Carsten "Erobique" Meyer / Paul Pötsch / Lea Connert "Wir treiben die Liebe auf die Weide"

Paul Pötsch: “Die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung ist sozusagen in die Arrangements, Harmoniebögen und Grooves direkt hineinkomponiert worden. “

Lea Connert, Carsten “Erobique” Meyer und Paul Pötsch

Mit ihrem für das Kampnagel Sommerfestival 2019 entwickelten Stück “Wir treiben die Liebe auf die Weide” widmen sich Lea Connert, Carsten „Erobique“ Meyer und Paul Pötsch der DDR Musik der 1970er Jahre. Der Sound der DDR, der sie interessiert, ist jedoch keineswegs das Ergebnis eines isolierten Schaffenprozesses hinter der Mauer, vielmehr spiegelt sich in ihm der Sound der Welt wieder, wie er in der DDR wahrgenommen wurde. Gerade dieser Spagat zwischen Selbstbetrachtungen und der Reinterpretation herübergewehter Klänge (Disco, Soul, Jazz, Funk, Schlager, Afrobeat) sorgt für den speziellen Reiz der Produktionen jener Ära. 

Paul Pötsch war so freundlich kaput trotz heftigen Tour- und Vorbereitungsstress ein paar Fragen über die Spurensuche, die zu dem Stück führte, zu beantworten. 

Paul, warum ein Konzerthappening über das musikalische Erbe der DDR? Wie kam es zu dieser Idee?
Paul Pötsch: Ich habe Carsten vor zwei Jahren in Zürich besucht, als er mit Jaques Palminger an „Crisi di Nervi“ gearbeitet hat, einem italienischem Liederabend am Schauspiel Zürich. Nach einer der Proben haben Carsten und ich während einer Radtour um den Zürisee eine Kiste am Straßenrand gefunden, die auf unser Interesse stieß. Wir hielten an und in dem unscheinbaren Pappkarton fand sich ein unerwarteter Schatz: Eine Sammlung von AMIGA-Platten! Feinstes Zeug, ausschließlich DDR-Content. Wir mussten unsere Radtour daraufhin vor Neugier auf die Platten abbrechen und haben die Platten in Carstens Künstlerwohnung gehört, daraufhin entstand die Idee.

Kurz zuvor hatten Carsten und ich als Geburtstagsgeschenk für eine Hamburger Freundin das Stück „Wenn ich dich seh“ von Manfred Krug gecovert, das war einen Tag nach seinem Tod 2016. Unser Interesse an und unsere Faszination für Musik aus dem ehemaligen Osten war also ohnehin schon geweckt und so tat die magische Plattenkiste ihr Übriges. Mit der Regisseurin Lea Connert haben Carsten und auch schon mehrfach zusammengearbeitet, zuletzt auch auf Kampnagel, da haben wir uns zusammen „Parzival“ vorgeknöpft. So schließt sich ein Kreis.

Was verbindet ihr persönlich denn mit der DDR an sich und dem dortigen Kulturbetrieb?
Meine Eltern sind in der DDR geboren und haben dort den prägenden Teil ihrer Jugend verbracht. Ich selber bin Jahrgang ´88, bin also ein Jahr vor dem Mauerfall im Süden Brandenburgs geboren und habe dort bis zu meinem 14. Lebensjahr gelebt. Die Tatsache, dass man aus dem Osten kam, war für mich nie ein großes Thema. Das änderte sich zu dem Zeitpunkt, als meine Eltern 2003 in den Schwarzwald umzogen. Ich habe das erste Mal gespürt, dass ich einen komplett anderen Background habe, als das bei meinen Mitschüler_innen der Fall war, aber habe das damals in seiner ganzen historischen Tragweite noch nicht richtig verstanden. Im Geschichtsunterricht fragte mich mein damaliger Geschichtslehrer dann vor der gesamten Klasse – als wir gerade Aufnahmen vom Mauerfall sahen –, ob diese Bilder in mir spezielle Emotionen auslösen, offenbar wurde eine besondere Antwort von mir erwartet, das war schon strange.

