Interview Cameron Picton

Ein Fiebertraum von Band: My New Band Believe

My New Band Believe (Credit: Daisy Ayscough and Tomos Ayscough, syntax.error-copy)

Mit „My New Band Believe“ veröffentlicht der 26-jährige Londoner Cameron Picton (ehemaliges Mitglied der Band Black Midi) ein beeindruckendes Solodebüt, das sich stilistisch zwischen Progrock, Folk und Barock bewegt. Wie es zu diesen Einflüssen kam, woher der kuriose Band- beziehungsweise Albumtitel stammt und wie die Zukunft des Projekts aussehen könnte, darüber hat Cameron Picton im Interview mit Kaput gesprochen.

Als Cameron Picton sich ohne Band wiederfand, war die ursprüngliche Idee eine andere: „Als Black Midi zu Ende ging, wollte ich mit vielen verschiedenen Musiker:innen spielen. Der Gedanke war, dass ich jeweils ein Jahr lang mit einer anderen Band spiele oder so – einfach, um etwas Abwechslung zu haben und Neues auszuprobieren.“ Er nennt sogar ein paar Beispiele, wobei jedes weniger ernst gemeint ist als das vorherige: „Ich würde mich ein Jahr lang Caroline anschließen und dann ein Album mit ihnen machen, danach würde ich mich ein Jahr lang IDLES anschließen und ein Album mit ihnen machen, und dann würde ich mich ein Jahr lang Olivia Dean anschließen … und so weiter.“ Mit der Post-Rock-Band Caroline, die letztes Jahr ein fantastisches Album veröffentlicht hat (siehe Kaput-Interview), hat Picton sogar intensiver über diese Idee gesprochen – doch am Ende kam es anders.

Schritt für Schritt kristallisierte sich ein anderer Weg heraus. „Als Black Midi auseinanderging, habe ich angefangen, ein paar Solo-Shows zu spielen.“ Da ein weiteres Album mit der Band zunehmend unwahrscheinlich wurde, zog Cameron Picton andere Optionen in Betracht – so gut es eben ging: „Es gab einige Songs, die zunächst für die Band gedacht waren, aber letztlich habe ich alles verworfen, was im Kontext von Black Midi entstanden war. Ich hatte keine klare Vorstellung davon, was ich tun sollte. Solo aufzutreten war für mich völliges Neuland – ich war immer Teil von Bands. Einen konkreten Plan hatte ich also nicht.“

My New Band Believe (Credit: Daisy Ayscough and Tomos Ayscough, syntax.error-copy)

Auch der Projektname entstand ohne festen Plan. Cameron Picton erzählt die Geschichte (natürlich mit einem sympathischen Grinsen im Gesicht) so: „Ich war in China auf Tour mit Black Midi, und an einem der Abende sind wir losgezogen und haben uns in Gwangju jede Menge Streetfood geholt. Wir haben Flusskrebse gegessen, und es war richtig gut. Aber am nächsten Tag meinte jemand aus dem chinesischen Tourteam, mit dem wir unterwegs waren: Das hättet ihr nicht machen sollen, die sind total dreckig, das ist richtig schlecht für euch. Und dann wurde ich in den nächsten Tagen tatsächlich krank, mit ziemlich heftigem Fieber. Ich hatte Fieberträume in diesem Hotelzimmer. Viele verschiedene Textzeilen sind daraus entstanden.“ Und eben auch der Name des neuen Projekts: My New Band Believe. Es habe kaum Zeit gegeben, etwas auszuwählen; niemand habe sich vorher Gedanken darüber gemacht, wie man irgendetwas benennen würde. Er sei einfach verschiedene Dinge durchgegangen und habe gedacht: Oh ja, das passt irgendwie. Ironisch sei der Name aber keineswegs, erklärt Cameron Picton – das sei alles aufrichtig gemeint.
weniger ich-zentriert

Nur eines stand für ihn wirklich fest: Er wollte ein Singer-Songwriter-Album machen – allerdings ohne die Klischees, die in den letzten Jahren überhandgenommen hatten. „Als wir mit Black Midi auf Tour waren, war das so eine Art Höhepunkt eines bestimmten Singer-Songwriter-Stils, den ich wirklich hasse.“
Namen zu nennen, war an dieser Stelle nicht nötig; wir alle wissen ungefähr, wer damit gemeint ist. „Ich war fest entschlossen, etwas zu machen, das so etwas wie eine neue Herangehensweise an Singer-Songwriter-Musik vorschlägt – oder zumindest eine andere, die sich gegen das richtet, was ich nicht mag.“ Besonders störend seien für ihn Einflüsse von Elliott Smith: „Ich schätze ihn zwar, doch die Art, wie Leute ihn rezipieren und versuchen, daraus etwas Eigenes zu machen, ist oft schrecklich.“ Bei „My New Band Believe“ – sowohl dem Projekt als auch dem gleichnamigen Debütalbum – ging es daher eher darum, ein frisches Singer-Songwriter-Gefühl einzufangen, das weniger ich-zentriert ist, textlich neue Wege beschreitet und musikalisch andere Ufer erkundet.

„My New Band Believe“ lebt von komplexen Akkordfolgen, die nicht nur qualitativ, sondern auch in ihrer schieren Fülle beeindrucken. Keine Sekunde wirkt statisch: Cameron Pictons Gesangsmelodien bewegen sich selbstbewusst auf und ab, verlaufen fast linear, kaum etwas scheint sich zu wiederholen. Trotz der vielen Wendungen hat man nicht das Gefühl, vom Kurs abzukommen – und ist gleichzeitig immer wieder überrascht darüber, dass sich die Platte nicht eindeutig einordnen lässt. Dennoch: Obwohl das Album so offen wirkt, ist es letztlich etwas sehr Spezifisches.

