Diana Ezerex „Ich hatte schon das Gefühl, in erster Linie als Künstlerin da zu sein und nicht als kulturelle Botschafterin“

Diana Ezerex beim Baseballspiel in Philadelphia (Photo: Antonio Graca)
Wenn heute eine europäische Musikerin in die USA eingeladen wird, geschieht das nicht mehr unter den Vorzeichen jenes ungebrochenen Pop-Atlantizismus, der über Jahrzehnte den kulturellen Austausch bestimmte. Die Vereinigten Staaten sind längst weniger euphorische Projektionsfläche als gelebter Widerspruch. Dass ausgerechnet jetzt die EU mit dem Transatlantic Stars Music Program eine musikalische Brücke über den Atlantik schlägt, ist deshalb mehr als reine Kulturförderung.
Diana Ezerex reist als eine von fünf europäischen Künstler nach Philadelphia – mit einem Werk, das sich konsequent um Fragen von Identität, Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung bewegt. Im Gespräch erzählt sie von einem Amerika jenseits gängiger Mythen, über überraschende Formen von Gemeinschaft, die Realität einer weitgehend unregulierten Musikindustrie und davon, weshalb kultureller Austausch gerade dann politisch wird, wenn er sich nicht als Diplomatie inszeniert.
Der Transparenz halber sei erwähnt, dass Diana Ezerex vor einigen Jahren am Institut für Pop-Musik der Folkwang Universität der Künste in Bochum studierte, an dem ich damals lehrte. Schon damals fiel sie mir durch ihre Beharrlichkeit auf. Ihr ging es nicht um die Karriere um jeden Preis – sondern primär darum, eine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln, ohne sie den Erwartungen des Marktes unterzuordnen. Lieber Dinge selbst lernen, selbst produzieren, selbst verantworten, als sich auf Kosten des eigenen Profils anschlussfähig zu machen, eine Haltung, die sich bis heute konsequent in ihrer Arbeit fortsetzt.
Diana, du bist nicht als Nachwuchsact in die USA gereist, sondern als Künstlerin mit einem bereits sehr eigenständigen Werk. Wie verändert das den Blick auf ein Programm, das offiziell dem Talent- und Netzwerkausbau dient?
Diana Ezerex: Ich hatte das Programm von Anfang an als eines verstanden, das auch Artists auf meinem Level neue Kontakte vermittelt und neue Horizonte und Möglichkeiten eröffnet. Ich lerne immer gerne dazu, und ich habe auch noch sehr viel zu lernen. Das Netzwerk bleibt das A und O dieser Branche, ausgeschöpft ist es nie. Und ohne Industry-Infrastruktur kommt man an Kontakte in die USA nur schwer heran, entsprechend groß war meine Hoffnung, als die Zusage kam.
Die USA erscheinen europäischen Musiker:innen seit Jahrzehnten gleichzeitig als Sehnsuchtsort und Mythos. Welche Bilder hattest du im Kopf – und wie haben diese sich zur erlebten Realität verhalten?
Diana Ezerex: Ich war ehrlich gesagt nie ein großer Fan der USA, für meine englischsprachige Musik ist das Land aber natürlich hochinteressant. Ich gebe zu, dass ich vor der Reise einige Stereotypen im Kopf hatte und mich entsprechend vorbereitet habe, zum Beispiel meine eigenen Süßigkeiten waren mit im Gepäck, von den amerikanischen Varianten hatte ich eher weniger Gutes gehört. Vor Augen hatte ich auch eine ausgeprägte Hustler-Mentalität, die Vorstellung von Menschen, die von einem Effizienzgedanken getrieben sind und ein omnipräsentes „get things done“-Mindset an den Tag legen. Da wurde ich sehr oft überrascht.
Dass ausgerechnet jetzt, in einer Phase wachsender geopolitischer Spannungen, eine EU-Delegation Kultur als diplomatisches Werkzeug einsetzt, ist kaum zufällig. Wie präsent war dieser politische Rahmen während der Reise? Wurdet ihr eher als Künstler:innen oder als kulturelle Botschafter:innen behandelt?
Diana Ezerex: Der kulturelle Austausch und der Umgang mit Interkulturalität waren vor allem während des zweistufigen Bewerbungsprozesses relevant, allerdings eher als grundsätzliche Herangehensweise, nicht spezifisch auf EU und USA bezogen. Ich hatte schon das Gefühl, in erster Linie als Künstlerin da zu sein und nicht als kulturelle Botschafterin. Ganz unwichtig war das aber auch nicht, wir wurden als Europäer:innen mit US-Amerikaner:innen gematcht, und der Fakt, dass wir als Europäer:innen dort waren, war in diesen Matches schon präsent.