Berührung mit der Musik der DDR habe ich durch meine Eltern gehabt, denn bei uns zuhause lief trotz Mauerfall immer noch sehr viel Musik aus der Feder ostdeutscher Interpret_innen. Meine Eltern sind in den 80ern oft zu Blueskonzerten gefahren, die in der DDR eine wichtige Subkultur darstellte und so etwas wie eine verspätete, ostdeutsche Antwort auf die Ideale von ´68 war. Da wurden teilweise antiautoritäre Strukturen und auch freie Liebe erprobt. Es gab in dieser Szene sehr viele verbotene Bands, die immer wieder unter anderem Namen auftreten mussten.
Später fielen mir dann Platten von Holger Biege in die Hände. Den habe ich dann mit 13, 14 angefangen zu hören und der hat mich bis heute nicht losgelassen. Biege ist ohne Scheiß der großartigste deutsche Soulsänger und ist mit absolut nichts vergleichbar, weswegen wir auch einige seiner Stücke im Rahmen von “Wir treiben die Liebe auf die Weide” neu interpretieren werden. Holger Biege war ein Star in der DDR, ist 1983 nach Hamburg geflohen und hat dann erstmal bei der Post gearbeitet, weil sich seine Musik einfach nicht so gut vermarkten ließ. Als jemand, der auch mal als Postbote gearbeitet hat, kann ich sehr gut nachvollziehen, wie seltsam sich das wohl angefühlt haben muss….

Lass uns über die Gäste sprechen: Polly Lapkovskaja (POLLYESTER), Marcel Römer, Pola Lia Schulten. Kannst du ein paar Worte zu den jeweiligen Beweggründen nennen, warum ihr gerade sie angesprochen habt?
Polly am Bass und Marcel am Schlagzeug sind unsere Rhythmusgruppe und somit das Herz der Band. Viele der Stücke, auf die wir wie Schatzgräber bei der Recherche gestoßen sind, bestechen neben den unglaublich guten Texten vor allem durch ihre musikalische Qualität. In der DDR konnte man nicht einfach so eine Band gründen. Nein, auch das hatte der Arbeiter- und Bauernstaat penibelst geregelt. Man musste erstens eine Berufsausbildung absolvieren und wurde dann zweitens anschließend in einer so genannten „Einstufung“ hinsichtlich des musikalischen Könnens bewertet. Da haben sich die Bands vor Kulturfunktionären bewähren müssen, die über ihr Können in teilweise aberwitzigen Kategorien geurteilt haben. Aufgrund dieser Einstufung wurde dann entschieden, ob die Band auftreten darf, und wenn ja, wurde auch gleich der Lohn der jeweiligen Band verbindlich festgelegt. Aber das war reine Schikane, denn in Wahrheit wurde natürlich nicht die Musik bewertet, sondern der Staat wollte genaustens wissen, welche politischen Überzeugungen die Bands hatten und wollte darüber hinaus einfach ein genaues Abbild darüber haben, wer im Lande überhaupt Musik macht. Denn das Musik der Nährboden für alles bereitet, was nicht 1:1 den Vorstellungen der SED entsprach, das war den grauen Parteifunktionären auch klar.

Verbunden mit der guten, handwerklichen Ausbildung, die die Musiker_innen hatten (selbst Nina Hagen musste eine staatlich anerkannte Ausbildung zur Schlagersängerin absolvieren) ergab sich dadurch folgendes: die Texte wurden zumeist scharf zensiert, die Musik blieb davon jedoch vollkommen unberührt, weil die Kulturfunktionäre die musikalischen Codes nicht zu entschlüsseln wussten. Dies brachte eine eigenständige Poesie – die die Zensur geschickt umschiffen musste – und eine Musik, die vor Raffinesse geradezu strotzte, mit sich. Die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung ist sozusagen in die Arrangements, Harmoniebögen und Grooves direkt hineinkomponiert worden. Dadurch ergab sich eine Musik, die eigentlich als Unterhaltungsmusik gedacht war und trotzdem großartige Texte und supergeile Arrangements hat.