Eine sehr konkrete Art des Fingerpickings prägt „My New Band Believe“: „Auf dem Album sind zwei Stücke, die ziemlich eindeutig Bezug nehmen auf zwei der wichtigsten Figuren der britischen Folk-Renaissance: John Renbourn und Bert Jansch. Die beiden spielten zusammen in der Band Pentangle, die sehr einflussreich war. Mit 15 oder 16 Jahren bin ich ein riesiger Fan davon geworden. Und während Covid habe ich dann unglaublich viele Stücke gelernt und dabei oft meine eigenen Versionen entwickelt oder einzelne Fragmente genommen und daraus etwas Neues geformt.“ Der Song „Heart of Darkness“ ist beispielsweise eines dieser Stücke: Er beginnt mit einem fast demonstrativ virtuosen Gitarrenlauf, später kommt ein wunderschönes Motiv hinzu, das immer wiederkehrt. Für einen kurzen Moment könnte man meinen, das Ganze drohe zu überladen zu werden, doch „Heart of Darkness“ wird nie zu chaotisch, undurchsichtig oder labyrinthisch. Der Song baut sich kontinuierlich auf, Streicher und Chöre kommen hinzu, dann wieder dieses Gitarrenspiel zwischen Flamenco und mittelalterlich anmutender Klangwelt. Solche Musik macht derzeit kaum jemand; ich wüsste jedenfalls nicht, wo ich Vergleichbares finden könnte.
englisch und amerikanisch

Auf die Frage, ob das Ganze bewusst britisch klingen soll, antwortet Cameron Picton: „Nicht wirklich. Natürlich gibt es den Einfluss von Renbourn und Jansch, aber gerade bei „Heart of Darkness“ ist es so: Der Kern des Stücks besteht darin, dass die Refrains an die englische Folk-Revival-Tradition erinnern, während die Strophen eher in Richtung Otis Redding gehen. Es soll also beides sein – englisch und amerikanisch.“ Hier treffen unterschiedliche Einflüsse aufeinander, was sich auch im allgemeinen Entstehungsprozess der Platte widerspiegelt: „Normalerweise holen wir die Leute einfach rein, setzen sie vor die Musik, ohne sie ihnen vorher gezeigt zu haben, und sagen dann: Versuch einfach mal! Und danach beginnen wir, ihnen Dinge zu erklären. Meistens war es aber einfach so: Play drücken und schauen, was passiert.“

Während man Singer-Songwriter-Musik oft mit einer reduzierten, fast rohen Ästhetik verbindet, ist „My New Band Believe“ das genaue Gegenteil. Das Album wirkt geradezu barock, reich orchestriert und voller Streicher – häufig erinnert es eher an komponierte Musik als an klassisches Songwriting und bleibt dabei dennoch angenehm intim und zurückhaltend. Stellenweise weckt die Platte Assoziationen zum jüngsten Album von Black Country, New Road, deren Mitglied Georgia Ellery am Song „Love Story“ auf „My New Band Believe“ mitgeschrieben hat. Ähnlich wie bei Black Country, New Road ist auch dieses Album in gewisser Weise opulent und beinahe schwelgerisch, dabei aber so detailverliebt arrangiert, dass dieser Überschwang nie problematisch wirkt. Das hat vor allem mit der hohen Qualität der beteiligten Musiker:innen zu tun: „Die Leute, die ich dazugeholt habe, waren einfach gute Musiker, und ich musste mir darüber nicht allzu viele Gedanken machen. Und normalerweise ist es so, dass diese Leute, wenn sie einfach spielen, ohne viel nachzudenken, viel besser sind, als wenn man anfängt, ihnen genaue Anweisungen zu geben oder zu sagen: Ich will dies, ich will das. Sie spielen dann einfach das, was ihnen natürlich in den Sinn kommt.“

Cameron Picton beschreibt, wie angenehm es für ihn war, wieder mit anderen Musiker:innen zu arbeiten. Bis vor Kurzem habe er überwiegend allein oder eben mit Black Midi musiziert. Diese Erfahrung empfindet er als erfrischend, vermeidet dabei jedoch bewusst einen direkten Vergleich mit seiner früheren Band: „Es ist nicht erfrischend im Verhältnis zu Black Midi. Es ist einfach erfrischend im Hinblick darauf, dass ich in meiner Zeit bei Black Midi eigentlich nicht wirklich mit anderen Leuten gespielt habe.“
Vielleicht entwickelt sich My New Band Believe eines Tages zu einer Formation wie King Crimson – nicht nur wegen der offensichtlichen Prog-Einflüsse, sondern auch, weil Cameron Picton wie eine Robert-Fripp-artige Figur im Zentrum eines rotierenden Line-ups wirkt: „Abgesehen vom Bassisten ist niemand, der auf der Platte gespielt hat, auch auf Tour dabei. Für bestimmte Shows wäre es gut, verschiedene Leute dazuzuholen und alles flexibel zu halten. Es wird also eine Weile ziemlich wechselhaft sein, aber vielleicht entwickelt sich daraus irgendwann ein einigermaßen konstantes Line-up. Wer weiß.“

Nicht zu wissen, was als Nächstes passiert – damit ist Cameron Picton bisher ziemlich gut gefahren. Das hört man auch in jeder Sekunde dieses herausragenden Albums, das sich immer wieder neu erfindet und dabei dennoch eine klare, eigenständige Vision verfolgt.

My New Band Believe (Artwork, Copyright Artist + Label)

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