Diana Ezerex im Studio in der Drexel-University (Photo: Brit Luna)
Philadelphia besitzt eine Musikgeschichte, die nie ganz so ikonisch erzählt wird wie die New Yorks oder Detroits. Wie hast du die Stadt erlebt?
Diana Ezerex: Toll. Eine grandiose Stadt, wie ein kleines New York, mit so viel Leben und Gemeinschaft. Wir hatten tolle Programmpunkte, die uns die reiche Musikgeschichte der Stadt nähergebracht haben. Philadelphia arbeitet gerade daran, als „the original music city“ anerkannt zu werden, das wurde uns immer wieder erzählt. Wir hatten Talks unter anderem mit Dyana Williams, die den Black Music Month mitbegründet hat, und haben von Larry Magid gehört, wie kaum jemand sonst die weltweite Musik- und Liveszene geprägt hat. Ich hoffe, dass ich bald nochmal dorthin zurück komme.
Welche Musik hast du dort tatsächlich gehört – nicht auf Bühnen, sondern in Autos, Cafés, Bars, Supermärkten oder auf der Straße?
Diana Ezerex: Viel Standard Pop.
Gab es Orte, an denen man spürte, dass Musik in den USA of weniger Kultur als Industrie ist?
Diana Ezerex: Auf jeden Fall bei den Clubs. Wir durften beim Brunch des Black Music Collective der Recording Academy dabei sein, auch da war Musik als identitätsstiftendes und gemeinschaftsprägendes Medium erlebbar. Es war zwar ein Netzwerktreffen, aber es war herzlich, Menschen waren ehrlich interessiert aneinander, viele kannten sich. Es war inspirierend. Diese Gemeinschaft und ehrliche Herzlichkeit würde ich mir auch für viele Branchenevents in Deutschland wünschen. Weniger „bist Du krass genug, dass ich mit Dir abhängen und auf Augenhöhe sprechen möchte“, mehr „hey, ich will Dich als Mensch kennenlernen und von Dir lernen“.
Viele europäische Musiker:innen sprechen davon, dass amerikanische Songwriter:innen schneller Vertrauen aufbauen und unmittelbarer arbeiten. Hast du diesen Unterschied erlebt?
Diana Ezerex: Nicht wirklich, aber dafür hatte ich aufgrund des Programmdesigns wahrscheinlich schlicht zu wenig Zeit mit amerikanischen Songwriter:innen. Oder meine Aura schafft es auch in Europa ziemlich zügig, Vertrauen aufzubauen. In den wenigen Sessions, die ich hatte, habe ich jedenfalls keinen großen Unterschied zu den Camps in Europa gemerkt, an denen ich bisher teilgenommen habe.

Showcase in Philadelphia – mit Brit (USA), Citronsucre (FR). Diana Ezerex(DE)
Wurde aus einer offiziellen Kollaboration tatsächlich gemeinsames Arbeiten?
Diana Ezerex: Ja, ich konnte an tollen Songs mit meiner amerikanischen Peer arbeiten. Wir überlegen, ob wir die zwei entstandenen Songs und vielleicht noch ein paar weitere im Rahmen einer EP veröffentlichen.
Gab es Momente, in denen kulturelle Unterschiede plötzlich musikalisch greifbar wurden?
Diana Ezerex: Nein, eher in der Zusammenarbeit, im Erwartungsmanagement und der Kommunikation. Aber auch das eher aufgrund der leider sehr mangelhaften Organisation des Programms.
Das Programm vermittelt ausdrücklich Wissen über Touring, Publishing, Rights Management und Audience Building. Was hat dich an der amerikanischen Musikindustrie überrascht?
Diana Ezerex: Es war zwar keine ganz neue Erkenntnis, aber trotzdem wirklich schockierend irgendwie, wie wenig staatliche Fördermittel für Kunst- und Kultur verfügbar sind.

Showcase in Philadelphia mit Brit und Citronsucre (von li. nach re.)
Würdest du sagen, dass die amerikanische Musikindustrie vielleicht nur den besseren Mythos ihrer Effizienz zu kommunizieren weiß?
Diana Ezerex: Dem würde ich zustimmen, und vielleicht auch nicht nur die Musikindustrie.
Du hast deine gesamte Karriere ohne Label aufgebaut. Blickt man dadurch entspannter auf einen Apparat, der ständig Wachstum verspricht?
Diana Ezerex: Ui, hm… tut er das denn wirklich? Ich finde, aktuell herrscht ein, meiner Einschätzung nach nachvollziehbarer, Zynismus in der Musikindustrie, geprägt durch Monopolisierung, KI, Streaming etc. Sicher gibt es ein paar tolle Beispiele von Menschen, die vor Liebe und Begeisterung für Musik sprühen, die sie ehrlich wertschätzen, die sie nicht für Fame, Reichweite und Geld ausnutzen und dabei bloß Märkte bedienen oder wirtschaftlich denken.