Und jetzt kommts: Es ist gar nicht so leicht, Leute zu finden, die das heute überhaupt noch so spielen können und trotzdem keine seelenlosen Mucker, sondern Leute mit Herz sind. Tja, und so fiel die Wahl eben auf unsere Freunde Polly, Marcel und Pola. Die drei sind in ihrem Fach jeweils großartige Künstler_innen und bringen jeweils einen ganz eigenen Blick auf das DDR-Material mit. Außerdem erschien es uns interessant, am Ende möglichst viele Leute aus verschiedensten Kontexten auf die Bühne zu holen. Musiker_innen mit und ohne Osthintergrund. Musiker–innen, die die DDR noch erlebt haben, und ebenso welche, die fünf Jahre nach dem Mauerfall geboren wurden, werden sich bei uns das Mikrophon in die Hand geben. Denn außer Pola, Marcel und Polly wird es natürlich noch weitere Gäste geben, die ich allerdings noch geheim halten muss, sonst wäre es ja wirklich langweilig.

Inwieweit setzt man sich dabei denn auch mit dem Prozess der Geschichtsschreibung auseinander? Habt ihr das Gefühl, dass die Geschichtsschreibung so wie sie bis dato stattgefunden hat den Protagonisten jener Tage und ihrem Schaffen gerecht wird?
Ich war letztens in Berlin im Hebbel am Ufer bei der Reihe „DDR neu erzählen“. Dort sprach auch Carola S. Rudnick, eine Kulturwissenschaftlerin aus Lüneburg. Sie forscht zu den frühen 90ern in Deutschland und spricht im Zusammenhang mit den Ereignissen nach der Wende von westdeutschem Kolonialismus, was natürlich ein sehr radikaler Ansatz ist. Sie sprach außerdem davon, dass die DDR sehr dichotom erzählt wird: Entweder als Unrechtsstaat, der nur aus Opfern besteht oder als verniedlichte Ostalgie-Oase, die die DDR auf lustige Klamotten und Trabis reduziert. Zwischen diesen beiden extremen Polen klafft also eine riesige Lücke: nämlich der tatsächlich erlebte Alltag der DDR. Nach Meinung von Rudnick kam es zu einer zu schnellen Übernahme des Ostens durch den Westen, was eine massive Entwertung von ostdeutscher Identität und auch der Entwertung von Arbeitsbiographien zur Folge hatte. Das betraf auch viele Musiker_innen. Künstler_innen, die geflüchtet sind, fanden sich nur sehr schwer in den westdeutschen, marktwirtschaftlichen Strukturen zurecht. Alle, die vor der Wende in den Westen geflüchtet sind, sprechen in ihren Biographien unabhängig voneinander darüber, wie unheimlich geschockt sie darüber waren, dass ihre Musik plötzlich als Ware zu funktionieren hatte. Die Bands, die im Osten geblieben waren, hatten ab Mitte der 80er hingegen damit zu kämpfen, dass sich das Ostpublikum immer mehr der Musik aus dem Westen zuwendete. Nach der Wende war das Interesse an Ostmusik im Osten dann zunächst nahezu vollkommen abgeebbt, erlebte dann aber wieder ein Revival.

Also, wir haben uns schon sehr intensiv mit den geschichtlichen Begebenheiten und vor allem mit den Biographien der Musiker_innen der damaligen Szene auseinandergesetzt. Unser Anliegen ist jedoch nicht, eine bestimmte Epoche wieder auferstehen zu lassen, oder die DDR zu erklären oder schlimmer noch zu verklären. Wir wollen vor allem die Musik feiern, da sie unserer Meinung nach viel zu wenig Leuten bekannt ist. Wir wollen also keine Ostalgie, wir re-interpretieren Stücke von damals in zeitgemäßen Versionen, transzendieren die Message der Stücke, psychedelisieren die historischen Fakten und holen die Musik ins Jahr 2019, das betrifft auch die Bühne, Video und Kostüm.

Ihr arbeitet ja für das Stück laut Ankündigung auch mit Originalmaterialien – kannst du ein bisschen konkretisieren, was das genau mit sich bringt?
Ich habe sehr viele Biographien der damaligen Protagonist_innen der Szene gelesen. Manfred Krug, Nina Hagen, Veronika Fischer, Uschi Brüning usw. Insbesondere bei Nina Hagens Schilderungen aus den 70er Jahren in der DDR merkt man, dass es dort – genau wie im Westen – sehr viele junge Leute gab, die von einem anderen Leben geträumt haben und für die Popkultur der Raum war, in dem sich diese Träume artikulieren konnten. Es gab eine unglaubliche Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben, was die Kultur und speziell die Musik extrem aufgewertet hat, denn von diesem eigenständigem Denken ging eine permanente, latente Gefahr für die Obrigkeit aus, weswegen diese die Musikszene abwechselnd entweder dämonisiert oder versuchsweise eingemeindet oder gezähmt hat.
Erschreckend fand ich, dass die SED-Regierung immer wieder versucht hat, ganze Subkulturen zu verbieten und ihnen künstliche sozialistische Äquivalente entgegenzusetzen. In den 60ern wurden beispielsweise alle Beatbands und der Rock ´n Roll-Tanz verboten und als Ersatz ein aberwitziger ostdeutscher Tanz namens Lipsi entwickelt. Das führte zu massiven, teilweise gewalttätigen Demonstrationen. Später war es dann mit Punk dasselbe. Die Leute wollten sich ihre Musik einfach nicht nehmen lassen, denn sie war identitätsstiftend.

