den hochenergetisch brodelnden Synthie-Eskapaden von Svetlana Maraš zu den elegisch-elektronischen Ostinati von Derya Yıldırım an der Saz und Fee Kürthen an E-Drums und Bass fand ich persönlich besonders herausragend.

Photo: Phil Struck.

Mit Musikerinnen wie  Andrea Belfi, Anna-Lena Schnabel und Svetlana Maras oder auch Sven Kacirek und Nika Breithaupt spannt ihren einen stilistischen Bogen von Neuer Musik über Elektronik und Noise hin zum zeitgenössischen Jazz und Field Recordings. Welche Rolle spielt Improvisation?
Simon Roessler: Im Leben? Eine zentrale Rolle. Aufstehen, Klamotten improvisieren, Vorlesung improvisieren, Fahrradreparatur improvisieren, Termin wegen Zuspätkommens improvisieren.
In der Musik? Musik ist und war eigentlich immer schon improvisiert, zusammen gemacht, frei. Noten und Kompositionen sind auch interessant, aber das Herz der Musik, der Dreiklang aus Sound, Rhythmus und Harmonie, schlägt lebendiger, wenn MusikerInnen JETZT etwas erfinden und ich ihnen dabei zuhören kann.
Konstantin Bessonov: Improvisation heißt für mich: Bei den MusikerInnen immer wieder das Vertrauen zu schaffen, dass die eigene Expertise ausreichend ist. Wenn es um Improvisation vor Publikum geht, werden ja selbst gestandene KünstlerInnen häufig nervös und zweifeln an ihren Fähigkeiten. Da ist es für mich besonders wichtig zu betonen, dass es in unserem Kontext gerade spannend ist, wenn es vermeintlich nicht glatt läuft, wenn es auch mal dauert, bis sich ein Rhythmus, eine Harmonie, eine gemeinsame akustische Schnittfläche gefunden hat. Oder dass es genauso spannend ist, wenn es diese Schnittfläche nicht gibt. Improvisation heißt bei uns nicht musikalisches Chaos, sondern die Lust an der Begegnung mit Neuem, mit der Schroffheit in der Musik. Und dafür braucht es sehr viel Selbstvertrauen in die eigene musikalische Expertise und Qualität seitens der MusikerInnen.
Mark Matthes: Musiker_innen improvisieren, um neue Ideen zu finden und versuchen oft daraufhin den magischen Moment zu wiederholen. Dies kann auch gleich vor Publikum entstehen. Gerade in den bevorzugt kleinen Besetzungen oder bei SolistInnen ist Improvisation oft von Beginn an mit eingeplant. Das führt zu einem Detailreichtum in der Athmosphäre, die schwer zu planen und zu komponieren ist. Sowohl das Publikum, als auch die MusikerInnen sind konzentriert und hören genauer zu.

Im ersten Jahr haben die Musiker_innen bei euch fast pro bono gespielt. Mittlerweile werdet ihr mit öffentlichen Mitteln gefördert und zahlt Gagen und Honorare, habt einen Stab an Mitarbeiter_innen und Unterstützer_innen. Da geht es  euch ja schon deutlich besser als anderen Formaten der sogenannten experimentellen Musikszene. Was plant ihr für die nächsten Ausgaben?
Mark Matthes: Wir wollen unsere Strukturen weiter professionalisieren. Na klar, faire Bezahlung ist uns wichtig. Das ist im experimentellen Musikbetrieb, in dem wir uns mit diesem Format bewegen, alles andere als selbstverständlich. Das sollte es aber sein. Wir freuen uns natürlich auch, wenn wir über das entstehende Netzwerk die Musikszenen anderer Städte und Länder kennenlernen und sich fruchtbare Kooperationen entwickeln.
Simon Roessler: Wir wollen das Format und auch uns als Kuratoren weiter herausfordern. Immer wieder neu das Experiment behaupten und wagen: Noch ungewöhnlichere Acts in neuen Kombination präsentieren, “Musiken”, die nicht auf Instrumenten gespielt werden, mehr Gäste aus dem Ausland. Das Aufeinandertreffen von stark komponierter Musik und den Improvisationen könnte noch stärker hervorgehoben werden, um intensivere Kontraste zu entwickeln.
Konstantin Bessonov: Das Format hat sich bewährt. Wir wollen diese Spielidee an möglichst viele junge genauso wie etablierte MusikerInnen weitergeben. Wir sehen uns außerdem als eine interdisziplinäre und interkulturelle Arbeitsplattform. Wir suchen aktiv nach konzeptuellen Überschneidungen mit anderen neugierigen und experimentellen Kollektiven und Festivals, die abseits etablierter musikalischer Pfade denken. 4fakultät soll international Szenen verbinden und das Interesse für Neues, Unbekanntes und Abseitiges wach halten. Das verstehen wir durchaus politisch.