Ich merke, seit ich meine eigene Musik und die anderer Künstler:innen produziere, wie ich mich neu ins Musikmachen verliebt habe, eine Liebe, die vor lauter Hustle leider etwas verloren gegangen war. Wie es mir wieder mehr darum geht, tolle Musik zu machen. Wie ich mit Begeisterung neue Instrumente lerne. Dass ich weniger Angst habe, dass mein drittes Album vielleicht ähnlich wenige Menschen erreicht wie meine ersten beiden. Dafür will ich es nicht mehr machen, ich möchte Musik machen. Ich bin dankbar, dass ich durch die Musik so ein tolles Leben führen darf. Dass ausgerechnet dieser Beruf meine Miete zahlt, überrascht mich immer wieder, was für ein krasses Privileg. Aber ich bin mittlerweile etwas entspannter, was Zahlen angeht. So viel in dieser Industrie läuft falsch, so viel Reichweite und Geschmack lässt sich mit Geld kaufen. Da möchte ich nicht mitspielen, zumindest nicht vollkommen.
Dein IDENTITY PROJECT beschäftigt sich mit dem Leben als Person of Color in Deutschland. Hat sich dein Blick auf diese Arbeit verändert, nachdem du mit afroamerikanischen Künstler:innen gesprochen hast?
Diana Ezerex: Ich war sehr viel in Museen, die sich mit der afro-amerikanischen Geschichte auseinandersetzen, unter andren dem National Museum of African American Music in Nashville (auch mitbegründet durch Dyana Williams) oder dem National Museum of African American History and Culture in Washington DC. Ich fand es total interessant und auch wichtig mich emotional, historisch und auch aus der Perspektive der Kunst mit den unterschiedlichen Erfahrungen auseinanderzusetzen. Die Geschichte, das Leiden, das Rassismuserleben und das Leben von Schwarzen Menschen in den USA ist ein komplett anderes als das in Europa. Ein afro-amerikanischer Mann meinte sinngemäß zu mir, als ich ihm erzählte, dass ich aus Deutschland komme, dass das das Land sei, in dem „der Schwarze Mann noch etwas wert sei“. Das hat bei mir einiges bewegt, denn auch in Deutschland erleben Menschen jeden Tag (strukturellen) Rassismus. Dass es aber für Schwarze Menschen in den USA so viel schlimmer ist, dass sie Deutschland, trotz dessen Geschichte, als besser erachten, war krass. Kein Grund zu sagen „Ja, immerhin ist es bei uns nicht so schlimm, wie in den USA“ sondern viel mehr: In beiden Nationen ist noch sehr viel zu tun.
Gab es Erfahrungen, die plötzlich universell wirkten?
Diana Ezerex: Der Struggle in der Industry. Gesellschaftliche und strukturelle Herausforderungen.
Oder andererseits Momente, in denen deutlich wurde, wie unterschiedlich Rassismus in Europa und den USA funktioniert?
Diana Ezerex: Siehe Antwort oben. Ich habe das Gefühl, in den USA ist der Kampfgeist in dieser Hinsicht größer. Viele Afro-Amerikaner:innen haben sich so krass etwas aufgebaut, sind so unfassbar erfolgreich und werden trotzdem in der Gesellschaft oft nicht ernst genommen. Und sie hauen auf den Tisch, sind vocal about it. Das finde ich inspirierend, und es hat mich zeitweise auch ein klein wenig eingeschüchtert. Ich bin oft noch etwas vorsichtiger, was das Thema angeht, und spreche es, wenn überhaupt, in meiner Musik sehr klar an. Aber let’s be honest, wer von den Menschen, die eigentlich gemeint sind, hört wirklich genau hin?

Diana Ezerex im Studio mit Collab-Partnerin Brit und der Band Catbite
Ist Identität im amerikanischen Musikdiskurs stärker Thema – oder lediglich professioneller erzählt?
Diana Ezerex: Ich habe das Gefühl, ganz allgemein wird Identität gerade stärker zum Thema. Das Leben von Menschen mit einer Migrationsgeschichte bringt, egal wo, Herausforderungen mit sich. In vielen Bereichen ist es nach meinem Erleben mittlerweile so, dass man nicht mehr nur ums reine Überleben kämpfen muss wie die Generationen vor uns, es gibt inzwischen Platz, Raum und zumindest ein bisschen Diskurs, um sich über Identität und Zugehörigkeit Gedanken zu machen und dem Ausdruck zu verleihen, wie am Beispiel Bad Bunny sichtbar wird. Ich meine wahrgenommen zu haben, dass afroamerikanische und auch lateinamerikanische Menschen ihr Erbe immer mehr für sich beanspruchen und zelebrieren und andere einladen, das mitzuerleben, indem sie ihre Cookouts ein kleines Stückchen öffnen und damit einen Teil ihres Safe Spaces zugunsten des Gemeinschaftsgefühls aufgeben.