Neben den Biographien haben wir auch Stasiakten gesichtet. Und das ist dann wirklich die böse, dunkle Seite der DDR: Es gibt zum Beispiel ziemlich fiese Arbeitsanweisungen aus den 70ern, in der die Stasi ihre Mitarbeiter_innen darauf trimmt, wie man Fans von Rockmusik gezielt auseinandertreibt und Freundescliquen, die auf der Leidenschaft zur Musik aufbauen, ganz bewusst zerstört. Wenn man sowas liest, läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Man stelle sich vor, man würde heute verfolgt werden, nur weil man Tocotronic-Fan ist oder gerne mit Freund_innen auf die Fusion fährt.

Das Stück wird von euch 2019, also 30 Jahre nach dem Mauerfall auf die Bühne gebracht.
Also ich war ja beim Mauerfall gerade mal 1 Jahr alt. Meine Eltern haben mir kürzlich erst erzählt, dass sie mit mir nach Berlin gefahren sind, damit ich als Baby auch die 100 DM Begrüßungsgeld bekomme. Mein Vater ist dann rüber nach Westberlin und hat sich von den 100 DM direkt einen Walkman und das The Cure-Album „Desintegration“ auf Kassette gekauft, haha.
Ich kann also nichts über die Wendezeit aus erster Hand sagen. Meine persönliche Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit meiner Familie ist so wirklich bewusst auch erst seit ein paar Jahren im Gange.

Das Thema DDR ist für mich dennoch aus vielen verschiedenen Gründen interessant. Einerseits lernt man im Geschichtsunterricht relativ wenig über dieses Land. Andererseits gibt’s es viele Mythen und Vorurteile. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Unwissenheit, Verklärung und Idealisierung. Ich denke mittlerweile, dass die Wiedervereinigung zu schnell vonstatten ging, und es in den frühen 90ern die einmalige Chance gab, einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu probieren, doch waren die Kräfte, die dies wollten – zum Beispiel das sog. „Neue Forum“ in der DDR – einfach nicht stark genug. Ich denke weiterhin, dass der Erfolg der AfD heute zumindest implizit etwas mit der ostdeutschen Erfahrung zu tun hat, mehrfach von der Geschichte abgehängt geworden zu sein, zunächst durch die russische Besatzung, dann durch die DDR-Diktatur und in den 90ern durch die zu schnelle Übernahme des westlichen Wirtschaftsmodells.
Ich weiß, dass es auch in meiner Familie das Gefühl gibt, hintergangen worden zu sein, womit ich natürlich nicht der AfD das Wort reden will. Ich beobachte nur, dass die ostdeutsche Diktatur ihre Bevölkerung nicht zum selbstständigen Denken erzogen, sondern bevormundet hat und dass das natürlich Auswirkungen hat. Umso mutiger finde ich die Vorstöße der Künstler_innen, mit denen wir uns beschäftigen, und die direkt und indirekt gegen diese Verhältnisse angesungen haben.
Doch um solche Fragen und Zusammenhänge wird es bei unserem Abend ganz bewusst nicht gehen.