Photo: Phil Struck.

Die Reihe hat sich zu einem wichtigen Bindeglied lokaler und internationaler Szenen entwickelt, ist aber immer noch ein Geheimtipp. Welcher Fokus ist euch wichtig: regional oder international?
Konstantin Bessonov: Das eine geht nicht ohne das andere. Wir sind ein musikalisches Kommunikationsglied zwischen den unterschiedlichsten Subszenen – regional wie international. Musik passiert im Hier und Jetzt, aber sie lässt sich nie in einen einzelnen Ort zurückbinden. Regionale und nationale Stereotype sind im Moment gemeinsamen Musizierens tatsächlich egal. Es mag zunächst nach Kitsch klingen, ist aber sehr real. Mit unserem Format hinterfragen wir ganz aktiv gängige Klischees. Musikalisch wie gesellschaftlich.
Mark Matthes: Gerade bekannte Hamburger Musiker in neuen Konstellationen spielen zu hören ist erkenntnisreich. Die Eigenheiten der lokalen Musikszene werden dadurch stärker hörbar. Wobei sich das nicht pauschalisieren lässt. Die lokalen Szenen sind sehr fluide, ihre Akteure wechseln ständig. Genau da spielen wir ja mit rein. Natürlich gibt es einige KünstlerInnen, die in Hamburg einen festen Stand haben und die freuen sich dann häufig besonders über einen Tapetenwechsel in der lokalen Konzertlandschaft, wenn sie sozusagen neue musikalische Erfahrungen auf einer Hamburger Bühne machen dürfen.
Simon Roessler: Beides ist wichtig. Grade ungewöhnliche internationale Acts, die nicht einen erwarteten “Heimatstil” vertreten, und bisher unerhörte Stimmen aus dem Dickicht vor der eigenen Haustür können sehr wichtig und gut sein.

Mit dem  Künstlerhaus Faktor seid ihr im Schanzenviertel an einem kulturellen Hotspot der Stadt angesiedelt. Wie seht ihr eure Zukunft mit Blick auf die Sanierung der Hamburger Sternbrücke? 
Simon Roessler: Leider völlig unbekannt. Die Sternbrücke wird hoffentlich denkmalgerecht saniert und nach dem Umbau bleibt die Umgebung der Sternbrücken-Kreuzung hoffentlich ein kreativer, unbequemer und freier Kulturort. Ohne, dass nun alle Aufkleber an den Wänden von RestauratorInnen rekonstruiert werden müssen, aber auch nicht als ein eingehegter, sauberer und berechenbarer Kommerzbetrieb.
Mark Matthes: Das nächste Jahr ist uns sicher, allerdings wird die Sanierung irgendwann kommen. Dann sind wir aber auch nicht die Einzigen auf der Suche nach Alternativen. Wobei selbst dann das Künstlerhaus Faktor, das ja unsere Spielstätte ist, nicht sofort abgerissen werden müsste. Wir werden sehen.
Konstantin Bessonov: Wir sprechen offen über einen Ortswechsel, gerade mit Blick auf die Hamburger Stadtplanung im Schanzenviertel. Mit der Idee von 4fakultät können wir an die unterschiedlichsten regionalen und internationalen Orte, Institutionen, Festivals, Kollektive und Kollaborationen anschließen. Erste Gastspiele planen wir für 2019. Wir sind an keinen konkreten Ort gebunden, fordern aber von unseren Spielorten eine kulturelle, konzeptionelle und, ja, auch eine architektonische Offenheit.

Photo: Phil Struck.

Ihr lebt und arbeitet in einer Musikmetropole mit  unzähligen Konzerten täglich. Wie bereichert ihr die lokale Musikszene?
Konstantin Bessonov: Genau, Hamburg hat bereits eine sehr reichhaltige Musikszene. Nicht immer gibt es aber einen echten Austausch zwischen ihren einzelnen AkteurInnen. Die Interaktion dieser vielen Stimmen ist nur selten wirklich hörbar für ein Publikum. Bei uns schon. 4fakultät schafft eine konzeptionelle Bindung zwischen den diversen und teils sehr eigensinnigen Stilen, Orten, Booking-Agenturen, Festivals, VeranstalterInnen und MusikerInnen der Stadt. Und über die Tore der Stadt hinaus.
Simon Roessler: Mit neuen musikalischen Kombinationen, mit Improvisationen über Genre- und Szene-Grenzen hinweg und einem großen Stück Wagemut.
Mark Matthes: Mit Musik, die sich nicht selber schon die Grenzen setzt und einer künstlerischen Atmosphäre, die die Neugierde steigert und alle willkommen heißt.

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