Seit Jahren spielst du ehrenamtlich Konzerte in Justizvollzugsanstalten. Hat diese Erfahrung deinen Blick auf amerikanische Städte verändert?
Diana Ezerex: Ich kann da ehrlich gesagt keinen Zusammenhang erkennen.
Die Frage ist wohl: Lässt sich ein Land verstehen, ohne über sein Gefängnissystem zu sprechen?
Diana Ezerex: Ich glaube, das Justizsystem eines Landes gibt sehr viel Aufschluss über dessen gesellschaftliche Strukturen. Über die Auffassung von Gut und Böse. Über die Macht des Patriarchats in einer Gesellschaft und den Einfluss dessen auf das Verständnis von Gerechtigkeit. Das zu betrachten hilft auf jeden Fall, um ein Land, dessen Geschichte, Strukturen und Bereitschaft dazu, daran etwas zu ändern, zu verstehen.
Kam dieses Thema während der Reise überhaupt vor?
Diana Ezerex: Nein.
Du arbeitest inzwischen vollständig als Produzentin deiner eigenen Musik. Hat diese Reise deine Ohren verändert?
Diana Ezerex: Ja, sie haben mich mutiger gemacht. Ich durfte tolle Menschen und Künstler:innen kennenlernen. Ich habe daraus unter anderem mitgenommen und lerne das aktuell jeden Tag, einfach meine Kunst, meine Musik zu machen. Zu experimentieren. Auszuprobieren. Der Kreativität wirklich freien Lauf zu lassen.
Gab es Sounds, Arbeitsweisen oder Produktionsmethoden, die du mit nach Berlin nehmen möchtest?
Oder bestand der wichtigste Lerneffekt gerade darin, der eigenen Arbeitsweise stärker zu vertrauen?
Diana Ezerex: Sowohl als auch. Ich wurde während der Reise sowohl ermutigt in meiner Arbeitsweise, als auch inspiriert, freier zu arbeiten. Es passiert sehr oft, dass ich bei Writing Camps im Ausland als „sehr Deutsch“ beschrieben werde. Das verstehe ich keineswegs als Kränkung – ich bin vielmehr stolz darauf, weil sie das mit Zuverlässigkeit (einem meiner Core Values), mit Professionalität, Effizienz, Effektivität und Strukturiertheit verbinden. Gleichzeitig lerne ich auch, dass ich noch spielerischer ans Musizieren herangehen darf. Die Organisation des Programms hat eine starke Kombination von Effektivität und Effizienz gefordert – es war leider sehr wenig Zeit fürs kollaborative, kreative & freie Arbeiten eingeplant. Dadurch war für Experimente nicht viel Zeit. Ich glaube jedoch, wäre ich ganz grundsätzlich etwas spielerischer, hätte sich das natürlicher implementieren lassen. Das nehme ich sehr gerne nach Berlin mit.
Welche Person dieser Reise wirst du vermutlich in zehn Jahren noch erwähnen?
Diana Ezerex: Ui, ich glaube, da könnte ich mich nicht auf eine Person beschränken.
Pop behauptet oft, Grenzen überwinden zu können. Gleichzeitig werden Visa schwieriger, Tourneen teurer und kulturelle Räume fragmentierter.
Kann Musik heute tatsächlich noch transatlantische Brücken bauen?
Diana Ezerex: Auf jeden Fall. Und wenn es nur dadurch geschieht, dass sich gegenseitig Musik aus unterschiedlichen Ländern geschickt wird und man dadurch andere Perspektiven/Kulturen verstehen und wertschätzen lernt.
Mit welchem Vorurteil bist du losgeflogen?
Diana Ezerex: Puh, ich glaube, mit ziemlich allen, die man von US-Amerikaner:innen so hat, besonders in Bezug zur Ernährung.
Mit welchem kommst du zurück?
Diana Ezerex: Ich würde das „Vor-„ weglassen. Bei einem Gespräch über das Programm in der Deutschen Botschaft lernte ich das Sprichwort „Germans work deep & narrow – US-Americans work fast & shallow.“ Das kommt in vielen Dingen ganz gut hin.
Was wirst du vermissen?
Diana Ezerex: Einige Menschen sind mir sehr ans Herz gewachsen. Ich bin dankbar dafür, dass einige davon in Europa und damit nicht so weit entfernt leben. Bei den US-Amerikaner:innen wird das schon etwas schwieriger – mein Anspruch, nicht unnötig in der Welt herumzufliegen steht da etwas in Spannung mit meinem Wunsch, diese Menschen wiederzusehen.

Diana Ezerex im Studio in der Drexel-University