Wir liefern ganz bewusst ein Event, das vor allem unterhalten will, aber eben auf eine sinnliche und clevere Art. Das passt ja eigentlich auch ziemlich gut zu den Künstler_innen, mit denen wir uns beschäftigen, denn die wollten ja größtenteils dasselbe. Einen Abend über die DDR zu politisieren, liegt zwar nahe, jedoch haben wir beschlossen, dass wir uns vor allem auf die Musik konzentrieren wollen. Wir sind sehr fasziniert von der Freiheit der Kompositionen. Da sich die Musik nicht unbedingt verkaufen musste und es so etwas wie das Formatradio, geschweige denn Verkaufscharts nicht gab, entstand so paradoxerweise inmitten einer Diktatur ein künstlerisches Biotop, das zwar von den Zwängen der Verwertbarkeit befreit war, sich dafür aber mit ideologischen Kämpfen beschäftigen musste. Ob dieser Kampf die Kunst beflügelt oder eingesperrt hat, ob hier Qualität wegen oder trotz der Unterdrückung entstanden ist, ist Ansichtssache.

Für mich als jemanden, der ja auch deutsche Texte schreibt, ist daher vor allem die reichhaltige Poesie interessant, die ja eigentlich unter dem Druck der Zensur enstand, und somit sozusagen ausversehen eine vollkommen eigene Färbung entwickelt hat. Das Musik ein Mittel des Widerstands in einem Unrechtsstaat sein kann, und damit eine ganz zentrale Bedeutung und Wichtigkeit im Leben der Menschen einnehmen kann, fasziniert mich sehr. Wenn ich ein Stück wie „Nach Süden“ der Dresdner Band „Lift“ höre, fährt es mir daher auch durch den ganzen Körper. Ich kann mich kaum dagegen wehren, an all jene zu denken, die eingesperrt waren und von einem der grundsätzlichsten menschlichen Neigungen Gebrauch machen wollten: Der Sehnsucht nach dem Unbekannten.
Das Lied handelt nämlich von einem misslungenem Fluchtversuch und der Sehnsucht nach Freiheit. Als ich das Stück das erste Mal gehört habe, habe ich realisiert, was für ein unglaubliches Privileg Reisefreiheit ist und wie barbarisch es war, dass die DDR ihre Bevölkerung physisch und somit auch mental eingesperrt hat. Da sind ganz viele Träume an der Realität zerschellt und wurden ins Reich der Phantasie verbannt, was das Lied „Nach Süden“ ganz besonders eindrucksvoll zum Ausdruck bringt. Bei diesem Lied – wie bei vielen anderen Stücken aus der Zeit – werden meiner Meinung nach ganz grundsätzliche menschliche Emotionen wie Sehnsucht, Liebe und Neugier auf eine sehr eindringliche Art und Weise besungen, wie es (zumindest meines Wissens nach) nicht auf deutsch in vergleichbarer Weise in derselben Zeit im Westen passiert ist. Dieser direkte und dennoch poetisierte Zugang zu Emotionalität interessiert und berührt mich schon sehr. Ich stelle mir immer vor, wie die in ihren Studios und Proberäumen saßen und – wie junge Menschen auf der ganzen Welt – einfach raus aus der Enge und was Neues ausprobieren wollten, es aber einfach nicht durften. Und wie so oft ist dann die Popkultur der letzte Zufluchtsort für alle Missverstandenen.

Ihr konzentriert euch auf den Sound der DDR der 60er und 70er Jahre – warum bleiben die 80er Jahre außen vor?
In die 70er fällt eine besonders produktive Phase der DDR-Musik. In diesem Zeitraum wurden sehr viele Platten veröffentlicht, die wir heute als „typisch“ ostdeutsch empfinden. Viele der Musiker_innen, welche die oben erwähnte Berufsausbildung der Musikhochschulen abgeschlossen hatten, sind in den 70ern flügge geworden und erarbeiteten sich ihren eigenen musikalischen und sprachlichen Ausdruck. Und so gab es neben Rock und Pop auch viel Jazz, Soul, Disco und sogar Brasil auf hohem spielerischem Niveau.
Außerdem herrschte Anfang der 70er ein kurzer Waffenstillstand zwischen den DDR-Kulturfunktionären und den Musik_innen. Mit dem Machtantritt von Honecker ´71 probierte die DDR kurzzeitig einen neuen Stil aus, der einerseits seine Büger_innen im Sinne des Sozialismus erziehen wollte, aber gleichzeitig auch eine gewisse Kritik zuließ. Dieser Balanceakt war jedoch oft widersprüchlich und einzelne Entscheidungen über Auftrittsverbote oder ähnliches wurden dann teilweise aus reiner Willkür gefällt. Besonders auf regionaler Ebene konnte es passieren, dass ein- und dieselbe Band in einem bestimmten Bezirk nicht spielen dufte, um im nächsten schon. Grundsätzlich probierte Honecker aber eine gewisse Öffnung, diese sehr kurze und relativ „liberale“ Phase endete jedoch 1976 ziemlich abrupt. Zeitgleich begann – so könnte man argumentieren – der Anfang vom Ende der DDR. Die Ausbürgerung, beziehungsweise das Wiedereinreiseverbot von Wolf Biermann 1976 gilt als riesige Zäsur und Wendepunkt der DDR-Kulturpolitik, da der Staat sich eines seiner populärsten und widerspenstigsten Künstlers und Kritikers entledigte, und somit nach innen und außen ein riesiges Legitimationsproblem hatte.

Im Zuge dieser Ausbürgerung kam es zu Solidaritätsbekundungen und der Forderungen der Rücknahme von Biermann durch über 100 wichtige kulturelle Persönlichkeiten wie Manfred Krug, Christa Wolf und viele mehr. Für Krug wurde diese Petition selbst zum Verhängnis. Er weigerte sich, seine Unterschrift zurückzuziehen und wurde daraufhin regelrecht schikaniert. Er bekam keine Filmangebote mehr, seine Lieder wurden nicht mehr im Radio gespielt und in seinen Konzerten wurde bewusst Publikum in der ersten Reihen platziert, das nicht klatschen durfte, um ihn so zu demoralisieren. Krug beauftrage daraufhin seine eigene Ausbürgerung. Zum Schluss versuchten die DDR-Obersten jedoch ihn mit aller Kraft zu halten, da sie wussten, dass sie es kaum leisten können, einen so beliebten Künstler wie Krug gehen zu lassen. Krug ging dann schweren Herzens 1977, weil er für sich keinen anderen Ausweg mehr sah.

Es gingen also immer mehr wichtige Leute, die Wirtschaft konnte im Grunde nur noch mit westdeutschen Zuwendungen aufrechterhalten werden, und auf diese generelle Einöde reagierte dann in den 80ern folgerichtig auch Punk. Ich stelle mir die DDR Ende der 70er wie eine Körper vor, dessen Organe nach und abgetrennt werden, bis er letztendlich kollabiert. In die 70er tritt also einerseits die gesamte Widersprüchlichkeit der DDR-Kulturpolitik besonders deutlich zutage, und anderseits schuf die kurzzeitige politische Liberalisierung Raum für die Veröffentlichung wegweisender Platten. Alles in allem ergibt sich so ein für uns interessantes Spannungsfeld, das wir mit ausgewählten Musikstücken und Orginaltexten gut beackern können. Wir erheben dabei weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch auf historische Präzision. Natürlich geht es nicht, dass man die historischen Fakten außer Acht lässt, aber letzten Endes geht es uns darum, einen eigenen Blick auf das DDR-Material zu finden, die Stücke auf ihre Grundaussagen zu reduzieren, und diese dann in ein musikalisch aktuelles Gewand zu packen, serviert in einem Happening, das die Zuschauer_innen mittels Bühne, Kostüm (von Isabelle Kaiser und Benjamin Burgunder) und Video (Rosanna Graf ) mit der Popkultur der DDR auf eine bisher nicht dagewesene Art und Weise konfrontiert und dazu einlädt, diese gemeinsam mit uns in all ihrer Vielfalt zu entdecken.
Wir haben wirklich tief gekramt und Stücke gefunden, die in dieser Form wahrscheinlich noch nie einem größerem Publikum präsentiert wurden. Die DDR nicht als kompletten Unrechtsstaat zu dämonisieren, aber auch nicht als plüschige Ostalgie zu verklären, sondern einen neuen Blick auf den Alltag der Menschen, sowie die damalige Musikszene zu werfen, ist zwar ein kniffeliger Balanceakt, aber gerade das macht das Thema ja so spannend, und – wie zumindest ich finde – hochaktuell.

Paul, vielen Dank für diese spannenden Einblicke.

 

“Wir treiben die Liebe auf die Weide”, das Konzerthappening über das musikalische Erbe der DDR jenseits geschichtsvergessender Ostalgie, wird zwischen dem 7. und 11. August 2019 auf Kampnagel aufgeführt. 

 

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